KONZEPTION

- 23.01.2018

Bist du bereit, morgen zu sterben?

Wir denken über bestimmte Dinge sehr ausführlich nach. In der Regel sind dies die Dinge, die uns interessieren oder mit denen wir uns direkt konfrontiert sehen. So verbringen Fußball-Fans sehr viel Zeit damit, die neuesten Fußball-Nachrichten zu verfolgen: Wer spielt gegen wen, wer wurde von welchem Team gekauft usw. Musikinteressierte Menschen kennen die neuesten Chart-Hits und wissen, welche neuen Bands es gibt. Sie verbringen  viel Zeit damit, über diese Dinge nachzudenken. Filmfans denken über die neuesten Filme nach, über kommende Veröffentlichungen und die aktuellen Auszeichnungen in diesem Bereich.

Trotz der vielen Gedanken, die sie in diese trivialen Angelegenheiten stecken, lenken die Menschen in der westlichen Gesellschaft selten ihre Aufmerksamkeit auf ein wirklich grundlegendes Thema, nämlich auf das Thema Tod. Mittlerweile ist der Tod sogar zu einem regelrechten Tabu-Thema geworden, sodass die Menschen dazu neigen, das Thema zu wechseln, sobald er erwähnt wird.

Eigentlich ist es irrational, den Gedanken an den Tod zu vermeiden, da es sich um die definitivste Sache im Leben handelt. Ihm den Rücken zu kehren, ist wie das Unvermeidliche vermeiden zu wollen, denn niemand lebt für immer… Jeder von uns kennt Leute, die gestorben sind, sei es innerhalb unserer Familie, unserer Gemeinschaft, in unserem Freundeskreis oder unter Kollegen. Der Grund dafür, dass viele versuchen, dieses Thema zu vermeiden, ist die Angst. Es ist die Angst vor dem Unbekannten und die Angst davor, dieses Leben zu verlassen. Tatsächlich drängt die westliche Gesellschaft die Menschen in alle möglichen Formen zur Flucht vor der Realität. Und so versuchen sie, dieser zu entkommen, indem sie sich in Musik, Filmen, Sport oder Popkultur „ertränken“.

Jeder von uns wird eines Tages dem Tod gegenüberstehen. Unsere Herzen und unsere Gehirnaktivitäten werden stillstehen, unsere Körper werden zersetzt. Als Muslime jedoch wissen wir, dass der Tod nicht das Ende darstellt. Allah, der Erhabene, tat uns kund, dass es ein Leben nach dem Tode gibt, dass wir für jede vollzogene Handlung zur Rechenschaft gezogen werden und dass wir, gemäß unserer Taten, entweder ins Paradies (ğanna) oder ins Höllenfeuer (ğahannam) einkehren werden.

Für den Muslim geht die Erinnerung an den Tod mit einem verstärkten Bewusstsein für das Jenseits einher und in der Folge mit einem verstärkten Einsatz für den Islam.

Der Gesandte Allahs (s) sagte:

Klug ist derjenige, der sich selbst zur Rechenschaft zieht und nach dem strebt, was ihm nach dem Tode zum Wohl gereichen wird; und unfähig ist derjenige, der Sklave seiner Begierden bleibt, und sich wünscht, von Allah belohnt zu werden, ohne dafür etwas zu tun.

Unabhängig wie „hart“ oder „cool“ die Leute von sich denken zu sein, der Tag wird kommen, an dem sie sterben und Allah (t) gegenüberstehen.

﴿قُلْ إِنَّ الْمَوْتَ الَّذِي تَفِرُّونَ مِنْهُ فَإِنَّهُ مُلَاقِيكُمْ ۖ ثُمَّ تُرَدُّونَ إِلَىٰ عَالِمِ الْغَيْبِ وَالشَّهَادَةِ فَيُنَبِّئُكُم بِمَا كُنتُمْ تَعْمَلُونَ﴾

Sprich: „Der Tod, vor dem ihr flieht, wird euch sicher ereilen. Dann werdet ihr zu Dem zurückgebracht werden, Der das Verborgene und das Sichtbare kennt; und Er wird euch verkünden, was ihr zu tun pflegtet.“ (62:8)

Nachdem du gestorben bist, wird es zu spät sein, und du wirst nicht in der Lage sein zurückzukehren, um die Dinge zum Besseren zu verändern und dein Leben auf bessere Art zu leben. Es wird keine Rückkehr geben, um die Gebete zu verrichten, die du verpasst hast, noch um die Fehler, die du begangen hast, auszubügeln.

