KOMMENTAR

- 18.05.2018

Das Kopftuch ist weder ein religiöses noch ein politisches Symbol

Früher symbolisierte der Halbmond den Islam, das Kreuz das Christentum und der Davidstern das Judentum. Doch die Politik hat völlige Verwirrung gestiftet, denn nun sind es Kopftuch und Kippa, die als Symbole für Islam und Judentum herhalten müssen, während das Kreuz kein christliches Symbol mehr sein soll, so zumindest aus Sicht des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der theologische, historische und politische Inkompetenz in einer Person vereint. Heftiger Widerstand von den Theologen kam prompt. Kardinal Reinhold Marx sagte als Reaktion auf Söders Äußerungen zum Kreuz und auf die Vorschrift, in allen Behörden Bayerns ein Kreuz aufzuhängen: „Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.“ Dem Staat stehe es Marx zufolge nicht zu, zu definieren, was das Kreuz bedeute.

Umgekehrt hat der Staat aber auch nicht das Recht, ein islamisches Gebot als religiöses oder politisches Symbol zu definieren, das keines ist und nie eines war. Es sollte schon den Muslimen selbst überlassen bleiben, auf der Grundlage der islamischen Offenbarungstexte zwischen Symbol und Gebot zu unterscheiden. Auch wenn eine Handlung im Islam einen symbolischen Aspekt beinhaltet, bleibt die Handlung selbst verpflichtend, wie etwa das Werfen sieben kleiner Steine als Ritual bei der Pilgerfahrt, was symbolisch für die Steinigung des Teufels steht.

Was jedoch das Kopftuch angeht, so hat es keinerlei Symbolcharakter, weder in religiöser noch in politischer Hinsicht. Keine muslimische Frau trägt es, weil sie andere gerne darauf aufmerksam machen will, dass sie Muslimin ist, um ständig angefeindet zu werden, keine Arbeit zu bekommen und sich permanent Sprüche wegen ihrer Kleidung anhören zu müssen. Sie brennt auch nicht darauf, Dauerthema in Politik und Medien zu sein und sich unentwegt rechtfertigen zu müssen oder als schwache Persönlichkeit hingestellt zu werden, die keinen eigenen Willen hat und zwangsverschleiert wurde. Wäre das Kopftuch nur ein religiöses oder politisches Symbol, würden wir es ablegen, um vielleicht endlich Ruhe zu haben vor den Anfeindungen und Angriffen der Mehrheitsgesellschaft, die nicht in der Lage ist, sich auf rationaler Ebene mit dem Islam auseinanderzusetzen, weil die Politik mit der Kopftuchdebatte das Karottenprinzip anwendet.

Man versucht sich mit dem Neutralitätsgebot dem Verdacht zu entziehen, ausschließlich die Muslime im Fokus zu haben, indem man scheinheilig von einem Verbot aller religiösen und politischen Symbole spricht, etwa an Schulen, um am Ende muslimischen Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuchs zu verbieten. Das Neutralitätsgebot dient nur als Umleitung zum eigentlichen Ziel, das Kopftuch zu verbieten. Das diesbezügliche Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem vergangenen Jahr täuscht im Grunde nur vor, es gehe um Neutralität. Die Betroffenen sind in Wahrheit ausschließlich die muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen. Es sind nicht die Juden, die vor Gericht ziehen, weil ihnen das Tragen der Kippa am Arbeitsplatz untersagt wird. Es sind auch nicht die Christen, die sich juristischen Beistand suchen müssen, weil sie ihr Kreuz nicht sichtbar am Arbeitsplatz tragen dürfen. Man sollte die Muslime also nicht für dumm verkaufen.

Woran macht man überhaupt fest, dass es sich bei dem Kopftuch um ein religiöses oder politisches Symbol handelt? Nur weil Nichtmuslime das Kopftuch mit dem Islam assoziieren, ist es automatisch ein religiöses Symbol? Die Assoziation einer Kippa mit dem Judentum lässt genauso wenig den Schluss zu, dass das Tragen der Kippa eine rein symbolische Bedeutung für Juden hat. Keiner hinterfragt, ob es sich bei dem Kopftuch überhaupt um ein Symbol handelt. Es wird als Tatsache übernommen, und dementsprechend wird eine falsche Debatte geführt, die für muslimische Frauen weitreichende Konsequenzen hat.

Den Uneinsichtigen sei gesagt, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem Fasten, dem Beten und der Verpflichtung, das Kopftuch zu tragen. Es entbehrt jeder islamrechtlichen Grundlage, das eine als Gebot und das andere als Symbol zu klassifizieren. Niemand kommt auf die Idee zu sagen, das Gebet sei eine rein symbolische Handlung. Das Tragen des Kopftuchs geht auf ein Gebot, d. h. eine Handlungsaufforderung, zurück wie das Beten und Fasten und ist somit verpflichtend. In vielem existieren unterschiedliche islamische Rechtsmeinungen, doch was das Kopftuch angeht, gab es im Laufe der islamischen Geschichte nie Meinungsdifferenzen unter den Rechtsgelehrten. Und nein, Seyran Ateş ist keine islamische Rechtsgelehrte. Das „Kopftuchgebot“ hat sich auch nicht „in Jahrhunderten der Tradierung“ aus den Offenbarungstexten entwickelt, wie es beispielsweise auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung dargestellt wird. Denn die muslimischen Frauen haben das Gebot unmittelbar nach der Offenbarung der diesbezüglichen Verse als Pflicht verstanden und dementsprechend umgesetzt. Folglich ist das Tragen des Kopftuchs nicht erst im Laufe der Geschichte zu einem Gebot geworden.

Für den Staat ist es am Ende irrelevant, ob das Kopftuch nun ein islamisches Symbol oder ein islamisches Gebot ist. Ihm geht es hauptsächlich darum, es als mit dem Islam verknüpftes Kleidungsstück zu verbieten. Für die muslimische Frau macht es aber einen gewaltigen Unterschied, weil der Staat sie durch ein Kopftuchverbot daran hindert, einer islamischen Pflicht nachzukommen und ihren Glauben zu praktizieren. Sie verzichtet also nicht nur auf ein religiöses oder politisches Symbol, wenn sie sich den Unterdrückungsstrategien des Staates fügt.

Der Europäische Gerichtshof hat für Arbeitgeber bereits die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen, Frauen mit Kopftuch abzulehnen oder ihnen zu kündigen, wenn alle religiösen und politischen Symbole am Arbeitspatz verboten werden. Es ist ein Kopftuchverbot durch die Hintertür, wenn man die Tatsachen verdreht und das Kopftuch auf ein Symbol reduziert. In der Praxis betrifft das Urteil nur die muslimische Frau. Soll sie aber deshalb keine Ausbildung mehr machen oder nicht mehr studieren, weil sie mit Kopftuch keine Arbeit bekommt – außer sie bewirbt sich um eine Putzstelle? Ist das die Entwicklung, die der Staat fördern will, indem er das Kopftuch verbietet? Dann würde zumindest das Weltbild des Herrenmenschen wieder stimmen, wenn die Frau mit Kopftuch nur Toiletten putzen darf.

Aber so weit lässt es die muslimische Frau nicht kommen, da sie das Tragen des Kopftuchs als islamisches Gebot versteht. Bei allem Druck von außen wird die Mehrheit das Kopftuch nicht ablegen und sich auf Klischees festlegen lassen. Vor allem distanzieren wir uns von der Meinung, dass das Kopftuch ein religiöses oder politisches Symbol sei.

 

(Um Ahmad)