KOMMENTAR

- 27.11.2017

Das Bröckeln der Fassade des westlichen Frauenbildes

Wer erinnert sich nicht an die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015/16, als eine Gruppe junger Männer Frauen gezielt bedrängte und es zu zahlreichen sexuellen Übergriffen kam. Die Vorfälle erfuhren nicht nur nationale, sondern auch internationale Beachtung. Das sei, so glaubte man, der ultimative Beweis dafür, dass der Islam eine frauenfeindliche Religion sei, kamen doch die Täter aus islamischen Ländern. Das verleitete die eingefleischten Islamgegner zu der primitivsten Schlussfolgerung, die aus dem minimalsten menschlichen Denkprozess hervorgeht, wenn Hass und Vorurteile das Denken dominieren: Die sexuellen Übergriffe seien das Ergebnis des islamischen Frauenbildes, weil es sich bei den Tätern um Muslime handle. So musste ausgerechnet die Bildzeitung, bekannt für ihre frauenverachtenden Nacktbilder, das Frauenbild der Muslime anprangern. CDU-Politikerin Julia Klöckner, ebenfalls ein klassisches Beispiel für dieses einfache klischeebehaftete Denken, forderte beispielsweise eine stärkere Auseinandersetzung mit „muslimischen Männlichkeitsnormen“.

Dass auch für die Mehrheit der Muslime ein Verhalten wie das in der Kölner Silvesternacht nicht normal ist, wurde geflissentlich ignoriert. Wenn man das Benehmen von aus Eimern trinkenden Mallorca-Touristen betrachtet, die Frauen als Freiwild ansehen, würde man dieses Verhalten auch nicht verallgemeinern und auf alle deutschen Männer beziehen oder davon ausgehen, dass die Mehrheit dieses Benehmen gutheißt. Die Mehrheit der Deutschen wäre mit einer Pauschalisierung sicherlich nicht einverstanden.

Dann gab es jene, die glaubten, ihre Erklärung sei differenzierter, weil sie das Problem nicht primär am Islam festmachen wollten. Aber so richtig wollte ihnen das nicht gelingen, wie etwa der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. „Sollten die Täter muslimischen Glaubens sein und/ oder aus einem muslimischen Land stammen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass viele von ihnen ein patriarchalisch geprägtes Frauenbild vertreten. Das würde die sexuelle Übergrifflichkeit erklären“, sagte sie. Kaddor gehört in die Kategorie jener, die eine Erklärung jenseits des Islam suchten, aber am Ende wieder beim islamischen Glauben als Ursache landeten und nur einen kleinen Erklärungsumweg nahmen über den Begriff „patriarchalisch“, den Kaddor vom Islam zu lösen versuchte, indem ein „patriarchalisch geprägtes Frauenbild […] nicht zwangsläufig etwas mit Religion zu tun haben muss“ und „es nur sekundär eine Rolle gespielt“ zu haben scheint. Zwischendurch brachte Kaddor die westlichen Werte ins Spiel, indem sie forderte: „Wir sollten unsere Werte vorleben und anfangen, Kinder möglichst früh demokratisch zu erziehen. Auch rechtsstaatliche Prinzipien wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung der Geschlechter gilt es zu vermitteln.“

Begünstigen also der Mangel an westlichen Werten, das fehlende Demokratieverständnis oder aber eine fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter sexuelle Übergriffe? Ist der Mensch anfälliger für ein solches Fehlverhalten, wenn er die Idee von Freiheit und Demokratie nicht verinnerlicht hat? Sarkastisch gefragt: Sollten sich die Muslime das westliche Frauenbild aneignen, nachdem die Hand des Westens, die ihren Zeigefinger gegen die Muslime richtet, mit drei Fingern auf den Westen selbst zeigt?

Alle Erklärungen sind inzwischen hinfällig geworden, nachdem eine Masse an sexuellen Übergriffen durch westliche Prominente bekannt wurde. Es wäre ein Fehlschluss, von einem Problem der Filmbranche zu sprechen, nur weil der Skandal mit Beschuldigungen gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein begann. So musste kürzlich der britische Verteidigungsminister Michael Fallon wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung zurücktreten, ebenso der ehemalige österreichische Grünenpolitiker Peter Pilz, der bei den letzten Nationalratswahlen mit einer eigenen linken Liste auf Anhieb den Einzug ins Parlament schaffte. In jüngster Zeit hatte sich Pilz mit islamkritischen Äußerungen erfolgreich in Szene gesetzt, nun musste er aufgrund der mehrfach gegen ihn erhobenen Vorwürfe seinen Hut nehmen.

