SHARIA

- 30.08.2012

Aus der Islamischen Rechtswissenschaft: Jilbab, Kopftuch und Kleidungsausschnitt

Unter manchen muslimischen Schwestern gibt es die Diskussion, ob es erlaubt sei, die Kopftuchenden unter dem Jilbab zu tragen, sodass sie sich nicht auf Brust und Schultern legen. Einige Musliminnen sind der Ansicht, dass dies nicht erlaubt sei, weil es der Aya 31 in Sure An-Nur (24) widerspreche, in der es heißt: "Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kleidungsausschnitte schlagen." (24:31). Auch gibt es Diskussionen über die Form des Jilbabs, des Übermantels, muss er nun eine Mantelform mit Ausschnitt besitzen oder nicht.

Um diese Fragen zu klären, wurde die folgende rechtswissenschaftliche Analyse verfasst:

Im Buch das Beziehungssystem im Islam heißt es auf Seite 45 (arab. Ausgabe): "Die Aya '[...] Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kleidungsausschnitte schlagen. [...]' bedeutet, dass sie ihre Kopfbedeckungen um ihre Hälse und ihre Brust legen sollen, um das zu verdecken, was durch den Kleidungs- bzw. Hemdausschnitt vom Hals bzw. der Brust sichtbar ist."

Und auf Seite 67-68 (arab. Ausgabe) steht: "Die Aya lautet: 'Und sie sollen ihre Kopftücher (Khumurihinna) über ihre Kleidungsausschnitte schlagen.' "Khumur" ist die Mehrzahl von "Khimar", was Kopfbedeckung bedeutet. Dschuyub ist die Mehrzahl von Dschaib und bezeichnet den Ausschnitt des Hemdes (Qamis) bzw. des Gewandoberteils (Dir'). Allah, der Erhabene, hat also befohlen, das Kopftuch um den Hals und die Brust zu legen, was beweist, dass diese Stellen bedeckt sein müssen. Gleichzeitig befahl er aber nicht, das Kopftuch übers Gesicht zu ziehen, was wiederum belegt, dass es nicht zur Aura zählt. Der Begriff "Dschaib" bedeutet nicht Brust, wie man vielleicht glauben könnte. Der "Dschaib" eines Hemdes ist vielmehr sein Ausschnitt bzw. sein oberer Saum, d. h. die Öffnung für den Hals und den oberen Brustbereich. Und das "Schlagen" des Kopftuchs auf den Ausschnitt bedeutet, es über den Hemdsaum am Hals und im oberen Brustbereich zu legen."

Nun wollen wir diese Ausführungen erläutern:

Sprachlich ist die tatsächliche Bedeutung des Wortes "Dschaib" die folgende: "Es ist der ausgeschnittene Bereich des Hemdes bzw. des Kleidungsoberteils und ist vom Ausdruck „Dschaub" abgeleitet, was schneiden bedeutet." Oder: "Es ist eine Öffnung im oberen Teil des Hemdes, durch die ein Teil des Körpers zu sehen ist." Dieser Ausschnittbereich des Hemdes dient dazu, um beim Anziehen den Kopf durchzustecken. Je nachdem, wie groß der Ausschnitt angelegt ist, werden dadurch einige Körperteile (Hals und oberer Brustbereich) sichtbar.

Diese Bedeutung wurde auch im bildlichen Sinne (Madschaz) als Bezeichnung für die Brust verwendet. So sagt man im Arabischen: "Radschulun nasih al-Dschaib." (Wörtlich: Ein Mann mit sauberem Ausschnitt.) D. h. ein Mann mit reiner Brust und reinem Herzen, der nicht betrügt. In dieser Aya allerdings überwiegt für uns – wie auch für die Mehrheit der Gelehrten - die tatsächliche Bedeutung des Begriffs, da es die ursprüngliche und eigentliche ist und hier kein Indiz für die übertragene (bildliche) Bedeutung vorhanden ist. Deswegen haben wir gesagt: "Dschuyub ist die Mehrzahl von Dschaib und bezeichnet den Ausschnitt des Hemdes (Qamis) bzw. des Gewandoberteils (Dir')." Dies ist die sprachliche Bedeutung des Wortes.

