PERSÖNLICHKEITEN

- 15.09.2012

Sa'id Ibn Amir al-Djumahi

Das Leben eines Augenzeugen ist oftmals ein mühseliges Leben. Er steht ständig auf der anderen Seite, während er zusehen muss, wie die anderen große Leistungen vollbringen dürfen.

Dann darf er wiederum froh sein, wenn die anderen ein Unglück erleiden müssen und er verschont bleibt. Hin und wieder muss er sich blind stellen, um nicht gestört zu werden. Wenn das nicht hilft, zieht er eine hohe Mauer und zeigt sich auf seiner Seite als zu geschäftig, als dass er sich auch noch um die Belange der anderen kümmern könnte. Doch es gibt auch Menschen, die sich nicht tot stellen, um sich der Verantwortung zu entziehen. Zu ihnen gehörte Sa'id ibn Amir al-Djumahi (r).

Dieser Gefährte Muhammads (s) kämpfte nach der Gründung des islamischen Staates in Medina in allen Schlachten an der Seite des Propheten. Nach dessen Tod fungierte Sa'id (r) als Ratgeber der darauffolgenden Kalifen. Als Umar (r) Kalif wurde, ging Sa'id Ibn Amir al-Djumahi (r) zu ihm und riet ihm Folgendes: "O Umar, ich gebe dir einen guten Rat: Fürchte Allah (t) in Bezug auf die Verantwortung, die er dir gegeben hat und tue keinem Menschen Unrecht an. Deine Worte dürfen deinen Taten nicht widersprechen. Die beste Aussage ist nämlich jene, die mit den Taten bestätigt wird. O Umar, gib jedem Menschen sein Recht, sei er dir nah oder fern, und wünsche ihnen das, was du auch dir und deiner Familie wünschst. Und sprich die Wahrheit und fürchte außer Allah (t) niemanden." Der Kalif (r) antwortete ihm mit folgenden Worten: "Wer, o Sa'id, vermag dies zu tun?" Er antwortete: "Ein Mann wie du, der von Allah (t) die Aufgabe bekam, Kalif über die Muslime zu sein." Umar (r) bat Sa'id, alsbald Gouverneur der Stadt Homs zu werden, was dieser zunächst ausdrücklich ablehnte. Umar (r) bestand jedoch darauf: "Bei Allah (t), ihr habt mir diese Verantwortung an den Hals gehängt und wollt mich nun im Stich lassen? Das werde ich nicht zulassen." Somit wurde Sa'id (r) unter der Befehlsgewalt von Umar (r) zum Gouverneur von Homs ernannt.

Umar (r) empfing Jahre später eine Delegation aus Homs, die eine Liste der dort ansässigen Bedürftigen mit sich führte, und musste erkennen, dass der Amir von Homs dort ebenfalls namentlich aufgeführt war. "Bei Allah, es vergehen viele Tage, ohne dass in seinem Haus Feuer zum Kochen angezündet wird", wird Sa'ids Situation in kurzen Worten beschrieben. Dies ergriff den Kalifen so sehr, dass, wie in Quellen zu lesen ist, sein Bart mit Tränen benetzt wurde. Daraufhin ließ ihm Umar (r) Geld zukommen.

Statt dieses Geld als Verbesserung seiner Notlage zu betrachten, sah Sa'id darin vielmehr ein Leid: "Wir alle gehören Allah und zu ihm kehren wir zurück". Sa'ids Ehefrau, die aufgrund seiner Reaktion von einem Unglück ausging, erkundigte sich, ob womöglich der Kalif verstorben sei oder die Muslime in einer Schlacht besiegt worden seien. "Dunia ist zu mir gekommen, um mir das Jenseits zu zerstören. Eine große Prüfung ist in mein Haus eingekehrt", entgegnete Sa'id (r). Obwohl er selbst zu den Mittellosen gehörte, behielt er nichts von dem Geld, das ihm Umar (r) sandte, sondern verteilte es unter den Notleidenden von Homs. Trotz allem beschwerten sich die Einwohner von Homs, als sie von Umar (r) nach ihrem Amir befragt wurden, über Sa'id (r).

Umar (r) war auf dem Weg nach Jerusalem, als er unter anderem an der Stadt Homs vorbeikam. Die Stadt hatte den Spitznamen Kuwaifa, der von dem Namen der Stadt Kufa abgeleitet wurde. Die Einwohner Kufas hatten nämlich den Ruf, dass sie von keinem Amir zufrieden zu stellen waren. Da man den Bürgern von Homs ebenfalls diese Eigenschaft nachsagte, jedoch in einem geringeren Ausmaß, wurde Homs al-Kuwaifa (kleines Kufa) genannt.

