KOMMENTAR

- 04.01.2018

Die (Ost-)Jerusalemfrage

US-Präsident Donald Trump brach ein politisches Tabu und erklärte im Dezember 2017 Jerusalem zur Hauptstadt Israels. Dieser Tabubruch versetzte nicht nur die Muslime in Rage, sondern war auch für die EU-Staaten ein Ärgernis, die betonten, Jerusalem nicht als israelische Hauptstadt anzuerkennen. Eine Anerkennung liegt derzeit also nicht in ihrem Interesse und außerdem hatte man aufgrund der Spannungen zwischen der EU und den USA die Gelegenheit, Trump in dieser Angelegenheit eine Abfuhr zu erteilen. Unabhängig davon, ob andere Staaten den Schritt der USA befürworten oder sich davon distanzieren, ist die Haltung und Reaktion der Muslime entscheidend, und zwar jenseits irgendwelcher Flaggenverbrennungen und Tage des Zorns, die Ausdruck der Wut sind, aber keine Lösung bieten.

Die Hände musste man sich als Muslim über den Kopf schlagen, als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der gleichzeitig amtierender OIC-Präsident ist, einen Sondergipfel der Mitgliedsstaaten der Organisation für Islamische Kooperation (OIC) einberief. Ergebnis dieses Gipfels in Istanbul war, dass Erdogan und seine Komplizen in der islamischen Welt Ostjerusalem als „Hauptstadt Palästinas“ anerkannten. So hieß es in der Abschlusserklärung: „Wir […] erklären Ostjerusalem zur Hauptstadt des Palästinenserstaates und laden alle Länder dazu ein, den Palästinenserstaat und Ostjerusalem als seine besetzte Hauptstadt anzuerkennen.“ Wen wollte man damit beindrucken? Trump oder den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu? Die Pseudovertreter der Muslime sprechen von einer Anerkennung eines besetzten Ostjerusalem. Heißt das, dass die Muslime auf den Rest Jerusalems keinen Anspruch haben?

Welche Priorität die Angelegenheit bei den Regenten der islamischen Welt hat, Jerusalem als islamischen Boden zu verteidigen, und wie geschlossen sie auftraten, zeigte sich daran, dass Saudi-Arabien beispielsweise gerade einmal seinen Religionsminister nach Istanbul entsandte. Aber wer braucht als Muslim schon den US-saudischen König, wenn Erdogan sich der Jerusalemfrage – Korrektur: der Ostjerusalemfrage – angenommen hat? Heldenhaft bot er dem amerikanischen Präsidenten die Stirn, als er sagte: „Hey Trump! Stehst du etwa hinter diesem Israel? Hier gibt es Folter, hier gibt es Terror. Verteidigst du das etwa?“ An dieser Stelle stellt sich die Frage, wieso zwischen der Türkei und Israel Abkommen bestehen und Erdogan diese nicht aufkündigt, wenn er doch davon ausgeht, dass Israel ein Folter- und Terrorstaat ist, der das Blut von Kindern vergießt. Pathetisch hieß es: „Auf diesem Gipfel werden wir die gesamte islamische Welt in Bewegung setzen.“ Wie meinte Erdogan das? Wird er seine Armee Richtung Jerusalem in Bewegung setzen? Die islamische Welt hat sich bewegt, und zwar in Form von Protesten, jedoch nicht infolge des Gipfels, sondern unabhängig von der Wichtigtuerei irgendwelcher Regenten der islamischen Länder.

Erdogan mimte schon öfter verbal den Helden der Umma, wenn es um das palästinensische Kinder mordende Israel geht, und er präsentiert sich in dieser Angelegenheit gerne als souverän und unabhängig. Er lässt sich politische Entscheidungen nicht diktieren, sondern trifft diese selbst – so zumindest möchte er wahrgenommen werden. Dann ist er wohl auch ganz alleine auf die Idee gekommen, Syrien zu bombardieren und das Blut syrischer Kinder zu vergießen. Was Jerusalem angeht, ist er knallhart und vor allem nicht käuflich. Trump sollte sich also in Acht nehmen, da er es sonst mit Erdogan zu tun bekommt. So unterstrich Erdogan im Rahmen der Jerusalem-Resolution: „Mr. Trump, Sie können den demokratischen Willen der Türkei nicht mit Ihren Dollars erkaufen.“ Bei dieser Äußerung weiß man am Ende wirklich nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Die Jerusalem-Resolution hat Bemerkenswertes zum Vorschein gebracht. Es ist durchaus realisierbar, ein Veto der USA zu umgehen und eine Resolution durchzusetzen, die Israel nicht passt. Entscheidende Staaten müssten es nur wollen bzw. ein Interesse daran haben. Man beruft einfach eine UN-Vollversammlung ein und gewährt jedem Staat eine vollwertige Stimme, ohne dass irgendein Staat ein Vetorecht hätte. Das wäre doch im Sinne ihrer hochgelobten Demokratie. Aber genau das wird von den demokratischen Großmächten verhindert. So legt man sich viel lieber auf die bindenden Resolutionen des UN-Sicherheitsrats fest, in denen nur fünf (!) Staaten mit Veto-Recht das Sagen haben und über die restlichen 188 Mitgliedsstaaten der UNO entscheiden, und lässt gleichzeitig – als demokratisches Feigenblatt sozusagen – die UNO-Vollversammlung tagen, deren Beschlüsse aber in keiner Weise vollzugspflichtig sind.

Für uns Muslime spielt es keine Rolle, welchen Standpunkt die EU, die UNO oder die USA bezüglich der Jerusalemfrage einnehmen. Der Standpunkt der Muslime hängt weder von einer trumpschen Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt ab noch von einer Jerusalem-Resolution, um die Entscheidung Trumps wieder zurückzunehmen. Jerusalem ist Teil eines islamischen Ganzen, das dem Kolonialismus zum Opfer gefallen ist. Die Jerusalemfrage unterscheidet sich im Grunde nicht von der Syrien-, der Jemen- und der Irakfrage, sieht man davon ab, dass Jerusalem noch eine besondere islamische Bedeutung anhaftet. Der gesamte islamische Boden stellt ein- und dieselbe Frage dar. Die Antwort auf diese Frage lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Das rechtgeleitete Kalifat nach dem Plan des Prophetentums. Oder sollen wir etwa darauf warten, dass die Lösung von Erdogan kommt, der die Muslime in Syrien im Stich gelassen und sie dem Schlächter von Damaskus ausgeliefert hat, oder vom saudischen König Salman, der den Jemen bombardiert und die Muslime aushungern lässt, oder vielleicht von einem Staat wie Bahrain, von wo aus sich eine Delegation mit Vertretern unterschiedlicher Religionen nach Israel aufgemacht hatte mit der Absicht der Normalisierung der Beziehungen beider Staaten, und zwar kurz nach Trumps Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt?

(Um Ahmad)