POLITISCHE F&As

- 23.11.2017

Die politischen Turbulenzen in der Region Katalonien

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Antwort auf eine Frage

Die politischen Turbulenzen in der Region Katalonien

 

Frage:

Die BBC zitierte heute, am 19.10.2017, das Büro des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy mit den Worten: „Die Regierung wird zusammenkommen, um Artikel 155 der Verfassung zu aktivieren, der es der Zentralregierung erlaubt, die Kontrolle über die Region Katalonien zu übernehmen. […]“ Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont hatte zuvor einen Brief an die spanische Regierung gerichtet, in dem er damit drohte, dass das Parlament der Region dem Referendum zur Abspaltung von Spanien zustimmen werde, sollte Madrid seinen Druck fortsetzen und den Dialog ablehnen. (BBC) Nach dem Referendum vom 01.10.2017 rief Puigdemont am 10.10.2017 vor dem katalonischen Parlament die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien aus, während er die Umsetzung an den Dialog knüpfte. Weshalb führte die Region das Referendum durch, obwohl sich der spanische Staat mit seinem König, seiner Regierung und seinem Verfassungsgericht dagegenstellte? Wie ist die internationale Position dazu? Wie steht es um die Realisierbarkeit der Unabhängigkeit Kataloniens? Möge Allah es dir vergelten!

 

Antwort:

Um ein klares Bild zu gewinnen und sich die wahrscheinlichste Antwort in dieser Frage herauskristallisiert, analysieren wir zunächst die Realität Kataloniens sowie die früheren Unabhängigkeitsbewegungen und im Anschluss das letzte Referendum. Anschließend gehen wir auf die diesbezügliche internationale Lage ein, um dann die Realisierbarkeit des Referendums zu untersuchen.

 

Erstens: Die historische und geographische Realität Kataloniens

Die Region liegt im Nordosten Spaniens und erstreckt sich über eine Fläche von 32100 km2. Das sind 8 Prozent der Fläche Spaniens. Ihre Hauptstadt ist Barcelona. Katalonien teilt sich in vier Provinzen auf: Barcelona, Tarragona, Lleida und Girona. Die Region hat 7,5 Millionen Einwohner, was 16 Prozent der Einwohner Spaniens ausmacht, das aus 17 autonomen Provinzen besteht.

Der Islam warf im Zuge der islamischen Eröffnungen in Andalusien im Jahr 95 n. H. sein Licht auf Katalonien. Als die islamische Herrschaft endete, blieb die Region eine unabhängige Entität, bis Spanien im Jahr 1714 Katalonien gewaltsam angliederte. Das katalanische Volk leistete Widerstand und kämpfte gegen die spanische Besatzung, um sich zu befreien. In den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts brach ein Bürgerkrieg zwischen der Zentralregierung und dem autonomen Katalonien auf der einen Seite und der Armee Francos auf der anderen Seite aus. Nach dem Sieg Francos ging dieser äußerst repressiv gegen die Katalanen vor, verbot ihre Sprache als offizielle Sprache der Region, untersagte sie als Unterrichtsfach an den Schulen und verleugnete die katalanische Identität. Nach dem Fall von Francos Unterdrückungsregime fand eine Volksabstimmung statt, bei welcher 30 Prozent des Volkes für die spanische Verfassung stimmte, die die Einheit des Landes und die Selbstverwaltung der Nationen, der Minderheiten und der Regionen, aus denen sich Spanien zusammensetzt, vorsah. Im Jahr 1979 erhielt Katalonien ein neues Autonomiestatut, aus welchem die Anerkennung sowohl des Spanischen als auch des Katalanischen als Amtssprache in der Region hervorging. Danach beruhigten sich die katalanischen Unabhängigkeitsbewegungen bis zum Anfang dieses Jahrhunderts, als sie sich allmählich wieder erhoben.

