IM LICHTE DER OFFENBARUNG

- 19.11.2017

Die Bedeutung von ṣabr im Islam

Der Ausdruck "ṣabr" gehört zu jenen Begriffen, die von Muslimen gerne missverstanden werden. Allzu oft übersetzen sie ṣabr mit "sich in Geduld üben". Damit suggerieren sie den Zuhörern aber die falsche Vorstellung, dass man ṣabr übt, wenn man einer misslichen Lage ausharrt und wartet, ohne sich um eine Veränderung zu bemühen. Tatsächlich hat jedoch der Begriff mit Apathie oder Passivität nichts gemein. Im Gegenteil, er steht ihnen diametral entgegen. Ṣabr ist vielmehr das standhafte Erdulden von Leid, das einem während des Einsatzes auf dem Wege Allahs widerfährt. Unter Zuhilfenahme der göttlichen Offenbarung aus Koran und Sunna wird im Folgenden mit den falschen Vorstellungen von ṣabr gründlich aufgeräumt.

In Sure 2 Vers 153-157 sagt der Erhabene:

﴿يَاأَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا اسْتَعِينُوا بِالصَّبْرِ وَالصَّلَاةِ ۚ إِنَّ اللَّهَ مَعَ الصَّابِرِينَ، وَلَا تَقُولُوا لِمَنْ يُقْتَلُ فِي سَبِيلِ اللَّهِ أَمْوَاتٌ ۚ بَلْ أَحْيَاءٌ وَلَكِنْ لَا تَشْعُرُونَ، وَلَنَبْلُوَنَّكُمْ بِشَيْءٍ مِنَ الْخَوْفِ وَالْجُوعِ وَنَقْصٍ مِنَ الْأَمْوَالِ وَالْأَنْفُسِ وَالثَّمَرَاتِ ۗ وَبَشِّرِ الصَّابِرِينَ، الَّذِينَ إِذَا أَصَابَتْهُمْ مُصِيبَةٌ قَالُوا إِنَّا لِلَّهِ وَإِنَّا إِلَيْهِ رَاجِعُونَ، أُولَئِكَ عَلَيْهِمْ صَلَوَاتٌ مِنْ رَبِّهِمْ وَرَحْمَةٌ ۖ وَأُولَئِكَ هُمُ الْمُهْتَدُونَ

Ihr, die ihr glaubt! Sucht Hilfe in Standhaftigkeit (ṣabr) und Gebet! Wahrlich, Allah ist mit den Standhaften. Und nennt nicht diejenigen, die auf Allahs Weg getötet wurden, Tote. Denn sie leben, ihr aber nehmt es nicht wahr. Und gewiss werden wir euch prüfen durch etwas an Angst, Hunger und Minderung an Besitz, Menschenleben und Früchten. So verkünde den Standhaften die Frohbotschaft. Die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: „Wir gehören Allah und zu ihm kehren wir zurück.“ Auf diese lässt ihr Herr Segnungen und Barmherzigkeit herab und diese werden rechtgeleitet sein.

Diese Verse befassen sich mit dem Leid und dem Unglück, die einem Menschen im Laufe seines Lebens widerfahren können, und damit, wie der Mensch in einer solchen Situation Hilfe und Unterstützung findet und ihn dafür bei Allah ein reichlicher Lohn erwartet.

In den davor erwähnten Versen werden die Menschen darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein Prophet aus ihrer Mitte mit den Zeichen und Beweisen Allahs entsandt wurde, um sie vom Unglauben zu befreien, mit dem Auftrag, ihnen die islamischen Glaubensgrundlagen und Gesetze zu vermitteln. Nachdem Allah sie dazu anhält, Seiner immerfort zu gedenken und von Seinem Wege nicht abzukommen, fordert Er die Gläubigen dann in den oben angeführten Versen dazu auf, Hilfe in ṣabr und Gebet zu suchen. Diese Verse verweisen implizit darauf, dass das Verkünden des Islam und die Einhaltung der göttlichen Gesetze beschwerlich und mit Leid und Entbehrungen verbunden sind. Den Gläubigen soll dies jedoch weder abschrecken noch von seinem Weg abbringen, sondern standhaft machen, und sei er in noch so großer Not. Dabei soll er von zwei Stützen Gebrauch machen, die ihm helfen, solche Situationen zu bewältigen: Standhaftigkeit (ṣabr) und Gebet.

