SHARIA

- 08.09.2012

Der Beweis (ad-Dalil) im Islamischen Recht

Linguistisch bedeutet "Dalil": Beweis, Indikator oder Nachweis. Als feststehender Begriff bedeutet Dalil die Quelle oder der Nachweis für einen Gedanken, ein Konzept oder ein Urteil. Jedes Gesetz oder Urteil muss gemäß dem Islamischen Recht einen Dalil besitzen, der ausschließlich von Qur'an, Sunnah oder einer Quelle entnommen ist, auf die Quran oder Sunnah hinweisen.

Jedes Urteil aus den Texten von Quran oder Sunnah wird als Dalil betrachtet. Zum Beispiel sagt Allah (swt): "Und aus euch soll eine Gemeinschaft entstehen, die zum Guten einlädt und das gebietet, was Rechtens ist, und das Unrecht verbietet; und diese sind die Erfolgreichen." (Ali Imran:104) Dieser Vers wird als Dalil betrachtet für die Pflicht zur Gründung einer islamischen politischen Partei (Hizb). Ein Beispiel für einen Dalil aus der Sunnah ist das Verbot des Aufrufs zum Nationalismus. Muhammad (saw) sagte in Bezug auf alle Arten von "Asabiyyah" (Nationalismus, Rassismus, Stammestum) "Lasst es, es ist faul." [Von Bukhari und Muslim überliefert].

Struktur eines Dalil

Die beiden Aspekte, die mit jedem Dalil verbunden sind, sind Thubut bzw. Riwayah (Bericht) und Dalalah (Bedeutung). Die Riwayah befasst sich damit, wie die Information übermittelt wurde, einschließlich der Anzahl und Vertrauenswürdigkeit der Überlieferer in einer Übermittlungskette. Die Dalalah bezieht sich auf die Bedeutung eines Textes im Dalil. Es gibt zwei weitere Begriffe, die im Zusammenhang mit Riwayah und Dalalah verwendet werden: Qat'iy (abschließend und definitiv) und Dhanniy (unbestimmt, interpretierbar). Jeder Vers aus dem Quran oder dem Hadith Mutawatir wird als Qat'iy in seiner Riwayah betrachtet. Das bedeutet, dass der Beweis absolut authentisch ist und in seiner Übermittlung keinerlei Zweifel mit sich trägt. Diese Authentizität basiert auf der Methodologie der Überlieferung.

Die Methode, mit der der Quran überliefert wurde, schließt jegliche Möglichkeit der Fälschung aus, da er von Generation zu Generation durch stetige Rezitation und Niederschrift in exakt demselben Wortlaut kollektiv übermittelt wurde. Es ist nicht möglich, dass eine gesamte Generation beim Quran Inhalte fälscht, löscht oder hinzufügt. Es ist auch rational unvorstellbar, dass jedes einzelne Individuum in einer Generation sich mit allen anderen Individuen dieser Generation versammelte und übereinstimmend beschloss, dem Quran etwas hinzuzufügen oder aus ihm etwas zu löschen. Jeder in der Generation pflegte den Quran zu rezitieren und dadurch seine Inhalte zu verifizieren.

Der Hadith Mutawatir wurde nicht von Generation zu Generation übermittelt, sondern vielmehr durch eine große Anzahl von Leuten. Auf Grund der großen Zahl von Personen, die den Dalil berichteten, der Vielfalt ihrer Wohnorte, ihrer gesicherten Zuverlässigkeit und Überzeugung, ist es nicht vorstellbar, dass dieser Dalil für Fehler anfällig wäre. Jeglicher Bericht bzw. jegliche Information außer Quran und Hadith Mutawatir wird als Dhanniy betrachtet, womit impliziert wird, dass es eine geringfügige Möglichkeit gibt, dass der Dalil einen Fehler beinhalten könnte.

Dalalah

Wenn die Bedeutung eines islamischen Textes klar und spezifisch ist, und nur eine einzige Bedeutung zulässt, dann wird er als Qat'iy ad-Dilalah erachtet. Dies bedeutet, dass die textgebundene Bedeutung nicht offen für irgendeine andere Interpretation ist. Wenn der Text offen für mehr als eine Interpretation ist, dann wird er als Dhanniy ad-Dilalah betrachtet. Da Interpretationen in diesem Falle sich aus der Natur der arabischen Sprache ergeben, muss jede Interpretation durch die Arabische Sprache verstanden werden und durch diese gerechtfertigt sein.

• Beispiel aus dem Quran mit einer Qat'iy (abschließenden) Bedeutung: "Und ihr bekommt die Hälfte von dem, was eure Frauen hinterlassen, falls sie keine Kinder haben. Falls sie Kinder haben, erhält ihr das Viertel von dem, was sie hinterlassen" (An-Nisa:12), und: "Und denjenigen, die ehrbaren Frauen (Unkeuschheit) vorwerfen, jedoch nicht vier Zeugen (dafür) beibringen, verabreicht achtzig Peitschenhiebe." (An-Nur: 4) Der quantitative Aspekt dieser Urteile, nämlich die Hälfte, das Viertel und die achtzig Hiebe, ist klar und daher nicht für andere Interpretationen offen.

