PERSÖNLICHKEITEN

- 05.09.2013

Abu Bakr as-Siddiq (r.a.)

Abu Bakr gehörte zu dem ersten Kreis der Muslime. Ihn verband bereits eine Jugendfreundschaft mit dem Propheten (s), als dieser ihm erzählte, was in der Höhle Hira geschehen war. Ohne zu zögern, nahm Abu Bakr den Islam an, und dies zeichnete ihn in besonderer Weise aus.In ihm kamen keinerlei Zweifel an der Offenbarung und der Glaubwürdigkeit des Propheten (s) auf. Diesbezüglich sagte der Gesandte Allahs (s): "Ich rief die Menschen zum Islam auf. Jeder dachte darüber nach, mindestens eine Weile. Bei Abu Bakr war dies jedoch nicht der Fall. Er nahm den Islam ohne jedes Zögern im gleichen Augenblick an, als ich ihn ihm eröffnete." Keine Situation konnte Abu Bakrs Glauben in irgendeiner Form erschüttern. Als der Prophet (s) von seiner Nachtreise nach Jerusalem berichtete, fielen viele Menschen, die bereits Muslime geworden waren, wieder von ihrem Glauben ab. Sie gingen zu Abu Bakr und fragten ihn, was er davon hielte, worauf er antwortete: "Was verwundert euch so daran? Er berichtet mir ja auch, dass ihn Offenbarungen von Gott, vom Himmel zur Erde, in einer Stunde der Nacht oder des Tages erreichen, und ich glaube es ihm. Dabei ist es viel erstaunlicher als das, worüber ihr euch jetzt wundert." Daraufhin erhielt Abu Bakr vom Propheten (s) den Beinamen as-Siddiq – der die Wahrheit bezeugt.

Der Übertritt Abu Bakrs zum Islam widerlegt die Behauptung, der Islam habe nur die Armen und sozial Schwachen angezogen. Er gehörte zu den Edlen der Quraisch und genoss ein hohes Ansehen unter den Menschen. Seine Meinung wurde respektiert und geschätzt, und man zog ihn oft zu Rate. Vor allem war er unter den Menschen als äußerst glaubwürdig bekannt. Darüber hinaus war er ein reicher Kaufmann, so dass für ihn kein Grund bestand, den Islam aus eigennützigen Motiven anzunehmen. Denn es mangelte ihm weder an Anerkennung noch an Geld. Vielmehr ist Abu Bakr entgegen orientalistischer Erklärungsversuche der Beweis dafür, wie die Menschen aus reiner Überzeugung zum Islam übertraten.

Jeder mag seinen persönlichen Favoriten unter den Prophetengefährten haben, und jeder Einzelne von ihnen war zweifelsfrei eine herausragende und besondere islamischen Persönlichkeit. Doch in der Beziehung zum Propheten (s) konnte niemand den Platz Abu Bakrs einnehmen. Er war der engste Freund des Propheten (s), mit dem sich der Gesandte Allahs (s) täglich beriet. Kein anderer als Abu Bakr begleitete den Propheten (s) bei der Auswanderung nach Medina, dem wohl wichtigsten Ereignis in der islamischen Geschichte. Von den Feinden verfolgt, trug er die Sorge um den Propheten (s), so dass er das eine Mal vor Muhammad (s) herlief, weil er einen Angriff von vorne fürchtete, während er im nächsten Augeblick wieder versuchte, den Propheten (s) von hinten zu schützen, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben. Der Prophet (s) wunderte sich über dieses Verhalten Abu Bakrs und fragte: "Abu Bakr, warum läufst du den einen Augenblick vor mir und den nächsten hinter mir? Und er antwortete. 'O Gesandter Allahs, ich erinnere mich an die Verfolger, da gehe ich hinter dir. Dann erinnere ich mich an die Späher, dann gehe ich vor dir her.' Da sprach der Gesandte Allahs: 'O Abu Bakr, wenn etwas wäre, würdest du dir wünschen, es würde dich statt meiner treffen?' 'Ja, bei Dem, Der dich mit der Wahrheit entsandt hat! Gleichgültig welche Art von Unglück es sein mag, wünsche ich, dass es mich treffen soll und nicht dich.'" Als beide sich in der Höhle vor den Verfolgern verstecken wollten, ließ Abu Bakr den Propheten (s) nicht eher hinein, als bis er die Höhle vollständig durchsucht und gesichert hatte. Einen treueren und aufmerksameren Begleiter hätte der Prophet (s) nicht haben können. Obwohl alle Prophetengefährten durch ihre Gefährtenschaft ausgezeichnet sind, galt Abu Bakr als die größte Stütze Muhammads (s). In seiner letzten Predigt sagte der Prophet (s): "Niemand ist für mich ein besserer Gefährte gewesen als Abu Bakr."

