PERSÖNLICHKEITEN

- 08.11.2012

Imam Abu Hanifa

Abu Hanifa wird von den Muslimen als großer Gelehrter geachtet. Er ist Begründer einer der vier großen Rechtsschulen, die in der islamischen Welt verbreitet sind. In Jordanien, Pakistan, Indien, China, Indochina, der Türkei, der Sowjetunion und in Afghanistan zählen ca. 350-400 Millionen zu den Anhängern seiner Rechtsschule. Sein Status als Gelehrter und Mudschtahid ist unangefochten. Gerade in Zeiten des Aufruhrs und der Orientierungslosigkeit lohnt sich ein Studium seiner Bioraphie.

Abu Hanifa wurde 80 n. Hjr. (697 n. Chr.) in Kufa geboren, das im heutigen Irak liegt. Sein vollständiger Name lautet An Nu'man ibn Thabit ibn Zu'ta ibn Mah. Er stammt aus einer persischen Familie. Allerdings gibt es Meinungsunterschiede unter den Historikern bezüglich des Status seiner Familie. Einige behaupten, Abu Hanifa stamme aus einer Sklavenfamilie, was die meisten Historiker jedoch zurückweisen und widerlegen.

Abu Hanifa wurde in die Zeit der Ommayadendynastie geboren. Abdulmalik ibn Marwan hatte das Kalifat inne und regierte mit strenger Hand die Verwaltungsbezirke Kufa, Basra und Khorasan. Gouverneur dieser Bezirke war Hadschadsch ibn Youssuf, ein für seine Strenge gefürchteter Mann. Er ging insbesondere gegen die schiitische Opposition mit Härte vor. Nachdem Abdulmalik 86 n. Hjr. starb, übernahm sein Sohn Walid das Amt des Kalifen. Die Zeit der Ummayaden war von zahlreichen Eroberungen gekennzeichnet. Sie knüpften damit nahtlos an das Erbe der Rechtgeleiteten Kalifen an. In der Zeit von Walid wurde das Staatsgebiet des Kalifats um Andalusien, Kasachstan und die spanischen Inseln Minorca und Mallorca erweitert. 95 n. Hjr. starb Al-Hadschadsch und ein Jahr später Walid. Nach ihm wurde Sulaiman ibn Abdulmalik Kalif. Mit seiner Amtszeit wurde eine Phase der Ruhe und politischen Stabilität eingeläutet, die nach seinem Tod im Jahre 99 n. Hjr. durch seinen Nachfolger Umar ibn Abdulaziz fortgesetzt wurde. Dieser förderte die Weiterentwicklung der islamischen Rechtswissenschaften. Ferner stoppte er die politische Unterdrückung und die Denuncierung des letzten Rechtgeleiteten Kalifen Ali ibn Abi Talib.

In dieser Zeit blühten auch die Hadithwissenschaften auf. Zwar lebten in der Zeit von Abu Hanifa nur noch die letzten Sahaba – Anas ibn Malik starb 93 n. Hjr., Suhail ibn Sa'd 91 n. Hjr. und Abul-Tufail Amir ibn Wathilad 100 n. Hjr. -, doch gingen die Impulse für die Entwicklung der Hadithwissenschaften vom Kalifen Umar ibn Abdulaziz aus. Er hob nämlich das Verbot auf, Hadithe schriftlich festzuhalten. Einige Historiker behaupten, Abu Hanifa sei ein Tabi'. Es existieren jedoch keine Beweise dafür, dass er mit einem der letzten Prophetengefährten Kontakt hatte. Außerdem spricht die Tatsache, dass das Mindesteintrittsalter für die Fiqhschule in Kufa 20 Jahre betrug, gegen die Behauptung, er sei ein Tabi'.

Abu Hanifa hatte in seiner frühen Jugend weder Interesse an Fiqh noch an Hadithen. Er betrieb wie seine Vorfahren Handel mit Textilien, was ihm zu einem respektablen Wohlstand verhalf. Weshalb er sich dennoch für ein Studium des Fiqh entschloss, soll den meisten Historikern nach auf folgende Geschichte zurückzuführen sein: Eines Tages ging Abu Hanifa schicksalshaft an dem Haus von Scha'bi vorbei, einem großen Gelehrten jener Zeit. Dieser sprach ihn an, weil er ihn für einen Studenten hielt. Er fragte ihn: „Wohin gehst du, junger Mann?" Abu Hanifa nannte einen Handelsplatz, den er besichtigen wollte. Hierauf Scha'bi: „Ich wollte dich eigentlich damit fragen, welche Klasse du besuchst." „Keine", erwiderte Abu Hanifa bedrückt. Scha'bi sagte abschließend: „Ich sehe Zeichen der Intelligenz in dir. Du solltest in der Gemeinschaft von lernenden Männern sitzen."