• Beispiel eines Hadith Mutawatir mit einer Qat'iy (definitiven) Bedeutung: "Wer mit Absicht über mich lügt, der soll seinen Platz im Höllenfeuer einnehmen." Dieser Hadith ist sehr klar in seiner Thematik und nur ein Verständnis ist möglich.

• Beispiel eines Hadith Ahad mit einer Qat'iy (definitiven) Bedeutung: Es wird in einem Hadith berichtet, dass Allahs Prophet (saw) 6 Tage im Monat Shawwal fastete.

• Beispiel aus dem Quran mit einer Dhanniy (nicht-definitiven) Bedeutung: "Oder ihr die Frauen berührt (lamastum)."

In Surah al-Ma'ida, Vers 6, sagt Allah (swt) in der Bedeutung, dass wenn ihr Männer Frauen berührt ("lamastum"), dies eure rituelle Gebetswaschung ("Wudu'") bricht. Das Verb "lamastum" kann mit zwei Bedeutungen interpretiert werden: eine wörtliche und eine übertragene. Die wörtliche Bedeutung ist das (schlichte) Berühren und die übertragene ist der Geschlechtsverkehr (also "berühren" im übertragenen Sinne). Daher hat dieser Vers eine Dhanniy Dalalah, eine unschlüssige bzw. nicht definitive Bedeutung. Es kann also entweder bedeuten, dass der Mann seinen rituellen Reinheitszustand verliert, wenn er eine Frau berührt oder dass er ihn verliert, wenn er Geschlechtsverkehr mit einer Frau hat.

• Beispiel eines Hadith Mutawatir mit einer Dhanniy (nicht-definitiven) Bedeutung:

Es wird berichtet, dass Muhammad (saw) seinen Ihram (Weihezustand der Pilgerfahrt) in einer bestimmten Art und Weise abnahm. Als die Gefährten dem Propheten (saw) sagten, dass sie ihn in einer anderen Weise abnahmen, stimmte der Prophet (saw) ihren Handlungen zu. Dies bedeutet, dass die Urteile, wie man den Ihram ablegt, zahlreich sind.

• Beispiel eines Hadith Ahad mit einer Dhanniy (nicht-definitiven) Bedeutung:

Es wird berichtet, dass der Prophet (saw) 6 Tage in Shawwal fastete. Obwohl dies eine abschließende Bedeutung ist, lässt sich daraus nicht schließen, ob die 6 Tage fortlaufend waren oder nicht. Mit den obigen Beispielen, ist es möglich zu demonstrieren, welcher Dalil für Qat'iy (abschließend) gegenüber Dhanniy (nicht abschließend) erachtet wird. Dies wird hier gezeigt:

1. Qat'iy ar-Riwayah + Qat'iy ad-Dalalah = Dalil Qat'iy

2. Qat'iy ar-Riwayah + Dhanniy ad-Dalalah = Dalil Dhanniy

3. Dhanniy ar-Riwayah + Qat'iy ad-Dalalah = Dalil Dhanniy

4. Dhanniy Riwayah + Dhanniy Dalalah = Dalil Dhanniy

Da das Fundament des Islam, die islamische Aqida, keinerlei Zweifel beinhalten darf, muss sie auf einem Dalil Qat'iy basieren. Beispielsweise basiert die Überzeugung von der Existenz der Engel auf einem Dalil Qat'iy. Ebenso muss im Usul ul-Fiqh, um eine Rechtsquelle zu etablieren und Urteile abzuleiten, eben diese Quelle auch auf einem Dalil Qat'iy beruhen. Um beispielsweise Idschma' as-Sahabah (Konsens der Gefährten) als eine Rechtsquelle zu definieren muss der Dalil, der die Authentizität der Idschma as-Sahabah beweist, Qat'iy sein und zwar sowohl in seiner Riwayah als auch in seiner Dalalah, es muss sich also um einen Dalil Qat'iy handeln. Da die Urteile bzw. Rechtssprüche (Ahkam) grundsätzlich aus einer definitiven Quelle hervorgehen müssen, die auf einem Dalil Qat'iy basiert, und daher als Teil des Wahi (Offenbarung) betrachtet werden, können die einzelnen Urteile selbst entweder von einem Dalil Qat'iy oder Dalil Dhanniy abgeleitet werden. Beispielsweise ist die aus dem Wort „lamastum" resultierende Angelegenheit des Brechens der Gebetswaschung (Wudu) dem Quran entnommen. Es handelt sich jedoch um einen Dalil Dhanniy (Qat'iy ar-Riwayah + Dhanniy ad-Dalalah = Dhanniy Dalil).