SHARIA

- 16.10.2012

Das Befolgen einer Rechtsschule

Die Frage nach der Pflicht einer Zugehörigkeit zu einer der Rechtsschulen ist schnell beantwortet, wenn man auf die Zeit des Propheten (s) und seiner Gefährten (Sahaba) blickt und sich ins Gedächtnis ruft, dass es damals noch gar keine Rechtsschulen gab, denen man hätte folgen können. Niemand fragt beispielsweise nach der Rechtsschule eines Abu Bakr (r), Umar (r) oder Ali (r), obwohl viele Muslime heute davon ausgehen, dass jeder Muslim einer Rechtsschule angehören muss. Während man also weiß, dass weder der Prophet (s) noch seine Gefährten einer Rechtsschule verpflichtet waren, hat sich im Bewusstsein der Muslime die Vorstellung durchgesetzt, dass jeder Muslim zwingend einer Rechtsschule folgen muss.

Die Entstehung der Rechtsschulen ist eine historische und keine islamrechtliche Angelegenheit. Das heißt, die einzelnen Rechtsschulen haben sich im Laufe der islamischen Geschichte entwickelt. Die Rechtsschulgründer Abu Hanifa, Ahmad ibn Hanbal, Malik ibn Anas, asch-Schafii und Dschafar as-Sadiq und andere kamen durch die Gründung ihrer Rechtsschulen keiner islamischen Pflicht nach. Auch ihre Ausbreitung in der islamischen Welt stellt einen historischen Aspekt dar, so dass die einzelnen Rechtsschulen bis heute auf bestimmte Regionen konzentriert sind, etwa die Rechtsschule von Abu Hanifa in der heutigen Türkei. Die hanafitische Rechtsschule fand weniger durch Abu Hanifa Verbreitung als vielmehr durch seine Schüler, deren bekanntester Abu Yusuf war. Asch-Schafii lernte eine Zeit lang bei den Hanafiten, dann bei Malik ibn Anas, bevor es zur Gründung der schafiitischen Rechtsschule kam. Ahmad ibn Hanbal wiederum lernte bei asch-Schafii. Der Islam selbst, d. h. Koran und Sunna, liefert keinen Beweis, dass die Gründung oder die Zugehörigkeit zu einer Rechtsschule verpflichtend ist. Die Rechtsschulen stellen somit eine historische Entwicklung dar. In ihnen spiegelt sich die intensive Beschäftigung der Muslime von damals mit dem islamischen Recht wider, aus der einzigartige Fiqh-Werke hervorgingen.

Wichtig ist also nicht die Existenz von Rechtsschulen, sondern das Vorhandensein des Idschtihad, womit die islamische Gesetzesableitung gemeint ist. Denn den Rechtsschulgründern ging es in der Hauptsache darum, bei neuen Rechtsfragen die islamischen Gesetze aus den islamischen Quellen abzuleiten, um den Muslimen die islamische Lösung ihrer Probleme aufzuzeigen. Daher sollte man jemanden wie Abu Hanifa in erster Linie als Mudschtahid sehen, d. h. als jemanden, der islamische Gesetze ableitete. Der Idschtihad ist eine Pflicht, der die islamische Umma nachkommen muss. Es muss also unbedingt Mudschtahidun unter den Muslimen geben, jedoch nicht zwingend Rechtsschulen.

Dass die Existenz von Rechtsschulen keine islamische Pflicht darstellt, bedeutet nicht, dass sie überflüssig oder sogar schlecht sind. Sie dienen den Muslimen als Orientierung für ihre Handlungen, weil jede Handlung eines Muslim an eine islamische Rechtsmeinung gebunden sein muss. Was beispielsweise das Gebet angeht, so gibt es in den Details verschiedene Rechtsmeinungen unter den Rechtsgelehrten. So vertreten die einzelnen Gelehrten unterschiedliche Meinungen bezüglich der Anzahl der Sunnagebete, bezüglich der Details in der Gebetswaschung und dessen, was sie ungültig macht, bezüglich der Möglichkeit, die Gebete zusammenzufassen usw. Der Muslim ist dazu verpflichtet, die Rechtsmeinung eines Rechtsgelehrten zum Gebet anzunehmen und diese zu befolgen. Er muss jedoch nicht zwingend die Rechtsmeinung einer der bekannten Rechtsschulen annehmen. Das Kriterium für eine islamische Rechtsmeinung ist nicht, dass sie einer der Rechtsschulen zugeordnet werden kann, sondern dass sie nach den Regeln der islamischen Rechtsableitung zustande gekommen ist.

Im Idealfall sollte der Muslim nicht auf die Rechtsmeinung anderer angewiesen sein, sondern selbst in der Lage sein, die Gebote und Verbote Allahs (t) aus dem Koran und den Hadithen abzuleiten. Das heißt, der einzelne Muslim sollte sich jede islamische Rechtsfrage, die bei ihm aufkommt, selbst beantworten können, indem er die islamischen Rechtsquellen studiert. Dies war aber weder zur Zeit der Prophetengefährten Realität noch in der Zeit danach. Schon immer teilten sich die Muslime in jene, die die Fähigkeit besitzen, islamische Gesetze aus den islamischen Quellen abzuleiten, und jene, die dazu nicht imstande sind und deshalb auf die Kompetenz anderer angewiesen waren. Die Gründe für ein solches Unvermögen können unterschiedlich sein. Der Koran ist in arabischer Sprache offenbart, und auch die Hadithe sind im Arabischen überliefert. Doch nicht jeder Muslim ist des Arabischen mächtig. Darüber hinaus kennt sich nicht jeder mit der Hadithwissenschaft aus, um die Hadithe und ihre Beweiskraft einschätzen zu können. Zudem sind die Muslime von unterschiedlichem Intellekt und Bildungsgrad, so dass sie verschiedene Auffassungsgaben haben.

