SHARIA

- 26.09.2012

Der Unterschied zwischen den Rechtsgründen (Ilal)

Der Rechtsgrund bzw. die Rechtsursache (Illa) ist der Zweck, dessentwegen das Gesetz bzw. der Rechtsspruch existiert. Mit anderen Worten ist er der Grund für das Ergehen des Gesetzes, d. h. für das Ergehen dieser Rechtsprechung.

Die Illa wird dem Offenbarungstext entnommen, also dem Koran, der Sunna und auch dem Konsens der Prophetengefährten, weil dieser einen Rechtsbeweis offenlegt. Die Art und Weise wie die Illa dem Text entnommen wird ist je nach Text unterschiedlich. So ist die Illa in einigen Texten wörtlich zitiert worden (sarahatan) und in manchen indiziert sie der Text selbst (dilalatan). In anderen Texten wurde die Illa weder wörtlich zitiert noch weist der Text auf sie hin, sie wird jedoch aus dem Textaufbau und dem Zusammenhang verstanden, in dem der Rechtsspruch erwähnt wurde, bzw. aus seiner Verknüpfung mit einem besonderen Umstand, der die Art des Rechtsspruches beeinflusst. Dies bezeichnet man als abgeleiteten Rechtsgrund (Illa istinbatiyya). Wir wollen das Thema noch auf eine andere Weise verdeutlichen:

• In einem Text (Hadith) heißt es: „Die Pflicht zum Erbitten der Erlaubnis wurde des Blickes wegen erlassen."
Der im Text beinhaltete Rechtsspruch ist das Erbitten der Erlaubnis beim Eintritt in ein fremdes Haus. Das Rechtsmerkmal (arab. al-Wasf) bzw. der Rechtsgrund (al-Illa) für das Gebot lautet: Der Blick soll nicht auf etwas fallen, was man nicht sehen darf.
Dies wurde aus einem Ausdruck verstanden, der in der Sprache zur Bezeichnung der Kausalität gesetzt wurde. Es ist das Wort „wegen". Der Rechtsspruch ist in diesem Falle mit dem Merkmal in wörtlich zitierter Weise verknüpft worden. Somit ist jeder Rechtsgrund, auf den der Text in seinem Wortlaut hinweist, ein wörtlich zitierter Rechtsgrund (Illa sarahatan).

• Ein weiterer Text (Hadith) lautet: „Der Richter darf nicht urteilen, wenn er zornig ist."
Der aus dem Text ergehende Rechtsspruch ist: Das Verbot des Fällens eines Gerichtsurteils. Das (sinngebende) Rechtsmerkmal lautet: Zorn. Verstanden wurde dies aus dem Sinngehalt des Ausdrucks „Zorn". Der Ausdruck ist ein sinngebendes Merkmal (Wasf mufhim), das auf den daraus resultierenden Rechtsspruch einen Einfluss hat. Es handelt sich hier um einen indizierten Rechtsgrund, auf den der Text hindeutet (Illa dilalatan).
In diesem Fall ist der Rechtsspruch mit dem Rechtsmerkmal in indizierender Weise verknüpft worden.

Somit ist jeder Rechtsgrund, auf den der Text in seinem Sinngehalt hinweist, ein indizierter Rechtsgrund.

• In einem Text (Aya) heißt es:
„Ihr, die ihr glaubt, wenn am Freitag zum Gebet gerufen wird, dann eilt zum Gedenken Allahs und stellt den Geschäftsbetrieb ein. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet. Ist das Gebet vollendet, so verteilt euch auf Erden und strebt nach der Gabenfülle Allahs. Und gedenket oftmals Allahs, auf dass ihr erfolgreich seiet." (62:9)

Der Rechtsspruch lautet: Die Untersagung des Geschäftsbetriebs während zum Freitagsgebet gerufen wird.
Das (sinngebende) Merkmal: die Ablenkung vom Freitagsgebet.
Verstanden wurde dies aus Folgendem: Das Treiben von Handel ist grundsätzlich erlaubt. Nun kommt ein Text, der den Handel in einer bestimmten Situation, nämlich beim Ruf zum Freitagsgebet, untersagt. Nach dieser Untersagung wird ein Text erwähnt, der den Handel erlaubt, wenn die spezifische Situation vorüber ist. So hat der Gesetzgeber eine Sache in einer bestimmten Situation verboten, das Verbot aber nach Verschwinden dieser Situation wieder aufgehoben. Aus der Tatsache, dass der Rechtsspruch im Erlauben und Verbieten an diese Situation geknüpft wurde, lässt sich schließen, dass die Situation einem Merkmal entspricht, das für den Rechtsspruch bestimmend ist. So ist der Rechtsspruch vom Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein der Situation abhängig. Den Rechtsgrund (Illa) haben wir hier aus dem Aufbau und dem Zusammenhang des Textes verstanden.

Somit ist der Rechtsspruch hier mit einer gewissen Situation verknüpft worden, aus der wir das bestimmende Rechtsmerkmal erkannt haben.

Jeder Rechtsgrund (Illa), den man aus dem Aufbau und dem Zusammenhang des Textes ableitet, wird als abgeleiteter Rechtsgrund (Illa Istinbatiyya) bezeichnet.

