PERSÖNLICHKEITEN

- 17.09.2012

Mus’ab ibn ’Umair (r.a.) – einer der vorbildhaftesten Da’wa-Träger (Teil I)

Zur Zeit des Propheten Muhammad (s.a.s.) gab es zahlreiche beispielhafte Träger der islamischen Botschaft, die sich dadurch auszeichneten, dass sie alles taten, was in ihrer Macht lag, um die Botschaft Allahs (s.w.t.) zum Durchbruch zu bringen und schließlich Sein Wohlgefallen und Seine Zufriedenheit zu erlangen. Hierbei sticht insbesondere das Engagement des jungen Mus'ab ibn 'Umair (r. a.) hervor, den sich wahrhaft jeder Muslim zum Vorbild nehmen und dessen Biografie man sich immer wieder vergegenwärtigen sollte.

Mus'ab Ibn 'Umair Ibn Hashim Ibn Abd Manaf wuchs in einer Atmosphäre des Wohlstands auf. Seine reichen Eltern ließen ihm sehr viel Fürsorge zukommen und schenkten ihm oft ihre Aufmerksamkeit. Seine teure Kleidung und seine Schuhe entsprachen der neuesten Mode jener Zeit. Als Jugendlicher wurde er von den Würdenträgern und Machthabern des Stammes der Quraish nicht nur für sein gutes Aussehen, sondern auch seines scharfen Verstandes und seiner Beredsamkeit wegen bewundert. Obwohl er noch jung war, genoss er das Vorrecht, an Besprechungen und Zusammenkünften der Quraisch teilnehmen zu dürfen. Er befand sich somit in einer Position, die ihn über die Angelegenheiten der Mekkaner, über deren Verhaltensweisen und Strategien Bescheid wissen ließ.

Mus'ab Ibn 'Umair (r.a.) entscheidet sich für den Islam

Mus'ab (r.a.) war erst ein Heranwachsender, als er vom Propheten Muhammad (s.a.s.) hörte, der nun so langsam in Mekka begonnen hatte, das Rechte zu gebieten, das Unrecht anzuprangern und offen zu verkünden, dass Allah (s.w.t.) ihn als Übermittler froher Botschaften und als Warner mit dem Islam entsandt habe, womit die Mekkaner in helle Aufregung versetzt wurden. Muhammad (s.a.s.) warnte vor schrecklichen Strafen, wenn sie sich nicht der Anbetung und dem Gehorsam nur gegenüber dem Einen einzigen Gott zuwenden würden; gleichzeitig versprach er den Rechtschaffenen große Belohnung, womit diese Themen in Mekka allmählich zum Gesprächsstoff wurden. Die listigen Anführer der Quraisch überlegten sich, wie man den Propheten (s.a.s.) zum Schweigen bringen könnte. Als Spott, Verleumdung und Überredungsversuche sich als unwirksam erwiesen, zettelten sie einen Boykott an und begannen, ihn aus dem Alltag Mekkas auszuschließen.

Mus'ab (r.a.) wurde sehr neugierig und beschloss daraufhin, den Propheten (s.a.s.) aufzusuchen, um sich selbst von seiner Gesandtschaft zu überzeugen. Er hatte erfahren, dass sich der Gesandte (s.a.s.) und seine treuen Gefährten in einem Haus in der Nähe des Hügels As-Safa versammelten, um ihren Peinigern auszuweichen. Es handelte sich um das Haus von Al-Arqam (Dar-ul-Arqam). Um seine Neugier zu stillen, ging Mus'ab (r.a.) eines Nachts dorthin und ließ sich auch nicht von der Möglichkeit abschrecken, dass die Quraisch auch ihn aus der Gesellschaft ausstoßen könnten. Er beobachtete, wie der Prophet (s.a.s.) die kleine Gruppe von Gefährten unterrichtete, indem er mit ihnen über weitere Pläne sprach, Ayat aus dem Qur'an vorlas und in Demut gegenüber Allah (s.w.t.) das Gebet verrichtete.