Anschließend werden Beispiele angeführt, die verdeutlichen, welches Unglück einen Menschen treffen kann und dass dieses Unglück eine Prüfung für den Gläubigen darstellt, vor allem als Folge seines aktiven Einsatzes für den Islam. Zu diesen Prüfungen gehört das Sterben auf dem Wege Allahs, d. h. der Tod im Kampf gegen die Feinde des Islam und um das Wort Allahs zu erhöhen. Ferner wird erwähnt, dass der Mensch von Angst, Hunger und der Minderung an Besitz, Menschenleben und Ernten geplagt werden kann, d. h. von Leid in jeglichen Erscheinungsformen. Dies kann Furcht vor ständiger Verfolgung sein oder der Umstand, dass man sich seines Lebens nicht mehr sicher ist. Man kann von Hunger, Armut oder Krankheit heimgesucht werden, einen lieben Menschen verlieren oder anderes Unglück erleiden.

Ist der Gläubige davon betroffen, gilt es als Prüfung für ihn und wird als ibtilāʾ, balāʾ oder auch fitna bezeichnet. Dabei ist es unerheblich, in welcher Schwere sie auftritt, da im Arabischen die Formulierung "bi-šaiʾin min …" – etwas an ... - bei Erwähnung der Erscheinungsformen der Prüfung verwendet wurde, was deren Unbestimmtheit unterstreicht. Somit stellt jedes Unglück in welcher Form auch immer eine Prüfung für den Gläubigen dar, und das standhafte Erdulden dessen, sich also in ṣabr zu üben, zieht einen großen Lohn nach sich. Der Gesandte (s) sprach:

«مَا يُصِيبُ الْمُؤْمِنَ مِنْ وَصَبٍ وَلَا نَصَبٍ وَلَا سَقَمٍ وَلَا حَزَنٍ حَتَّى الْهَمَّ يُهِمُّهُ إِلَّا كَفَّرَ اللَّهُ بِهِ مِنْ سَيِّئَاتِهِ»

Den Gläubigen trifft kein dauerhafter Schmerz, keine Erschöpfung, keine chronische Krankheit, keine Trauer, nicht einmal eine Sorge, die ihn bedrückt, ohne dass Allah ihm dafür von seinen Sünden tilgt. (Bei al-Buḫārī und Muslim von Abū Huraira und Abū Saʿīd al-Ḫudrī tradiert.)

Auch hat der Erhabene dargelegt, dass der Gläubige mit einem großen Lohn bedacht wird, wenn er beim Erleiden eines Unglücks die Worte ausspricht:

﴿إِنَّا لِلَّهِ وَإِنَّا إِلَيْهِ رَاجِعُونَ

Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück. (2:156) So sagt Er im nächsten Vers unmittelbar darauf:

﴿أُولَئِكَ عَلَيْهِمْ صَلَوَاتٌ مِنْ رَبِّهِمْ وَرَحْمَةٌ ۖ وَأُولَئِكَ هُمُ الْمُهْتَدُونَ

Auf diese lässt ihr Herr Segnungen und Barmherzigkeit herab und diese werden rechtgeleitet sein. Dem Menschen werden also das Wohlgefallen Allahs, Seine Gnade und Seine Rechtleitung zuteil. Außerdem werden dem Gläubigen dabei weitere Wohltaten im Diesseits versprochen. Muslim überliefert von Um Salama, der späteren Ehefrau des Gesandten Allahs (s), die sprach: Ich hörte den Gesandten Allahs (s) sagen:

«مَا مِنْ عَبْدٍ تُصِيبُهُ مُصِيبَةٌ فَيَقُولُ: إِنَّا لِلَّهِ وَإِنَّا إِلَيْهِ رَاجِعُونَ، اللَّهُمَّ أَجِرْنِي فِي مُصِيبَتِي، وَأَخْلِفْ لِي خَيْرًا مِنْهَا، إِلَّا أَجَرَهُ اللَّهُ فِي مُصِيبَتِهِ، وَأَخْلَفَ لَهُ خَيْرًا مِنْهَا»

Jeder Diener, den ein Unglück trifft und der daraufhin sagt: „Wir gehören Allah und zu ihm kehren wir zurück. O Allah, belohne mich in meinem Unglück und vergelte es mir mit Besserem“, den belohnt Allah in seinem Unglück und vergilt es ihm mit Besserem. Um Salama sprach: Als Abu Salama starb, sagte ich, was der Gesandte Allahs mir aufgetragen hatte, und Allah machte es mir durch etwas Besseres wett. (Indem der Gesandte Allahs (s) sie heiratete. Bei al-Buḫārī; Muslim; at-Tirmiḏī und Abū Dāwūd tradiert.) Auch sagt der Erhabene hinsichtlich des Leides, das dem Muslim während des Kampfes auf dem Wege Allahs widerfährt:

﴿ذَلِكَ بِأَنَّهُمْ لَا يُصِيبُهُمْ ظَمَأٌ وَلَا نَصَبٌ وَلَا مَخْمَصَةٌ فِي سَبِيلِ اللَّهِ وَلَا يَطَئُونَ مَوْطِئًا يَغِيظُ الْكُفَّارَ وَلَا يَنَالُونَ مِنْ عَدُوٍّ نَيْلًا إِلَّا كُتِبَ لَهُمْ بِهِ عَمَلٌ صَالِحٌ ۚ إِنَّ اللَّهَ لَا يُضِيعُ أَجْرَ الْمُحْسِنِينَ، وَلَا يُنْفِقُونَ نَفَقَةً صَغِيرَةً وَلَا كَبِيرَةً وَلَا يَقْطَعُونَ وَادِيًا إِلَّا كُتِبَ لَهُمْ لِيَجْزِيَهُمُ اللَّهُ أَحْسَنَ مَا كَانُوا يَعْمَلُونَ

Dies, weil sie weder Durst noch Mühsal noch Hunger auf Allahs Weg trifft, noch betreten sie eine Stelle, die die Ungläubigen ergrimmen lässt, noch fügen sie einem Feind etwas Schlimmes zu, ohne dass ihnen dafür eine rechtschaffene Tat angeschrieben würde. Gewiss, Allah lässt den Lohn derer, die Gutes tun, nicht verlorengehen. Auch geben sie keine Spende aus, ob klein oder groß, noch durchqueren sie ein Tal, ohne dass es ihnen angeschrieben würde, damit Allah ihnen das, was sie getan haben, aufs Beste vergelte. (9:120-121)

Und bezüglich des Leids, das man erdulden muss, wenn man den Herrscher zum Rechten aufruft und sein Unrecht anprangert, sprach der Gesandte (s):

«سَيِّدُ الشُّهَدَاءِ حَمْزَةُ بْنُ عَبْدِ الْمُطَّلِبِ، وَرَجُلٌ قَامَ إِلَى إِمَامٍ جَائِرٍ فَأَمَرَهُ وَنَهَاهُ، فَقَتَلَهُ»

Der Herr der Märtyrer ist Ḥamza ibn ʿAbd al-Muṭṭalib sowie ein Mann, der sich vor einem ungerechten Herrscher erhob, ihm (das Gute) anbefahl und (das Unrecht) untersagte und dafür von ihm getötet wurde. Bei al-Ḥākim und al-Ḫaṭīb tradiert, al-Ḥākim und al-Albānī stuften den Hadith als richtig ein.

