SHARIA

- 18.09.2012

Eindeutig und mehrdeutige Texte (Al-Muhkam wa al-Mutashabih) Teil I

Dies ist eine sinngemäße Übersetzung der arabischen Abhandlung „Al-Muhkam wa al-Mutashabih" von Sheikh Muhammad Al Khidir Hussein.

Die Begriffe Muhkam und Mutashabih besitzen sowohl sprachliche als auch islamrechtliche Bedeutungen. Zunächst die sprachlichen Bedeutungen.

Zu den sprachlichen Bedeutungen von Muhkam gehören unter anderem folgende: prägnant, exakt, präzise, fest und richtig. So sagt man beispielsweise im Arabischen bina' muhkam und meint damit ein feststehendes Gebäude bzw. Gebilde. Was die sprachliche Bedeutung von Mutashabih anbelangt, so drückt dieser Begriff aus, dass etwas einer anderen Sache ähnelt. Wodurch die zwei Dinge, wegen ihrer Ähnlichkeit, schwer, voneinander zu unterscheiden sind. In diesem Zusammenhang steht auch die Rede der Kinder Israels als sie zu Moses a.s. sprachen:
""Sie sagten:"Rufe für uns deinen Herrn an, dass Er uns erkläre, wie sie sein soll. Für uns sind die Kühe einander ähnlich(taschabaha); und wenn Allah will, werden wir gewiss rechtgeleitet sein!" (Al-Baqara 2, 70)

Was nun die islamrechtliche Bedeutung für Muhkam und Mutashabih anbelangt, so waren die Gelehrten diesbezüglich geteilter Meinung. Erörtert sollen aber hier nur die zwei stärksten und geläufigsten Rechtsmeinungen in dieser Frage, um abschließend zu sehen, welche der beiden Meinungen eher zur Weisheit der Sharia passt und näher am Verständnis des Koranverses liegt, der die beiden Begriffe erwähnt. Dieser Vers lautet:

„Er ist es, Der dir das Buch herabgesandt hat. Darin sind eindeutig klare Verse (Muhkamat) - sie sind die Grundlage des Buches - und andere, die verschieden zu deuten sind (Mutashabihat). Doch diejenigen, in deren Herzen (Neigung zur) Abkehr ist, folgen dem, was darin verschieden zu deuten ist, um Zwietracht herbeizuführen und Deutelei zu suchen, (indem sie) nach ihrer abwegigen Deutung trachten. Doch niemand kennt ihre Deutung außer Allah und die Gefestigten im Wissen. Sie sagen: "Wir glauben wahrlich daran, alles ist von unserem Herrn." Doch niemand bedenkt dies außer den Einsichtigen." (Ali Imran 3, 7)

Die erste Meinung sagt aus, dass es sich beim Muhkam um Ayat handelt, deren Bedeutung klar ersichtlich ist. Mutashabih umfasst hingegen jene Ayat, deren Bedeutung Allah für sich behalten hat. Mit anderen Worten „überlassen" sie nur Allah die „Vollmacht", die Ayat des Mutashabih zu deuten, so dass diese Meinungsgruppe auch als „die Überlasser" (Al-Mufawwidah) genannt werden. Zu dieser Denkschule wird die Mehrheit der Salaf (Altvorderen) gezählt. Die „Überlasser" lassen sich noch einmal in zwei Gruppen unterteilen:

Eine, die überhaupt keine Deutung des Mutashabih vornimmt und nicht einmal versucht dem Vers eine allgemeine Form der Bedeutung zu geben. Die zweite Gruppe bevorzugt eine metaphorische Auslegung dieser Verse. So deuten sie z.B. die Beschreibungen im Vers "Der Allerbarmer erhob sich über Seinen Thron" (Ta Ha, 5) und im Vers "Aber das Angesicht deines Herrn bleibt bestehen – das Angesicht der Majestät und Ehre." (Ar-Rahman, 27) als Eigenschaften Allahs, wobei sie jedoch das Wissen über die Bedeutung dieser Eigenschaften nur Allah zuschreiben. Zu dieser zweiten Gruppe werden Al Asch'ariy und die meisten Salaf gezählt.

Was die verbreitetste Meinung anlangt, so ist sie wie folgt zusammenzufassen: Der Muhkam ist demnach das, wo die Bedeutung klar ersichtlich ist, und der Mutashabih das, wo die Bedeutung verdeckt ist. Diese Gruppe deutet den Mutashabih so, dass es ihre Geister zufrieden stellt. Wodurch der Mutashabih aus seiner anfänglichen Verdecktheit befreit und damit klar ersichtlich wird. Deshalb wurde diese Gruppe auch „die Ausleger" (Al-Mu'awwilah) genannt. Die Auslegung des Mutashabih machen sie entweder durch das Ausschließen von möglichen Bedeutungen oder durch das Ziehen eines Vergleiches.