Es sind viele Eigenschaften und Ereignisse, die mit Abu Bakr assoziiert werden, doch die wichtigsten sind die auf politischer Ebene. Als der Prophet (s) starb und sein Tod die Muslime zutiefst erschütterte, war es Abu Bakr, der die Umma zur Besinnung aufrief, obwohl er sowohl um den Propheten (s) als auch um seinen besten Freund in einer Person trauerte. Seine Besonnenheit war von großer politischer Bedeutung, denn mit dem Tod Muhammads (s) würde sich zeigen, ob die Menschen weiter an ihrem Glauben festhielten oder davon abfielen. Es war die bis dahin größte Krise der Muslime, deren vom Propheten (s) gegründeter Staat noch jung und äußerst verwundbar war. Eine einzige falsche Reaktion konnte alles zunichte machen, was der Prophet (s) all die Jahre aufgebaut hatte. Umar (r) reagierte besonders heftig auf den Tod Muhammads (s). Er drohte jedem mit der Enthauptung, der behauptete, dass der Prophet (s) tot sei. Abu Bakr hingegen trat in die Moschee, wo sich die Menschen in völliger Verwirrung versammelt hatten, und richtete die folgenden Worte an sie: "Ihr Menschen, falls einer von euch Muhammad angebetet hat, so soll er wissen, dass Muhammad tot ist. Aber wer Allah angebetet hat, der soll wissen, dass Allah lebt und unsterblich ist." Daraufhin rezitierte er die folgenden Worte Allahs: "Und Muhammad ist nur ein Gesandter. Schon vor ihm gingen die Gesandten dahin. Wenn er nun stirbt oder getötet wird, werdet ihr auf euren Fersen umkehren? Und wer auf seinen Fersen umkehrt – nimmer schadet er Allah etwas; aber Allah wird wahrlich die Dankbaren belohnen." (3:144)

Mit diesen Worten beseitigte Abu Bakr jegliche Zweifel der Menschen, die der Tod Muhammads (s) ausgelöst hatte, und gab der Umma in diesem kritischen Augenblick die richtige Richtung vor. Denn der Prophet (s) hatte nicht den Islam unter härtesten Bedingungen verkündet und den Staat in Medina gegründet, damit sich all das nach seinem Tod wieder auflöst. Im Staat sollten die Gesetze des Islam bis zum Jüngsten Tag umgesetzt werden. Eine Alternative hierzu ist im Islam nicht vorgesehen.

Politisch relevant ist die Rolle Abu Bakrs als erster rechtgeleiteter Kalif, die auf folgende Aussage des Propheten zurückgeht: "Das Volk Israel ist stets von Propheten betreut worden. Wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer nach. Nach mir wird es jedoch keinen Propheten mehr geben. Es werden aber Kalifen kommen und deren Zahl wird groß sein." Sie fragten: 'Was befiehlst du uns?' Er antwortete: 'Erfüllt die Bai'a des jeweils Ersteren und gebt ihnen ihr Recht, denn Allah wird sie über das zur Rechenschaft ziehen, was er in ihre Obhut gelegt hat!'" Somit war Abu Bakr der Erste, mit dem diese Pflicht erfüllt wurde. Noch bevor der Prophet (s) beerdigt war, trat er das Amt des Kalifen an. Dies hat nichts mit mangelnder Pietät zu tun, sondern mit der Tatsache, dass der Islam dieses schnelle politische Handeln forderte. Die Zeit, in der die Muslime ohne islamische Führung sind, kommt der Dschahiliyya gleich, aus welcher der Islam herausgeführt hat. Denn in einem Hadith heißt es: "[...] wer stirbt, ohne eine Bai'a im Nacken zu haben, der stirbt einen Tod der Dschahiliyya." Nicht einmal die Notwendigkeit der schnellen Beerdigung des Propheten (s) konnte die Pflicht der Kalifenaufstellung zeitlich hinauszögern. Auf diese Weise erhielt Abu Bakr die Bai'a in der Saqifa, dem Versammlungsort der Ansar in Medina, noch bevor man den Propheten (s) begraben hatte. Man kann erahnen, wie schwer es Abu Bakr gefallen sein muss, die Pflicht der Kalifenaufstellung wahrzunehmen, während der Gesandte Allahs (s) mehrere Tage unbeerdigt lag.

Abu Bakr trug die Bürde, den noch jungen Staat zu festigen. Sein politisches Handeln war über den Fortbestand des Staates und damit des Islam entscheidend. Es stellten sich massive politische Probleme ein. Da war zum einen der Feldzug nach Syrien, den der Prophet (s) geplant und vorbereitet hatte, dessen Ausführung jedoch durch Krankheit und Tod Muhammads (s) ausblieb. Als Kalif entschied Abu Bakr, diesen Plan des Propheten (s) auszuführen. Sein Umfeld riet ihm jedoch davon ab, und es kam zu Meinungsverschiedenheiten, da der Staat mit inneren Konflikten zu kämpfen hatte. Viele waren noch nicht gefestigt in ihrem Glauben und versuchten sich wieder vom Islam loszulösen, was der Kalif nicht zulassen konnte. Daneben gaben sich viele nach dem Tod des Gesandten Allahs (s) als Propheten aus und gefährdeten damit den Islam. Trotz dieser inneren Schwierigkeiten wurde der Feldzug nach Syrien erfolgreich in die Tat umgesetzt. Abu Bakr demonstrierte damit Stärke und schüchterte auch jene ein, die vom Islam abgefallen waren.

