KOMMENTAR

- 11.03.2018

Die moralische Inkompetenz des Kapitalismus

Die kapitalistische Wirtschaft ist rücksichtslos gegen Mensch und Natur. Sie verwertet ausnahmslos alles, was in irgendeiner Form einen Nutzen bringt. Der Einzelne ist gar nicht in der Lage, sich dem zu entziehen, und macht sich zum Mittäter dieser profitorientierten Rücksichtslosigkeit. Das kapitalistische System bringt das Individuum zwangsläufig dazu, gegen die viel zitierten Menschenrechte zu verstoßen, auch wenn seine moralische Einstellung vielleicht eine andere ist. Jeder weiß beispielsweise inzwischen, welche Zustände in der Textilindustrie herrschen. So gut wie jedes Kleidungsstück, das auf den Markt kommt, ist das Ergebnis von Ausbeutung und moderner Sklaverei. Das Wissen hält den Einzelnen aber nicht davon ab, selbst Nutzen aus diesem Umstand zu ziehen und von niedrigen Preisen zu profitieren. Im Kapitalismus gibt es folglich kein Entkommen vor der eigenen Beteiligung an den kapitalistischen Vergehen.

Typisch für den kapitalistisch geprägten Menschen ist sein gegen Leid und Unrecht resistentes Gewissen, das nur noch auf wenige Reize reagiert. Der Skandal um Abgastests der Autoindustrie an Affen war ein solcher Reiz, weil es hierbei natürlich um Tiere ging. Die öffentliche Empörung war unverhältnismäßig groß, sodass sich VW genötigt sah, sich für die Abgastests an Affen zu entschuldigen. VW-Chef Matthias Müller bezeichnete die Abgasversuche als „unethisch, abstoßend und zutiefst beschämend“. Gerade einmal zehn Affen veranlassten Müller zu folgender Äußerung: „Mir zeigt das vor allem, dass wir uns in unserem eigenen Unternehmen und als Industrie noch viel ernsthafter und sensibler mit ethischen Fragen auseinandersetzen müssen. Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht! Punkt!“ Es gab sogar personelle Konsequenzen. VW-Manager Thomas Steg trat zurück, und auch Daimler stellte Udo Hartmann, seinen Leiter für Konzern-Umweltschutz, frei, nachdem bekannt wurde, dass er von den Versuchen wusste. Der Höhepunkt aber war die Ankündigung von VW, prüfen zu lassen, wie es den betreffenden Affen geht – alles, um die sonst unempfindliche Öffentlichkeit zu besänftigen. Man möchte schließlich nicht potentielle Käufer verlieren.

Die Autoindustrie ist ein klassisches Beispiel dafür, wie das kapitalistische Wirtschaftssystem funktioniert, nämlich auf der Grundlage von Ausbeutung. Moral ist hierbei nur ein dünner Vorhang, den kaum jemand lüften möchte, weil sich sonst Abgründe auftun, die offenlegen, wie unethisch der Produktionshintergrund der meisten Konsumgüter ist. Wer glaubt schon, dass VW-Chef Müller es ehrlich meint, wenn er davon spricht, „sensibler mit ethischen Fragen“ umzugehen – und das wegen zehn Affen? Natürlich kann VW die Zusage machen, in Zukunft auf Tierversuche zu verzichten, weil die Autoindustrie, anders als etwa die Pharmaindustrie, ohnehin nicht auf Tests mit Tieren angewiesen ist. Wie will aber ein Autokonzern wie VW z. B. Elektroautos produzieren, ohne die prekären Arbeitsverhältnisse in den Zulieferfirmen in Kauf zu nehmen und damit Menschenrechte zu verletzen? Wie sieht es hier mit der Sensibilität bezüglich ethischer Fragen aus? Die Autokonzerne wissen, dass der Wunsch nach sauberer Luft nur zu realisieren ist, wenn dafür die Gesundheit und das Leben von Menschen anderswo auf der Welt aufs Spiel gesetzt werden. Das funktioniert in jenen Ländern, wo die Menschen so arm sind, dass sie gar keine andere Wahl haben, als unter schlimmsten Bedingungen zu arbeiten. Und dafür hat wiederum der Kolonialismus die besten Voraussetzungen geschaffen.

Auch die Politik sah sich genötigt zu reagieren, denn immerhin sprechen wir hier von zehn Affen. So hatten die Grünen eine Aktuelle Stunde im Parlament beantragt, um zu klären, ob die Bundesregierung „bereits von den zwielichtigen Methoden der Autoindustrie wusste und inwieweit diese sogar aus öffentlichen Geldern finanziert wurden“, wie es von Seiten der Fraktionsgeschäftsführerin Britta Haßelmann hieß. Parteiübergreifend meldeten sich Politiker zu Wort, wie etwa der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann von der CDU, der die Abgastest als „absurd und unentschuldbar“ verurteilte.

Interessant ist vor allem die Haltung der Grünen, die die Tests an den Affen lautstark kritisierten. Zu ihrem Parteiprogramm zählt unter anderem, ab 2030 nur noch Elektroautos zuzulassen. Das vermeintliche Anliegen ist neben dem Ankurbeln der deutschen Autoindustrie „die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger“. Dass für dieses Vorhaben aber die Gesundheit anderer geopfert werden muss – und zwar die von Menschen und nicht von Affen –, scheint irrelevant zu sein. Es ist in der Praxis gar nicht zu vermeiden, so sehr man betont, dass sich die Autohersteller dazu verpflichten müssen, beim gesamten Herstellungsprozess beispielsweise keine Kinderarbeit zuzulassen.

