AQIDA

- 14.09.2012

Der Iman zwischen Anbetungsinstinkt und Verstand

Der Anbetungsinstinkt ist in der Natur des Menschen verankert. Er ist der sich aus dem natürlichen Gefühl der Schwäche und Unzulänglichkeit im Menschen ergebende Impuls, eine höhere Macht anbeten zu wollen, die ihn bei der Bewältigung der Lebensanforderungen unterstützt.Bei allen Völkern und in allen Zeiten ist der Anbetungsinstinkt wahrnehmbar. Die griechische oder germanische Mythologie ist Ausdruck dieses Instinktes genauso wie der Glaube der alten Ägypter. Selbst jene, die die Religion kategorisch ablehnen, haben einen Anbetungsinstinkt. Ihre Anbetung richtet sich in diesem Fall nicht gegen das, was man herkömmlich als Religion bezeichnet, sondern gegen eine Idee, wie etwa die Idee der Freiheit, für deren Verteidigung man seine Armee bis nach Afghanistan schickt. Der Anbetungsinstinkt wird immer Teil der menschlichen Natur bleiben, unabhängig davon, auf welche Art er zum Ausdruck kommt.Obwohl der Anbetungsinstinkt eine natürliche Anlange darstellt, fragt er nicht nach richtig oder falsch, da es ihm ausschließlich darum geht, befriedigt zu werden. Daher verleitet er den Menschen dazu, seine Anbetung gegen Dinge zu richten, die der Anbetung unwürdig sind, etwa die Kuh im Hinduismus. Der Anbetungsinstinkt führt auch zu widersprüchlichen Vorstellungen wie der Dreifaltigkeit im christlichen Glauben, so dass Schöpfer und Geschöpf gleichermaßen angebetet werden. Selbst der Aberglaube ist das Ergebnis des Anbetungsinstinktes. Er gibt sich im Grunde mit allem zufrieden, weil ihn die Wahrheit nicht interessiert und er nicht nach Beweisen fragt, so dass er sich beispielsweise auch mit dem Glauben an hoch entwickelte Außerirdische befriedigen lässt. Das heißt, der Anbetungsinstinkt drängt auf Befriedigung und lässt dabei im Grunde alles zu.Der Instinkt allein ist somit völlig unzuverlässig. Beispielsweise ist Angst eine natürliche Erscheinungsform des Selbsterhaltungsinstinktes im Menschen, der ein Fluchtverhalten einleitet, wenn er Gefahr wittert. Nimmt der Mensch nachts eine Gestalt auf der Straße wahr, bekommt er Angst und möchte fliehen oder zumindest Abstand halten. Zieht er jedoch seinen Verstand hinzu, stellt er fest, dass es sich nur um einen toten Gegenstand handelt, dessen Konturen im Dunkeln einer menschlichen Gestalt ähneln. Der Instinkt ist nicht in der Lage, die Welt in ihrer wahren Realität wahrzunehmen. Dies kann nur der Verstand, der letztlich darüber entscheidet, welches Verhalten angemessen ist. Deshalb muss der Verstand als Wächter über den Instinkt herangezogen werden, so dass dieser einer richtigen Befriedigung zugeführt wird und nicht den Irrungen von Blasphemie und Götzendienst verfällt.Aus diesem Grund darf der Glaube nicht allein auf dem Anbetungsinstinkt basieren. Der Glaube an einen Schöpfer muss sich auch mit dem Verstand vertragen. Das heißt, der Mensch darf nicht nur fühlen, dass er eines Schöpfers bedarf, sondern er muss dessen Existenz rational belegen können. Das Ergebnis, zu welchem der Verstand gelangt, darf auch nicht im Widerspruch zu dem im Menschen angelegten Instinkt stehen. So müssen Verstand und Anbetungsinstinkt darin übereinstimmen, dass es einen Schöpfer gibt, dem allein die Anbetung gebührt.[Der altägyptische Abgott Anubis.] Die islamische Glaubensüberzeugung beginnt mit "Ich bezeuge, dass […]". Wenn der Mensch etwas bezeugt, so tut er dies nur dann, wenn er sicheres Wissen über die Sache hat, die er bezeugt. Ein Zeuge, der vor Gericht etwas bezeugen soll, darf dies nicht auf der Grundlage von Empfindungen tun. Das Gericht geht davon aus, dass eine Person, die als Zeuge auftritt, etwas gesehen oder gehört hat, d. h., die Sinne müssen in irgendeiner Form beteiligt sein. Wer also die Worte "Ich bezeuge, dass […]" spricht, bei dem ist ein Denkprozess vorangegangen, der ihn zu einer Gewissheit geführt hat, die er bezeugen will.Der Verstand lehnt den Atheismus ab, weil das Negieren eines Schöpfers irrational ist. Die Realität besteht aus Materie, an der die Frage haftet, woher sie stammt. Die Urknalltheorie kann allenfalls die Entstehung des Universums erklären, jedoch nicht die Herkunft der Materie, aus der sich das Universum zusammensetzt. Auch eine Theorie wie die Evolutionstheorie sagt nichts über den Ursprung der Materie aus, sondern versucht lediglich die Artenvielfalt zu erklären. Die Behauptung, die Materie habe schon immer existiert und sei ewig, widerspricht der Realität, in der man die Endlichkeit der Materie wahrnimmt. Die Sinne nehmen die Endlichkeit der Materie wahr, ob in der belebten oder unbelebten Natur, so dass der Verstand von der Unendlichkeit der Materie nicht überzeugt werden kann.[Milchstraße] Darüber hinaus ist die Materie nicht in der Lage, andere Materie hervorzubringen. Der Verstand nimmt in der Realität wahr, dass Materie umwandelbar ist und ein Stoff seinen Zustand verändern kann, aber Materie bringt keine völlig neue Materie aus dem Nichts hervor. Da sie sich nicht selbst hervorgebracht haben kann, jedoch zwingend eine Ursache haben muss, bleibt als einzige Möglichkeit ein Schöpfer, der nicht Teil der Materie ist und diese erschaffen hat. Die Existenz eines Schöpfers ist die einzig rationale Erklärung für die Existenz der Materie.Weil der Glaube an einen Schöpfer rational ist, fordert der Islam alle Menschen dazu auf, ihre Anbetung ausschließlich an den einen Schöpfer zu richten. Der Koran spricht daher auch den Verstand des Menschen an, indem Allah (t) beispielsweise sagt:

"Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und dem Wechsel von Nacht und Tag sind Zeichen für jene, die einen reinen Verstand haben." 

[Al-Imran 3:190]

Da der Glaube an einen Schöpfer vom Verstand abhängt, zieht Allah (t) auch nur jene Menschen zur Rechenschaft, deren Verstand vollständig entwickelt ist.