ANALYSE

- 25.01.2015

Wirtschaftskrisen im Vergleich zwischen Islam und Kapitalismus – Teil 1

Als 2008 das letzte in einer Reihe aufeinanderfolgender Nachbeben von Wirtschaftskrisen erfolgte, dachten die meisten Menschen, dass die westlichen Politiker es durch ihre Maßnahmen geschafft hätten, die Krise in den Griff zu bekommen. Schließlich mussten sie dann feststellen, dass die Krise nicht beendet und kein Ende in Sicht ist. Merkwürdig ist, dass die Krise selbst die islamischen Länder erreicht hat, obwohl 80% der Weltressourcen sich in diesen Bereichen der Erde befinden. Die Fragen, die sich nun also stellen sind:

Ist diese Wirtschaftskrise eine reine Finanzkrise oder eine Ideologiekrise? Was sind die tatsächlichen Ursachen für diese Krise und können solcherlei Krisen im Schatten des islamischen Systems entstehen?

Die Definition der Wirtschaft ist das Regeln der finanziellen Angelegenheiten, entweder durch das Allokieren, das Vermehren oder das Verteilen. Wenn wir also von einer Wirtschaftskrise sprechen, dann meinen wir damit schwer zu lösende Probleme, die mit der Regelung der finanziellen Angelegenheiten zusammenhängen. Zu den großen Ursachen, die zu der Wirtschaftskrise geführt haben, zählt das Ungleichgewicht im Geldsystem, die Beschaffenheit des Zinssystems und die Eigentumsarten im kapitalistischen System. In dieser Abhandlung werden wir uns diesen Ursachen mit einer relativen Genauigkeit zuwenden, um sie näher zu erläutern und anschließend ihre Realität im Islam aufzuzeigen und zu beantworten, ob solche Krisen unter dem islamischen System entstehen können.

1. Das Geldsystem

Um die Ursachen für die Wirtschaftskrisen, welche zum Anfang des letzten Jahrhunderts begannen, zu verstehen, müssen wir uns dem Geldsystem der jetzigen Welt widmen. Dieses Geldsystem hat sich in den letzten 100 Jahren revolutionär verändert, was großes Übel mit sich brachte. Um dieses Geldsystem und seine Veränderungen zu verstehen, müssen wir erst einmal seine Entstehung verstehen.

Der Mensch ist nicht in der Lage, alleine zurückgezogen in einer Gesellschaft zu leben. Stattdessen versucht er, sich mit seinen Mitmenschen in Gütern und Dienstleistungen auszutauschen. In den ersten Gesellschaften erfolgten diese Tauschgeschäfte auf eine sehr einfache Art und Weise. Wer ein materielles Gut brauchte, der tauschte es ein gegen ein anderes materielles Gut, welches sich in seinem Besitz befand. So tauschte er beispielsweise Weizen gegen Reis oder Datteln gegen Gerste. Diese Form des Tausches kam nicht zum Erliegen, vielmehr erweiterte sie sich um das Angebot der Dienstleistungen. So war es dann möglich, Dienstleistungen gegen Güter oder Dienstleistungen gegen Dienstleistungen zu tauschen. Beispielsweise beauftragte ein Arzt einen Arbeiter mit dem Ausgraben eines Brunnens, um im Gegenzug eine ärztliche Versorgung zu gewährleisten. Mit Entwicklung der Gesellschaften und ihrer zunehmenden Komplexität wurde diese Form des Tausches schwierig, was die große Notwendigkeit bei den Gesellschaften entstehen ließ, einen einheitlichen Maßstab für die verschiedenen Güter und Dienstleistungen zu entwickeln, auch bekannt als Preis. Dieser Maßstab sollte nun ein Ausdruck für den Wert sein, unabhängig davon, ob es sich um ein materielles Gut oder eine Dienstleistung handelt, und er sollte einen eigenen tatsächlichen Wert besitzen. Gold und Silber wurden schließlich der Maßstab, den die Menschheit nahm, um den Wert eines materiellen Gutes oder einer Dienstleistung zu bestimmen.