Diese zwei dargelegten Meinungen lassen sich zurückführen auf Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Aussage des Erhabenen "und die Gefestigten im Wissen". Es stellt sich die Frage, ob es sich hierbei um einen Satzanfang mit einer neuen Aussage handelt und der Teil „sie sagen: "Wir glauben wahrlich daran.", eine Anmerkung dazu ist. In diesem Fall lautet der Vers: „Doch niemand kennt ihre Deutung außer Allah. Und die Gefestigten im Wissen sagen: "Wir glauben wahrlich daran, alles ist von unserem Herrn." Diese grammatikalische Auslegung hätte zur Folge, dass die „Gefestigten im Wissen" nicht die Bedeutung des Mutaschabih kennen.

Die Gruppe der „Ausleger" betrachten jedoch die Aussage „und die Gefestigten im Wissen" als zugehörig zu dem vorangegangen Satz. Somit sind „die Gefestigten im Wissen" als zusätzliche, an Allah (swt) angeschlossene Aufzählung zu verstehen. Der Vers würde also lauten: „Aber niemand kennt ihre Deutung außer Allah und die Gefestigten im Wissen." Wobei der Teil "Sie sagen: "Wir glauben wahrlich daran."" einen neuen Satz einleitet und ihre Eigenschaft beschreibt. Diese Deutung hat zur Folge, dass „die Gefestigten im Wissen" sehr wohl die Bedeutung des Mutashabih kennen und Iman daran vollziehen, dass sowohl die Muhkam-Ayat als auch die Mutashabih-Ayat von Allah, dem Allmächtigen, stammen.

Lasst uns nun einen genauen Blick auf diesen Vers werfen, um dann anschließend auch die Argumente außerhalb dieser Aya zu durchleuchten.

Die „Überlasser" sagten bezüglich des angeführten Verses, dass Allah (t) „die Gefestigten im Wissen" als Gegenpart zu der zuvor im Vers erwähnten Gruppe stellt, nämlich "diejenigen, in deren Herzen (Neigung zur) Abkehr ist". Daraus ergebe sich die Bedeutung, dass die Gefestigten im Wissen im Vergleich zu denjenigen, in deren Herzen Abkehr ist, sich der inneren Bedeutung ergeben, nicht weiter hinterfragen und sagen "Wir glauben wahrlich daran." Bei der Gegenüberstellung wurden „die Gefestigten im Wissen" auch nicht mit möglichen Übertreibungsformeln hervorgehoben, so dass man meinen könnte, es gebe über die Tatsache hinaus, dass sie sagen "Wir glauben wahrlich daran" einen weiteren Grund für die Gegenüberstellung.

Die "Ausleger" antworten darauf, dass es bei einer Gegenüberstellung nicht notwendig sei beide Seite ganz darzulegen, wenn bereits die Zeichen einer Seite der Gegenüberstellung klar dargelegt wurden. Mit anderen Worten sind die „Gefestigten im Wissen", in deren Herzen Gewissheit steckt, denjenigen "in deren Herzen (Neigung zur) Abkehr ist" bereits dadurch gegenübergestellt, dass sie nicht wie sie mit der Auslegung der Mutashabih die "Zwietracht und Deutelei" beabsichtigen.

Des Weiteren behaupten die "Überlasser", dass die Erwähnung "Und die Gefestigten im Wissen sagen: "Wir glauben wahrlich daran"", darauf aufmerksam machen soll, dass sie die Auslegung nicht kennen. Denn wenn sie die Auslegung kennen würden, dann wäre der Zusatz, dass sie daran glauben, nicht nötig. Da es nichts Besonderes ist, an etwas zu glauben, dessen Bedeutung klar ersichtlich ist.

Dem kann jedoch Folgendes erwidert werden: Die Information, dass sie daran glauben, ist ein Hinweis darauf, dass ihr Iman sie dazu angetrieben hat, den angemessen Weg bei der Auslegung zu suchen. Ebenso ist es ein Hinweis darauf, dass diejenigen, die die Auslegung nach ihren Gelüsten machen, keine Gläubigen sind. Denn Erstere vollziehen die Auslegung nach Beweisen (Adilla) und Letztere nach ihrer Neigung (Hawa).