POLITISCHE F&As

- 24.09.2017

Die Afghanistan-Strategie der USA

Antwort auf eine Frage

Die Afghanistan-Strategie der USA

 

Frage:

Am 15.08.2017 hat sich die Bewegung der Taliban mit einem offenen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit der Aufforderung gewandt, die US-Soldaten vollständig aus Afghanistan abzuziehen und die Anzahl der Streitkräfte nicht zu erhöhen. Die Taliban haben Trump dazu aufgefordert, „seine Truppen komplett aus Afghanistan abzuziehen“. In einem offenen Brief warnten sie ihn davor, die Zahl der US-Streitkräfte in dem Land, das für Washington unbezwingbar ist, aufzustocken. (Quelle: Novosti-Russia Today, 15.08.2017) Es handelt sich um die Reaktion auf eine von Trump geplante neue Strategie für Afghanistan, von der die Taliban befürchten, dass sie die Entsendung weiterer US-Streitkräfte mit sich bringt. Immer öfter kamen von Offiziellen aus dem Weißen Haus Äußerungen, die auf eine baldige neue Strategie für Afghanistan hindeuten. Die Nachrichtenagentur zitierte am 10.08.2017 Trumps Erklärung vor Journalisten, nämlich dass seine Administration „sehr nahe dran“ sei, sich eine neue Strategie für Afghanistan anzueignen. Er fügte hinzu: Es ist für mich eine sehr große Entscheidung. Ich habe ein Chaos geerbt, und wir arbeiten daran, dieses Chaos spürbar zu verkleinern. Bedeutet all das, dass es die USA mit der neuen Strategie für Afghanistan ernst meinen? Bringt sie die Entsendung neuer Truppen mit sich oder wird die Rolle Pakistans bzw. Indiens in Afghanistan aktiviert, ohne dass es zur Entsendung neuer Streitkräfte kommt? Möge Allah es dir mit Besserem vergelten.

 

Antwort:

Es lässt sich durchaus sagen, dass die USA derzeit ihre Afghanistan-Strategie einer gründlichen Begutachtung unterziehen, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, die sogenannte „Endphase“ ihrer Intervention in Afghanistan zu erreichen. Über die Armeeführung in Afghanistan ist Trump verärgert. Reuters berichtete am 03.08.2017 von einem stürmischen Meeting, das zwischen Trump und Militärverantwortlichen in Washington stattfand. Es kam während des Treffens zu starken Spannungen, nachdem Trump erklärte, dass Verteidigungsminister James Mattis und US-Generalstabschef Joseph Danford die Entlassung des US-Oberkommandierenden in Afghanistan General John Nicholsons in Erwägung ziehen sollten, weil dieser den Krieg nicht gewinne. Trump brachte seine Skepsis zum Ausdruck, was Amerikas Krieg in Afghanistan betrifft. Auch die Obama-Administration hatte seinerzeit Amerikas Afghanistan-Strategie einer Prüfung unterzogen und überarbeitet. Doch die Sichtung, die die Trump-Administration derzeit vornimmt, hat eine Besonderheit: Sie kommt zu einer Zeit, in der sich die weltweiten Probleme für die USA auch im Hinblick auf ihre internationale Stellung verschärfen. Dies soll im weiteren Verlauf genauer beschrieben werden:

Erstens: Ende 2001 proklamierte Amerika seinen Krieg gegen Afghanistan und rechtfertigte diesen mit den Attentaten vom 11. September. Gepuscht wurde er von den Neokonservativen aus dem Kreis der Bush-Administration. Nicht einmal zwei Jahre später marschierten die USA in den Irak ein und besetzten ihn. Doch sie versanken im Wüstensand des Irak und begannen nach Hilfe zu suchen, um dort wieder rauszukommen. Ihr Desaster im Irak ließ ihren Krieg in Afghanistan in den Hintergrund rücken. Sie waren nur noch darauf konzentriert, dem irakischen Morast zu entkommen, nachdem der Irak und der irakische Widerstand zur Hauptsorge Bushs und später Obamas wurden.

