KOMMENTAR

- 08.04.2018

Wie habt ihr’s mit dem Islam?

Opferrolle oder eine bewusst vernachlässigte Volksgruppe, die die islamische Ummah weder hören, noch akzeptieren möchte? Es sind qualvolle Jahrzehnte des Hin und Her, ein gern gespieltes Klagelied der Kurden, das im Schatten der syrischen Revolution nun internationale Aufmerksamkeit genießt. Doch wie steht es wirklich um die Erben Salahuddins? Und bringt ein autarker Kurdenstaat wirklich Frieden und Wohlstand in die Region?

Als sich in Goethes „Faust“ der Intellektuelle Dr. Heinrich Faust in Margarete, einem Mädchen aus eher bescheidenen Verhältnissen, verliebt, zweifelt die junge Dame die Religiosität Fausts an: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? (...) Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon. Als dieser sich kläglich zu erklären versucht und die unangenehme Frage umgehen will, erkennt sie schließlich: Du hast kein Christentum. Die berühmte „Gretchenfrage“ ist geboren und ist im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ein Sinnbild für eine Frage, die auf den Kern einer Angelegenheit zielt, während der Befragte diese für ihn unangenehme Situation lieber umgehen als zu konfrontieren versucht.

Wie also lautet die Gretchenfrage, wenn es um die Lage des kurdischen Volkes geht? Die Realität zeigt dieser Tage erneut, dass das sogenannte „Kurdenproblem“ von vielen Kurden selbst nicht richtig analysiert, geschweige denn gelöst wurde. Werfen wir einen Blick in die Historie jenes Volkes, insbesondere in die Zeit nach der Auslöschung des Kalifats im Jahre 1924, so zeigt sich, dass in knapp einhundert Jahren nur im Norden des Irak ein kleiner Hoffnungsschimmer aufzugehen schien. Wenngleich Politik und Medien gerne verhießen, dass die Hauptstadt der Autonomieregion Erbil zu einem zweiten Dubai prosperiert wäre, verstummte diese Euphorie, noch bevor der Hahn sein morgendliches Krähen beenden konnte. Während also kurdische Politiker den Tag bereits vor dem Abend lobten, stehen im Zuge der Protestwellen kurdisch-irakische Parteigebäude in Flammen. Für die miserable ökonomische Lage und die wachsende Vetternwirtschaft verantwortlich gemacht, stehen die säkularen Parteien vor einem erneuten Problem, das sie hoffnungslos überfordert. Dass die einstigen US-amerikanischen Verbündeten, die zwar ein bemerkenswertes, aber ausgelutschtes Lippenbekenntnis in Form ständiger Liebeserklärungen an die Kurden abgaben, sich nun stillschweigend aus der Affäre ziehen, hindert Ministerpräsidenten Nechirvan Barzani nicht daran zu behaupten, die Kurden liebten die USA immer noch!

Eine ähnliche Liebeserklärung wurde den iranischen Kurden in den 40er Jahren bereits zum Verhängnis. Als im Jahre 1946 der Kurdenführer Quazi Mohammed die Komara Kurdistan („Republik Kurdistan“) im heutigen Iran ausrief, gelang es dem jungen Staatsgebilde nicht einmal das Einjährige zu feiern; Quazi Mohammed und seine Gefolgsleute starben am Galgen, als sich die Sowjet-Union – die diese Republikgründung überhaupt erst ermöglichte – letztlich mit dem iranischen Regime verbündete und ihre Schutzherrschaft über das kurdische Volk revidierte.

1978 gründete Abdullah Öcalan im Südosten der Türkei die Partiya Karkêren Kurdistan („Arbeiterpartei Kurdistan“, kurz: PKK), die offenkundig mit militärischen Mitteln einen souveränen Kurdenstaat zu erkämpfen versuchte. In seiner Gefängnisschrift „Demokratischer Konföderalismus“ weicht der Parteigründer nach kläglichem Scheitern allerdings zurück und formuliert seine Ziele neu. So schreibt Öcalan: Die PKK hat die kurdische Frage nie als ein bloßes Problem von Ethnizität oder nationaler Souveränität betrachtet. Vielmehr waren wir davon überzeugt, dass es das Projekt zur Befreiung und Demokratisierung der Gesellschaft war. Diese Ziele bestimmten zunehmend unser Handeln seit den 90er Jahren. (...) Wir glaubten allerdings nicht, dass es irgendwelche politischen Patententwürfe schaffen könnten, die Situation der Menschen im Mittleren Osten nachhaltig zu verbessern. Waren es nicht Nationalismus und Nationalstaaten gewesen, die so viele Probleme im Mittleren Osten verursachten? Die Partizipation an demokratischen Institutionen erschien nun als geeignetes Mittel, um die Lage der kurdischen Bevölkerung in der Türkei zu verbessern, wenn nicht sogar das gesamte „Kurdenproblem“ zu lösen. Und tatsächlich schien der eingeschlagene Weg zunächst zu fruchten. Betrachtet man die Entwicklung jedoch in zwei Phasen, wird ersichtlich, dass auch jene Methodik zum Scheitern verurteilt war. Beginnend mit den Reformen der AKP, welche die Friedensgespräche in Gang setzte und die kurdische Sprache legalisierte, schenkten viele Kurden der neuen Bewegung ihr Vertrauen. Spitzenergebnisse bei Parlaments- und Präsidentschaftswahlen waren die Folge. Diese Phase nahm allerdings ihr Ende, als die BDP (später HDP) die historischen Negativerfahrungen des kurdischen Volkes für sich nutzte und gar das schier Unmögliche möglich machte: Mit der Überwindung der Zehn-Prozent-Hürde schrieben die Kurden ihre eigene Erfolgsgeschichte. Dass nun jene führenden Politiker inhaftiert und die Partei mundtot gemacht wurde, passt erneut in das Narrativ eines unterdrückten Volkes.