Bei der Produktion von Elektroautos besteht das Hauptproblem vor allem in der Beschaffung wichtiger Ressourcen wie Kobalt. Kobalt ist ein wesentlicher Bestandteil moderner Lithium-Ionen-Batterien. Man kennt die Problematik bereits von der Herstellung von z. B. Handy-Akkus. Für die Produktion von Elektroautos benötigen Autohersteller tonnenweise Kobalt, und dass es nicht in Europa abgebaut wird, liegt auf der Hand. Der Abbau ist sehr aufwändig und umweltbelastend. Er rentiert sich nicht in Ländern, in denen Arbeiter Rechte haben und es so etwas wie Umweltschutz gibt. Es funktioniert nur in Staaten, in denen man Menschen zu einem Hungerlohn und unter Lebensgefahr in die Minen treiben kann. Mehr als die Hälfte des geförderten Kobalts stammt deshalb aus der Demokratischen Republik Kongo. Amnesty International prangert an, dass selbst Kinder unter sieben Jahren in den Minen arbeiten müssen. Schert sich die Öffentlichkeit um das Leben und die Gesundheit der Kongolesen oder würde jemand auf sein Handy oder seinen Laptop verzichten wollen? Selbst wenn Autokonzerne dazu verpflichtet werden, darauf zu achten, dass das Kobalt nicht aus Minen stammt, in denen es durch Kinderarbeit gefördert wird, bleibt das Problem bestehen, dass das Kobalt grundsätzlich unter unzumutbaren Bedingungen gefördert wird und Menschen ihre Gesundheit dafür opfern müssen.

Um die Affen kann man bedenkenlos einen großen Wirbel machen und auf Aufklärung bestehen. Auf das Konsumverhalten hat das keinen Einfluss. Niemand muss deshalb auf irgendetwas verzichten, wenn er auf die Unterlassung von Abgastests an Tieren pocht. Geht es aber um die Ausbeutung von Menschen, droht der Verlust des eigenen Nutzens. Um faire Bedingungen für die Ausgebeuteten zu gewährleisten, muss man nämlich zahlen, indem beispielsweise das Elektroauto für den Durchschnitt zu teuer wird und die Blase von einer abgasfreien Zukunft platzt.

Es liegt nun einmal in der Natur des Kapitalismus, dass der Nutzen an erster Stelle steht. Man kann ihn nicht modifizieren und zu einer gerechten Ideologie machen. So besteht, um bei dem Beispiel der Autoindustrie zu bleiben, die Sorge der Autohersteller nicht darin, wie man das Kobalt unter gerechten Bedingungen beschaffen kann, sondern wie man sich eine dauerhafte Quelle sichert, um Kobalt zu beziehen. Die politische Lage im Kongo ist das Hauptproblem der Autohersteller, wo Minen jederzeit geschlossen werden können, und nicht etwa die Verletzung der Menschenrechte beim Abbau von Kobalt.

Man hat im Grunde nur zwei Optionen: Entweder man akzeptiert die Tatsache, dass das kapitalistische System ein falsches und ungerechtes System ist, das Nutzen und Profit über alles stellt, ohne nach richtig und falsch zu fragen. Dann muss man aber auch den Kapitalismus mit all seinen Konsequenzen hinnehmen und nicht jammern, wenn beispielsweise Affen irgendwelchen Versuchen ausgesetzt werden. Oder aber man überdenkt dieses System, das nicht die einzige Option für die Menschheit ist, und macht sich Gedanken über ein System, das einen anderen Handlungsmaßstab kennt als den Profit und das gerecht ist, unabhängig davon, auf welchem Teil der Erde und unter welchen Bedingungen ein Mensch lebt. Die Lösung des Problems liegt also nicht darin, Tierversuche, Kinderarbeit oder die Missachtung der Menschenrechte anzuprangern, weil das kapitalistische System gar nicht in der Lage ist, ohne diese Vergehen zu existieren. Die Lösung kann nur in einem System liegen, dessen Anliegen das Wohl des Menschen ist, das, anders als es der Kapitalismus vermittelt, nicht im Nutzen liegt.

Der Islam ist eine solche Ideologie, die dem Kapitalismus weit überlegen ist. Die Richtigkeit ihres Fundaments ist nämlich rational nachvollziehbar, und das System, das daraus hervorgeht, gerecht. Selbst das Wirtschaftssystem im Islam funktioniert ohne den Profit als grundsätzlichen Handlungsmaßstab. Man muss sich nur mit der Materie auseinandersetzen, um dies zu erkennen, statt seine Energien vergeblich daran zu verschwenden, die unveränderlichen profitorientierten Machenschaften der kapitalistischen Wirtschaft aufzudecken und ihr moralische Prinzipien auferlegen zu wollen, die sie nicht einhalten kann. Moral liegt schlichtweg außerhalb kapitalistischer Möglichkeiten.

 

(Um Ahmad)