Was den analogen Rechtsgrund (al-Illa al-qiasiyya) anlangt, so unterscheidet er sich von den anderen. Denn die drei bisher erwähnten Rechtsgründe (wörtlich zitierte, indizierte und abgeleitete) sind dem Text entnommen worden; entweder aus seinem direkten Wortlaut, seinem Sinngehalt oder seinem Aufbau. Der analoge Rechtsgrund hingegen wurde nicht dem Text entnommen. Auch wurde er nicht im Text erwähnt. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Rechtsgrund, der einem anderen, im Text erwähnten Rechtsgrund angeschlossen wurde.
Zur Erläuterung dessen rufen wir uns die Bedeutung des Analogieschlusses (al-Qiyas) in Erinnerung. Bei diesem wird eine Rechtsfrage, für die der Text keinen Rechtsspruch erwähnt, einer anderen Rechtsfrage angeschlossen, für die im Text sehr wohl ein Rechtsspruch vorhanden ist, und zwar weil beide Rechtsfragen den gleichen Rechtsgrund besitzen.
In gleicher Weise verhält es sich mit dem analogen Rechtsgrund: Bei diesem wird ein im Text nicht erwähnter Rechtsgrund (Illa) an einen im Text erwähnten Rechtsgrund angeschlossen, weil beide denselben Kausalaspekt (Wagh at-Ta'lil) aufweisen. Mit anderen Worten weisen beide denselben für den Rechtsspruch prägenden Bezug auf, aus dem dieser letztendlich hervorgegangen ist. Dazu ein Beispiel:

Text (Hadith): „Der Richter darf nicht urteilen, wenn er zornig ist."

Rechtsgrund ist der Zorn.

Prägender Bezug ist die Beeinträchtigung des Denkens.

Analoge Rechtsgründe dazu wären Hunger oder Krankheit, weil beide den prägenden Bezug, nämlich die Beeinträchtigung des Denkens, erfüllen.

Dieses Verständnis ergibt sich wie folgt: Der Zorn beeinflusst das Richten, weil er das Denken beeinträchtigt. Die Beeinträchtigung des Denkens ergibt sich aber auch aus anderen Merkmalen wie Hunger oder Krankheit. So wird von dem im Text erwähnten Merkmal auf das neue eine Analogie gezogen, weil beide Merkmale denselben prägenden Bezug aufweisen. Dieses neue Merkmal wird als analoger Rechtsgrund (Illa qiyasiyya) bezeichnet.

Problematisch ist dabei die Tatsache, dass der Analogieschluss eine Form der Ableitung darstellt. Nun stellt sich die Frage, warum man den analogen Rechtsgrund vom abgeleiteten trennt und gesondert einteilt, obwohl man ihn dem abgeleiteten Rechtsgrund unterordnen könnte?
Darauf ist wie folgt zu antworten: Es gibt eine Reihe von Unterschieden zwischen beiden Rechtsgründen, weshalb eine Abgrenzung notwendig ist. Dazu zählen die folgenden:

1. Die analoge Illa stellt einen Analogieschluss zwischen einem Rechtsgrund und einem anderen dar. Damit unterscheidet sie sich von den anderen Rechtsgründen und es ist richtig, sie als separate Art zu behandeln.

2. Die analoge Illa ist nicht dem Text entnommen und keine Illa, die im Text erwähnt wurde. Vielmehr handelt es sich um eine Illa, die einer anderen im Text erwähnten Illa angeschlossen wurde. Die abgeleitete Illa hingegen ist dem Text, d. h. seinem Aufbau bzw. seiner Formulierung, entnommen worden.

3. Die analoge Illa wird ausschließlich einer indizierten Illa entnommen, d. h. einem Attribut, das einerseits zu verstehen gibt, dass es der Begründung dient, andererseits aber auch auf den Kausalitätsaspekt hinweist. Die abgeleitete Illa hingegen (al-Illa al-istinbatiyya) wird weder der wörtlich erwähnten noch der indizierten Illa entnommen. Vielmehr wird sie aus der Zusammensetzung des Textes abgeleitet.

4. Die analoge Illa wird aus zwei Rechtsmerkmalen verstanden, die derselbe Kausalitätsaspekt (Wagh at-Ta'lil) verbindet (bzw. sie weisen denselben für den Rechtsspruch prägenden Bezug auf, aus dem dieser letztendlich hervorgegangen ist). Die abgeleitete Illa wird hingegen aus zwei unterschiedlichen Rechtssprüchen in ein und derselben Angelegenheit verstanden, wenn beispielsweise ein Rechtsspruch in einem Text für eine bestimmte Situation oder ein bestimmtes Attribut erwähnt wird und danach ein anderer Text mit einem dazu widersprechenden Rechtsspruch ergeht. Aus beiden Texten erkennt man, dass diese Situation der Rechtsgrund ist bzw. auf den Rechtsgrund des Rechtsspruches hinweist.

Demzufolge ist die Einteilung der Illa in die erwähnten vier Arten präzise erfolgt. Sie legt die verschiedenen Varianten der Rechtsgründe fest und legt die Unterschiede zwischen ihnen in deutlicher, unmissverständlicher Weise dar. Auf diese Weise trägt sie dazu bei, eine richtige Vorstellung von der Illa-Untersuchung zu erhalten und ein diesbezüglich korrektes Verständnis herauszukristallisieren.