PERSÖNLICHKEITEN

- 07.01.2015

Lehren aus Ja'far ibn Abi Talibs Ansprache an den Negus

„Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung auf, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt jene am besten, die rechtgeleitet sind." [Sura An-Nahl 16:125]

Kurz nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 hielt der damalige US-Präsident George W. Bush eine Rede, in der er die folgenden berühmt gewordenen Worte sprach: „Jede Nation in jeder Region muss nun eine Entscheidung treffen. Entweder sind sie auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen." Diese Ansprache markierte den Beginn eines neuen Krieges gegen die muslimische Ummah unter dem Vorwand des „Krieges gegen den Terror." Dieser Krieg war und ist aber kein Krieg gegen die muslimischen Führer oder gegen eine bestimmte Gruppe. Vielmehr ist es ein Krieg, der weltweit in die Häuser und Wohnungen der Muslime hineingetragen werden sollte.

Somit ist die Zeit, ein passiver Beobachter zu sein, vorbei und jeder Muslim hat nun eine Wahl zu treffen, denn jeder Muslim ist vom „Krieg gegen den Terror" betroffen – ob er nun offenkundig das Unrecht anprangert oder unermüdlich geneigten Hauptes „jede Art der Gewalt" verurteilt und sich den westlichen Regierungen anbiedert. Die Islamischen Verbände und Vereine scheinen nämlich nicht begriffen zu haben, dass sie das gleiche Schicksal wie die Juden in Nazideutschland ereilen kann. Denn selbst wenn sie dem Islam abschwören würden, so würden sie trotzdem in Europa Bürger zweiter Klasse bleiben, einfach aufgrund ihrer muslimischen Namen und ihrer Herkunft.

Bestes Beispiel hierfür ist Barack „Hussein" Obama, den man während des Wahlkampfes stets mit dem Islam in Verbindung zu bringen versucht hat. Man verwies andauernd auf seinen Namen Hussein und darauf, dass seine Familie in welcher Beziehung auch immer mit dem Islam in Verbindung stehen könnte. Obama versuchte sich dadurch von dem Vorwurf loszusprechen, dass er beteuerte, in seiner Jugend Alkohol und andere Drogen zu sich genommen zu haben. Nur damit man ihn nicht mit dem Islam in Verbindung bringen würde. Doch auch dieses Geständnis hielt die Leute nicht davon ab, „Obama, Osama" zu rufen.

Hier wird nicht nur deutlich, dass der Islam in den Augen der Menschen schlimmer ist als Alkohol und Drogen, sondern auch, dass man einen offenkundigen Nichtmuslim wie Obama bloß aufgrund seines Namens nicht als gleichwertig ansieht. Vielleicht öffnet dieses junge Beispiel dem ein oder anderen muslimischen Verband die Augen und lässt sie begreifen, dass der Westen sie niemals als gleichberechtigten Teil seiner Gesellschaft ansehen wird.

Obwohl Allah (s.w.t.) uns zusichert, dass die muslimische Ummah die beste ist, die aus der Menschheit je hervorgegangen ist, distanzieren sich viele Muslime im Westen von islamischen Grundprinzipien wie dem Recht auf Selbstverteidigung und sprechen von Terror, wenn die Muslime in den besetzten Länder sich gegen die Besatzung des Westens zur Wehr setzen.

„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je den Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das, was Rechtens (Ma'roof) ist, und ihr verbietet das Unrecht (Munkar), und ihr glaubt an Allah." [Sura Al-Imran 3:110]

Anstatt das zu gebieten, was Rechtens ist und anzuprangern, was Unrecht ist, schweigen sie über das Unrecht westlicher Kolonialpolitik und verurteilen den selbstlosen, gottergebenen Widerstand der Muslime in Palästina, im Irak, in Afghanistan und anderswo.

Die muslimische Umma ist dem zunehmenden Druck ausgesetzt, vorgekaute Meinungen wiederzugeben, die lediglich den Interessen der westlichen Regierungen dienlich sind und darüber hinaus über das große Unrecht, das gegen die Muslime auf der ganzen Welt verübt wird, zu schweigen. Zudem besteht die Gefahr, dass man im Falle einer Konfrontation eine defensive Haltung zum Islam einnimmt und gar über Kompromisse nachdenkt anstatt über die Fundamente des Din, der Glaubensordnung, zu diskutieren und über die Falschheit des Kapitalismus und Säkularismus zu reden. Daher ist es von größter Bedeutung, dass Muslime diesem Druck nicht erliegen und die Botschaft des Islam nicht verdrehen, nur um die Ungläubigen und die westlichen Regierungen zu beschwichtigen. Vielmehr müssen wir die Botschaft des Islam mit Weisheit und guter Lehre vermitteln - ohne jeglichen Kompromiss in den islamischen Grundsätzen.

Jeder Muslim, männlich oder weiblich, jung oder alt, hat seine oder ihre Rolle bei dieser Arbeit einzunehmen. Unsere Vorbilder sind zweifellos der Gesandte Allahs (s.a.s.) und seine edlen Weggefährten. Wenn wir das Beispiel der Sahaba (Prophetengefährten), als sie nach Abessinien auswanderten, studieren, können wir daraus viele Lehren entnehmen, die für unsere heutige Situation durchaus hilfreich sind.

