SHARIA

- 06.09.2012

Das Islamische Gesetz (Hukm Schar'i)

Der Prophet (s) trat mit Beginn der Offenbarung an die Menschen heran und rief sie dazu auf, an Allah (t), den einen Schöpfer zu glauben. Damit verbunden war die Aufforderung, den falschen Götzenglauben aufzugeben.

Gleiches galt für Juden und Christen, an die sich die islamische Botschaft ebenso wandte wie an die Götzendiener. Jene, die den Islam annahmen, wurden zu Menschen mit neuem Charakter und neuer Persönlichkeit. Die Biographien der Prophetengefährten bieten hierzu die besten Beispiele. Diese Veränderung stellt ein allgemeines Phänomen dar, das bei jedem auftritt, der diesen Glauben annimmt.

Der Wandel im Charakter ist darauf zurückzuführen, dass der Islam es nicht allein bei dem Glauben an Allah (t) belässt und sich damit zufrieden gibt, dass der Mensch an Ihn glaubt, ohne dass dies Konsequenzen für sein Leben hätte. Vielmehr besteht der Islam aus zwei Teilen, die nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen. Da ist zum einen die Aqida, das islamische Überzeugungsfundament, worin ausschließlich Glaubensfragen behandelt werden: Die Aqida beinhaltet den Glauben an Allah (t), an Seine Propheten, Seine Bücher, die Engel, das Schicksal und den Tag der Auferstehung. Der Islam erschöpft sich jedoch nicht in seiner Aqida, denn der zweite Teil des Islam besteht aus Handlungsvorschriften, die unmittelbar aus der Aqida hervorgehen und von dem Menschen ein bestimmtes Verhalten fordern. Wer an den Propheten Muhammad (s) und an den Koran als das Wort Allahs (t) glaubt, der glaubt an den Inhalt des Koran und der Hadithe, die vom Propheten (s) überliefert sind. Koran und Hadithe behandeln nicht nur Glaubensfragen, sondern geben klare Handlungsanweisungen und wirken auf die Taten des Menschen ein. Deshalb vermag die islamische Aqida jenen zu verändern, der sie annimmt, weil aus ihr auch Handlungsvorschriften erwachsen.

Diese islamischen Handlungsvorgaben bezeichnet man als islamisches Gesetz, islamischen Rechtsspruch oder auf Arabisch als "Hukm schar'i". Ein islamisches Gesetz ist definiert als jene Ansprache des Gesetzgebers, die sich auf die Handlungen des Menschen bezieht. Unter Handlungen versteht der Islam auch das, was der Mensch sagt. Das heißt, ein islamisches Gesetz bezieht sich immer auf eine Handlung des Menschen und informiert darüber, ob der Vollzug gestattet ist oder nicht. Die Gesamtheit der islamischen Gesetze ist das, was man als Scharia bezeichnet. Die islamische Rechtswissenschaft befasst sich detailliert mit den islamischen Gesetzen und den Beweisen, die diesen zugrunde liegen. Sie ist keine theoretische Wissenschaft, sondern praxisorientiert, weil die Anwendung der islamischen Gesetze im Vordergrund steht und nicht nur das Wissen um die islamischen Rechtssprüche.

Ein islamisches Gesetz kann in unterschiedlicher Form eine Aussage treffen. Es kann z. B. eine Handlung zwingend befehlen, so dass die Handlung zur Pflicht wird. Andererseits kann es in nicht verpflichtender Weise zu einer Handlung auffordern, so dass diese lediglich eine Empfehlung darstellt. In manchen Fällen geht von einem islamischen Gesetz weder ein Befehl noch ein Verbot aus, so dass die Handlung freigestellt ist. Dann gibt es Rechtssprüche, die die Unterlassung einer Handlung anraten, ohne sie jedoch strikt zu verbieten. Als Letztes kann ein Gesetz ein Verbot aussprechen, das zur Unterlassung einer Handlung zwingt. Auf diese Weise ergeben sich die folgenden fünf Kategorien: Fard (Pflicht), Mandub (Erwünschtes), Mubah (Erlaubtes), Makruh (Unerwünschtes) und Haram (Verbotenes). Festgelegt durch den jeweiligen islamischen Rechtsspruch, fällt jede Handlung unter eine dieser Kategorien. Eine Handlung, die keiner Kategorie zugeordnet werden kann, existiert nicht.