 

Zweitens: Die Phasen der neuen katalanischen Unabhängigkeitsbewegungen

1. Diese nahmen ihren Anfang im Jahr 2006 mit dem neuen Autonomiestatut, worüber das Volk in einem Referendum abstimmte, das die Selbstverwaltung erweitern sollte und Katalonien als Nation definierte. 2010 hob das spanische Verfassungsgericht das Statut auf, was zu Demonstrationen führte, die unter dem Motto Wir sind eine Nation, wir entscheiden! standen. Im November 2012 fand ein symbolisches Referendum statt, an welchem 37 Prozent der Bevölkerung Kataloniens teilnahmen und für die Unabhängigkeit vom spanischen Staat stimmten. Und im Januar 2015 kündigte der katalanische Regionalpräsident Artur Mas vorgezogene Wahlen im Charakter einer Volksabstimmung für September desselben Jahres an. Die vorgezogenen Wahlen fanden statt, bei denen die nationalen Strömungen, die zur Abspaltung aufriefen, mit 72 zu 63 Sitzen gegen jene Parteien siegten, die die Unabhängigkeit ablehnten. Die parlamentarische Mehrheit verabschiedete im November 2015 ein Gesetz zum „Beginn eines Unabhängigkeitsprozesses“. Daraufhin beantragte die spanische Regierung vor dem Verfassungsgericht die Aufhebung dieses Gesetzes, was vom Gericht bestätigt wurde.

2. Am 09.06.2017 gab der katalanische Regionalpräsident Puigdemont, nachdem die Unabhängigkeitsbewegung eine stärkere und entschlossenere Richtung eingeschlagen hatten, bekannt, dass am 01.10.2017 ein allgemeines Referendum über die Abspaltung der Region von Spanien abgehalten werde und die Regierung darin die folgende Frage stellen werde: „Möchten Sie, dass Katalonien ein unabhängiger Staat mit republikanischem System wird?“. (Novosti, 09.06.2017) Am folgenden Tag teilte die spanische Regierung mit, dass sie jeden Versuch zur Unabhängigkeit Kataloniens blockieren werde. Noch am 09.06.2017 verabschiedete das katalanische Parlament ein Gesetz, das die Grundlagen des Referendums über die Unabhängigkeit Kataloniens vom spanischen Staat festlegt. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy reagierte darauf mit den Worten: Die spanische Regierung wird von den in der Verfassung verankerten Befugnissen Gebrauch machen, um die Autonomie Kataloniens aufzuheben und zu verhindern, dass die Region sich von Spanien abspaltet.“ Das spanische Verfassungsgericht reagierte am 08.09.2017 und stoppte das Referendum bis zur Klärung seiner Verfassungsmäßigkeit.

3. Trotz allem fand das Referendum zum angekündigten Termin am 01.10.2017 statt. Das Ergebnis war, dass 90 Prozent der Wähler – die Wahlbeteiligung lag bei 43 Prozent der Einwohner – für eine Abspaltung von Spanien und für die Unabhängigkeit stimmten. Daraufhin hielt am 03.10.2017 der spanische König Felipe VI. eine Ansprache und beschrieb das Referendum als „illegal und undemokratisch“. Doch der Präsident Kataloniens sagte, er werde die Unabhängigkeit Ende dieser Woche oder Anfang kommender Woche ausrufen. Er erklärte: Der König lehnte die Rolle des deeskalierenden Vermittlers ab, die ihm die spanische Verfassung zuschreibt. (BBC, 03.10.2017) Es scheint, dass Spanien in Verlegenheit geraten ist, da es die Durchführung des Referendums nicht verhindern, sondern nur Stolpersteine zu dessen Behinderung legen konnte, so dass 893 Menschen infolge von Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Wählern verletzt wurden. Dadurch wurde die öffentliche Meinung aufgebracht, so dass andere Möglichkeiten gesucht wurden, um die Ausrufung der Unabhängigkeit zu verhindern. Spanien begann einen Wirtschaftskrieg gegen die Region zu führen, indem Firmen und große Finanzunternehmen ankündigten, Katalonien zu verlassen. So gab die drittgrößte spanische Bank Caixabank am 06.10.2017 an, ihren Sitz aus Barcelona, der Hauptstadt Kataloniens, zu verlegen. Am 08.10.2017 brachte Spanien Hunderttausende Unabhängigkeitsgegner auf die Straßen Barcelonas, um eine Oppositionsbewegung innerhalb Kataloniens zu etablieren.