Nachdem es der Obama-Administration Ende 2011 geglückt war, einen Großteil der US-Streitkräfte aus dem Irak abzuziehen, widmete sich Amerika der Entwicklung einer neuen Strategie, um dem Aufstieg Chinas zu begegnen. Dies war die Angelegenheit, die die zweite Amtsperiode Obamas dominierte. Noch bevor die amerikanische China-Strategie in Grundzügen ausgearbeitet war, ja während man sie noch vorbereitete und an ihr feilte, drohte mit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings der amerikanische Einfluss in der arabischen Region, vor allem in Syrien, zu kippen. Amerika musste nun seine Bemühungen auf die Bekämpfung der durch die Rebellion entstandenen Gefahren verteilen, speziell in Syrien, und gleichzeitig im Fernen Osten China entgegentreten. So erklärten die USA ihre Ablehnung zur chinesischen Aufschüttung von Inseln im Südchinesischen Meer, sie setzten sich für eine Remilitarisierung Japans ein und begannen Nordkorea zu provozieren. Vor diesem Hintergrund und angesichts der eher mäßigen Verluste der USA in Afghanistan ist das Land und der dort von Amerika geführte Krieg aus dem Zentrum der amerikanischen Aufmerksamkeit gerückt. Dennoch bedeutete dies nicht, dass das Thema ganz vernachlässigt wurde, sondern vielmehr, dass neue Prioritäten in den Fokus der amerikanischen Aufmerksamkeit rückten.

Zweitens: Nach sechzehn langen Kriegsjahren in Afghanistan kann mit definitiver Sicherheit gesagt werden, dass sowohl die amerikanischen Streitkräfte als auch die beteiligten Nato-Truppen kläglich darin gescheitert sind, den afghanischen Widerstand auszumerzen. Dieser Widerstand wird in erster Linie durch die Taliban verkörpert, die im Zuge der US-Intervention 2001 entmachtet wurden. Es lässt sich auch definitiv sagen, dass sämtliche Optionen der USA, ihre Vasallen in Afghanistan fest zu installieren, ebenso fehlschlugen. Weder nutzte ihnen das von den USA nach Afghanistan gezerrte Indien, um der von ihnen bezeichneten „Rebellion“ ein Ende zu bereiten, noch hat den Amerikanern jener Krieg viel gebracht, den ihre Vasallen in Pakistan gegen Waziristan und gegen andere Gebiete führten, im Versuch, die Last der amerikanischen Verluste zu mindern. Auch in den Bemühungen der Aussöhnung mit den Taliban gab es keine Fortschritte. Daher zeigt sich Amerikas Zustand in Afghanistan nach 16 Jahren Krieg als ziemlich düster. Die Taliban hingegen bewegen sich vollkommen frei in großen Arealen Afghanistans, während die Vasallen-Regierung in Kabul keinerlei Einfluss auf sie hat. Sie verüben massive und furchteinflößende Anschläge in den meisten afghanischen Gebieten, darunter in der Hauptstadt Kabul, in der es der amerikanischen Armee bis jetzt nicht gelungen ist, für Sicherheit zu sorgen. Mehr noch: Viele der Angriffe, die gegen die US-Streitkräfte verübt wurden, stammten von Soldaten der afghanischen Armee, die von Washington trainiert wurden. Und so schrumpften die amerikanischen Optionen in Afghanistan immer weiter zusammen.

In einem Bericht des amerikanischen Carnegy-Instituts vom 22.05.2017, der die heutige afghanische Realität und ihre Gefahr beschreibt, heißt es: […] die Kombination aus der Schwäche des afghanischen Regimes und der unkontrollierten Rückkehr der Taliban kann zu einem verheerenden Kollaps des afghanischen Regimes und der Regierung führen. Dies wiederum würde entweder erneut zu Anarchie oder zur Neubildung terroristischer Organisationen führen. Der Bericht pocht auf die Notwendigkeit einer Beendigung des Afghanistan-Konfliktes, nicht nur, weil er die USA jährlich 23 Milliarden Dollar kostet, sondern auch wegen der begrenzten Optionen, die für eine Afghanistan-Lösung möglich wären.

