KONZEPTION

- 12.05.2018

Die Realität des Lebens auf dieser Welt – Im Hinblick auf Surah Yunus (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil einer Artikelreihe, welche die Verse 22-25 der Surah Yunus betrachten soll. Die Verse beschreiben die Realität des Lebens auf dieser Welt auf eine sehr ausdrucksstarke und metaphorische Art und Weise. Den ersten Teil kann man hier lesen. Geschrieben von Shafiul Huq.

Im 22. Vers wird erläutert, wie die Leute auf einem Schiff vom extremen Unwetter auf der See überrascht werden und daraufhin verzweifelt Allah (t) um Hilfe bitten, auf dass Er sie rettet. Im darauffolgenden Vers antwortet Allah (t) voller Barmherzigkeit, trotz der Rückfälle der Menschen in Undank und Sünde:

﴿فَلَمَّا أَنجَاهُمْ إِذَا هُمْ يَبْغُونَ فِي الْأَرْضِ بِغَيْرِ الْحَقِّ ۗ يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّمَا بَغْيُكُمْ عَلَىٰ أَنفُسِكُم ۖ مَّتَاعَ الْحَيَاةِ الدُّنْيَا ۖ ثُمَّ إِلَيْنَا مَرْجِعُكُمْ فَنُنَبِّئُكُم بِمَا كُنتُمْ تَعْمَلُونَ

Aber wenn Er sie gerettet hat, fangen sie sogleich an, ohne Recht auf der Erde gewalttätig zu handeln. O ihr Menschen, eure Gewalttätigkeit richtet sich doch nur gegen euch selbst. (Es ist doch nur) der Genuss des diesseitigen Lebens. Hierauf wird eure Rückkehr zu Uns sein, und Wir werden euch kundtun, was ihr zu tun pflegtet. (10:23)

Das „fa“ in “fa lamma anjaahum” („Aber wenn Er sie gerettet hat“) deutet daraufhin, dass Allah (t) ohne Verzögerung auf ihre Du‘a antwortet. So ist die Barmherzigkeit Allahs (t). Aber nochmal:

„fangen sie sogleich an, ohne Recht auf der Erde gewalttätig zu handeln“. Sobald sie sicher sind, fallen die Menschen unverzüglich in die Sünde zurück.

“Fil ardi” (“auf der Erde”) – Die Rebellion findet offensichtlich auf der Erde statt, jedoch deutet diese Formulierung darauf hin, dass ihre Rebellion nicht nur auf ihre Bedürfnisse und Notwendigkeiten beschränkt ist. Vielmehr ist die Rebellion so weit ausgedehnt, wie sie auf der Erde erreichen können.

Es sollte zur Kenntnis genommen werden, wie wir bereits im vorherigen Artikel gesehen haben, dass Vers 22 in der zweiten Person an die Menschen adressiert ist:

„Er ist es, Der euch zu Lande und zur See Wege bereitet, …

Bevor Allah (t) auf ihren Undank antwortet, wird in die dritte Person gewechselt:

„…und diese mit ihnen (den Passagieren) bei einem guten Wind dahinfahren und sie froh darüber sind…“

Dieser Wechsel der Erzählstimme (in diesem Fall von der zweiten zur dritten Person) ist im Arabischen bekannt als iltifat. In diesem Fall hebt das iltifat zwei Dinge hervor:

1. Das Schlechte und Elendige ihres Zustandes erfordert, sich davon abzuwenden.

2. Als die Ansprache von „euch“ zu „sie“ wechselt, ist es so, als ob ihr Zustand anderen Menschen erzählt wird, um eine Abneigung gegen ihre Missetaten zu erzeugen. Dies soll dafür sorgen, dass man solche Taten kritisiert und die Hässlichkeit und den erbärmlichen Zustand von ihnen aufzeigt.

Nachdem jedoch ihre Undankbarkeit aufgezeigt wird und Allah (t) die Menschen vor ihren Sünden warnt, wechselt die Ansprache wieder in die zweite Person.

„O ihr Menschen, eure Gewalttätigkeit richtet sich doch nur gegen euch selbst.“ (10:23)

Der Wechsel zurück in die zweite Person erzeugt eine schwere Ermahnung. Der Schaden ihrer Rebellion wird auf sie selbst zurückfallen. Die kurzzeitigen Vorteile sind bedeutungslos und werden schnell verschwinden, wobei sie jedoch endloses Leiden als Konsequenz mit sich bringen werden.

„Hierauf wird eure Rückkehr zu Uns sein“ (10:23)

Erwähnenswert ist hier, dass Allah (t) in dem Vers sagt: „Hierauf wird eure Rückkehr zu Uns sein“ (ilaynaa marjiʿukum), anstatt „ihr werdet zu Uns zurückkehren“ (tarjiʿoona ilaynaa). Indem „zu Uns“ (ilaynaa) am Anfang des Satzes steht, entsteht der Effekt der Einschränkung und Begrenzung, dass die Rückkehr nur zu Allah (t) sein wird und zu keinem anderen.

„…und Wir werden euch kundtun, was ihr zu tun pflegtet.“ (10:23)

Dieser Vers enthält eine unterschwellige Botschaft. So sagt Allah (t) nämlich, dass Er uns über unsere Taten informieren wird. Tatsächlich ist es so, dass, was auch immer in dieser physischen Welt stattfindet, ein Erscheinungsbild hat, das sich vom wahren Bild unterscheidet.

So zum Beispiel im Falle der Ungehorsamkeit, welche ein tödliches Gift ist. Sie erscheint auf dieser Welt in einem Bild, welches die Neigungen der ungehorsamen Leute schön finden, genau wie die Taten der Gehorsamkeit, welche zu den schönsten Sachen überhaupt zählen, jedoch werden sie ihnen (den Ungehorsamen) hässlich vorkommen.

Gemäß dem Hadith des Propheten (s) ist das Paradies in Erschwernis eingehüllt, während die Hölle umhüllt ist mit Luxusartikeln (Sahih Al-Buharyy 6487).  Die Untaten, welche dem Unterdrücker als gut erscheinen, wie z. B. Reichtum erwerben oder rachsüchtig und gewalttätig sein, sind in der Realität kein wahrer Genuss. Vielmehr bringen sie einen Schaden in einer Art und Weise mit sich, auf der es dem Unterdrücker nicht bewusst wird.

Sie werden sich nur dann über ihre Taten bewusst werden, wenn ihnen alles was sie gemacht haben im richtigen Bild offenbart wird. Somit wird es im diametralen Widerspruch dazu stehen, wie sie es bis dahin vernommen haben.