Die Liste von Tätern wird immer länger. Manch prominente Person muss jetzt zittern, dass sie wegen sexueller Belästigung auffliegt. Es wäre aber zu einfach, das Problem auf den Prominentenkreis zu begrenzen. Mit dem Hashtag #metoo berichten Frauen inzwischen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Es ist eine Flut an Berichten, die zeigen, dass es sich nicht nur um Einzelfälle und Ausnahmen handelt, sondern um ein gravierendes Problem, das weite Kreise zieht. Darüber hinaus ist es kein neues Problem; lediglich der Stein ist ins Rollen gekommen. Doch hierbei spricht niemand von westlichen Männlichkeitsnormen oder von einem patriarchalischen Frauenbild des Westens.

Wie oft fiel das Argument, dass die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht auch darin begründet lägen, dass der Islam Sexualität tabuisiere und keine sexuelle Freiheit zulasse. Dann sollte doch gerade der Westen mit seinem Freiheitsbegriff das Problem der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung nicht haben. Nun widerlegen aber die Fälle sexueller Übergriffe, die in der Filmbranche erfolgt sind, die ja die Idee von Freiheit – vor allem sexueller Freiheit – geradezu messianisch verbreitet, dieses Argument.

Inzwischen gibt die westliche Frau sogar zu, wie sehr sie unter dem „Diktat von Sexyness“ zu leiden hat. So bekannte die deutsche Tatort-Schauspielerin Maria Furtwängler in einem Interview: „Auf dem roten Teppich trage ich ein Kleid, das vielleicht zwickt oder in dem ich friere. Ich frage mich bisweilen: Warum tue ich das nur?“ Weiter sagte sie als scheinbar selbstbewusste Frau zu diesem Diktat: „Ich bin darin gefangen und finde selbst als eine sehr bewusst lebende Frau dafür keine Lösung.“

Im Kapitalismus findet sich tatsächlich keine Lösung des Problems, weil das säkular-kapitalistische System die Rahmenbedingungen für die sexuelle Ausbeutung der Frau selber schafft. Dass es beispielsweise gerade in der Filmbranche vermehrt zu sexuellen Übergriffen kommt, hat natürlich damit zu tun, dass dieser Bereich von der Sexualisierung der Frau profitiert, dieses Frauenbild verbreitet und die freie Sexualität intensiv auslebt.

Was hätte denn einen Harvey Weinstein davon abhalten sollen, Frauen hinter verschlossenen Türen sexuell auszunutzen und zu vergewaltigen? Etwa sein Gewissen oder das jener, die von den Vergewaltigungen wussten? Hat doch der Kapitalismus die Religion und die Rechenschaft dem Schöpfer gegenüber auf Eis gelegt. Trennung von Staat und Religion heißt nämlich nicht nur, dass der Mensch die Gesetze selber macht, sondern auch, dass er nach Möglichkeiten suchen wird, diese Gesetze zu brechen. Wenn es nämlich keiner sieht oder sich niemand traut, es publik zu machen, wird es für ihn, so glaubt er zumindest, keine Konsequenzen haben. In diesem Sinne hatte Weinstein einfach nur das Pech aufzufliegen.

Der Islam geht präventiv vor und minimiert die Situationen, in denen es zu Belästigungen von Frauen kommen kann. Er trennt die Bereiche von Männern und Frauen und verbietet, dass Mann und Frau, die nicht miteinander verheiratet sind und in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen, das die Ehe ausschließt, wie etwa Vater und Tochter, an einem abgeschiedenen Ort bzw. in geschlossenen Räumen alleine zusammenkommen. Darüber hinaus gibt es die Gottesfurcht und das Wissen, vor einem Schöpfer Rechenschaft ablegen zu müssen, die einen Muslim ebenfalls von irgendwelchen Vergehen zurückhält. Eine hundertprozentige Garantie für die Verhinderung sexueller Belästigung ist das natürlich nicht, weil es immer Menschen geben wird, die Gesetze übertreten und die Konsequenzen ihres Handelns ignorieren. Aber der Islam minimiert die Möglichkeiten, in denen es zu sexuellen Übergriffen kommen kann, und er hält die Menschen durch die Gottesfurcht davon ab, wenn sich ihnen die Gelegenheit doch bieten sollte.

Deshalb erklärt sich die Kölner Silvesternacht durch den Mangel an islamischem Denken und Gottesfurcht der Täter, während die Flut an sexuellen Übergriffen, die nun öffentlich wurde und eine Sexismus-Debatte im Westen ausgelöst hat, ihre Wurzeln im kapitalistischen System findet, das die Würde der Frau der Freiheitsidee geopfert hat.