Zusammenfassend kann also gesagt werden: Dschaib ist der Hemd- oder Oberteilausschnitt durch den beim Anziehen der Kopf gesteckt wird. Und ein Hemd (arab. Qamis) ist ein Kleidungsstück, das so einen Ausschnitt besitzt, denn die Araber bezeichnen nur jenes Kleidungsstück als "Qamis", das einen Ausschnitt hat. Dirc (Gewandoberteil) bezeichnet im Arabischen explizit das Frauenhemd. Im "Lisan al-Arab" heißt es: "Der Dir' einer Frau ist ihr Hemd. Es bezeichnet auch das kurze Gewand, das das kleine Mädchen in seinem Hause trägt. In beiden Fällen ist der Begriff männlich, er kann aber auch in weiblicher Form verwendet werden. Al-Lihyani meinte: 'Der Dir' einer Frau ist nur männlichen Geschlechts.' Die Mehrzahl ist Adra'. Und im Buch At-Tahdhib heißt es: 'Der Dir' ist das Gewand einer Frau, dessen Mitte sie ausschneidet. Sie macht ihm auch Armöffnungen und näht es in den Schambereichen.'"

Der Jilbab hingegen wird im Buch "Das Beziehungssystem im Islam" folgendermaßen definiert (S. 61): "Der Jilbab ist der Überwurf (Milhafa). Er bezeichnet jedes Gewand, mit dem man sich bedeckt, bzw. das Kleidungsstück, das den ganzen Körper verhüllt. Im Wörterbuch "Qamus al-Muhit" heißt es: 'Jilbab in der gleichen Flexion wie Sirdab und Sinmar ist das weite Frauenhemd bzw. Frauengewand, etwas geringer als der Überwurf (Milhafa), oder das Gewand, mit dem sie wie ein Überwurf ihre Kleidung bedeckt.' Und Al-Dschauhariy führt im as-Sihah aus: 'Der Jilbab ist der Überwurf (Milhafa), man sagt auch die Überdecke (Mila'ah).'"

Wir haben also drei Begriffe: Dir', Khimar und Jilbab. Die Frauen trugen alle diese drei Kleidungsstücke. Deswegen sagt man: "Das Mädchen hat nun alle Kleidungsstücke vereint, sie trägt den Dir', die Milhafa und den Khimar." Man sagt das, wenn das Mädchen erwachsen wird, als Metonymie für das Erreichen der Geschlechtsreife.

Dazu im Detail: Die Frau trägt den Dir'. Um den Ausschnitt ihres Dirc' und das zu bedecken, was dadurch sichtbar wird, nämlich Hals und Brustoberteil, zieht sie den Khimar (das Kopftuch) an. Um dann ihren Dir' und den Rest ihrer Kleidung bzw. ihren ganzen Körper außer dem Kopf zu bedecken, legt sie den Überwurf an, d. h. sie zieht den Jilbab über.

Aus all dem versteht man nun Folgendes: Das "Schlagen" des Kopftuchs auf den Ausschnitt bedeutet, ihn auf den oberen Saum des Hemdes bzw. des Dir's zu legen, um Hals und Brust zu bedecken. Es bedeutet nicht, ihn auf den Saum des Jilbabs zu legen, denn der Jilbab in der Bedeutung von Überwurf (Milhafa) bzw. Überdecke (Mila'ah) muss nicht unbedingt einen Ausschnitt besitzen. Es kann sich um ein einziges, ungeschnittenes Stofftuch ohne Ausschnitt handeln, das die Frau um sich wickelt.

Nun wollen wir dies auf die heute gängige Kleidung anwenden: Die Frau zieht ihre gewöhnliche Kleidung an: z. B. unten eine Hose und oben eine Bluse. Dann zieht sie das Kopftuch (Khimar) an, um den Blusenausschnitt (Blusensaum) zu bedecken. Sodann zieht sie den Jilbab darüber an (in der Form, wie er heute in der Türkei und den Ländern des Al-Scham bekannt ist). Dieser bedeckt nun den ganzen Körper von den Schultern bis zu den Füßen, und zwar in einer Weise, in der die Körperteile der Frau nicht hervorstechen und nicht ausgeformt werden. So darf weder ihre Brust noch die Form ihrer Schultern hervorstechen. Vielmehr muss der Jilbab weit geschnitten sein, sodass er den Körper der Frau nicht ausformt. Das bedeutet, dass das Kopftuch (Khimar) in dieser Ausführung unter dem Jilbab zu liegen kommt und sich nicht über die Brust und die Schultern legt.

Es gibt noch eine zweite Kleidungsausführung, nämlich die, dass das Kopftuch über dem Jilbab zu liegen kommt (in diesem Falle stellt sich der Jilbab in der o. a. Form dar oder er ist ein Übermantel, der in Marokko als "Quftan" bezeichnet wird). Das Kopftuch bedeckt nun den Blusen- und Jilbabausschnitt und legt sich auf die Brust und die Schultern. Der Frau ist es erlaubt, ihr Kopftuch in der ersten oder zweiten Ausführung zu tragen, denn die Bedeutung der Aya, nämlich das Kopftuch auf den Ausschnitt zu schlagen, ist in beiden Ausführungen erfüllt.