KOMMENTAR

- 30.12.2017

Eisbär versus Jemen

Ein einzelner verhungernder Eisbar hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Aufnahmen von dem abgemagerten Bären, der sich mühsam zu einer Mülltonne schleppt und nach Futter sucht, sind für viele kaum zu ertragen. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob wir nur vom Aussterben der Eisbären hören oder ob wir das Leid der Eisbären konkret beobachten können anhand eines ausgehungerten Exemplars, dessen Schicksal uns zutiefst rührt und in uns den Drang weckt, sofort zu handeln und das Aussterben der Eisbären aufzuhalten.

Das Leid der Menschen können die meisten im Gegensatz dazu ganz gut verkraften, obwohl es nicht nur um das nackte Überleben geht, wie im Falle des Eisbären, sondern auch um die Würde des Menschen, die nur auf dem Papier unantastbar ist. Ein Tier verliert seine Würde nicht, wenn es im Müll wühlt, um an Nahrung zu kommen. Wenn hingegen ein Mensch in Abfällen nach Nahrung suchen muss, ist dieser Umstand sehr wohl unter seiner Würde. Es sollte die Menschen ebenso emotional bewegen und einen Aufschrei des Entsetzens geben, wenn Menschen vor Hunger sterben und Kinder kaum noch als solche zu erkennen sind, weil die kleinen Körper nur noch aus Haut und Knochen bestehen und man ihr Alter nicht mehr einschätzen kann.

Warum stecken wir nicht einfach die abgemagerten Körper jemenitischer Kinder in kleine weiße Bärenfelle und demonstrieren der Welt auf diese Weise ihr Leid, für das niemand sich interessiert? Was stimmt nicht mit der sogenannten zivilisierten Welt, dass sie der Anblick eines sterbenden Eisbären berührt, während sie den Hungertod der Menschen im Jemen gar nicht wahrnimmt? Was träfe die Menschen eher, das Bild eines verhungernden Eisbären oder das eines ausgehungerten jemenitischen Kindes? Die niederschmetternde Wahrheit ist, dass die ethisch verkümmerte zivilisierte Welt empfänglich ist für das Schicksal leidender Tiere, während sie das Elend der Menschen ausblendet, was das Beispiel des Jemen demonstriert.

Die Aufnahmen des Eisbären lassen keinen Raum für Fakten und sprechen nur die Emotionen an. Vielleicht war er nur alt oder aber krank und deshalb nicht in der Lage, andere Tiere zu jagen, um sich zu ernähren. Jenseits irgendwelcher Fakten ging die Rechnung jedenfalls auf, denn die Bilder haben die gewünschte Wirkung erzielt. Während es Länder gibt, in denen Menschen unter einer jahrelangen Hungersnot leiden, ist die zivilisierte Welt besorgt um die Eisbären - ein Luxus, den sich nur Menschen leisten können, die Teil jener Welt sind, die sich ihren Wohlstand auf Kosten des Wohlstands anderer aufgebaut hat.

Die Wertigkeit stimmt ganz und gar nicht. Es kann sein, dass Eisbären inzwischen vom Hungertod bedroht sind, aber im Jemen wissen laut David Beasley, Direktor des Welternährungsprogramms, nahezu 70 Prozent der Menschen nicht, wie sie an ihre nächste Mahlzeit kommen. Auf dem Global Innovation Index belegt der Jemen den letzten Platz. Mehr als 10 Millionen Menschen – die Bevölkerungszahl beläuft sich auf etwa 27 Millionen – sind akut vom Hunger bedroht. Das heißt, der größte Teil der Bevölkerung hat keinen gesicherten Zugang zu Nahrung, und davon wiederum kämpfen viele gegen den Hungertod. Zu all dem Elend kam seit dem Frühjahr 2017 noch eine Choleraepidemie hinzu, die zu den schlimmsten jemals dokumentierten Choleraepidemien zählt. Das sind Fakten, die den Verstand über den dramatischen Zustand im Jemen wachrütteln müssen, und keine Aufnahmen, die Emotionen wecken, die sich schnell verflüchtigen und mit ein paar Bildern ferngesteuert wieder aktiviert werden können.

Der Klimawandel wird als einer von mehreren Faktoren für den katastrophalen Zustand im Jemen aufgeführt. Wäre dem so, könnten wir eigentlich den Eisbären und die Jemeniten gleichzeitig retten, wenn es uns gelingen würde, den Klimawandel aufzuhalten. Dafür müssten die Menschen überhaupt erst registrieren, welcher Zustand und welches Leid im Jemen herrschen. Aber es wäre zu einfach, den Klimawandel und infolgedessen die Dürre für das Hungern im Jemen verantwortlich zu machen und eine Ablenkung von der politischen Lage.

Der Jemen ist ein politisch aktiver Vulkan, in dem kein Bürger-, sondern ein gewissenloser Stellvertreterkrieg wütet. Er ist die Bühne der US-amerikanischen und der britischen Puppenspieler. Eine entscheidende US-amerikanische Marionette ist beispielsweise Saudi-Arabien, das mit seiner Blockade der Flug- und Seehäfen des Jemen die humanitäre Katastrophe noch verstärkte und die Menschen von jeglicher Hilfe abschnitt, statt die jemenitische Bevölkerung zu versorgen und vor dem Hungertod zu retten, zumal es sich bei beiden Ländern um islamische Länder handelt. Aber wie wichtig können schon die politische Situation und die humanitäre Katastrophe im Jemen sein, wenn es den Eisbären schlecht geht und die Medien sich mehr für deren Hungerkrise interessieren und darüber berichten. Was sind schon Hungersnot, Cholera und Luftangriffe gegen das Leiden der Eisbären?

 

(Um Ahmad)