Während der Regierungszeit Obamas ist ein großer Teil der amerikanischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen worden. Lediglich ca. 10.000 Soldaten sind dort verblieben, unterstützt von 3.000 Nato-Soldaten und 20.000 Söldnern von US-Sicherheitsfirmen. Dennoch war dies keineswegs einem Sieg zu verdanken oder als Fortschritt zu bewerten. Die US-Militärbasen wurden, sobald sie die US-Armee räumte, kurzerhand von den Taliban in Beschlag genommen. Und es schien nicht so, dass die Armee, die der afghanischen Vasallen-Regierung untersteht, außerhalb der Hauptstadt Kabul irgendetwas Effektives entgegenzuhalten hatte, trotz des großen Kontingents an Soldaten und intensiver amerikanischer Bemühungen, sie auszubilden. So viel zum militärischen Aspekt.

Drittens: Aus politischer Sicht sind die USA, nachdem sie die begrenzten Optionen in Afghanistan und das Scheitern der indischen Alternative realisiert hatten, dazu übergegangen, auf Verhandlungen mit den Taliban zu setzen. Ihre Hoffnung war, dass die Taliban sich in die US-Herrschaft über Afghanistan integrieren lassen. Um die Führungsriege der Taliban an den Verhandlungstisch zu zerren, benutzten die Amerikaner ihre an der Macht befindlichen Vasallen in Pakistan. Dennoch waren alle Versuche zum Scheitern verurteilt. Weder auf militärischer noch auf politischer Ebene konnten die USA beim Thema Afghanistan Erfolge verzeichnen. Mehr noch: Die USA hatten nicht einmal einen konkreten Plan parat. Sie mussten sich, gerade weil ihnen ein solcher Plan für Afghanistan fehlte, Kritik gefallen lassen. Am heutigen Donnerstag meldete Interfax unter Berufung auf eine Quelle aus dem russischen Außenministerium, dass die Unfähigkeit der Trump-Administration, eine klare Afghanistan-Politik vorzulegen, einen zusätzlichen Faktor für Unsicherheit und Instabilität im Lande darstelle. Die Quelle sagte weiter, dass davon die Stabilität des afghanischen Staates und die Haltung der Nato-Mitgliedstaaten abhängt, was deren militärische Präsenz in Afghanistan betrifft, und auch generell die Perspektive einer Regelung der Situation im Land. (Russia Today, 03.08.2017)

Viertens: Damit wird das tiefe Ausmaß der US-Krise in Afghanistan deutlich. Deutlich wird aber auch die Knappheit an Optionen. Doch Amerika bedarf dringend einer Beruhigung des dortigen Krieges, wenn er schon nicht komplett beigelegt werden kann, da man das Ausbluten der militärischen und wirtschaftlichen Kapazitäten Amerikas stoppen will. Manche Militärführer allerdings sehen es als notwendig an, das US-Truppenkontingent aufzustocken, um einen Sieg über die Taliban realisieren zu können. Um das zu genehmigen, stellt der Präsident jedoch die Bedingung, dass ein zeitlich befristetes Programm vorliegen und klare, greifbare Resultate erzielt werden müssten – Dinge, die das Militär mit Blick auf die bittere 16-jährige Erfahrung in Afghanistan nicht bieten kann. Dass diese Option jedoch zumindest theoretisch in Frage kommt, ist auf die lechzende Gier Trumps nach dem gewaltigen Reichtum an Mineralien in Afghanistan zurückzuführen. Deren Wert schätzen die Amerikaner auf eine Billion Dollar. Hinzu kommt die Bedeutung der Lage Afghanistans als Korridor für das zentralasiatische Erdöl. Die Online-Ausgabe der Zeitung Al-Dustur zitierte am 26.07.2017 aus der New York Times, dass das Weiße Haus zur Erkundung der möglichen Optionen die Entsendung eines US-Abgesandten nach Kabul untersuche, um sich mit den dortigen Verantwortlichen für Mineralienförderung zu treffen. Die Zeitung wies darauf hin, dass sich in einer Zeit, in der sich das Weiße Haus vergangene Woche zunehmend in eine Afghanistan-Debatte verbissen hatte, drei prominente Mitarbeiter aus Trumps Stab mit Michael N. Silver, einem der Exekutivdirektoren des Chemiekonzerns „American Elements“, trafen, um die Fördermöglichkeiten seltener mineralischer Bodenschätze in Afghanistan zu erörtern. Doch die Option einer Aufstockung des Truppenkontingents und Investitionen in die afghanische Infrastruktur, etwa in Bahngleise und Straßen, um solche Mineralien fördern zu können, stellt keineswegs eine sichere Option dar. Das gilt auch für die „Business-Mentalität“, die Trumps Gedankenwelt beherrscht, da die vermuteten Minen sich auf von Taliban kontrolliertem Terrain befinden.