Nach diesem Gespräch trat Abu Hanifa in die Lehre bei Hammad ein, einem großen und weisen Imam. Hammad führte die größte Rechtsschule in Kufa an. Er traf Anas ibn Malik und viele der bis dato lebenden Tabi'un. Abu Hanifa lernte die Wissenschaft des Fiqh und begeisterte sich gleichzeitig auch für die junge, aufblühende Wissenschaft des Hadith. Umar ibn Abdulaziz entfachte mit seiner Aufhebung des Verbots der schriftlichen Aufzeichnung von Hadithen eine regelrechte Hysterie. Gelehrte reisten von einem Zentrum zum nächsten um Hadithe zu hören und zu lernen. Die Tabi'un verteilten sich in der gesamten islamischen Welt um ihr Wissen über die Hadithe an die Muslime weiterzugeben. Die Zentren waren Mekka, der Jemen, Basra und Kufa. Abu Hanifas Hadith-Lehrer war der bereits erwähnte Scha'bi. Allerdings begab sich Abu Hanifa nach Basra um auch vom Wissen der dortigen Gelehrten zu profitieren. Die bekanntesten unter ihnen waren Hassan Al-Basri, Schu'ba und Qutadah. In Mekka war die bekannteste Schule die des Ata' ibn Abi Rabah. 102 n. Hjr. besuchte Abu Hanifa Medina, wo er von Salim ibn Abdullah und Sulaiman Hadithe hörte. Diese zahlreichen Reisen und Besuche Abu Hanifas zur Erlangung von Wissen über die Hadithe des Gesandten (s.a.s.) widerlegen den Vorwurf, er sei mit den Hadithen nicht vertraut gewesen und hätte kein Wissen darüber, und deshalb würde er den Qiyyas (Analogieschluss) als Rechtsquelle den Hadithen vorziehen.

Abu Hanifa pflegte sehr gute Kontakte zu den bekanntesten Gelehrten seiner Zeit. Er traf mit dem großen Gelehrten Auzai' aus Großsyrien zusammen, der auch den Beinamen Imamu Ahlil-scham trug. Bekannt ist auch seine Zusammenkunft mit Ja'far Assadiq, einem direkten Nachkommen von Ali ibn Abi Talib und dem Gründer der bekanntesten schiitischen Rechtsschule. Eines der berühmtesten Treffen fand mit dem großen Imam Bakir aus Medina statt, wobei Imam Bakir Abu Hanifa mit dem Vorwurf konfrontierte, er würde den Qiyyas dem Hadith als Rechtsquelle vorziehen: „ Du bist also derjenige, der Hadithe von meinem Großvater aufgrund von Qiyyas widerlegt." Abu Hanifa antwortete in einem ehrfürchtigen Ton: „Allah verzeih', wer wagt denn Hadithe zu widerlegen?! Wenn du Platz genommen hast, will ich dir meinen Standpunkt erklären." Abu Hanifa fuhr fort: „Welches Geschlecht ist das schwächere?" „Das weibliche" antwortete Imam Bakir. „Wer bekommt den größeren Anteil im Falle einer Erbschaft?" Hierauf Imam Bakir: „Der Mann." Abu Hanifa hierauf in einem triumphierenden Ton: „ Wenn ich nun meine Auslegungen mit Qiyyas vorgenommen hätte, so müsste die Frau den größeren Anteil bekommen, da sie das schwächere Geschlecht darstellt. So etwas habe ich aber nie behauptet. An einem anderen Beispiel möchte ich dir meine Methodik erläutern. Welche Pflicht ist die wichtigere, das Gebet oder das Fasten?" „Das Gebet", erwiderte Imam Bakir. Abu Hanifa hierauf: „Fürwahr, das ist richtig. Gemäß einem Analogieschluss müsste die Frau nach ihrer Menstruation ihr Gebet nachholen, das Fasten hingegen nicht. Die Meinung jedoch, die ich propagiere, besagt, dass Frauen ihr Fasten, aber nicht ihr Gebet nachholen müssen."