Ebenso ist es eine Frage der Zeit, wie und wann die Teilerfolge der syrisch-kurdischen PYD in sich zusammenfallen. Schon jetzt weicht die Separatistengruppe von ihrer Agenda ab. Schließlich sei man in Zukunft nicht mehr abgeneigt nutzenbedingt mit dem Tyrannen Bashar al-Assad zu kooperieren, von den Eroberungen des türkischen Militärs in Afrin unter Billigung der USA und Russland ganz zu schweigen.

Sowohl der militärische, als auch der demokratisch-parlamentarische Weg brachte die Kurden augenscheinlich zwar einen Schritt nach vorne, im Laufe der Zeit jedoch zwei Schritte wieder zurück. Und da beide Ansätze aus einem säkular-nationalistischem Weltbild speisen, lautet die diesbezügliche Gretchenfrage: Wie habt ihr’s mit dem Islam? Keine dieser Bestrebungen wiesen einen islamischen Charakter auf, obgleich die islamische Lebensordnung der gemeinsame Nenner nahezu aller Völker im Nahen und Mittleren Osten ist.

Dies führt zu einer folgenreicheren Feststellung: Ein „Kurdenproblem“ existiert schlichtweg nicht, denn im Kern handelt es sich um dasselbe Problem, mit dem die gesamte Ummah konfrontiert ist. Dass kein souveräner Staat Kurdistan existiert, ist kein Ausschlusskriterium dahingehend, dass auch andere islamische Völker Unterdrückung erleiden. Diese Feststellung mag hart, oder gar ignorant klingen, dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die gesamte islamische Welt ihrer Kultur und Identität beraubt wurde. Das westliche Konstrukt des modernen Nationalstaates brachte keinem dieser Völker Zufriedenheit oder Gerechtigkeit. Selbst Staaten wie Deutschland oder Frankreich müssen aufgrund jüngster Ereignisse ihre kulturelle Identität neu definieren und offenbaren das wacklige Gedankenexperiment einer nationalistischen Bindung, welche keiner rational-ideologischen Überzeugung standhalten wird. Und erst recht gelingt dies nicht, wenn staatenlose Minderheiten zu Spielbällen internationaler Großmächte deklassiert werden.

Es ist daher völlig irreführend, den übrigen islamischen Völkern Zufriedenheit und Prosperität zu unterstellen und die Unterdrückung der islamischen Lebensweise zu ignorieren. Sie alle sind mit dem säkularen Leviathan konfrontiert, dem es in einheitlicher Stärke gemeinsam zu bekämpfen gilt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie eine Katja Kipping aus der Links-Partei dem unterdrückten Kurden näherstehen kann, als eine syrische Mutter, die ihr letztes Kind in Ghouta oder Aleppo verloren hat? An der Absurdität dieser Vorstellung ändert auch die bühnenreife Performance der Linksfraktion nichts, die am ersten Februar in „kurdischen Schals“ den Bundestag unsicher machte – es reichte eine höfliche Ermahnung des stellvertretenden Bundestagspräsidenten Kubicki, um den Sozialisten ihren revolutionären Geist prompt wieder auszutreiben. Die kurzlebige „Aktion“ der Linken ist nicht als Solidarität mit dem kurdischen Volk zu verstehen, sondern als Solidarität mit westlicher Weltanschauung, in diesem Fall dem ethnodemokratischen Konföderalismus. Es ist diese Art von „Solidarität“, unter der sowohl Türken, Araber als auch Kurden zu leiden haben, denn durch die geistige und ebenso oft militärische Intervention unserer westlichen Freunde, sind der Nahe und Mittlere Osten in Schlachtfelder verwandelt und Brüdervölker zu Feinden gemacht worden.

Weder der pseudosozialistische Panarabismus Bashar al-Assads oder der anarchistische Konföderalismus Öcalans, noch der bizarre Nationalismus eines Erdogans bieten auch nur einen Hauch an Lösung für die islamische Ummah. Einzig und allein die Rückbesinnung auf die islamischen Ideen und die Methode des Propheten (s) wird jenes Krebsgeschwür des Nationalismus mit Allahs (t) Erlaubnis besiegen, die künstlichen Grenzziehungen beseitigen und jedem Volke einen würdigen Aufstieg im Staate des Islam ermöglichen. An jenem Tage werden unsere Eltern und Großeltern verstehen, warum wir sie immer wieder fragten: Wie habt ihr’s mit dem Islam?  

 

Muhammad Gilani