4. Kataloniens Regionalpräsident Puigdemont rief am 10.10.2017 vor dem katalanischen Parlament die Unabhängigkeit aus, verschob aber die Umsetzung und sagte: „Ich halte Verhandlungen für notwendig, damit Katalonien ein unabhängiger Staat in Form einer Republik wird. Ich schlage die Aussetzung der Unabhängigkeitserklärung zugunsten von Gesprächen vor, die auf eine einvernehmliche Lösung abzielen.“ Jedoch erreichte er keine klare Unterstützung der Unabhängigkeitserklärung durch das Parlament. (Euronews, Reuters, 10.10.2017) Das bedeutet, dass er sich nicht in die Situation bringen möchte, die Unabhängigkeit endgültig auszurufen, weil er weiß, dass die Ausführung nicht leicht ist. Deshalb ließ er eine Tür für Verhandlungen mit der spanischen Regierung offen, um den Zusammenstoß mit ihr zu vermeiden. Katalonien bleibt also ein Teil Spaniens, doch das Problem der Region wird weiter existieren und über Spanien hinaus in die Europäische Union hineinwirken, bis die Bedingungen günstig sind und die Unabhängigkeit realisiert werden kann.

 

Drittens: Der internationale Standpunkt zu den Katalonien-Ereignissen.

Wir werden auf die Position der einflussreichen Staaten eingehen, d. h. auf die der EU, der USA und auch der Vereinten Nationen, und zwar in Anbetracht dessen, dass diese stark vom US-Standpunkt beeinflusst sind:

1. Was Europa anbelangt, so ist es ganz klar gegen das Referendum und gegen eine Unabhängigkeit Kataloniens. Deutschland, Frankreich und die EU haben sich hinter die Zentralregierung Spaniens positioniert. Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt machte klar: Die Entwicklungen in der spanischen Region Katalonien sind besorgniserregend. Die Abspaltung stellt keine Lösung dar. Separatismus löst keine Probleme. Die Prinzipien und Regeln von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind von allen in der EU strikt zu respektieren und zu achten. […] Politische Auseinandersetzungen in der Europäischen Union sollten durch Dialog gelöst werden anstatt durch Gewalt auf den Straßen. (Reuters, 02.10.2017) Frankreichs Position wurde durch die Ministerin für europäische Angelegenheiten Nathalie Loiseau deutlich, wonach man Katalonien nicht anerkennen werde, sollte die spanische Region einseitig ihre Unabhängigkeit erklären […] und selbst wenn eine Unabhängigkeit anerkannt werden sollte, was nicht zur Debatte steht, so wäre die unmittelbare Konsequenz, dass Katalonien aus der EU ausscheiden würde. (Reuters, 09.10.2017) EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verdeutlichte den EU-Standpunkt und forderte die Beschlüsse der spanischen Regierung und die des Verfassungsgerichts zu respektieren. EU-Ratspräsident Donald Tusk ließ am 02.10.2017 über den Kurznachrichtendienst Twitter wissen, dass er die Verfassungsargumente des spanischen Premiers Rajoy teile. Er rief dazu auf, Mittel zu finden, um eine erneute Eskalation und weitere Anwendung von Gewalt zu verhindern.