Abu Hanifa erreichte sehr schnell den Status eines Mudschtahids. Der Idschtihad ist die Bemühung des Rechtsgelehrten, die auf seiner Fachkompetenz und seinem Glaubenssinn beruht, die Rechtsnormen aus den Rechtsquellen des Islam auszuarbeiten oder rechtliche Vorschriften zur Anwendung zu bringen. Allerdings entschloss sich Abu Hanifa erst nach dem Tod von Hammad im Jahre 120 n. Hjr., seine weltberühmte Schule zu gründen. Die Bekanntheit dieser Schule wurde in den folgenden Jahren immer größer, sodass aus allen Teilen der islamischen Welt Studenten nach Kufa strömten, um dem Unterricht von Abu Hanifa beizuwohnen. Sein Bekanntheitsgrad stieg in enormem Maße.

Dieser Ruhm brachte ihm aber nicht nur Freunde. Sein politischer Einfluss wurde größer. Die Ummayaden verdächtigten ihn z. B., die Revolte des Zaid ibn Ali gegen sie initiiert zu haben. Allerdings war dieser Verdacht unbegründet. Die Ummayaden wurden im Jahre 132 n. Hjr. von den Abbasiden abgelöst. Diesem Sturz waren blutige Auseinandersetzungen vorausgegangen, denen schätzungsweise über eine halbe Million Muslime allein in Khorasan zum Opfer fielen. Die Abbasiden rechneten mit ihren Feinden ab. Dabei machten sie schlimmere Gebärden als die Ummayaden. Abu Hanifa sympatisierte mit den Gegnern des abbasidischen Kalifats und unterstützte den Aufstand des Ibrahim ibn Muhammad Nafs al-Zakiyah. Der Aufstand scheiterte jedoch, was dazu führte, dass Al-Mansur, der zweite abbasidische Kalif, gnadenlos mit allen Beteiligten abrechnete. Eines Tages musste sich auch Abu Hanifa vor dem Obersten Gericht verantworten. Dabei spielte sich folgender Dialog ab:

Der Vorsitzende des Gerichts, Rabi', stellte Abu Hanifa mit folgenden Worten vor: „Abu Hanifa ist der größte Gelehrte." Al-Mansur fragte Abu Hanifa nach seinen Wissenschaften, die er lehre, woraufhin Abu Hanifa sie ihm bereitwillig aufzählte. Anschließend bot ihm Al-Mansur den Posten des Obersten Richters an. Abu Hanifa lehnte dankend ab und begründete seine Absage damit, dass er dazu nicht in der Lage sei. Al-Mansur hierauf wütend: „Du bist ein Lügner!" Abu Hanifa wiederum: „Sollte ich ein Lügner sein, so wäre meine Absage doch gerechtfertigt. Denn ein Lügner darf nicht Richter werden." Mansur ließ diese Argumentation nicht gelten und wollte Abu Hanifa förmlich dazu zwingen, den Posten anzunehmen. Daraufhin legte Abu Hanifa einen Schwur ab, bei dem er sich diesem Posten ein für alle Mal entsagte. Sodann warf Mansur Abu Hanifa ins Gefängnis. Vier Jahre später, im Jahre 150 n. Hjr. starb Abu Hanifa im Gefängnis. Er wurde in Bagdad begraben.

Seine berühmte Rechtsschule überdauerte, wobei die Seldschuken ihm eine eigene Universität widmeten. Abu Hanifa war nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch eine herausragende Persönlichkeit. Seine Distanz zu den Herrschern behielt er zeitlebens. Er war bereit, ins Gefängnis zu gehen, um bloß nicht durch Macht korrumpiert zu werden. Abu Yussuf, einer der Mitbegründer der hanafitischen Rechtsschule, beschrieb ihn einmal mit folgenden Worten: „Abu Hanifa war sehr fromm, er vermied verbotene Sachen. Er war ein stiller Mensch und häufig in seinen Gedanken versunken. Er beantwortete eine Frage nur dann, wenn er die Antwort kannte. Ferner war er sehr großzügig und Respekt einflößend. Er bat niemals irgendjemanden um einen Gefallen. Er mied die Gesellschaft von Menschen, die das irdische Leben liebten. Er vermied die üble Nachrede und sprach nur Gutes über andere Menschen. Schließlich war er mit seinem Wissen genauso großzügig wie mit seinem Geld."

Abu Abdillah