Mus'ab (r.a.) war von dem, was er sah und hörte, überwältigt. Ein tiefes Gefühl des Friedens übermannte ihn: Die Worte des Qur'an überzeugten und beeindruckten ihn tief. Der junge Mus'ab (r.a.) erklärte auf der Stelle, den Islam annehmen zu wollen. Dieses Ereignis stellte nicht nur für ihn persönlich einen Wendepunkt dar: Der scharfe Verstand Mus'abs (r.a.), sein unbeirrbarer Wille, seine unerschütterliche Entschlusskraft, seine Wortgewandtheit und sein hervorragender Charakter standen fortan im Dienste des Islam und trugen dazu bei, den Lauf der Menschheitsgeschichte in eine neue Richtung zu lenken.

Doch seine Hauptsorge galt zunächst der Reaktion seiner Mutter, Khunnas Bint Malik. Sie war eine sturköpfige Frau mit einer außerordentlich dominanten Persönlichkeit, die aufgrund ihres Temperaments und ihrer scharfen Zunge unter den Leuten keinen guten Ruf genoss. Sie verbreite Furcht und Schrecken, wenn ihr etwas nicht passte. Die Machthaber Mekkas, deren Festhalten am Kufr (Unglauben) und am Shirk (Vielgötterei) bereiteten ihm weniger Kopfzerbrechen. Um eine Konfrontation mit seiner Mutter zu vermeiden, entschied er sich, seinen Übertritt zum Islam so lange zu verheimlichen, bis Allah (s.w.t.) ihm irgendwann einen Weg weisen würde.

Er besuchte trotzdem weiterhin regelmäßig das Haus des Al-Arqam, um in der Nähe des Propheten (s.a.s.) zu sein und seine Taq'wa (Gottesfurcht) zu stärken. Es dauerte nicht lange, bis überall bekannt war, dass er den Islam angenommen hatte. Die Nachricht von seiner Konvertierung war für die Quraish niederschmetternd und erreichte auch seine Mutter binnen kürzester Zeit. Mus'ab (r.a.) stand sodann vor seiner Mutter, seinem Stamm und den Machthabern der Quraish, die sich versammelt hatten, um zu erfahren, was er zu seiner Verteidigung zu sagen hatte. Er sprach ruhig und bescheiden und bestätigte seinen Übertritt. Er rezitierte Ayat aus dem Qur'an und versuchte deutlich zu machen, wie die Offenbarung den Verstand überzeugt, die Herzen der Gläubigen höher schlagen lässt, sie zur ursprünglichen Reinheit der Hingabe und der Ergebenheit ihrem Schöpfer gegenüber zurückführt und sie mit Weisheit, Ehre, Gewissheit, Mut und Gerechtigkeit erfüllt. Seine Mutter wurde jedoch immer wütender. Sie reagierte entsetzt und wies ihn auf den Stolz ihrer Herkunft hin und auf den alten Bund, den ihr Stamm mit den falschen Göttern - den Götzen - hatte. Vehement wies sie alles von sich und befahl Mus'ab (r.a.) zum Götzendienst zurückzukehren.

Er lies sich jedoch nicht einschüchtern und widersetzte sich seiner Mutter, indem er nicht dazu bereit war, eine Reue abzulegen. Sie erhob ihre Hand, um ihn zu schlagen und zum Schweigen zu bringen, aber als sie die Gelassenheit im Gesicht ihres Sohnes sah, stockte ihre Hand. Nichtsdestotrotz hatte sie das Gefühl, etwas tun zu müssen, um die Götzenstatuen, die Mus'ab (r.a.) aufgegeben hatte, zu rächen: Sie führte ihn zurück ins Haus, wo sie ihn mit einem Strick fesseln ließ. So wurde Mus'ab (r.a.) zu einem Gefangenen im eigenen Haus, der bewacht wurde und an jedem weiteren Kontakt mit dem Gesandten Allahs (s.a.s.) gehindert werden sollte.

Trotz der Qualen, die er zu erdulden hatte, geriet Mus'ab (r.a.) nicht ins Wanken. Bald darauf erfuhr er, dass die Verfolgungen der Mushrikun (Götzendiener) auch den anderen Gläubigen das Leben in Mekka immer unerträglicher machten und ein Teil der Muslime vorhatte, nach Abessinien auszuwandern. Kurze Zeit später gelang es ihm auch, sich den anderen Gläubigen anzuschließen, indem er es schaffte, aus seiner Gefangenschaft zu entkommen. Sie segelten daraufhin über das Rote Meer nach Afrika.

