KOMMENTAR

- 25.01.2017

Kulturkampf gegen den ISLAMismus

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte erst kürzlich einen Kulturkampf gegen den Islamismus. Vom Islamismus ist vor allem dann die Rede, wenn es um den sogenannten Kampf gegen den Terror geht. Anis Amri, der am 19. Dezember 2016 einen LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt steuerte, gilt als Islamist. Und auch andere Attentäter werden automatisch dem Islamismus zugeordnet, so dass der Westen die Kurzformel aufgestellt hat: Muslim plus Attentat gleich Islamist. Mehr muss man quasi über die betreffenden Personen nicht wissen.

Dass die Biographie der vermeintlichen Attentäter nicht so recht zu einer islamischen Lebensweise passen will und vielmehr das Gegenteil der Fall ist, wird nicht als Widerspruch gesehen bzw. mit dem Argument der Blitzradikalisierung erklärt. Bei Amri heißt es beispielsweise, dass er regelmäßig Kokain und Ecstasy konsumiert habe. Erinnern wir uns auch an den beim Verfassungsschutz enttarnten Islamisten Roque M. – er war ein sogenannter Maulwurf und kein Attentäter –, der in den Medien auch Porno-Islamist bezeichnet wurde, weil er Pornodarsteller war und seine Filme sogar in seiner Wohnung aufbewahrte. Aus westlicher Sicht scheint der Begriff Islamist bzw. Islamismus ein sehr dehnbarer Begriff zu sein.

Was aber soll man sich unter einem Kulturkampf gegen den Islamismus vorstellen? Wir Muslime wissen, dass der Islamismus eine Erfindung des Westens ist und dieser Kulturkampf sich gegen alle Muslime richtet, weil es ein Kulturkampf gegen den Islam ist. Die ständigen Angriffe seitens der Politik gegen die muslimische Frau sind keine Angriffe gegen den Islamismus, sondern gegen den Islam. Gleiches gilt für die Schließung von Gebetsräumen an Universitäten. Und die Aufregung darüber, dass muslimische Männer und Frauen dem anderen Geschlecht den Handschlag verweigern, zeugt auch nicht gerade von einer Fokussierung auf den Islamismus. Wenn Frauen und Kinder durch westliche Waffen in der islamischen Welt in Massen sterben, dann handelt es sich nicht um die Tötung von Islamisten, sondern um die Ermordung unschuldiger Muslime. Begriffe können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eigentlich um den Islam und die Muslime in ihrer Allgemeinheit geht.

Doch das, was der Westen am meisten bekämpft, ist der einzige Schutz vor dem Terror, so paradox sich das für westliche Ohren zunächst anhören mag. Dies gilt jedoch nur unter der Voraussetzung, dass westliche Staaten ernsthaft daran interessiert sind, Terroranschläge zu verhindern, und sie diese nicht insgeheim begrüßen, um Gesetze wie etwa die zur Datenspeicherung einzuführen oder um eine verschärftere Flüchtlingspolitik umzusetzen. Deshalb ist die Prävention von Anschlägen an die Frage geknüpft, ob westliche Regierungen ihre Bevölkerungen trunken vor Angst machen wollen, um bei der Einführung verschärfter Gesetze, die mit dem westlichen Rechtstaatverständnis nicht vereinbar sind, leichtes Spiel zu haben, oder ob sie tatsächlich Anschläge unterbinden wollen. Es stellt sich nämlich die Frage, weshalb Anis Amri den Behörden als Gefährder bekannt war und trotzdem einen LKW samt Fahrer entführen und in einen Weihnachtsmarkt rasen konnte.

Mit seiner Kolonialpolitik hat der Westen einen Scherbenhaufen aus der islamischen Welt gemacht. Der Schaden war nicht nur oberflächlicher Natur, indem das Kalifat in viele Nationalstaaten zerrissen wurde, sondern auch auf Ebene des Islamverständnisses und der Islampraktizierung. Der Westen hat alles daran gesetzt, die Muslime vom Islam zu distanzieren und ihr islamisches Denken zu zerstören. Das Ergebnis dessen ist nicht nur, dass Muslime die Praktizierung des Islam vernachlässigt haben, sondern auch, dass der eine oder andere meint, Anschläge gegen Nichtmuslime seien tatsächlich islamisch legitim, zumal der Westen selbst mit skrupelloser Rücksichtslosigkeit Muslime tötet.

Der Islam verbietet jegliche Form von Terroranschlägen und lässt hierbei auch keine Ausnahmen zu. Es ist hierbei auch keine Frage unterschiedlicher Rechtsmeinungen, wie manche vielleicht meinen könnten. Im Islam gilt das Prinzip, dass eine Handlung eine islamische Legitimation aus den Offenbarungstexten benötigt. Wer also behauptet, ein Anschlag wie der auf den Berliner Weihnachtsmarkt sei islamrechtlich legitim, ist einen Beweis aus dem Koran und der Sunna schuldig, um dies zu belegen. Jedoch findet sich weder im Koran noch in der Sunna irgendein Beleg für die Rechtmäßigkeit von Anschlägen. Auch die Tatsache, dass die westliche Kolonialpolitik den Tod unzähliger Muslime zu verschulden hat, ist keine Rechtfertigung. Die Muslime befinden sich heute in einer ähnlichen Situation wie der Prophet (s) und seine Gefährten in Mekka vor der Staatsgründung. Sie haben nicht weniger unter den Nichtmuslimen gelitten. Dennoch hat der Prophet (s) niemals zu irgendwelchen Anschlägen animiert oder die Muslime zu den Waffen gerufen.

Die Lösung des Problems liegt also auf der Hand, auf die sich der Westen aber nicht einlassen wird, weil es ihm nicht wirklich um die Verhinderung von Anschlägen und die Vernichtung des Islamismus geht, sondern um eine Bekämpfung des Islam. Deshalb ist jede Kampfansage an den Islamismus immer auch eine Kampfansage an den Islam, die hinter einer scheinbaren Terrorbekämpfung versteckt wird. Die Muslime in Deutschland müssen sich im Jahr 2017 darauf einstellen, dass dieser Kulturkampf von allen politischen Parteien aufgegriffen und Teil des Wahlkampfs werden wird.

(Autor: Umm Ahmad)