Demzufolge ist die wahrscheinlichste Option, die die Trump-Administration wählen wird, die, sich auf die Militärbasen in Afghanistan zurückzuziehen, um die Vasallen-Regierung am Leben zu halten und deren Kollaps zu verhindern, während man Pakistan mobilisieren und es erneut für Afghanistan in Stellung bringen wird, nachdem Indien dort kapitulieren musste. Durch all das sollen die Taliban davon überzeugt werden, sich in dem amerikanischen Politsystem in Kabul zu integrieren und dem afghanischen Widerstand ein Ende zu setzen, d. h., einen Schlussstrich unter den längsten amerikanischen Krieg zu ziehen. Die USA erhoffen sich also, die Kosten ihres Krieges in Afghanistan merklich zu verringern, indem sie ihre Präsenz, gleich den Stützpunkten in der Golfregion, auf die Militärbasen beschränken und nur bei Gefahr ausrücken. Daneben würden sie ihre Vasallen in Pakistan unterstützen, die die Kontakte zu den Taliban nie abgebrochen haben. So ist es möglich, sie erneut zu aktivieren und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit die Taliban über die pakistanische Tür die Bedingungen der Amerikaner akzeptieren. Schließlich haben die USA noch während der Obama-Ära von ihren Vasallen in Pakistan erfolgreich Gebrauch gemacht: Die afghanische Regierung hat mit der Partei Hezb-e-Islami, der zweitstärksten militanten Gruppierung im Land, in Abwesenheit ihres Anführers Gulbuddin Hekmatyar ein Abkommen erreicht. Unterzeichnet wurde die Vereinbarung von Vertretern der bewaffneten Gruppe und dem Präsidenten Ashraf Ghani. (BBC, 22.09.2016) Genau das bestärkt die USA darin, sich in der Taliban-Angelegenheit erneut Pakistans zu bedienen, da Hekmatyar nach der Aussöhnung und nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt Kabul an die Taliban appellierte, sich in die politische Ordnung einzugliedern: Der Parteiführer des Hezb-e-Islami in Afghanistan Gulbuddin Hekmatyar rief die Bewegung der Taliban dazu auf, sich der Aussöhnung mit der afghanischen Regierung anzuschließen. Nach seiner Ankunft in Kabul appellierte er in einer ersten Rede vor großen Massen eindringlich an die Taliban, dabei zu helfen, die ausländischen Truppen mit friedlichen Mitteln aus dem Land zu vertreiben. (Al Jazeera Net, 06.05.2017)

Fünftens: Es scheint, dass sich Amerika großen Gefahren ausgesetzt sieht. So bestehen Gefahren im chinesischen Becken, besonders die sich Tag für Tag zuspitzende Lage mit Nordkorea, die nicht enden wollende Gefahr in Syrien und darüber hinaus das Scheitern sämtlicher effektiver politischer Schritte für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dies zum einen. Zum anderen machen sich Erschöpfung und Verdrossenheit unter den US-Truppen in Afghanistan breit, was die Realisierung eines Sieges betrifft, zumal die Rolle Indiens auf der afghanisch-lokalen Ebene gescheitert ist. Hoffnung ist nun aufgekeimt, nachdem Hekmatyar zurückgekehrt ist. Die USA scheinen aus all dem die Hoffnung geschöpft zu haben, dass man - ganz nach amerikanischer Art - eine Aussöhnung erreichen kann, die das garantieren soll, was ihnen durch Krieg nicht gelungen ist. Daher entschlossen sie sich, die Rolle Pakistans in Afghanistan zu reaktivieren und für eine Verringerung pakistanischer Angriffe sowohl im Inland als auch an der Grenze zu Afghanistan zu sorgen. So hat es seit der neuen Militärführung unter Bajwa vor nahezu acht Monaten auf pakistanischem Territorium keine großen Militäroperationen mehr gegeben wie jene, mit denen sich sein Vorgänger Raheel Sharif einen unrühmlichen Namen gemacht hat, so z. B. die Militäroperation „Schlag des Zorns“, welche etappenweise gegen die „Terroristen“ - wie Raheel sie bezeichnete - an der afghanischen Grenze durchgeführt wurde. Vielmehr hört man unter der Führung von General Bajwa sogar von leichten Gefechten zwischen der pakistanischen und der indischen Armee an der kaschmirischen Grenze. Und das stärkt ohne Zweifel innenpolitisch dessen Akzeptanz - auch unter der Führungsriege der Taliban.