Obwohl die Muslime im Land des christlichen Negus Sicherheit vorfanden, sehnten sie sich danach, in Mekka in der Nähe ihres geliebten Propheten (s.a.s.) zu sein. Nachdem in Abessinien berichtet worden war, in Mekka habe sich die Situation der Muslime gebessert, gehörte Mus'ab (r.a.) zu den Ersten, die zurückkehrten. Die Berichte erwiesen sich jedoch als falsch, womit er nun erneut nach Abessinien aufbrach. Als er abermals nach Mekka zurückkehrte, unternahm seine Mutter einen letzten Versuch, ihn gefangen zu nehmen. Doch Mus'ab (r.a.) schwor, dass er jeden umbringen würde, der ihr bei ihrem Plan, ihn gefangen zu nehmen, hilft.

Seine Mutter war sich über die Ernsthaftigkeit seines Entschlusses im Klaren. So verbannte sie ihn aus ihrem Haus, entzog ihm all die materiellen Annehmlichkeiten, mit denen sie ihn früher überschüttet hatte, und sagte bitter weinend Folgendes: „Geh deinen eigenen Geschäften nach! Ich bin nicht mehr bereit, dir eine Mutter zu sein!" Mus'ab (r.a.) trat dicht an sie heran und erwiderte: „Mutter, ich gebe dir einen aufrichtigen Rat. Ich mache mir Sorgen um dich. Bezeuge, dass es außer Allah keine Gottheit gibt und dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist!" Sie jedoch lehnte ab und schwor wütend: „Bei den Sternschnuppen schwöre ich: Ich werde niemals in deine Religion eintreten, selbst wenn ich dafür verspottet werde und mein Verstand schwach wird."

Die Mutter hielt vehement an ihrem Unglauben fest, während Mus'ab (r.a.) seinerseits ihre Bestimmtheit noch übertraf. Er strebte nicht mehr nach Prunk und schönem Gewand und war nur mehr darauf bedacht, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Seine Kleidung war teils aus Fetzen zusammengenäht, seine Speisen einfach und die nackte Erde sein Bett. So verließ Mus'ab (r.a.) sein Elternhaus und verzichtete auf all den Luxus und Komfort. Der einstmals so elegante junge Mann wurde fortan nur noch in einfacher Kleidung gesehen. Er hatte sich jetzt um wichtigere Dinge zu kümmern, denn er ging nun ganz darin auf, sich Wissen anzueignen und Allah (s.w.t.) zu dienen. Als er sich einige Jahre später einmal zu einigen Muslimen setzte, die sich um den Propheten (s.a.s.) versammelt hatten, senkten diese ihre Blicke und vergossen still Tränen. Der Anblick seines alten, fettigen Gewandes, das von Dornen festgehalten wurde und ihn nicht einmal völlig zu bedecken vermochte, rief ihnen sofort die Tage in Erinnerung, als sie den verwöhnten Jungen stets in eleganten und neuen Gewändern gesehen hatten.

Der Prophet (s.a.s.) schaute ihn an, lächelte voller Zuneigung und sagte: „Ich habe diesen Mus'ab mit seinen Eltern in Mekka gesehen. Sie ließen ihm sehr viel Fürsorge zukommen, widmeten ihm ihre ganze Aufmerksamkeit und versorgten ihn mit allen Annehmlichkeiten. Unter den Quraish gab es keinen Jugendlichen wie ihn. Dann gab er das alles auf und strebte nur noch nach dem Wohlgefallen Allahs und widmete sich dem Dienst an Seinem Propheten."

Dann fuhr er fort: „Es wird eine Zeit kommen, da wird Allah euch den Sieg über Persien und Byzanz verleihen. Ihr werdet ein Gewand am Morgen und ein weiteres am Abend tragen, und ihr werdet aus einer Schüssel am Morgen und aus einer anderen am Abend essen."
Die Gefährten fragten ihn: „O Gesandter Allahs! Ist unsere jetzige Lage besser oder wird es zu jener Zeit besser um uns bestellt sein?"
Er antwortete: „Ihr seid eher jetzt besser gestellt als ihr es dann sein werdet. Wenn ihr um den Zustand der Welt wüsstet, wie ich um ihn weiß, dann würdet ihr euch um sie gewiss nicht so viele Gedanken machen."