KOMMENTAR

- 26.01.2018

Nibelungenpolitiker

Dieser Artikel beschreibt den Lebensabriss eines jungen muslimischen Mannes, der sich politisch in der hiesigen Gesellschaft engagierte, um einen Beitrag für eine gerechtere Welt zu leisten. Die Erfahrungen, die er mit den etablierten Parteien machte, sind im Grunde genommen Realitäten, die auch viele andere Muslime hier erleben. Sie alle sehnen sich eine positive Veränderung für die hier lebenden Muslime herbei. Jedoch müssen sie immer wieder feststellen, dass ihr aufrichtig eingeschlagener Weg, in dieser Gesellschaft politisch zu partizipieren, um etwas Positives zu bewirken, sie immer wieder in Sackgassen und Enttäuschungen führt.

 

Wenn Politiker wie der Ex-Außenminister und jetzige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklären: „Es scheint, die Welt ist aus den Fugen geraten“, dann ist das für einen politisch denkenden Menschen mit Tatendrang ein Apell, sich zu engagieren, seinen Beitrag für eine gerechte Welt zu leisten und eben diese „Fugen“ wieder in Ordnung zu bringen.

 

In einem kapitalistischen System ist es nun das demokratische Partizipieren, das augenscheinlich die einzige Möglichkeit bietet, seine Wertevorstellungen in die Tat umzusetzen. Diesen Weg beschritt auch ich in jungen Jahren und fand mich in einer stetigen Unzufriedenheit wieder. Und so wurde ich, wie es wahrscheinlich vielen muslimischen Geschwistern geht, die sich einer demokratischen Partei verpflichtet haben, zu einem „Nibelungenpolitiker“.

 

Abgeleitet wurde dieser Begriff von der sprichwörtlichen „Nibelungentreue“, die auf die germanische Nibelungensage zurückgeht und die uneingeschränkte Treue meint, die keinen Spielraum bietet, den persönlich abgelegten Schwur zu hinterfragen. Dass dieser Eid, der mögliche Gefahren bewusst ausblendet, schlussendlich in ein dramatisches Ende mündet, ist ein charakteristisches Merkmal dieses Ausdrucks und leider auch die traurige Realität gescheiterter Politiker.

 

Dass sich islamische Überzeugung und politisches Partizipieren in einer unislamischen Gesellschaft vehement widersprechen, ist unstrittig. Schließlich kann ich nicht Mitglied einer Partei sein, die unislamische Werte und Ziele vertritt. Geht es beispielsweise um die Einführung einer gleichberechtigten, homosexuellen Ehe, widerspricht das in allen Zügen der islamischen Rechtsprechung. Obwohl mir das von vornherein klar war, blendete ich diese Frage aus und versuchte mich auf Themengebiete zu konzentrieren, die einen Nutzen für die muslimische Bevölkerungsgruppe versprachen. Schließlich konnte ich mich gegen ein Kopftuchverbot stark machen und mich für eine Willkommenskultur muslimischer Flüchtlinge aussprechen. Spätestens jedoch als es um militärische Auslandseinsätze auf muslimischem Boden ging, befand ich mich in einer schizophrenen Situation, die mich in eine Identitätskrise stürzte und viele Fragen aufwarf. Es war ein Fehler, meine Antworten im hiesigen System zu suchen, denn dies bot mir nur drei mögliche Optionen:

 

Erstens, ich lege die politische Arbeit nieder und betrachte Religion und Politik als zwei zu trennende Faktoren. Mit anderen Worten: Ich akzeptiere den säkularen Gedanken, befürworte ihn gar und sehe die politischen Konflikte als unlösbare Phänomene, aus denen ich mich als Muslim herauszuhalten habe.

 

Zweitens, ich trete aus meiner Partei aus und wechsle in eine andere, die augenscheinlich weniger unislamische Werte vertritt.

 

Drittens, ich bleibe in meiner Partei und akzeptiere, dass Politik Kompromiss bedeutet. Dabei muss ich mir bewusst sein, dass gewisse Werte verhandelbar sind und dass sich religiöse Standhaftigkeit paradox zum politischen Partizipieren verhält.

 

Müsste ich jemanden für diesen Gewissenskonflikt, für diese Unsicherheit, für diese stetige Unzufriedenheit zur Verantwortung ziehen, dann wäre es der Staat. Näher gesagt, die Schulpolitik in diesem Land. Ich habe mich während der Schulzeit politisiert. Nicht, weil die Schule mir die notwendigen Grundlagen dafür geboten hat, sondern, weil Politik am Familien-Esstisch zur täglichen Routine gehörte. Im Gegenteil, die Schule ist ein Ort der Entpolitisierung. Bestenfalls bildet sie Kommunalpolitiker aus, ehrenamtliche Schulsprecher, die freiwillig bis in die Abendstunden an fraglichen Konferenzen teilnehmen, wo man ihnen versucht weiszumachen, sie seien wichtiger Bestandteil und unverzichtbares Sprachrohr der Schülerschaft.