In Homs angekommen, fragte Umar (r) in seiner Funktion als Kalif die Bewohner sogleich nach ihrem Amir, um nachzuprüfen, ob die Personen, die er als Gouverneure in den verschiedenen Orten eingesetzt hatte, auch gerecht waren. Die Bewohner antworteten direkt: "Wir haben genau vier Beschwerden über unseren Amir, und eine von ihnen ist schlimmer als die andere." Der Kalif versammelte am nächsten Morgen alle Bewohner und den Amir, um die Angelegenheit zu klären. Er sprach zu den Bewohnern: "Nennt mir eure Beschwerden." Sie antworteten: "Die erste ist, dass unser Amir jeden Morgen erst verspätet zu uns kommt." Umar (r) gab die Begebenheit mit folgenden Worten wieder: "Ich sagte: 'O Sa'id, du hast die Möglichkeit dich zu verteidigen, was sagst du dazu?' Sa'id Ibn Amir al-Djumahi (r) antwortete: 'Bei Allah, ich habe mir gewünscht, dass dies immer ein Geheimnis bleibt, aber da es jetzt nun nötig ist (will ich darüber sprechen). Ich persönlich habe keinen Diener, der mir hilft; so stehe ich früh am morgen auf und backe das Brot, mache das Essen für meine Familie, bete zwei Rak'at und gehe dann zu den Muslimen.' So sagte ich zu den Bewohnern: 'Dieser Fall ist geklärt, denn euer Amir ist entschuldigt und kann nichts für seine Verspätungen, so nennt mir eure zweite Beschwerde.' Sie sagten: 'Während der Nacht macht er keinem von uns die Tür auf, und er antwortet uns nicht einmal.' Ich wandte mich an Sa'id: 'O Sa'id, was willst du nun sagen?' Er schwieg zunächst und sagte dann: 'Bei Allah, auch dies wollte ich geheim halten, aber nun muss ich nachgeben: Ich habe meinen Tag für die Menschen bestimmt und die Nacht für Allah (t) und möchte mich in der Nacht ganz allein ihm zuwenden.' Erleichtert fragte ich weiter: 'Was ist eure dritte Beschwerde?' Sie entgegneten: 'Einmal im Monat jedoch kommt er gar nicht zu uns raus, und keiner von uns hat die Möglichkeit ihn zu kontaktieren.' So wandte ich mich verwundert an Sa'id, der antwortete: 'Bei Allah, ich besitze zum Anziehen nichts anderes als das, was ich auch jetzt anhabe. Und einmal im Monat ziehe ich diese Kleidung aus und wasche sie. So muss ich warten, bis sie trocknet und gehe dann erst zu den Menschen.' Erleichtert fragte ich weiter: 'Nennt mir nun eure letzte Beschwerde.' Sie sagten: 'Ab und zu bekommt er einen Nervenzusammenbruch und verliert ganz plötzlich sein Bewusstsein ohne jeglichen Grund.' Ich sagte zu Sa'id: 'O Sa'id, was willst du nun sagen?' Er antwortete: 'Ich habe erlebt, wie Hubaiba Ibn Adiya (r) umgebracht und aufs Schlimmste misshandelt und gefoltert wurde während meiner Unwissenheit als Kafir. Und ich habe gehört, wie die Quraisch ihn fragten: Wäre es dir nicht lieber, dass Muhammad (s) an deiner Stelle wäre, während du selbst bei deiner Frau und den Kindern bist?, und er als Antwort daraufhin sagte: Bei Allah, mir wäre es nicht einmal lieber, dass ich zu Hause mit meiner Familie zusammensitze, wenn Muhammad (s) auch nur ein Dorn stechen würde! Und immer, wenn ich daran denke und weiß, dass ich ihm in diesem Moment nicht geholfen habe, denke ich, dass Allah mir niemals verzeiht, und verliere augenblicklich mein Bewusstsein.'"

Sa'id (r) hatte bereits in jungen Jahren zusehen und lernen müssen, wozu Nichtmuslime fähig sind, wenn sie um ihre Macht fürchten. Nachdem die Quraisch die Schlacht bei Badr verloren hatten und sie große Verluste hinnehmen mussten, wurden Hunderte Mekkaner nach Tan'im gerufen, einem Ort außerhalb von Mekka, um Augenzeugen einer Hinrichtung an Hubaiba (r) zu werden, der unter die Gefangenschaft der Mekkaner geraten ist. Die Masse sollte zur Abschreckung sehen, wie die Rache an den Muslimen aussieht. Auch Sa'id (r) konnte genau sehen, was die Quraisch mit dem Gefangenen machten, und er konnte auch deutlich hören, was Hubaiba (r) ihnen als Antwort auf ihre Grausamkeit gab. Unter Schlägen wurde er zu seinem Hinrichtungsort geführt. Sa'id berichtete, dass der Gefährte (r) noch eine Bitte an die Quraisch richtete: "Wenn ihr mich zwei Rak'at beten lassen würdet, so würdet ihr etwas Gutes tun." Diese wurden ihm gewährt. Anschließend richtete er folgende Worte an die Führer der Quraisch: "Bei Allah, wäre es nicht so, dass ihr denkt, ich hätte Angst vor dem Tod, so hätte ich mein Gebet verlängert." Die Quraisch massakrierten Hubaiba (r), indem sie ihn langsam bei lebendigem Leib zerstückelten und dabei immer wieder die gleiche Frage stellten, auf die sie von Hubaiba (r) die gleiche Antwort erhielten: "Würdest du dich retten wollen, so dass an deiner Stelle Muhammad steht?" Hubaiba (r) hatte das Jenseits vor Augen. Der Gesandte Allahs (s) hat gesagt: „Das irdische Leben ist ein Gefängnis für den Gläubigen und ein Paradies für den Ungläubigen." Sa'id (r) konnte sich nie wieder von dieser Erinnerung lossagen, und er hat diesen Ereignissen Taten folgen lassen. Das Wissen um Hubaibas grauenvollen Tod lebte in seinem Einsatz weiter.

Heute gibt es keine Augenzeugen von Hubaibas Hinrichtung mehr, aber es gibt die andere Kategorie: die Ohrenzeugen. Diese sollen wissen, dass die Gefährten nicht zu solchen Leistungen fähig wurden, weil sie Sahaba waren. Vielmehr wurden sie die Weggefährten des Gesandten (s), weil sie zu enormen Leistungen bereit waren. Der Gesandte Allahs (s) hat gesagt: "Wer stirbt, ohne dass er sich für die Sache Allahs (t) eingesetzt hat und sich nie darüber Gedanken gemacht hat, der ist nicht frei von Heuchelei gestorben."