Im Nadschd glaubten einige Muslime, den Islam nach ihren eigenen Vorstellungen formen zu können, nachdem sie vom Tod des Propheten (s) erfuhren. Vor allem verlangten sie, von der Entrichtung der Zakat befreit zu werden. Noch während des Feldzugs nach Syrien stellten die Stämme den Kalifen vor die Wahl, ihnen die Zakat zu erlassen oder aus dem Islam auszutreten. Eine falsche Entscheidung des Kalifen hätte alles zunichte machen können, was der Prophet (s) aufgebaut hatte. Die Berater Abu Bakrs rieten ihm von einer militärischen Bekämpfung dieser Leute ab, da gleichzeitig auch das Problem der falschen Propheten existierte, die eine Anhängerschaft gefunden und zum Teil eine Armee hinter sich hatten. Der Kalif stand jedoch unter Zugzwang, denn er musste demonstrieren, dass es nicht erlaubt ist, einen Teil des Islam abzulehnen. Noch während die islamische Armee in Syrien war, stellte er ein Heer gegen die Zakat-Verweigerer auf, die er zur Zahlung zwang. Damit schützte er den Staat und den Islam vor einem Verfall. Daraufhin ging er gegen jene vor, die sich als Propheten ausgaben. Hierbei wurden die Apostaten gewarnt und aufgefordert, in den Islam zurückzukehren. Die muslimischen Soldaten wurden dazu angehalten, zunächst einmal die Botschaft des Islam zu verkünden. Erst wenn die Rückkehr in den Islam verweigert wurde, sollten die Apostaten mit den Waffen bekämpft werden. Schließlich gelang es Abu Bakr, wieder Ordnung in die Gebiete zu bringen, in denen die falschen Propheten ihr Unwesen getrieben hatten. In all diesen Fällen hätte es das Ende des Islam bedeuten können. Doch war es die Leistung Abu Bakrs als Kalif, dass es nicht dazu kam und der Islam Wurzeln schlagen und sich ausdehnen konnte. Er hatte sozusagen für alle folgenden Kalifen den Grundstein gelegt.

Abu Bakrs Kalifenzeit betrug zwei Jahre. Als er gegen Ende erkrankte, bestand seine größte Sorge in der Nachfolge. Denn die Sorge um den Kalifen für die Muslime ist wohl eine der größten Sorgen im Islam, weil davon das Schicksal sowohl der Muslime als auch des Islam abhängt. Vor allem fürchtete Abu Bakr, dass es nach seinem Tod zu Streitigkeiten kommen könnte. Denn die Stärke der Muslime besteht in ihrer Einigkeit innerhalb des Kalifats. Deswegen forderte er die Muslime auf, noch zu seinen Lebzeiten einen Nachfolger für ihn zu wählen, damit es nach seinem Tode zu keinen Streitigkeiten kommt. Die Gefährten des Propheten (s.) berieten sich auch, doch kamen sie zu keinem Ergebnis. So kehrten sie zu Abu Bakr zurück und baten ihn, für sie einen Nachfolger zu bestimmen. Abu Bakr war vorerst nicht einverstanden, weil es sich bei der Wahl des Kalifen um ein Recht der Umma handelt und nicht irgendeiner bestimmten Person, auch nicht des früheren Kalifen. Doch die Muslime bedrängten ihn und übertrugen ihm geschlossen die Vollmacht, in ihrem Namen die Entscheidung zu treffen. Nachdem er von ihnen den Eid erhielt, seine Entscheidung zu akzeptierten, willigte er ein. Trotz dieser unmissverständlichen Vollmachtsübertragung wollte Abu Bakr die Entscheidung nicht eigenwillig treffen. Er führte ausgedehnte Beratungen mit den Vertretern der Muslime und den großen Gefährtenpersönlichkeiten, um zu erfahren, wen sie sich als Nachfolger wünschten. Es stellte sich heraus, dass die Muslime entweder Umar Ibn Al-Khattab oder Ali Ibn Abi Talib als Nachfolger haben wollten, wobei der Zuspruch für Umar fast überwog. Nach ausreichender Überlegung schlug er Umar (r) als Nachfolger vor, dem die Muslime nach seinem Tod die Bai'a leisteten. Bis 1924 ist die Kette der Kalifen, die mit Abu Bakr begonnen hat, nicht abgebrochen. Hätte man Abu Bakr damals eine Zeit vorausgesagt, in der die Muslime die Pflicht der Kalifenaufstellung über ganze Jahrzehnte vernachlässigen würden, hätte er dies wohl kaum für möglich gehalten.