﴿حَتَّى إِذَا جَاءَ أَحَدَهُمُ الْمَوْتُ قَالَ رَبِّ ارْجِعُونِ * لَعَلِّي أَعْمَلُ صَالِحًا فِيمَا تَرَكْتُ ۚ كَلَّا ۚ إِنَّهَا كَلِمَةٌ هُوَ قَائِلُهَا ۖ وَمِنْ وَرَائِهِمْ بَرْزَخٌ إِلَى يَوْمِ يُبْعَثُونَ * فَإِذَا نُفِخَ فِي الصُّورِ فَلَا أَنْسَابَ بَيْنَهُمْ يَوْمَئِذٍ وَلَا يَتَسَاءَلُونَ * فَمَنْ ثَقُلَتْ مَوَازِينُهُ فَأُولَئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ * وَمَنْ خَفَّتْ مَوَازِينُهُ فَأُولَئِكَ الَّذِينَ خَسِرُوا أَنْفُسَهُمْ فِي جَهَنَّمَ خَالِدُونَ﴾

Wenn einem von ihnen der Tod kommt, wird er sagen: "Mein Herr, bringe mich zum irdischen Leben zurück, auf dass ich in dem, was ich hinterlassen habe, Gutes vollbringe!" Nein! Es ist nur ein Wort, das er sagt. Hinter ihnen steht eine Schranke bis zu dem Tage, an dem sie auferstehen werden. Wenn alsdann ins Horn geblasen wird, dann wird keine Verwandtschaft sie mehr verbinden und niemand wird nach dem anderen fragen. Diejenigen, deren Waagschalen schwer sind, das sind die Erfolgreichen. Diejenigen, deren Waagschalen leicht sind, haben sich selbst verloren und werden in der Hölle enden, in der sie ewig verweilen werden. (23:99-103)

Das Nachdenken über den Tod sollte uns dazu führen, unser Leben zu korrigieren, unseren Verpflichtungen nachzukommen und uns vom Verbotenen (Haram) fernzuhalten. Solange wir noch leben, ist es nicht zu spät, uns zu verändern. Einer der frommen altvorderen Muslime, ar-Rabīʿ ibn Ḫaiṯam, grub sich in seinem Haus ein Grab. Wenn er Härte in seinem Herzen vorfand, legte er sich hinein, solange Allah es wünschte und sprach: „O mein Herr! Schicke mich zurück (ins Leben), so dass ich rechtschaffene Taten verrichte in dem, was ich zuvor vernachlässigte.“ Er wiederholte dies, bis er sich selbst antwortete: „O Rabi’, nun wurdest du zurückgeschickt, also verrichte Taten!“

Der Gesandte Allahs (s) sagte: Steigere dich im Gedenken dessen, was alle Begierden zerstört. [at-Tirmiḏī]

Und er (s) sagte: Wüssten die Tiere, was die Söhne Adams über den Tod wissen, so würdet ihr an ihnen kein Fett zum Essen erblicken. [Al-Baihaqī in „aš-Šuʿab“ ]

Das Nachdenken über den Tod sollte keinen temporären Effekt auf uns haben, so dass, wenn jemand der uns nahesteht stirbt, wir krank werden oder eine Nahtoderfahrung erleben und im Anschluss daran für eine Weile in die Moschee gehen und uns gemäß dem Islam verhalten. Nachdem jedoch einige Zeit vergangen ist, verfliegt der Effekt, und wir kehren zu unseren alten Verhaltensmustern zurück. Im Gegenteil: der Tod sollte stets an vorderster Front unserer Gedanken sein und uns auf permanente Weise beeinflussen.

Der Gesandte Allahs (s) sagte zu ʿAbdullāh ibn ʿUmar (r): Wenn es Abend wird, dann erwarte nicht den Morgen. Und wenn du am Morgen aufwachst, dann erwarte nicht die Nacht. Sorge, während du gesund bist, für die Zeit deiner Krankheit, und während du lebst, für deinen Tod. Denn du, o ʿAbdullāh, weißt nicht, was morgen mit dir sein wird. [al-Buḫārī]

Wir sollten nicht glauben, dass die Reue bei Allah (t) zählt, wenn wir den Islam nur vorübergehend befolgen; wenn wir Allah (t) gegenüber Reue zeigen, die Nachlässigkeit bei der Erfüllung unserer Pflichten dann aber erneut zutage tritt und wir wieder in Sündhaftigkeit verfallen.

