PERSÖNLICHKEITEN

- 18.09.2012

Mus’ab Ibn ’Umair (r.a.) – einer der vorbildhaftesten Da’wa-Träger (Teil II)

Die Da'wa in Yathrib (Medina)

Nun waren schon zehn Jahre nach der ersten Verkündung vergangen, doch die meisten Mekkaner und insbesondere die Machthaber der Quraisch verhielten sich dem Islam gegenüber feindselig und wollten immer noch nicht, dass der Gesandte Allahs (s.a.s.) die Führung in Mekka als Oberhaupt übernimmt und somit die islamische Gesetzgebung – die Shari'a - auch als allgemeine Gesetzgebung gilt.

Der Prophet (s.a.s.) begab sich nach Ta'if, um nun dort den Islam zu etablieren und die erhoffte Unterstützung zu bekommen. Aber auch hier wurde er abgewiesen und auf eine sehr erniedrigende Art und Weise aus der Stadt vertrieben.

Bald darauf hatte eine Delegation aus Yathrib (damaliges Medina) vom Stamme Khazradsch, die zur Pilgerfahrt nach Mekka gingen und noch der Vielgötterei anhingen, den Propheten (s.a.s.) getroffen und durch seine Überzeugungskraft den Islam angenommen. Als sie nun als Gläubige in ihre Heimat zurückkehrten, erzählten sie dort ihren Stammesgefährten von der Gesandtschaft des Propheten (s.a.s.) und warben für den Islam, bis sich dieser bei ihnen ausbreitete und es kein Haus mehr gab, in dem man nicht vom Propheten (s.a.s.) und über den Islam sprach. Im darauf folgenden Jahr trafen sich nun zwölf Männer aus Yathrib mit dem Propheten (s.a.s.) bei 'Aqaba, um dort den ersten Treueid (Bai'a) abzugeben und ihm zu huldigen, auf dass sie strikt nach den Ge- und Verboten des Islam handeln werden.

Obwohl Mus'ab (r.a.) noch sehr jung war, beauftragte der Prophet (s.a.s.) ihn, mit den zwölf so genannten Ansar (Unterstützer) nach Yathrib zurückzukehren, die Leute im Islam zu unterweisen, ihnen den Qur'an vorzutragen, andere und vor allem einflussreiche Stammesführer zum Islam zu rufen, um so die Gesellschaft auf das baldige Kommen des Propheten (s.a.s.) und auf den Systemwechsel vorzubereiten. Mus'ab (r.a.) wurde somit zum Repräsentanten des Propheten (s.a.s.) ernannt und bewies viele Male, wenn es um Geduld und Weisheit beim Tragen der islamischen Botschaft ging, dass sich der Prophet (s.a.s.) in seiner Wahl nicht vertan hatte.

Mus'ab (r.a.) war auf Grund seines ausgezeichneten Charakters und seines scharfen Intellekts für diese doch sehr verantwortungsvolle Aufgabe auserkoren worden. Sein Wissen über den Qur'an und seine Fähigkeit, das Buch ergreifend und mit wunderschöner Stimme zu rezitieren, trugen ebenfalls zu der Entscheidung des Propheten (s.a.s.) bei. Mus'ab (r.a.) verstand die große Bedeutung seiner Aufgabe. Er verstand, dass er der gerade entstehenden islamischen Gesellschaft eine territoriale Basis bereiten sollte.

In Yathrib bekam Mus'ab (r.a.), der nun bei As'ad Ibn Zurara wohnte, den Beinamen „der Qur'an-Leser". Zusammen gingen sie zu den Menschen, suchten ihre Häuser auf und nahmen an ihren Versammlungen teil, um sie zum Islam aufzurufen, sodass eine pro-islamische Atmosphäre geschaffen werden konnte, da die Bevölkerung auf den Tag der großen Auswanderung (Hidjra) vorbereitet werden sollte. Und so traten stetig ein oder zwei Männer in den Islam ein, bis der Islam schließlich Eingang in jedes Haus fand. Davon ausgenommen war das Haus von Khatma, Wa'il und Waqif, die zum Stamme der „Aus Allahs" gehörten.

Er fuhr dennoch in gleicher Weise fort und bat den Propheten (s.a.s.) um die Erlaubnis, die Leute zu versammeln, was der Prophet (s.a.s.) mit den folgenden Worten gewährte: „Warte, bis die Juden, ihr Offenbarungsbuch laut vorlesend, den bevorstehenden Sabbat empfangen. Ist die Hälfte des Tages verstrichen, so nähert euch Allah (s.w.t.) mit zwei Rakaat und halte eine Khutba."