Pakistans neuer Armeechef Bajwa ist bestrebt, Afghanistan seine helfende Hand zu reichen, mit dem Vorwand, den IS zu bekämpfen. D. h.: die Neuausrichtung des „Kampfes gegen den Terror“ weg von der Bekämpfung der Taliban und der Mudschahedin in Waziristan hin zur Bekämpfung des IS. In diesen Kurs ist die afghanische Regierung ebenso eingebunden wie die pakistanischen Stämme, die einen Groll auf Raheel Sharif, den Vorgänger Bajwas, hegen. Und was im Geheimen zwischen Bajwa und den Taliban Afghanistans besprochen wurde, ist schwerwiegender. Der pakistanische Armeechef Qamar Javed Bajwa reichte Afghanistan seine Hand zur „Kooperation in Sachen Sicherheit“, um der Bedrohung durch den IS entgegenzutreten. Es ist eine seltene Entwicklung bilateraler Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten. Das Engagement General Bajwas, eine Sicherheitskooperation mit Afghanistan zu beginnen, zeigte sich im Laufe des Freitagstreffens mit einer Anzahl von Stammesführern in Wadi Kurram - einer Verwaltungseinheit, die sich in einem Stammesgebiet befindet, das der föderalen Verwaltung Pakistans untersteht - nahe der Grenze Afghanistans. Pakistans Armeechef Bajwa rief in einer seltenen Entwicklung der bilateralen Beziehungen mit Kabul beide Länder zu „Einheit und Wachsamkeit“ auf: „Es obliegt uns, geeint, bereit und wachsam zu sein angesichts dieser Bedrohung“, fuhr er fort. (Al-Khaleej online, 01.07.2017)

Dass es den USA nicht gelungen ist, die Mudschahedin in Afghanistan, vor allem die Taliban, unter Kontrolle zu bringen, bestätigen die versöhnlich klingenden Worte des afghanischen Präsidenten nach dem Trump-Gipfel in Saudi-Arabien. So sagte er: Was noch wichtiger ist, ist die Tatsache, dass die afghanische Regierung zur Aussöhnung gewillt ist. Und wir appellieren an die Taliban zu wählen. Entscheiden sie sich für die Versöhnung, werden sie alles, was sie wollen, über den Weg der Politik und des Gesetzes erlangen. Wir beschwören die Taliban, sich von den Terroristen zu distanzieren. (The Middle East, 25.05.2017). Das bestätigt, dass die amerikanische Politik den Taliban suggerieren möchte, dass sie sich außerhalb der Zielscheibe des US-Krieges gegen den „Terror“ befänden. Mehr noch: Sie sollen sich in diesem Krieg auf die Seite der afghanischen Regierung schlagen. Die Forderungen der Taliban nach einem kompletten Abzug der US-Truppen aus Afghanistan könnten dann über den Weg des Friedens und nicht über den des Krieges in Erfüllung gehen.