Die junge muslimische Gemeinde in Mekka war schrecklicher Folter, Verleumdung und Boykott ausgesetzt. Dies nahm solche Ausmaße an, dass ein Teil von ihnen nach Abessinien auswandern musste. Als die Quraish hörten, dass einige Muslime aus Angst vor einer erzwungenen Apostasie nach Abessinien auswanderten, schickten sie zwei Abgesandte nach ihnen, um die Muslime zu diskreditieren - in der Hoffnung, der Negus (abessinische König) würde sie ihnen ausliefern, sodass die Muslime weder über den Islam noch über das Unrecht seitens der Quraish berichten könnten.

Die beiden Abgesandten waren 'Amr ibn al-'As ibn Wa'il und 'Abdullah ibn Rabi'ah. Sie erreichten Abessinien und boten den einflussreichen Generälen des Negus Geschenke an, um ihre Unterstützung zu erhalten, die muslimischen Flüchtlinge auszuliefern. Sie sprachen zu ihnen: „Einige törichte Männer unseres Stammes suchen Zuflucht im Land des Königs. Sie haben unsere Religion verlassen und Eure nicht angenommen, sondern haben eine erfundene Religion ins Leben gerufen, die weder wir kennen noch ihr kennt. Unsere Stammesältesten haben uns zu Euch geschickt um sie zurückzuholen. Also übergibt sie uns, denn der Stamm von ihnen hat den schärfsten Einblick und das meiste Wissen über ihre Fehler."

Aus Angst davor, die Muslime könnten dem Negus eine andere Sicht der Dinge schildern, forderten sie auch, dass der Negus nicht zu den Muslimen sprechen solle. Die Kommandeure trafen den Negus und rieten ihm, er solle besser die Muslime den Quraish ausliefern. Der Negus bestellte die Muslime und verlangte zu hören, was sie für sich zu sagen hatten.

Ja'far ibn Abi Talib war der Führer und Sprecher der Muslime, die nach Abessinien ausgewandert waren. Als er und seine Gefährten den Hof des Negus betraten, weigerten sie sich, sich vor ihm zu verbeugen, wie es die zwei Abgesandten und der Rest der Untergebenen des Negus getan hatten. Als sie dazu befragt wurden, sagte Ja'far: „Wir verbeugen uns vor keinem außer vor Allah."

Ja'far hielt dann eine Rede, in der er dem Negus den Islam vorstellte. Er sagte: „O König! Wir waren unwissende Menschen, und wir lebten wie wilde Tiere. Die starken unter uns lebten vom Raub an den Schwachen. Wir gehorchten keinem Gesetz und wir achteten keine Herrschaft an, die frei von brutaler Gewalt war. Wir beteten Götzen aus Stein oder Holz an und wir wussten nichts von der menschlichen Würde. Und dann hat Gott in Seiner Barmherzigkeit Seinen Gesandten zu uns geschickt, der einer von uns war. Wir wussten über seine Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit bescheid. Sein Charakter war vorbildlich. Er lud uns zur Anbetung des Einen Gottes ein, und er verbot uns Götzen zu verehren. Er ermahnte uns, die Wahrheit zu sagen und die Schwachen, die Armen, die Bescheidenen, die Witwen und die Waisen zu schützen. Er befahl uns, die Frauen zu respektieren und sie nie zu verleumden. Wir gehorchten ihm und folgten seinen Lehren. Die meisten der Menschen in unserem Land sind immer noch Götzendiener und sie verübeln uns die Konvertierung zum neuen Glauben, der Islam heißt. Sie begannen uns zu verfolgen. Und um der Verfolgung zu entkommen, suchten und fanden wir Zuflucht in deinem Reich."

Als Ja'far seine Rede beendete, sagte der Negus zu Ja'far: „Hast Du etwas von dem dabei, was Euer Gesandter von Allah gebracht hat, das du mir vorlesen kannst?" Ja'far bejahte und rezitierte die Sure Maryam von Anfang an bis zu der Stelle, an der Allah (s.w.t.) sagt:
„Da zeigte sie auf ihn. Sie sagten: „Wie sollen wir zu einem reden, der noch ein Kind in der Wiege ist?" Er (Jesus) sagte: „Ich bin ein Diener Allahs; Er hat mir das Buch gegeben und mich zu einem Propheten gemacht. Und Er gab mir Seinen Segen, wo ich auch sein möge, und Er befahl mir Gebet und Zakat, solange ich lebe; und ehrerbietig gegen meine Mutter (zu sein); Er hat mich nicht gewalttätig und unselig gemacht. Und Friede war über mir an dem Tage, als ich geboren wurde, und (Friede wird über mir sein) an dem Tage, wenn ich sterben werde, und an dem Tage, wenn ich wieder zum Leben erweckt werde." [Sure Maryam 19:29-33]

Als der Negus dies vernommen hatte, sagte er: „Dieses und was unser Herr Isa (Jesus), der Messias, brachte, sind von der gleichen Quelle." Der Negus hörte der Rezitation des Qur'an zu und weinte so sehr, dass sein Bart nass ward. Dann sprach er: „Wahrlich, das und was Musa brachte, kommen aus der gleichen Nische. Ihr zwei könnt gehen, bei Allah, ich werde sie niemals aufgeben und sie werden nicht verraten werden."