So trat Mus'ab (r.a.) mit zwölf Männern im Hause von Sa'd Ibn Khaithama zusammen. Mus'ab (r.a.) war somit der erste im Islam, der ein Freitagsgebet veranstaltete. Diese Tatsache erfreute Mus'ab (r.a.), beunruhigte jedoch viele führende Persönlichkeiten Yathribs zutiefst.

Er setzte fort, die Leute zu besuchen, sie zum Islam aufzurufen und ihnen diesen zu erklären. Eines Tages ging As'ad Ibn Zurara mit Mus'ab (r.a.) zu den Häusern von Banu Ashhal und Banu Zafar. Sie betraten einen umzäunten Garten von den Gärten der Banu Zafar und setzten sich an einen Brunnen, der Maraq genannt wurde. Dort hatte sich eine Gruppe von Männern versammelt, die zum Islam konvertiert waren. Sa'd Ibn Mu'adh, Cousin As'ads Ibn Zurara mütterlicherseits, und Usaid Ibn Hudair waren zu diesem Zeitpunkt Führer ihres Stammes der Banu Abd Al-Ashhal, die weiterhin der Vielgötterei angehörten und Muschrikun waren. Als die beiden von ihm hörten, sagte Sa'd Ibn Mu'adh zu Usayd Ibn Hudair: „Gehe zu den beiden Burschen, die zu uns eingedrungen sind, um unsere Schwachen zu täuschen, und jage sie fort aus unserem Gebiet. Wäre As'ad Ibn Zurara nicht mit mir verwandt, wie du weißt, so hätte ich dir diese Unannehmlichkeit abgenommen. Er ist mein Cousin mütterlicherseits, das lässt mir keine Möglichkeit gegen ihn vorzugehen."

So nahm Usaid seine Lanze und ging zu den beiden hin. Als As'ad ihn sah, flüsterte er Folgendes Mus'ab (r.a.) ins Ohr: „Das ist der Führer seines Stammes, der gerade zu dir kommt, sei also aufrichtig zu ihm." Darauf antwortete Mus'ab (r.a.): „Wenn er sich setzt, so will ich mit ihm sprechen." Usaid stand allerdings wütend vor den beiden und fragte sie, was sie damit bezwecken würden, ihre Schwachen zu täuschen und fügte hinzu: „Verlasst uns, wenn euch eure Leben etwas bedeuten." Mus'ab (r.a.) erwiderte: „Willst du dich nicht setzen und uns zuhören? Wenn dir das, was du hörst, gefällt, dann kannst du es ja annehmen. Gefällt es dir jedoch nicht, so lasse es bleiben." Damit einverstanden, legte er seine Lanze hin und setzte sich zu ihnen. Mus'ab (r.a.) erklärte ihm den Islam und rezitierte den Quran.

Später berichteten sie: „Bei Allah! Bevor er sprach, erkannten wir bereits das Licht des Islam in seinem Gesicht." Er sagte: „Was für ausgesprochen schöne Worte! Was muss man machen, wenn man in diesen Glauben eintreten möchte?" Beide erklärten ihm, dass er sich waschen, seine Kleidung reinigen, das Glaubensbekenntnis aussprechen und zwei Rakat beten solle. Dies tat er dann auch und sagte schließlich: „Hinter mir ist ein Mann, dem seine Leute es gleichtun würden, wenn er euch folgt. Ich werde ihn jetzt zu euch schicken, es ist Sa'd Ibn Muadh." Er nahm seine Lanze und ging zu Sa'd und seinen Leuten, die am Ort ihrer gewöhnlichen Zusammenkunft beisammen saßen.

Als Sa'd ihn kommen sah, sagte er: „Bei Allah! Usaid kehrt mit einem anderen Gesichtsausdruck zu euch zurück, als er gegangen ist." Als er sie schließlich erreichte, fragte Sa'd ihn nach dem, was geschehen war. Er sagte: „Ich sprach mit den zwei Männern und ich fand nichts Schlechtes an ihnen. Ich verbot ihnen fortzufahren, worauf sie antworteten: ‚Wir werden das machen, was du verlangst.' Mir wurde erzählt, dass Banu Haritha zu As'ad Ibn Zurara aufgebrochen sind, um ihn zu töten. Sie hatten erfahren, dass er der Sohn deiner Tante ist, und wollten dich damit verraten." Sa'd wurde wütend und war bestürzt über das, was er über die Banu Haritha erfuhr. So stand er auf, nahm die Lanze aus Usaids Hand und sagte zu ihm: „Bei Allah! Ich sehe, dass du mir nichts erspart hast."