Die Kategorien sind nicht vom Menschen willkürlich festgelegt worden, sondern ergeben sich aus der Offenbarung selbst. Ihnen liegen islamische Beweise zugrunde. Die Kategorie ist immer Teil des islamischen Rechtsspruchs und an den Aspekt von Belohnung und Bestrafung geknüpft. So ist eine Handlung, die unter die Kategorie Fard fällt, nur deshalb Pflicht, weil Allah (t) für den Nichtvollzug bestraft, während er für die Erfüllung einer Pflicht belohnt. Wenn man aber für den Nichtvollzug keine Strafe fürchten muss, jedoch belohnt wird, wenn man eine Handlung ausführt, dann stellt diese einen Mandub dar. Unter Mubah fällt eine Handlung dann, wenn weder für den Vollzug noch für den Nichtvollzug mit Belohnung oder Bestrafung zu rechnen ist. Stellt eine Handlung ein Makruh dar, dann wird der Nichtvollzug der Handlung belohnt, während der Vollzug jedoch nicht bestraft wird. Anders verhält es sich mit einer Haram-Handlung. Der Nichtvollzug der Handlung wird zwar auch belohnt, jedoch wird die Ausführung einer Handlung durchaus bestraft. Ausschlaggebend für die Kategorisierung der Handlungen ist folglich das Wissen um Belohung und Bestrafung.

Das fünfmalige Gebet gehört zu den Pflichten im Islam. So heißt es unzählige Male im Koran: "Und verrichtet das Gebet". Dass es sich hierbei um eine strikte Handlungsaufforderung handelt, geht u.a. aus folgendem Koranvers hervor:''Was hat euch nach Saqar (Hölle) gebracht? Sie sagten: 'Wir waren nicht bei denen, die beteten [...].'" (74:42)

Ebenso heißt es an zahlreichen Stellen im Koran: "Und gebt die Zakat". Ein anderer Koranvers macht diesen Befehl zwingend, worin Allah (t) sagt: "Und wehe den Götzendienern, die nicht die Zakat entrichten und die das Jenseits leugnen." (41:6)

Sowohl im Falle des Gebets als auch im Falle der Zakat weist die Offenbarung darauf hin, dass die Unterlassung der Handlung mit einer Strafe belegt ist, woraus hervorgeht, dass Handlungen wie das Gebet und das Zahlen der Zakat verpflichtend sind. Der Muslim hat dementsprechend zu handeln.

Anders verhält es sich beispielsweise mit folgendem Koranvers, der nur einen Mandub ausspricht: "Und jene, die ihr von Rechts wegen besitzt (Sklaven) – wenn welche von ihnen eine Freilassungsurkunde begehren, so stellt sie ihnen aus, falls ihr von ihnen Gutes wisst; und gebt ihnen von Allahs Reichtum, den Er euch gegeben hat." (24:33)

Die Muslime, die damals Sklaven (gemäß dem Islamischen Verständnis ist ein Sklave verglichen mit der Behandlung von Sklaven in der westlichen Geschichte komplett anders) besaßen, waren nicht gezwungen, diese freizulassen. Jedoch wurden sie zu dieser Handlung motiviert, wie etwa in folgendem Hadith: "Jeder, der einem muslimischen Sklaven die Freiheit schenkt, dem rettet Allah für jedes Glied des Sklavenkörpers ein gleiches Glied seines Körpers (vor der Hölle)." (Buchari)

Der Befehl zur Freilassung ist somit keine zwingende Handlungsaufforderung, sondern nur erwünscht.

Der folgende Koranvers geht auf eine Handlung ein, die unter Mubah fällt: "Wenn ihr den Weihezustand beendet habt, dürft ihr jagen." (5:2)

Während des Weihezustands ist dem Muslim das Töten von Tieren untersagt. Allah (t) weist in dem Vers darauf hin, dass die Jagd erlaubt ist, sobald der Weihezustand abgelegt ist, so dass der Muslim im Grunde die Wahl hat zu jagen oder nicht. Ausschlaggebend ist hier, dass die Jagd freigestellt ist, so dass der Muslim nicht zur Jagd gezwungen ist. Er wird weder für das eine noch für das andere belohnt oder bestraft.