Der römische Staat nahm damals die Heraklios-Goldmünzen als Währung und der persische Staat hatte Silbermünzen als Währung, die als Sazaniden- Münzen bezeichnet wurden. Als der Prophet s.a.s. den ersten islamischen Staat errichtete, verwendete er die heraklischen und sazanidischen Münzen und im 20. Jahr n.H. fügte Umar Ibn Al Khattab r.a. ihnen noch die Gravierung „Im Namen Allahs" und „Im Namen Allahs, meines Herrn" hinzu, bis im Jahre 75 n.H. der Kalif ´Abd Al Malik Ibn Marawan die ersten voll islamisch gravierten Münzen entwarf. Auf Basis dieser Währung, also auf Basis von Gold und Silber, beruhte der Handel in der Welt bis 1914. Diese Ära der Menschheit war geprägt von wirtschaftlicher Stabilität und dem Nichtvorhandensein von Wirtschaftskrisen, weil die wirtschaftlichen Bewegungen, egal in welchem Land, real waren. Wenn also eine Ware oder Dienstleistung aus irgendeinem Land abging, kamen im Gegenwert dafür Gold und Silber in das Land, sprich ein realer Wert, der fassbar ist, und nicht nur fiktive Zahlen, die keine Existenz in der Welt der realen Güter besitzen. Zu den Tatsachen, die diese Ära mit sich brachte, gehörte unter anderem die nicht-vorhandene Inflation zwischen 1760 bis 1910.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es schließlich zu einer Störung im Geldsystem aufgrund des Geldes, welches in den Kriegen verloren ging, ohne dass ihm ein Gegenwert entgegen kam. Zwar kam es 1922 wieder zu einer geringen Stabilität in den Geldreserven, welche aber nicht länger als sieben Jahre anhielt und die Wirtschaft schließlich im Jahre 1929 völlig zu Grunde richtete. Diese war auch bekannt als "Große Depression". Hierauf folgte der Zweite Weltkrieg im Jahre 1939, aus dem die U.S.A. als Sieger hervorgingen. Durch diesen ihren Sieg und die Tatsache, dass sich zwei Drittel der Goldreserven in ihrem Land befanden, vermochten sie es, der Welt ihren Willen aufzuzwingen und so kam es zur Dämonisierung des Geldsystems der damaligen Welt in dem Bretton-Woods-Abkommen von 1944. So koppelte die U.S.A. den Dollar an Gold und löste diese Goldgebundenheit bei allen anderen Währungen der Welt auf, um sie stattdessen alle an den Dollar zu binden. Um es anders auszudrücken wurde der Dollar von diesem Tag an zum Maßstab für alle anderen Währungen. Und da die Vereinigten Staaten die nötigen Goldreserven besaßen, waren sie auch in der Lage, mehr als 100 % der Dollarvorkommen durch Gold zu decken. Dieser Zustand hielt bis 1971 an, als Präsident Nixon die Golddeckung des Dollars vollkommen aufhob und von diesem Tag an der tatsächliche Wert des Dollars nicht das Papier auf dem es gedruckt wurde überstieg.

Seit diesem Tag befindet sich das Geldsystem der Welt unter den Regeln des Nichts und kann nicht zur Bewertung der Wirtschaft irgendeines Landes der Welt herangezogen werden. Vielmehr sind es die politischen Entscheidungen eines Landes, welche die Stärke oder Schwäche ihrer Währung beeinflussen. Durch den siegreichen Ausgang der U.S.A. im Zweiten Weltkrieg waren sie auch im Stande, internationale Währungsinstitutionen wie den IWF und die Weltbank zu schaffen, durch die sie auf das internationale Währungssystem Einfluss ausüben konnten, indem sie direkte Eingriffe in nationale Währungen geltend machten.

All dies führte zu dem natürlichen Resultat, dass die heute existenten Währungen auf der Welt keine tatsächlichen materiellen Güter und Dienstleistungen widerspiegeln, d.h., dass ein Großteil der weltweiten Finanzen nicht real ist, was auch als "unreal economy" bezeichnet wird. Dies ist die erste Ursache für die im letzten Jahrhundert entstandenen Wirtschaftskrisen, weil das natürliche Verhältnis zwischen den existierenden Finanzen und den Gütern, die diesen Finanzen entsprechen (die diese Finanzen widerspiegeln), ins Wanken gekommen ist. Zu den Symptomen dieses Ungleichgewichts gehören die starke Inflation und die Volatilität (starkes Schwanken) der Preise.

Zu den großen Katastrophen der Finanzkrise gehört die Tatsache, dass Amerika die Welt durch den Dollarpreis kontrolliert, da die restlichen Staaten der Welt den Dollar als Reserve für ihre Währungen vorrätig haben. Das bedeutet, dass er für diese Währungen die Stellung von Gold und Silber einnimmt, was wiederum bedeutet, dass jede Schwankung des Dollars all die Länder der Welt, welche einen großen Vorrat an Dollar aufbewahren, dazu verleitet, um die Rettung des Dollars wettzueifern, auf dass ihre Länder keinen Schaden erleiden. Um es vereinfacht auszudrücken bedeutet dies, dass Amerika die ganze Welt mit in sein Schiff getan hat, wodurch sich die Versuche Europas und Chinas zur Rettung des Dollars im Jahre 2008 erklären lassen. Hierdurch lässt sich auch der von Charles de Gaulle in den sechziger Jahren gescheiterte Versuch verstehen, den Goldstandard wieder herzustellen.

Teil 2 (Das Zinssystem) folgt...