2. Was hingegen die amerikanische Position betrifft, so ist offensichtlich, dass Kataloniens Regierung und deren Präsident Ansporn und Unterstützung von den USA erhalten haben. Von der Sprecherin des US-Außenministeriums Heather Nauert hieß es hierzu: Die Vereinigten Staaten betrachten das Referendum als eine interne Angelegenheit, in die sie sich nicht einmischen wollen. Es soll der Regierung und den Menschen überlassen bleiben, dieses Problem zu lösen. Die USA werden mit jeder Regierung oder Institution nach der Lösung des Konflikts zusammenarbeiten. (al-Fajr al-Masriya, 16.09.2017) Eben dieser letzte Satz gilt als das Okay aus den USA zum Referendum und zur (möglichen) Unabhängigkeit. Wir werden mit jeder Regierung oder Institution nach der Lösung des Konflikts zusammenarbeiten, wie es die US-Sprecherin ausdrückte, heißt im Klartext: Wir werden die Region Katalonien anerkennen, sollte sie unabhängig werden. Die spanische Zeitung El Paìs berichtete, dass Kataloniens Präsident Carles Puigdemont die Äußerungen der US-Sprecherin so verstehe, dass die USA den Willen des katalanischen Volkes und das Ergebnis der Abstimmung respektieren würden. Denn es ist allgemein bekannt, dass es Amerikas Wunsch ist, dass die Europäische Union auseinanderbricht, was sich in der zustimmenden Haltung zum Brexit und in der Ermunterung anderer Länder, es den Briten gleichzutun, ausdrückt. Zumindest jedoch wollen die USA die Europäische Union mit inneren Problemen und sezessionistischen Bewegungen beschäftigen. Die EU und deren Mitglieder sollen dadurch nicht auf die Idee kommen, in internationalen Angelegenheiten mit den USA in Konkurrenz zu treten oder ihnen im Weg stehen. Das Bestärken sezessionistischer Bewegungen deckt sich ganz mit ihren Interessen. Dies im Gegensatz zu ihrer Haltung gegenüber dem Unabhängigkeitsreferendum in Kurdistan. Dort waren sie strikt gegen eine solche Abstimmung. Dazu wurden die den USA nahestehenden Staaten der Region, angefangen vom Irak über den Iran bis hin zur Türkei mobilisiert, um das Referendum zu torpedieren und Druck auf Barzani auszuüben. Denn in diesem Fall entsprach ein Referendum zu diesem Zeitpunkt nicht ihrem Interesse, zumal die USA die einflussreiche Kraft im Irak sind. Und es waren die Briten, die ihren Vasallen Barzani dazu animierten, so einen Schritt zu setzen, um Amerika zu stören und die US-Sanktionen, die mittels Saudi-Arabien und Ägypten gegen Großbritanniens Vasallen Katar verhängt wurden, aufheben zu lassen.

3. Was die stark von den USA dominierten Vereinten Nationen betrifft, so sind sie gegenüber der Frage einer katalanischen Unabhängigkeit ebenso positiv eingestellt. UN-Generalsekretär António Guterres sprach von „seiner Hoffnung, dass es den demokratischen Institutionen in Spanien gelingen wird, eine Lösung für die Krise zwischen der Zentralregierung und der katalanischen Autonomieregierung zu finden“. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker stelle ein Grundrecht dar, sagte der Sprecher des Präsidenten der 72. Sitzung der UN-Generalversammlung. Es sei notwendig, dass dieses Recht ohne Verletzung der territorialen Integrität und durch das Einverständnis beider Parteien angewendet wird. (Associated Press, 03.10.2017) Dies zeigt, dass die Vereinten Nationen die Unabhängigkeit Kataloniens gutheißen würden, während sie dem Unabhängigkeitsreferendum Kurdistans ablehnend gegenüberstanden. Der Grund ist die starke Dominanz der USA bei Beschlüssen der UNO.