Auf diese Weise gab es schon immer Muslime, die sich als Rechtsgelehrte betätigten, und Muslime, die den Rechtsgelehrten in ihren Rechtsmeinungen folgten. Im Laufe der islamischen Geschichte haben sich schließlich die heute bekannten Rechtsschulen herauskristallisiert, denen sich Rechtsgelehrte anschlossen und nach der Methode der Rechtsschulgründer, denen sie folgten, Gesetze ableiteten. Durch die Schüler der einzelnen Rechtschulgründer fanden die Rechtsschulen ihre Verbreitung. Je nachdem, wo die einzelnen Rechtsgelehrten einer Rechtsschule tätig waren, hat sich regional eine bestimmte Rechtsschule durchgesetzt.

Auch wenn die Zugehörigkeit zu einer Rechtsschule keine islamische Pflicht darstellt, darf der Muslim die Rechtsschule, der er folgt, nicht einfach aufgeben. In der Regel folgt man jener Rechtsschule, der auch die Eltern angehören, d. h., man wird in eine bestimmte Rechtsschule hineingeboren. Dies ist deshalb so, weil die Eltern bei der islamischen Erziehung ihrer Kinder die Handlungen so weitergeben, wie sie diese aus ihrer eigenen Rechtsschule kennen. Ein Muslim, der der hanafitischen Rechtsschule angehört, wird seinem Kind das Gebet natürlich nach der Rechtsmeinung von Abu Hanifa beibringen und nicht etwa nach der Rechtsmeinung von Ahmad ibn Hanbal, weil er das Gebet selbst nur nach der hanafitischen Rechtsmeinung von seinen Eltern gelernt hat.

Dies gilt für die Mehrheit der Handlungen, wobei man nicht ausschließen kann, dass ein Muslim, der einer bestimmten Rechtsschule angehört, in einigen Rechtsfragen unbewusst der Rechtsmeinung einer anderen Rechtsschule folgt. Verrichtet der Muslim nun das Gebet jahrelang nach der Rechtsmeinung Abu Hanifas, kann er im Falle des Gebets nicht einfach zur Rechtsmeinung einer anderen Rechtsschule oder eines anderen Rechtsgelehrten wechseln, weil ihm hierzu die islamrechtlichen Gründe fehlen. Besitzt er keine Kompetenzen zur Rechtsableitung und ist er nicht in der Lage, die islamischen Beweise zum Gebet selbst zu beurteilen, hieße das, dass er aus reiner Bequemlichkeit eine andere Rechtsmeinung annehmen möchte und dies ist im Islam nicht zulässig.

Anders verhält es sich, wenn eine völlig neue Rechtsfrage aufkommt, die noch gar nicht mit einer Handlung verknüpft wurde. Vor allem bei Konvertiten trifft dies zu, die im Grunde jede islamische Handlung neu erlernen müssen. Menschen, die neu in den Islam eintreten, müssen sich nicht zwingend an Rechtsschulen orientieren. Ein Konvertit braucht sich mit seinen islamischen Rechtsfragen lediglich an einen vertrauenswürdigen Muslim wenden, ohne berücksichtigen zu müssen, welcher Rechtsschule dieser Muslim angehört. Hat ein Konvertit aber beispielsweise das Gebet nach einer bestimmten Rechtsmeinung gelernt und das Gebet nach dieser Rechtsmeinung bereits vollzogen, gilt auch für ihn, dass er bei dieser Rechtsmeinung bleiben muss, da er eine Handlung damit verknüpft hat. In anderen Fragen kann er aber durchaus der Rechtsmeinung eines anderen Rechtsgelehrten folgen, wenn in diesem Fall noch keine Handlung vollzogen wurde. Das heißt, ein Konvertit muss sich keiner bestimmten Rechtsschule anschließen. Er muss nur darauf achten, dass seine Handlungen grundsätzlich auf einer islamischen Rechtsmeinung basieren.

Der Wechsel zu einer anderen Rechtsmeinung bzw. zu einer anderen Rechtsschule muss begründet werden und darf nicht aus reiner Bequemlichkeit erfolgen. Ein Grund wäre die Kenntnis der Beweise und die Fähigkeit, zwischen den islamischen Rechtsbeweisen unterscheiden zu können, so dass man aus Überzeugung von der Rechtsmeinung eines Rechtsgelehrten zu der Rechtsmeinung eines anderen Rechtsgelehrten wechselt. Für den Laien in islamischen Rechtsfragen gilt deshalb, dass er an der Rechtsmeinung jenes Rechtsgelehrten festhalten muss, die er gelernt und nach der er bereits gehandelt hat. Folgt er in der Mehrheit seiner Handlungen den Rechtsmeinungen einer bestimmten Rechtsschule, rechnet man ihn automatisch dieser Rechtsschule zu. Die Zugehörigkeit eines Muslim zu einer Rechtsschule ergibt sich daher nicht aus einem islamischen Gebot heraus, sondern aus dem Umstand, dass seine Eltern und sein Umfeld ihm die islamischen Handlungen auf der Basis der Rechtsmeinungen einer bestimmten Rechtsschule beigebracht haben.