﴿وَلَيْسَتِ التَّوْبَةُ لِلَّذِينَ يَعْمَلُونَ السَّيِّئَاتِ حَتَّىٰ إِذَا حَضَرَ أَحَدَهُمُ الْمَوْتُ قَالَ إِنِّي تُبْتُ الْآنَ وَلَا الَّذِينَ يَمُوتُونَ وَهُمْ كُفَّارٌ ۚ أُولَٰئِكَ أَعْتَدْنَا لَهُمْ عَذَابًا أَلِيمًا﴾

Die Reue gilt jedoch nicht für diejenigen, die böse Taten begehen, dann aber, wenn einer von ihnen des Todes ist, sagt er: "Jetzt bereue ich meine üblen Taten." Auch gilt sie nicht für jene, die im Unglauben gestorben sind. Für diese haben Wir eine qualvolle Strafe bereitet. (4: 18)

Das Nachsinnen über den Tod sollte uns besser auf diesen vorbereiten, so dass wir das irdische Leben wie eine Reise oder einen Test behandeln, nicht jedoch wie eine Zeitspanne, in der wir besessen davon sind, uns zu amüsieren, ohne dabei die Grenzen Allahs (t) zu berücksichtigen. So sagt der Erhabene:

﴿وَمَا الْحَيَاةُ الدُّنْيَا إِلَّا مَتَاعُ الْغُرُورِ﴾

Das irdische Leben ist nur trügerischer Genuss. (57:20)

Ibn ʿUmar (r) sprach: „Ich kam zum Propheten (s), und ich war der zehnte von zehn Männern, als ein Mann von den anṣār (Untersütztern) fragte: „Wer ist der klügste und ehrenwerteste unter den Leuten, o Gesandter Allahs?“ Der Prophet (s) antwortete: „Diejenigen, die am meisten des Todes gedenken und sich in Vorbereitung auf ihn am stärksten einsetzen. Dies sind die klügsten. Sie haben uns mit der Ehre dieser Welt und der Würde des Jenseits verlassen.““ [Ibn Māğa]

ʿUṯmān ibn ʿAffān (r) sagte in seiner letzten ḫuṭba: Allah (t) gab dir diese Welt, um das Jenseits anzufordern, nicht jedoch gab er sie dir, damit du dich auf diese verlässt. Denn diese Welt ist endlich, das Jenseits jedoch ist ewig. Lass also nicht zu, dass das Endliche dich unachtsam werden lässt oder dich ablenkt von dem, was ewig ist. Wähle lieber das, was ewig ist, als das, was endet, denn diese Welt wird enden und unsere Rückkehr wird zu Allah sein. Der Tod erinnert uns an das Jenseits, und es gibt keine bessere Gedächtnisstütze als ihn.

Es gibt spezifische Handlungen des Propheten (s), durch die er uns dazu ermutigt, uns selbst an den Tod zu erinnern.

Abū Ḏarr (r) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sprach: Besucht die Gräber, denn sie erinnern euch an das Jenseits. Wascht die Toten, denn es ist eine hervorragende Ermahnung, sich eines leeren Körpers anzunehmen. Und betet die Totengebete (Jana’iz), da sie euch betrüben können, und der Betrübte steht im Schatten Allahs. [Bei ibn Abī ad-Dunyā und al-Ḥākim]

Ibn Abī Mulaika berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte: Besucht eure Toten und grüßt sie, denn wahrlich, in ihnen ist euch ein Lehre.“ [Ibn Abī ad-Dunyā]

Und ad-Ḍāḥik berichtet, dass ein Mann einmal (zum Propheten) sprach: „O Gesandter Allahs, wer ist der enthaltsamste (zāhid) unter den Leuten?“ Der Prophet (s) antwortete: „Derjenige, der das Grab nicht vergisst und das überschwängliche Leben aufgibt, der das anstrebt, was ewig ist, statt dem, was vergänglich ist, der den gestrigen Tag in seiner Kürze erkennt und sich selbst zu den Leuten des Grabes zählt.“

Es ist einfach, den Gedanken an den Tod im Hintergrund zu behalten und gleichzeitig anzunehmen, dass man noch ein langes Leben vor sich hat. Doch der Engel des Todes lässt, sobald die Zeit gekommen ist, niemanden aus, egal, ob jung oder alt.

Der Gedanke an den Tod bedeutet nicht zu weinen und zu jammern und auch nicht, sich selbst die Schuld zu geben, wenn man gerade an der Schwelle zum Tode steht. Ebenso bedeutet er nicht nur, an Beerdigungen teilzunehmen oder Gräber zu besuchen. Vielmehr gedenkt der Gläubige dem Tod, wenn er sich vergegenwärtigt, dass er jeden Moment vor seinem Herrn stehen könnte, seine Taten ein Ende finden und seine Möglichkeit zur Reue ebenfalls beendet ist. Dann wird er sich seiner selbst bewusst werden und darauf achten, Allah (t) zu gehorchen, so dass er jede Sekunde seines Lebens seinem Herrn gegenüber achtsam ist.

﴿قُلْ إِنَّ صَلَاتِي وَنُسُكِي وَمَحْيَايَ وَمَمَاتِي لِلَّهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ﴾

Sprich: "Mein Gebet, meine Riten, mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten.“ (6:162)