Aus diesen Positionen wird klar, dass die jüngsten Bewegungen, die Katalonien mit Blick auf das Referendum getan hat, von Amerika befeuert worden sind. Die USA sind besonders in der Ära Trump darauf fixiert, das Klima in Europa zu stören. Diesen Schluss lassen die zuvor erwähnten Positionen und Äußerungen zu.

 

Viertens: Die Realisierbarkeit einer Loslösung

Dass dieser Fall eintritt, ist, zumindest auf kurze Sicht, kein leichtes Unterfangen. Den USA ist das durchaus bewusst. Sie unterstützen die katalanischen Umtriebe, um das Klima in Europa zu trüben und es mit sich selbst zu beschäftigen, damit langfristig der Weg für einen Zerfall der Europäischen Union geebnet wird. Und es liegen weitere Faktoren vor, die es Spanien partout unmöglich machen, eine Abspaltung Kataloniens hinzunehmen. Dafür liegen zwei Hauptgründe vor:

1. Zwar handelt es sich bei Katalonien um eine kleine Region, die jedoch 20 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet und 70 Prozent des Transport- und Verkehrswesens des spanischen Außenhandels kontrolliert. Kataloniens Produktion macht zudem ein Drittel der spanischen Industrie aus. Daher sind die Katalanen der Ansicht, sie würden mehr leisten als sie erhalten. Zudem würde ihnen die spanische Zentralregierung eine viel zu hohe Steuerlast auferlegen, die bis zu zehn Prozent der katalanischen Gesamtleistung ausmache. All das hat die Rufe und Bestrebungen nach Unabhängigkeit verstärkt. Dies auf einer Seite. Auf der anderen Seite hat Spanien mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Es leidet an einem schwachen Staatshaushalt, einem großen Haushaltsdefizit und an einer hohen Arbeitslosenrate – ganz zu schweigen von der Last der verordneten Sparmaßnahmen. Die katalanische Wirtschaft stellt daher ein zentrales Element für die Bewältigung dieser ökonomischen Probleme dar.

2. Darüber hinaus würde eine Loslösung Kataloniens sowohl innerhalb als auch außerhalb Spaniens weitere Unabhängigkeitsbestrebungen lostreten. Eine Unabhängigkeit Kataloniens wäre eine Motivation für das Baskenland, das in der Vergangenheit nach eigener Unabhängigkeit strebte. Daher begrüßte das Baskenland den Schritt Kataloniens, was ein Signal dafür ist, dass die Basken erneut eine Abspaltung anstreben könnten. Die Tendenz zum Separatismus ist demnach in dieser Region nicht begraben. Und so erklärte das Baskenland tatsächlich seinen Wunsch nach Loslösung vom spanischen Territorium mit Beginn des nächsten Jahres. (Siyasa Post, 24.09.2017) Das Baskenland ist eine Region, die von Gewaltakten und dem Tod Hunderter Menschen gebeutelt wurde, nachdem die Untergrundbewegung ETA einen jahrelangen bewaffneten Kampf für Unabhängigkeit geführt hatte. Vor drei Jahren einigte man sich auf eine Waffenruhe, und die ETA gab den bewaffneten Kampf auf, nachdem der Region mehr Vollmachten zuerkannt wurden. Doch welche Region auch immer eine Loslösung erreichen sollte, sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach Nachahmer finden. Ich befürchte sehr stark, dass eine Unabhängigkeit Kataloniens faktisch das Ende des spanischen Staates einläuten könnte. Denn eine Unabhängigkeit Kataloniens würde einen Dominoeffekt auslösen, warnte Spaniens Justizminister. (Al-Jazeera, 02.10.2017)

Daher ist ausgeschlossen, dass Spanien eine Abspaltung Kataloniens hinnehmen wird. Mehr noch: Es droht damit, den Verfassungsartikel 155 in Kraft zu setzen, um die Autonomieregierung der Region zu entmachten, sollte eine Abspaltung mit keinem anderen Mittel verhindert werden können, wie laut BBC am 19.10.2017 aus dem Büro des spanischen Regierungschefs zu vernehmen war.