 

Es geht aber mit Nichten darum, engagierte Politiker in der Schule auszubilden. Dies würde nur in einen Interessenkonflikt führen – schließlich sind Schüler die unangenehmsten Kritiker. Dabei muss es sich nicht einmal um banale Vorschläge handeln, wie die Verkürzung der Unterrichtsstunden bei gleichzeitiger Verlängerung der Ferien und Schulpausen. Auch greifbare Vorschläge verschwinden in den Köpfen einer Gesamtschulkonferenz, wenn bis zu hundert Lehrer auf zwei bis vier Schülervertreter treffen und einem die genauen Prozesse eines solchen Gremiums völlig fremd sind. Schließlich lernt man weder im PW-, noch im Geschichtsunterricht was Ausschuss-, Plenarsitzungen und Anträge bedeuten. Und bis man diese Prozesse im Selbststudium verstanden, verinnerlicht und sich mit ihnen vertraut gemacht hat, winkt einem auch schon das Abiturzeugnis entgegen und man verlässt die Schule.

 

Es ist befremdlich – ich hatte keine Ahnung von derartigen politischen Prozessen, war eine Niete und konnte nicht einen Antrag durchsetzen. Und trotzdem lächelten mich zweistellige PW- und Geschichtsnoten an. Warum auch nicht? Solange ich begründen konnte, weshalb der Sturm auf die Bastille so toll war und warum die Türkei lieber nicht in die EU sollte, waren Fragen über das System kleinkarierte Nebensächlichkeiten – ich akzeptierte das „Establishment“.

 

Rückblickend ist das eine sehr eigenartige Erfahrung. Auf der einen Seite gibt man sich keine Mühe, ein politisches Bewusstsein in die Köpfe der Schüler einzuschlagen, auf der anderen Seite waren engagierte Schulsprecher ein wichtiges Aushängeschild der Schule. Es ist wie ein doppelter Säkularismus: Sei politisch, das ist gut, aber denk nicht zu viel darüber nach. Ich trennte sodann nicht nur Staat von Religion, sondern auch politische Arbeit vom politischen Bewusstsein.

 

Gerne würde ich nun behaupten, dass ich mir nach diesen ersten Erfahrungen die Fragen stellte, was denn einen guten Politiker und gute Gesetze ausmachten. Aber das wäre schlichtweg gelogen. Diese Fragen stellten sich mir gar nicht. Denn dies hätte vorausgesetzt, dass ich mir kritische Gedanken über das System und die Lebensordnung machte. Ja, ich würde sogar behaupten, dass mir die Existenz dieser Fragestellungen nicht einmal bewusst war.

 

Viel wichtiger ist hingegen die Erkenntnis gewesen, und dies war ein enormes Schlüsselerlebnis, dass die islamisch-ideologische Überzeugung eine Idee verkörpert, die sich als Wahrheit begründen und beweisen lässt. Mit dieser grundlegenden Erkenntnis stellten sich auch all meine politischen Konzeptionen auf den Kopf. Schließlich kannte ich politische Überzeugung bis dato nur als verhandelbare Option. Ich lernte Politiker als Menschen kennen, deren Aufgabe es war, die Fehler ihrer Vorgänger zu korrigieren und mit dem geringeren Übel zu handeln. Ich lernte Gesetze kennen, die eigentlich keine waren, weil sie in zehn oder zwanzig Jahren keine Gültigkeit mehr besitzen würden.

 

Mit der Entwicklung des islamischen Bewusstseins stellte ich mir schließlich das erste Mal eine essentielle Frage: Sind meine politischen Überzeugungen die richtigen? In einer säkularen Gedankenwelt, in der es kein absolut richtig oder falsch gibt, klang auch für mich diese Fragestellung überaus naiv, wenn nicht sogar fanatisch. Keine der mir bekannten Ideologien beanspruchte für sich die absolute Wahrheit.

 

Der Islam überzeugte mich schlussendlich jedoch vom Gegenteil. War diese Ideologie erst einmal mit dem rationalen Verstand bewiesen, so musste ich konsequenterweise auch ihre gesellschaftlichen Normen und Prinzipien annehmen. Mit dieser Feststellung, die keine rein spirituelle oder philosophische Erleuchtung war, sondern eine allumfassende und konzeptionelle Überzeugung, wurde mir aufgrund des Wahrheitsgehaltes nun bewusst, dass Religion und politisches Handeln kein Widerspruch sind. Keine sich störenden Elemente, deren Resultat eine disharmonische Gesellschaft ist – viel eher ist die islamische Ideologie der hinreichende Faktor einer funktionierenden Gesellschaft.

 

Und hier liegt der Kern dieser Botschaft: Hätte ich für mich diese Schlussfolgerung nicht gezogen, wäre ich nach wie vor in den geistigen Ketten einer „Nibelungenpolitik“ verfangen und würde einer politischen Konzeption folgen, ohne diese je in Frage zu stellen. Und das nur, weil sie augenscheinlich dem Geiste der Zeit entspricht. Ein Schleier der Ignoranz würde vor meinen Augen hängen, während ich krampfhaft versuche, den Islam mit kapitalistisch-demokratischen Prinzipien zu vereinbaren. Dass dieser unnatürliche Versuch, wie es die Nibelungensage auch vorhersagt, zum kläglichen Scheitern verurteilt ist, sehen wir an den jüngsten Beispielen sogenannter „liberaler Muslime“. Man würde sogar meinen, dass politisches Handeln ohne rationale Überzeugung eines ist: Opium für das Volk.

 

(Muhammad Gilani)