Er ging zu ihnen hinaus, und als er sie gemütlich zusammensitzen sah, da wusste er, dass Usaid nur wollte, dass er sie anhörte. Er sagte zu As'ad Ibn Zurara: „O Abu Umama! Wären wir nicht miteinander verwandt, hättest du dir das bei mir nicht leisten können. In unseren Häusern bescherst du uns Dinge, die uns verhasst sind?" As'ad hatte schon zu Mus'ab gesagt: „O Mus'ab! Bei Allah, es ist ein Anführer zu dir gekommen, hinter dem ein Volk steht, von denen keine zwei zurückbleiben, wenn er dir folgt." Daraufhin sagte Mus'ab zu ihm: „Willst du dich nicht setzen und zuhören? Wenn dir das, was du hörst, gefällt, dann kannst du es ja annehmen. Verabscheust du es jedoch, so halten wir es fern von dir."

Sa'd erklärte sich damit einverstanden, legte seine Lanze beiseite und setzte sich. Mus'ab erklärte ihm den Islam und las ihm aus dem Quran vor. Und beide erzählten: „Bei Allah! Noch bevor er antwortete, hatten wir den Islam an seinem strahlenden und gewinnenden Gesichtsausdruck erkannt." Daraufhin sagte er zu ihnen: „Was muss man tun, um in diesen Glauben einzutreten?" Sie antworteten ihm: „Du wäschst und reinigst dich, reinigst deine Kleidung, sprichst das Bekenntnis der Wahrheit aus und betest dann zwei Rakat." Er führte alles an Ort und Stelle aus, nahm seine Lanze und ging in Begleitung von Usaid Ibn Hudair zu dem Versammlungsort seiner Leute zurück.

Diese sagten, als sie ihn kommen sahen: „Wir schwören bei Allah, Sa'd kehrt mit einem anderen Gesichtsausdruck zurück, als er von euch gegangen ist." Bei ihnen angelangt, sagte er zu ihnen: „O Banu 'Abd al-Aschhal! Wie schätzt ihr meine Autorität unter euch ein?" Sie antworteten: „Du bist unser Anführer, der Beste unter uns im Urteilen und unser rechtester Vertreter." Er sagte: „Wahrlich, die Worte eurer Männer und Frauen sind mir verboten, solange ihr nicht an Allah und Seinen Gesandten glaubt." An diesem Abend gab es keinen Mann und keine Frau bei Banu Abd Al-Ashhal mehr, die nicht in den Islam eingetreten waren.

Mus'ab kehrte zum Haus von As'ad ibn Zurara zurück, von wo aus er die Leute weiterhin zum Islam aufrief, bis sich schließlich in jedem Haus muslimische Männer und Frauen befanden. Er verbrachte ein Jahr in Medina unter den Aus und Khazradsch, wo er sie im Islam unterrichtete. Schon bald darauf hieß es in der Bevölkerung Yathribs: „Wenn Usaid Ibn Hudair, Sa'd Ibn Mu'adh und Sa'd Ibn 'Ubada den neuen Glauben angenommen haben, wie können wir uns ihm dann nicht anschließen? Lasst uns zu Mus'ab gehen und mit ihm glauben! Man sagt, von seinen Lippen gehe die Wahrheit aus."

Mit großer Freude sah Mus'ab (r.a.), dass die Zahl der „Ansar", der Unterstützer für die Sache Allahs und für das Wort der Wahrheit, stetig wuchs. Für gewöhnlich klopfte er, Allahs Wohlgefallen auf ihn, an die Türen der Leute, im Bestreben, sie zu kontaktieren und ihnen die Botschaft Allahs (s.w.t.) zu übermitteln. Er durchquerte die Felder und sprach dort mit den Bauern, sie zum Islam aufrufend. Genauso wandte er sich aber auch an die Anführer, die er zum Din Allahs (s.w.t.) einlud. Er wandte dieselben gezielten Handlungen an wie mit As'ad Ibn Zurara, damit die Leute die Stimme der Wahrheit hören konnten.

So schaffte er es in nur einem Jahr, die Ideen in Yathrib von törichtem Heidentum und falschen Gefühlen in einen Glauben an die Einheit Gottes und in wahrhaften Iman mit islamischen Gefühlen umzuwandeln, die der Shirk, die Vielgötterei, erzürnt und die den Maßbetrug im Handel verabscheuen. Durch die Anstrengungen Mus'abs (r.a.) und derer, die den Islam mit ihm angenommen hatten, verwandelte sich Yathrib in nur einem Jahr vom Zustand des Dar-ul-Kufr (Stätte des Unglaubens) in den Zustand des Dar-ul-Islam (Stätte des Islam). Der erste Botschafter des Propheten war somit auf der ganzen Linie erfolgreich. Männer und Frauen, Junge und Alte, Mächtige und Schwache nahmen dank seiner Überzeugungskraft den Islam an. Nicht nur die Geschichte Yathribs, sondern auch die Menschheitsgeschichte hatte eine neue entscheidende Wendung genommen; der Moment der Hidjra und der Gründung des Islamischen Staates war nahe.