3. Außerdem würde die separatistische Idee innerhalb der Europäischen Union Schule machen, was das Ende der EU bedeuten würde, besonders, wenn diese Idee Wirklichkeit werden sollte. Schließlich gibt es in Frankreich ebenfalls separatistische Bewegungen, denn Katalonien und das Baskenland teilen sich sowohl auf Spanien als auch auf Frankreich auf. Darüber hinaus gibt es auch auf Korsika eine Bewegung mit sezessionistischer Tendenz, die eine Unabhängigkeit von Frankreich anstrebt und auf eine erfolgreiche Abspaltung der Region Katalonien wartet. Ebenso haben Italien, Belgien und weitere Länder ihre separatistischen Bewegungen, durch die der Zusammenschlusshalt der ganzen EU in Gefahr ist. Gleichzeitig hat die Europäische Union mit zahlreichen Krisen zu kämpfen und ist aufgrund des Erstarkens nationalistischer Parteien, die einen EU-Austritt nach dem Beispiel des Brexits wollen, gefährdet.

Alle diese Aspekte erschweren die Realisierung einer Abspaltung und lassen sie eher in weite Ferne rücken. Eine Loslösung stellt nicht nur eine Gefahr für Spanien dar, sondern für die Europäische Union als Ganzes.

Es scheint, dass der Präsident der katalanischen Regionalregierung dies zu realisieren begann, nachdem er sich sogar in der eigenen Region so gut wie isoliert sah. So haben die Menschen in Massen gegen ihn protestiert, und die Proklamierung der Unabhängigkeit wurde nicht vervollständigt. Stattdessen schob er sie hinaus, um für mehr Selbstständigkeit zu verhandeln und günstigere Gelegenheiten und Umstände abzuwarten, die in Zukunft in die Unabhängigkeit führen sollen, und zwar sowohl im Hinblick auf den Zustand Spaniens als auch der EU. Selbst die USA, die ihn zu dem Schritt ermutigten, beeilen sich nicht mehr, ihre Unterstützung zu bekunden, nachdem sie die strikte Haltung Spaniens, gestärkt durch die Europäische Union, wahrgenommen haben. So erklärte US-Präsident Trump während eines Treffens mit Spaniens Regierungschef Rajoy, der sich nach Amerika begeben hatte, um die Ansicht der USA zur Unabhängigkeit Kataloniens auszuloten: Wir kooperieren mit einem großen Staat, dessen Einheit gewahrt bleiben muss. (al-Shuruq al-Masriya, 27.09.2017). Kataloniens Regierungschef wird also erkennen, dass Trumps Versprechen gleich dem des Teufels ist:

﴿يَعِدُهُمْ وَيُمَنِّيهِمْ وَمَا يَعِدُهُمُ الشَّيْطَانُ إِلَّا غُرُورًا﴾

Er macht ihnen Versprechungen und erweckt in ihnen Wünsche; doch verspricht ihnen Satan nichts als Trug. (4:120)

Dennoch werden die USA damit fortfahren, an der EU zu rütteln, und in Europa Leute finden, die auf deren Versprechen reinfallen!

Fünftens: Der Nationalismus zerfleischt die Vertreter der kapitalistischen Ideologie. Er zerrüttet insbesondere die Europäische Union und schwächt deren Zusammenhalt und deren außenpolitisches Werk. Das liegt daran, dass der Kapitalismus es nicht geschafft hat und nicht schaffen wird, das Nationalismusproblem zu lösen. Es ist eine gescheiterte Ideologie, abgesehen von der Tatsache, dass sie vom Grundfundament her, Religion vom Leben zu trennen, falsch ist. Auch ist es eine verdorbene Ideologie, da ihre Demokratie von den Besitzern des Kapitals beherrscht wird. Sie erringen Posten und Privilegien im Namen der Demokratie und durch das Ausnutzen ihrer Gesetze. Diese Ideologie ist zudem repressiv, weil sie Religion und jene, die an ihr festhalten, bekämpft und weil Diskriminierung auf religiöser und ethnischer Ebene vorherrscht. Sowohl in den USA als auch in Europa ist dies deutlich sichtbar, sodass es von niemandem mit Erkenntnis und Augenlicht übersehen werden kann.