Aus diesen und vielen anderen Berichten geht hervor, dass das Tragen der islamischen Botschaft – sei es militärisch zur Beseitigung der materiellen Hindernisse, die sich der Botschaft in den Weg stellen, oder durch intellektuell-politische Verkündung – viel Kraft und Standhaftigkeit – also ṣabr – erfordert. Gleiches gilt auch für die Pflicht zum Gebieten des Rechten und Anprangern des Unrechts, deren Wichtigkeit Allah (t) allein schon dadurch hervorgehoben hat, dass Er sie mit dem Glauben an Ihn verknüpft hat. So sagt Er:

﴿كُنْتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die jemals den Menschen hervorgebracht wurde, ihr gebietet das Rechte und prangert das Unrecht hat, und ihr glaubt an Allah. (3:110) Obwohl der Glaube an Allah die wichtigste Sache überhaupt ist und das Fundament der islamischen Glaubensüberzeugung bildet, hat Er (t) das Gebieten des Rechten und Anprangern des Unrechts im Vers vorangestellt, womit die Wichtigkeit dessen zusätzlich unterstrichen wird. Gerade die Erfüllung dieser Aufgabe ist bekanntlich mit viel Leid und Drangsal verbunden, weil man dadurch den Zorn der Menschen und vor allem der Herrscher auf sich zieht. Dabei soll man sich eben in Standhaftigkeit - ṣabr - üben und sich des Gebets bedienen, aber keinesfalls von der Wahrheit abweichen oder die Pflicht aufgeben.

Der Gesandte (s) pflegte, wenn ihn eine Angelegenheit sehr beschäftigte oder bedrückte, Zuflucht im Gebet zu suchen. Das Gebet verleiht dem Muslim die nötige Kraft, um dem Unrecht und den Unterdrückern entgegenzutreten und standhaft und aufrichtig die Wahrheit zu verkünden. Auch im anfangs erwähnten Vers hat Allah die Standhaftigkeit, den ṣabr, vor dem Gebet erwähnt, womit dessen Wichtigkeit in besonderer Weise hervorgehoben wird. Das Gebet fällt in die Beziehung des Gläubigen zu seinem Schöpfer, während Standhaftigkeit - ṣabr - sowohl in die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer, zu sich selbst als auch zu den anderen Menschen hineinwirkt. Nicht umsonst wird ṣabr etwa hundert Mal im Koran erwähnt.

Ṣabr ist der Prüfstein, der Maßstab für Standhaftigkeit in einer Not, einem Unglück oder einer schlimmen Lage. Zudem bringt ihn Allah mit Gottesfurcht in Zusammenhang. So sagt Er:

﴿إِنَّهُ مَنْ يَتَّقِ وَيَصْبِرْ فَإِنَّ اللَّهَ لَا يُضِيعُ أَجْرَ الْمُحْسِنِينَ

Wahrlich, wer gottesfürchtig und standhaft ist, so lässt Allah den Lohn derer, die Gutes tun, niemals verloren gehen. (12:90)

Doch trotz oder gerade wegen der wichtigen Bedeutung von ṣabr, besonders für die Träger der islamischen Botschaft, dürfen in diesem Zusammenhang keine falschen Schlüsse gezogen werden oder Missverständnisse aufkommen, denn genau das ist bei einigen Muslimen der Fall. Diese sind der Ansicht, dass man Zurückhaltung üben sollte, wenn Unrecht und Unterdrückung geschehen, anstatt es anzuprangern und offen die Wahrheit auszusprechen, um so möglichen Gefahren und Repressionen seitens der Unterdrücker aus dem Wege zu gehen. Sie glauben, sich damit in ṣabr zu üben, indem sie alles geduldig ertragen, und meinen, das Wohlgefallen Allahs dadurch erlangen zu können. Sie wagen es nicht, die Wahrheit zu sagen und danach zu handeln, und schweigen zu allem, aus Angst vor Verfolgung, vor materiellen Einbußen oder anderen Entbehrungen. Sie halten sich dabei für ṣābirūn, für geduldig Ertragende. Dies, obwohl der Gesandte Allahs (s) uns gerade vor diesem Verhalten warnte, als er sprach:

«كَلاَّ ، وَاللَّه لَتَأْمُرُنَّ بالْمعْرُوفِ ، وَلَتَنْهوُنَّ عَنِ الْمُنْكَرِ، ولَتَأْخُذُنَّ عَلَى يَدِ الظَّالِمِ ، ولَتَأْطِرُنَّهُ عَلَى الْحَقِّ أَطْراً ، ولَتقْصُرُنَّهُ عَلَى الْحَقِّ قَصْراً ، أَوْ لَيَضْرِبَنَّ اللَّه بقُلُوبِ بَعْضِكُمْ عَلَى بَعْضٍ ، ثُمَّ لَيَلْعَنكُمْ كَمَا لَعَنَهُمْ»

Nein, bei Allah! So gebietet das Rechte und prangert das Unrecht an! Gebietet dem Ungerechten Einhalt, biegt ihn zur Wahrheit hin, und schränkt ihn auf die Wahrheit ein! Ansonsten wird Allah eure Herzen gegeneinander aufbringen, sodann wird Er euch verfluchen, wie Er sie (die Juden) verflucht hat. (Bei Abū Dāwūd und at-Tirmiḏī tradiert und als ḥasan eingestuft)

Die Untätigkeit und Passivität dieser Leute ist also nicht jene Standhaftigkeit, für die Allah (t) das Paradies bereithält:

﴿إِنَّمَا يُوَفَّى الصَّابِرُونَ أَجْرَهُمْ بِغَيْرِ حِسَابٍ

Wahrlich, den Standhaften wird ihr voller Lohn ohne Berechnung vergütet. (39:10)

Vielmehr ist es genau die Schwäche und Faulheit, vor welcher der Gesandte (s) mit folgender Aussage Zuflucht gesucht hat:

«اللَّهُمَّ إِنِّي أَعُوذُ بِكَ مِنْ الْهَمِّ وَالْحَزَنِ، وَأَعُوذُ بِكَ مِنْ الْعَجْزِ وَالْكَسَلِ، وَأَعُوذُ بِكَ مِنْ الْجُبْنِ وَالْبُخْلِ، وَأَعُوذُ بِكَ مِنْ غَلَبَةِ الدَّيْنِ، وَقَهْرِ الرِّجَالِ»

O Allah, ich suche Zuflucht bei Dir vor Kummer und Trauer, vor Unvermögen und Faulheit, vor Feigheit und Geiz, vor dem Überhandnehmen der Schulden und der Unterwerfung der Männer. (Bei Abū Dāwūd tradiert) Ṣabr bedeutet also, die Wahrheit auszusprechen, danach zu handeln und die Folgen standhaft zu ertragen, ohne abzuweichen, schwach zu werden oder nachzugeben.

In diesem Zusammenhang ist es angebracht, sich das Beispiel des Gesandten Allahs (s) sowie der übrigen Propheten und Gesandten vor Augen zu führen, denn jeder Gesandte und Prophet, der seinem Volk neue Glaubensgrundlagen, Ideen und Gesetze überbrachte, wurde von seinem Volk zunächst zurückgewiesen, als Lügner diffamiert, verfolgt und gepeinigt. Doch keiner der Propheten und Gesandten hat jemals aufgrund der Anfeindungen seitens der Gesellschaft und der jeweiligen Machthaber kapituliert und die Verkündung der Botschaft aufgegeben, sondern alles in Geduld und Standhaftigkeit ertragen:

﴿وَلَقَدْ كُذِّبَتْ رُسُلٌ مِنْ قَبْلِكَ فَصَبَرُوا عَلَى مَا كُذِّبُوا وَأُوذُوا حَتَّى أَتَاهُمْ نَصْرُنَا

Vor dir sind Gesandte als Lügner gescholten worden, doch obgleich sie verleugnet und verfolgt wurden, blieben sie standhaft, bis Unser Beistand zu ihnen kam. (6:34)

Und da die Botschaft nach ihnen von jenen weitergetragen und verbreitet wurde, die an die Propheten glaubten und ihnen folgten, blieben auch sie von Leid und Drangsal nicht verschont. Doch haben sie sich den Forderungen der Gesellschaft ebenso nicht unterworfen und das Tragen der Botschaft nicht aufgegeben. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass sie Leid und Pein auf dem Wege der daʿwa ertrugen und sich in ṣabr übten. Die zahlreichen Beispiele der Prophetengefährten zeigen, dass das beharrliche Ertragen derartiger Prüfungen den Menschen standhafter macht und im Glauben festigt. Es stärkt die Entschlossenheit und verkürzt den Weg ins Paradies. So pflegte der Gesandte (s) der Familie Yāsirs, die in der sengenden Hitze der Wüste Mekkas gefoltert wurde, zu sagen:

«صبرًا آلَ ياسرٍ، فَإِنَّ مَوْعِدَكُم الجَنَّةُ»

Seid standhaft, o Familie Yāsirs, denn euer Treffpunkt ist das Paradies!

Und Sumaiya, Yāsirs Frau, die kurz darauf von Abū Ğahl getötet wurde und so zur ersten Märtyrerin im Islam wurde, antwortete ihm:

(إني لأراها ظاهرة يا رسول الله)

Wahrlich, ich sehe es (das Paradies) klar vor meinen Augen, o Gesandter Allahs!

Aufgrund dessen darf ein Muslim an den Prüfungen, die ihm im Laufe seines Lebens in welcher Form auch immer widerfahren, nicht verzweifeln. Er soll sie mit Hilfe von ṣabr standhaft erdulden und zu überwinden versuchen und dabei mit dem großen Lohn Allahs rechnen. Den Muslimen heute, denen überall auf der Welt so viel Unrecht angetan wird, und insbesondere denjenigen unter ihnen, die diesen Zustand ändern wollen, muss dies bewusst sein. Denn auch sie werden mit den Anfeindungen, Diffamierungen und Verfolgungen seitens der Herrscher und der fehlgeleiteten Menschen zu kämpfen haben, sobald sie das Unrecht anprangern und die islamischen Systeme, Ideen und Gesetze zur Anwendung bringen wollen. Standhaftigkeit - ṣabr - ist der Schlüssel, es ist im Grunde ein Gottesdienst, um bei Androhung von Sanktionen nicht gleich einzuknicken und sich den gegebenen Umständen nicht zu unterwerfen. Der Erhabene sagt:

﴿لَتُبْلَوُنَّ فِي أَمْوَالِكُمْ وَأَنْفُسِكُمْ وَلَتَسْمَعُنَّ مِنَ الَّذِينَ أُوتُوا الْكِتَابَ مِنْ قَبْلِكُمْ وَمِنَ الَّذِينَ أَشْرَكُوا أَذًى كَثِيرًا ۚ وَإِنْ تَصْبِرُوا وَتَتَّقُوا فَإِنَّ ذَلِكَ مِنْ عَزْمِ الْأُمُورِ

Wahrlich, ihr sollt geprüft werden in eurem Gut und an euch selber, und wahrlich, ihr sollt viel Leid von denen hören, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde, und von denen, die Allah andere zur Seite stellen. Wenn ihr jedoch standhaft und gottesfürchtig seid - so ist dies eine Sache der festen Entschlossenheit. (3:186)