PERSÖNLICHKEITEN

- 17.03.2018

Imam al-Ghazali über das Kalifat als zentrale Rolle im Islam

Imam Al-Ghazali (auch ḥuǧǧat al-islām - Beweis des Islam - genannt) wird zu Recht als einer der größten Gelehrten der islamischen Geschichte angesehen und respektiert. Manche betrachten ihn als den Mudschaddid (Wiederbeleber) seines Jahrhunderts, weil er die islamischen Wissenschaften wiederbelebt und wichtige Beiträge zu Themen geleistet hat, die die Muslime belastet haben. Der Imam war ein produktiver Autor und seine Werke behandelten viele verschiedene Themen. Den muslimischen Gemeinschaften im Westen sind Ghazalis Theorien über das Herrschen und Regieren vermutlich weniger bekannt. Jene Ansichten werden in diesem Artikel anhand einiger wichtiger Auszüge aus seinen Werken kurz beschrieben.

In vielen seiner Bücher richtet Al-Ghazali den Fokus auf die Thematik des Herrschens und Regierens. Entweder tut er dies direkt oder er bettet sie im Kontext anderer Abhandlungen ein. In einigen seiner Werke geht er auf diese Themen ein, wie z.B. in:

- Ihyāʾ ʿulūm ad-dīn (Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften)

- al-Iqtisād fī al-iʿtiqād (Das rechte Maß in der Glaubenslehre)

- Fadāʾih al-Batiniyya (Die Schändlichkeit der Esoteriker und die Tugenden der Exoteriker)

- Al-Wasit fi al-Madhhab

- Al Munqidh min Al-Dhalal (Der Erretter aus dem Irrtum)

Das Regieren nach dem Islam, der Staat und dessen relevante Aufgaben formen einen wichtigen Teil seiner Theorien und Werke. Das ist jedoch wenig überraschend, da das Regieren nach islamischen Regeln eine entscheidende Rolle im Islam einnimmt und die Wichtigkeit dieser Angelegenheit universell von den klassischen islamischen Gelehrten anerkannt und thematisiert wurde.

Einige Anhänger seiner Werke reduzieren Ghazalis Bücher fälschlicherweise auf Aspekte des Herzens und der seelischen Reinigung. Wenn man diese jedoch als Ganzes betrachtet, so besteht kaum Zweifel, dass das Schema des Islam, welches Imam Al-Ghazali beschreibt, in seinem Kern die Wichtigkeit des Kalifats und seiner Rolle bei der Implementierung und Verbreitung des Islam hatte. Die folgenden Ausschnitte aus einigen seiner bedeutendsten Werke machen dies deutlich und sind ein wichtiger Indikator für seine politische Theorie.

Die vorrangige Bedeutung und Verpflichtung eines Imam / Sultan / Kalifen stellt Imam Al-Ghazali in al-Iqtisād fī al-iʿtiqād (S. 199) & Fadāʾih al-Batiniyya (S. 105) mit folgenden Worten auf:

„Die Muslime müssen einen Imam haben, dessen Aufgaben die folgenden sind: die Implementierung der Ahkam, die Aufrechterhaltung der Hudud, die Überwachung und Sicherung der Grenze, das Ausrüsten der Armee, das Einsammeln und die Verwaltung der Zakat, das Niederschlagen von Rebellen, Räubern und Wegelagerern, die Aufrechterhaltung des Versammlungsgebets und der zwei Id-Feste, die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Menschen, das Implementieren rechtlicher Grundlagen, die auf Beweisen beruhen, die Vermählung von Männern und Frauen, die keinen Vormund besitzen, und das Verteilen der Kriegsbeute.“

Zu der Wichtigkeit und Verpflichtung eines Kalifen schreibt Imam Ghazalai in al-Iqtisād fī al-iʿtiqād (S. 199) folgendes:

„Die Sicherheit der Welt, ihrer Bewohner und Gegenstände kann nicht erreicht werden, außer mit einem gerechten Herrscher. Der Tod der Herrscher und Führer verursacht Zeiten extremer Aufwiegelung und Chaos. Wenn diese [chaotische Situation] weitergeht, ohne dass ein anderer gerechter Herrscher ernannt wird, dann wird es weiterhin Chaos und Unordnung [...] geben. Deshalb wird gesagt, dass die Religion und der Herrscher "zwei verwobene Garanten" sind und dass die Religion das Fundament ist, während der Herrscher der Hüter der Religion ist. Wenn es kein Fundament dafür [für die Religion] gibt, ist sie zum Scheitern verurteilt, und wenn es keinen Wächter dafür gibt, wird sie zugrunde gehen ... dies ist eine Krankheit, für die es kein Heilmittel gibt, außer durch einen mächtigen und gerechten Herrscher, der die Uneinigen vereinen wird.“

Er sagt auf Seite 24 des gleichen Buches weiter, dass die Konsequenzen einer möglichen Aussetzung der Kalifenregel folgende sind:

„Die Richter werden suspendiert, die Wilayat (Provinzen) werden annulliert... die Dekrete der Autorität werden nicht ausgeführt und alle Menschen werden am Rande der Schlechtigkeit und des Verbotenen (Haram) sein.“

Für Imam Ghazali ist die Existenz des Kalifats nicht nur eine Frage der Organisation des Lebens im weltlichem Sinne; vielmehr ist diese Verpflichtung eng mit dem Jenseits verbunden, denn durch die Durchsetzung der göttlichen Herrschaft ist der Erfolg im Jenseits gewährleistet. Er schreibt diesbezüglich in demselben Buch:

„Daher ist es klar, dass der Herrscher sowohl für die Systeme dieser Religion als auch für die Systeme dieser Welt notwendig ist und umgekehrt. Außerdem sind die Systeme dieser Religion notwendig für den Erfolg und die Freude im Jenseits, und dies war zweifellos das Ziel der Propheten. Daher wird der obligatorische Charakter der Ernennung des Herrschers (Imam) aus dem Gesetz bestimmt, das in keiner Weise aufgegeben werden darf. Wisse das!“

 

Für Imam Al-Ghazali waren die Gefährten die ultimative Manifestation dieses Verständnisses. Aus seiner Sicht verstanden sie, wie wichtig es ist, die weltliche Autorität als eine Funktion ihres Gehorsams gegenüber Allah zu bestimmen. Der Imam kommentiert dies in seinem Buch Fadāʾih al-Batiniyya (S. 171):

„Von der ersten Generation an sieht man, dass die Prophetengefährten (Sahabah) zügig einen Imam ernannten und ihm den Treueeid nach dem Tod des Propheten (s) leisteten, und sie waren der Ansicht, dass es eine Verpflichtung ist, die auf ihnen lastet und ein Recht, das sofort erfüllt werden sollte. Diese Verpflichtung war so wichtig, dass es sogar dazu führte, dass die Vorbereitung auf das Begräbnis des Propheten (s) aufgeschoben wurde, bis sie die Ernennung eines Imams vollzogen hatten; All das war ihnen bewusst. Schließlich wussten sie, dass, sollte es einen Moment geben, in dem sie keinen Führer haben, der sie unter einer Meinung vereint, und sie ein Problem haben, wo sie uneinig über die Lösung des Problems sind, dann wäre ihr System ein einziges Durcheinander, die Einheit annulliert und die Gesetze würden aufhören praktiziert zu werden. Aus diesem Grund haben sie es vorgezogen, auf die Ernennung eines Anführers zu drängen und haben sich während dieser Zeit nicht mit etwas anderem beschäftigt.“

Aus dem obigen Abschnitt geht klar hervor, dass Imam al-Ghazali das Kalifat für einen zentral wichtigen Teil des Islam hielt. Er verband es sowohl mit dem weltlichen Erfolg, dem Erfolg im Jenseits, dem Gehorsam Allahs, dem Schutz der Muslime und den Gesetzen des Islam.

Wichtig ist, dass er das Kalifat auch als Vehikel sah, durch das der Islam verbreitet wurde. Insbesondere erklärte er, dass der Jihad auf dem Weg Allahs, der durch das Kalifat organisiert wurde, der Grund war, warum die meisten Menschen zum Islam gekommen waren. Er erwähnte dies in seinem Werk al-Iqtisād fī al-iʿtiqād, im Kontext der Erklärung, dass "rationale Beweise" die Menschen nicht immer überzeugen.

Er sagte:

„Die zweite Gruppe von Menschen: eine Gruppe, die sich vom wahren Glauben abwendet, wie die Lästerer und übertretenden Reformer. Die Abgeneigten und Vulgären gehören zu diesen; jene von schwachen Geistern, die in blinder Nachahmung stecken und von Anfang an bis ins hohe Alter auf Basis von falschen Argumenten diskutieren. Nichts wirkt bei dieser Gruppe, außer die Peitsche und das Schwert. Die meisten Nichtmuslime wurden Muslime im Schatten des Schwertes, weil Allah durch das Schwert und den Speer das tut, was Er nicht durch Beweise und Worte tut. Wenn Sie also die islamische Geschichte lesen, werden sie nichts über Kämpfe zwischen Muslimen und Gotteslästerern lesen, ohne dass einige von ihnen zu Muslimen wurden, und sie werden keine Debatte finden, in der sie nur beharrlicher und sturer wurden.“

Zu diesem Thema sagte Imam Al Ghazali in einem seiner berühmtesten Werke, Al Munqidh min Al-Dhalal (Befreiung aus dem Irrtum):

 

„Wann wirst du dich an die Arbeit machen, um zu versuchen, diese Katastrophe zu beseitigen und diese riesige Dunkelheit (die die Menschheit verschlingt) zu bekämpfen? Aber dies sind schwache Zeiten, eine Zeit für die Lüge. Wenn du versuchst, die Menschen von ihren falschen Wegen zur Wahrheit zurückzurufen, werden sich alle gegen dich stellen. Wie um alles in der Welt wirst du gegen sie kämpfen, und wie um alles in der Welt wirst du gleichzeitig mit ihnen leben? Dies kann nur mit einer günstigen Zeit und einem frommen und mächtigen Sultan geschehen.

Selbst als er die Zeit betrachtete, die er zunächst als eine Zeit der Dunkelheit für die Welt erlebte, erkannte er, dass eine wirkliche Veränderung der Muslime dieser Zeit durch einen gerechten und guten Sultan / Kalifen erfolgen würde, der gute Werke tut und der den Islam mit der institutionellen Macht des Kalifats verbreitet.

Während man diesbezüglich aus den umfangreichen Werken Imam Al-Ghazalis wesentlich mehr sagen könnte, genügt das oben Erwähnte als Momentaufnahme seines politisch-religiösen Denkens. Er vertrat die klassische Position und bekannte Meinung unter den Gelehrten, dass das Kalifat eine zentrale Rolle im Islam spielt und nur dadurch die Ziele des Din verwirklicht werden können.

Möge Allah (t) barmherzig mit ihm und all den Gelehrten sein, die im Laufe der Jahrhunderte die Einzelheiten des Islam erklärten.