Als weiteres Beispiel kann folgender Koranvers dienen: "Und wenn das Gebet beendet ist, dann zerstreut euch [...]." (62:10)

Den muslimischen Männern ist jeder Geschäftsbetrieb, der während des Freitagsgebets stattfindet, untersagt. Sie haben ihre Geschäfte und dergleichen niederzulegen und sich zum Gebet zu begeben. Nach dem Gebet sollen sie sich zerstreuen. Hierbei ist es allerdings freigestellt, ob der Muslim in der Moschee bleibt oder diese verlässt, um seinen Geschäften nachzugehen oder sich nach Hause zu begeben.

In einem anderen Koranvers heißt es:"Und esst und trinkt, bis der weiße Faden von dem schwarzen Faden der Morgendämmerung für euch erkennbar wird." (2:187)

Tagsüber ist das Essen und Trinken im Fastenmonat verboten. Nach Sonnenuntergang ist es jedoch erlaubt, bis der weiße Faden der Morgendämmerung erkennbar wird. Niemand ist jedoch gezwungen, durchgehend zu essen und zu trinken, bis der weiße Faden sichtbar wird. Jeder kann hier frei wählen, wann und wie viel er in der erlaubten Zeit zu sich nimmt.

Wenn Allah (t) im Koran sagt, "Und schreite nicht ausgelassen (in Übermut) auf Erden" (31:18), dann erklärt er diese Verhaltensweisen zu einem Makruh. Der Muslim soll darauf achten, nicht in dieser Form aufzutreten, doch hat er im Jenseits keine Strafe zu fürchten, wenn er dies dennoch tun sollte. Tut er es nicht, wird er dafür belohnt. Die Kategorie Makruh stellt somit das genaue Gegenteil der Kategorie Mandub dar.

Für die Kategorie Haram finden sich zahlreiche Beispiele im Koran. So heißt es etwa: "Und kommt der Unzucht nicht nahe [...]" (17:32)

Des Weiteren sagt Allah (t): "Berauschendes, Glücksspiel, Opfersteine und Lospfeile sind ein Gräuel, das Werk des Teufels. So meidet sie [...]." (5:90)

All diese Handlungen hat der Islam strikt verboten. Es wird den Menschen nicht nur nahe gelegt, sich von dem Vollzug dieser Handlungen fernzuhalten. Vielmehr hat die Aufforderung kategorischen Charakter. Die Übertretung dieser Verbote zieht schwere Strafen nach sich. Es ist wichtig darauf zu achten, dass die Kategorien nicht verwechselt werden, denn sie sind Teil der Offenbarung. Muslime neigen meist aus Unkenntnis des islamischen Rechtsspruchs schnell dazu, eine falsche Kategorisierung vorzunehmen. Erklärt man beispielsweise eine Handlung, die unter Makruh fällt, für einen Haram, so stellt dies einen Eingriff in die Offenbarung und eine Veränderung dieser dar. Daher muss darauf geachtet werden, in welcher Form ein islamisches Gesetz zu einer Handlung auffordert oder diese verbietet. Vor allem die Kategorien Fard und Haram müssen im Mittelpunkt stehen, denn nur sie können bei Nichteinhaltung zu einer Bestrafung führen. In allen anderen Kategorien kann man allenfalls belohnt werden. Das sollte jedoch nicht zu dem Denken verleiten, dass man sich nur an die Fard- und die Haram-Handlungen hält, während man auf Handlungen, die unter die anderen Kategorien fallen, verzichtet. Dass es Handlungen gibt, die zwar nicht zwingend geboten oder verboten sind, aber eine Belohnung in Aussicht stellen, stellt eine Barmherzigkeit Allahs (t) dar. Es hat mit der islamischen Reife zu tun, dass man auch jene Handlungen beherzigt, die unter Mandub bzw. Makruh fallen. Nicht ohne Grund hat das Paradies unterschiedliche Stufen. Und der Muslim sollte immer nach der höchsten Stufe des Paradieses streben: al-Firdaus.