Sechstens: Als Resümee lässt sich sagen, dass Trumps Afghanistan-Strategie in einer Phase neu gesichtet wird, in der Amerika global beträchtlichen Gefahren gegenübersteht. Im Lichte der zuvor angeführten Ereignisse ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Revision der amerikanischen Afghanistan-Politik folgende Punkte beinhalten wird:

1- Sie wird sich dahin bewegen, die Situation im Land weitgehend abzukühlen, sodass sich die amerikanische Präsenz auf die US-Basen beschränkt und diese nur bei Gefahr zum Einsatz kommen. Nach außen werden sie als „Anti-IS-Mission“ inszeniert.

2- Es ist unwahrscheinlich, dass die USA Militärkräfte mit dem Ziel entsenden werden, zu kämpfen und eine Eskalation herbeizuführen. Sie könnten zwar für einen befristeten Zeitraum Streitkräfte hinschicken, allerdings nicht für Kampfzwecke, sondern um beim Verhandlungspoker eine Karte im Ärmel zu haben, als ob sie sagen würden: Wir sind zum „Zugeständnis“ bereit, diese zusätzlichen Truppen abzuziehen, im Gegenzug für das „Zugeständnis“ der Taliban, sich auf Verhandlungen mit der afghanischen Regierung einzulassen – selbstverständlich ohne die Interessen Amerikas anzutasten.

3- Damit es einfacher wird, die Taliban zu verführen, wird Amerika die Rolle Pakistans reaktivieren. Dazu wird sich die neue Armeeführung Pakistans zunehmend flexibler und solidarischer mit den Taliban zeigen, um sie so zu animieren, sich mit der Vasallenregierung in Kabul zusammenzusetzen und zu verhandeln und sich schließlich an der politischen US-Ordnung in Afghanistan zu beteiligen.

Siebtens: Letztendlich warnen wir davor, sich auf Pakistans Vasallen zu verlassen oder sich der Nachgiebigkeit der pakistanischen Armeeführung sicher zu sein, die sie im Hinblick auf Afghanistan nach außen demonstriert. Man sollte aus den Lektionen der Vergangenheit lernen. So hätten die USA es niemals geschafft, Afghanistan zu betreten, ohne die Hilfe ihrer Vasallen im pakistanischen Machtgefüge. Diese neue Politik seitens der pakistanischen Machthaber gegenüber den Taliban ist nichts als ein Theaterstück, welches mit der Feder Amerikas geschrieben wurde. Deren letzter Akt hat das Ziel, die Gefahren aus dem Weg der Herrschaft ihrer Vasallen in Afghanistan zu räumen, ohne selbst mit kostspieligen Mitteln militärisch eingreifen zu müssen – und wenn, dann nur in geringem Rahmen. Die neuen Machthaber Pakistans stellen bloß ein weiteres und dazu unverhülltes Gesicht dieses amerikanischen Planes dar. So halten die USA ihre Mitläufer in Pakistan mal dazu an, den afghanischen ğihād einzudämmen und dessen Schlagkraft zu brechen, so, wie es der unehrenhafte Raheel Shareef in Waziristan nach dem Plan Obamas getan hat. Nun setzen die neuen Machthaber nach dem Plan Trumps alles daran, die Taliban in Versuchung zu führen und sie für sich zu vereinnahmen. Denn die USA sind mit ihrer Politik, die Taliban mit Gewalt in unheilvolle Verhandlungen zu zerren, und ihnen ihre Entschlossenheit zum ğihād auszutreiben, gescheitert. Daher versuchen die Amerikaner, sie mit List und Tücke durch pakistanische Annäherungsversuche an den Verhandlungstisch zu bringen. Doch wir warnen davor, in die von den USA und ihren Vasallen ausgelegte Falle zu tappen und ihnen zu vertrauen.

﴿وَلَا تَرْكَنُوا إِلَى الَّذِينَ ظَلَمُوا فَتَمَسَّكُمُ النَّارُ وَمَا لَكُم مِّن دُونِ اللَّهِ مِنْ أَوْلِيَاءَ ثُمَّ لَا تُنصَرُونَ﴾

Und sucht keine Stütze bei denen, die Unrecht tun, sonst berührt euch das Feuer; denn ihr habt keine Schutzherren außer Allah. Auch wird euch sodann keine Hilfe zuteil. [11:113]

24. Ḏū l-Qiʿda 1438 n. H.

16.08.2017