Die beiden Abgesandten der Quraisch verließen den königlichen Palast und begannen nachzudenken, wie sie auf anderem Wege ihre Aufgabe erfüllen könnten. Am nächsten Tag ging 'Amr ibn al-'As zurück zum Negus und sagte zu ihm: „Die Muslime sagen schreckliche Dinge über Isa, den Sohn von Maryam, rufe sie herbei und frage sie darüber."

Er tat dies und Ja'far antwortete: „Wir sagen über ihn das, was unser Prophet brachte. Er sagt, er ist der Diener Allahs und Sein Gesandter und Sein Geist und Sein der Jungfrau Maria gegebenes Wort." Da nahm der Negus einen Stock, zog damit eine Linie auf der Erde und sagte zu Ja'far, „Es ist nichts mehr als diese Linie zwischen eurer Religion und unserer", und er entließ die beiden Abgesandten mit leeren Händen.

Es gibt vier sehr wichtige Lehren, die wir dem Beispiel von Ja'far ibn Abi Talib's Ansprache an den Negus entnehmen können.

1. Im Bezug auf die islamischen Ge- und Verbote niemals Kompromisse einzugehen

Die Muslime standen unter enormem Druck. Ein Fehler könnte ihre Abschiebung zurück nach Mekka bedeuten, wo sie der Folter und womöglich dem Tod ausgesetzt wären. Trotz dieser Gefahr verweigerten sie die Verneigung vor dem Negus, auch wenn dies Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Stattdessen erläuterten sie ihre Position auf eine intellektuelle Weise, die der Negus verstand und die er als religiöser Mensch letztlich auch akzeptierte.

Bei der Darstellung der Botschaft des Islam müssen wir deshalb die Regeln des Islam zu allen Zeiten befolgen. Weder dürfen wir schmeicheln noch lügen noch Teile der Wahrheit verschweigen, da dies der Lüge gleich käme. Scheinbegründungen wie etwa Notwendigkeit oder „der Zweck heiligt die Mittel" haben keinen Platz bei der Verkündung der Botschaft des Islam.

2. Die Islamische Sichtweise niemals verdrehen oder abändern

Als Ja'far vom Negus über die islamische Sichtweise über Isa (a.s.) befragt wurde, hat er nicht versucht, etwas zu verschleiern oder zu verdrehen. Ja'far hat deutlich artikuliert, dass der Islam Isa (a.s.) als einen Gesandten Gottes und nicht als dessen Sohn sieht.

Muslime haben in Bezug auf ihre islamischen Werte keinen Grund sich zu schämen und haben es auch nicht nötig, westliche Mängelrügen zu akzeptieren, wie Behauptungen, der Islam sei rückständig, frauenfeindlich und grundlos gewalttätig.

3. Die Realität des Gegenübers erfassen

Der Negus war ein christlicher König. Aus den bis dato offenbarten Ayat wählte Ja'far daher eine aus der Sura Maryam, die eine der Wunder von Isa (a.s.) beschreibt, da er wusste, dass der Negus sich darauf beziehen konnte. Dieser Vers hatte eine solche Wirkung auf den Negus, dass er weinte, bis sein Bart nass wurde.

Unser Publikum zu verstehen und entsprechende Beispiele zu nennen, die sie erfassen können, ist von entscheidender Bedeutung. Wenn es darum geht, Jugendliche, Fachkräfte, Wissenschaftler, Politiker oder die Medien anzusprechen, wird die Botschaft die gleiche bleiben, jedoch müssen von Fall zu Fall verschiedene Mittel und Sprachstile angewandt werden.

4. Die Herrscher zur Rechenschaft ziehen

Die beiden Abgesandten der Quraish versuchten es zu verhindern, dass der Negus den Muslimen zuhört, da sie Angst hatten, sie würden über die Grausamkeit der Quraish berichten. Als Ja'far seine Rede hielt, legte er die Verfolgung und Ungerechtigkeit der Quraish offen. Ja'far tat dies, obwohl er wusste, dass dadurch die Strafe noch größer würde, wenn er und die Gefährten zurück nach Mekka gebracht würden.

Der Westen und ihre Agenten, die unsere Länder regieren, nutzen alle verfügbaren Mittel, um jede Stimme, die gegen sie spricht, auszuschalten. Folter, Propaganda, Inhaftierungen und Tötungen werden gegen diejenigen verübt, die mutig genug sind, sich gegen die Vasallen des Westens und ihre Unrechtsherrschaft zu erheben.

Der Gesandte Allahs (s.a.s.) sagte: „Der Herr der Märtyrer ist Hamza Ibn Abdil Muttalib, sowie ein Mann, der sich gegen einen ungerechten Imam erhebt, ihm das Rechte gebietet und sein Unrecht anprangert und dafür von ihm getötet wird." [Abu Dawud]