Es existiert kein Gesetz von Menschenhand, das nicht ungerecht, tyrannisch, korrupt und ausbeuterisch gegenüber Land und Leuten wäre. Allein der Islam, der von Allah, dem Herrn der Welten, herabgesandt wurde, wird Wahrheit und Gerechtigkeit unter den Menschen walten lassen und ihre Angelegenheit zum Besten führen. Denn Allah, der Schöpfer, weiß, was gut für seine Geschöpfe ist.

﴿أَلَا يَعْلَمُ مَنْ خَلَقَ وَهُوَ اللَّطِيفُ الْخَبِيرُ﴾

Kennt Er den denn nicht, den Er erschaffen hat? Und Er ist der Mildtätige, der Allkundige. (67:14)

Es ist der Islam, der die Völker in einem Tiegel verschmelzen lässt und nationalistisch-separatistische Auseinandersetzung und Zerrüttung beseitigt. Denn er verbietet alle chauvinistischen Regungen, alle patriotisch-verblendeten Anwandlungen und bekämpft sie mit aller Härte. Es ist der Islam, der bei der Betreuung der Angelegenheiten der Menschen für Gerechtigkeit sorgt, ohne aufgrund von Religion, Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht oder anderem in irgendeiner Weise zu diskriminieren. Vor der Justiz betrachtet er alle Menschen als gleichgestellt und führt sie im Lichte des Rechtgeleiteten Kalifats einer gerechten Behandlung zu.

Imam Aḥmad tradiert in seinem „Musnad“: Ismāʿīl berichtete uns von Saʿīd al-Ğurairī, von Abū Naḍra, der sagte: „Jemand, der die Predigt des Gesandten Allahs (s) am Zwölften des Monats Ḏū l-Ḥiğğa hörte, erzählte mir, dass der Prophet (s) sprach:

«يَا أَيُّهَا النَّاسُ، أَلَا إِنَّ رَبَّكُمْ وَاحِدٌ، وَإِنَّ أَبَاكُمْ وَاحِدٌ، أَلَا لَا فَضْلَ لِعَرَبِيٍّ عَلَى عَجَمِيٍّ، وَلَا لِعَجَمِيٍّ عَلَى عَرَبِيٍّ، وَلَا أَحْمَرَ عَلَى أَسْوَدَ، وَلَا أَسْوَدَ عَلَى أَحْمَرَ، إِلَّا بِالتَّقْوَى أَبَلَّغْتُ»

Ihr Menschen! Fürwahr, euer Herr ist einer, und fürwahr, euer Vater ist einer! Fürwahr, es gibt keinen Vorrang für einen Araber gegenüber einem Nichtaraber und für einen Nichtaraber gegenüber einem Araber, für einen Rothäutigen gegenüber einem Schwarzhäutigen und einem Schwarzhäutigen gegenüber einem Rothäutigen außer durch Gottesfurcht! Habe ich verkündet? Und sie antworteten: Der Gesandte Allahs hat es verkündet!“

Dies ist die Wahrheit

﴿فَماذا بَعْدَ الْحَقِّ إِلاَّ الضَّلالُ فَأَنَّى تُصْرَفُونَ﴾

Was gibt es nach der Wahrheit denn Anderes als den Irrgang? Wie könnt ihr euch bloß abbringen lassen? (10:32)

 

29. Muḥarram 1439 n. H.

19.10.2017