AQIDA

- 03.09.2012

Al-Kauthar – die Unnachahmlichkeit der kürzesten Sura des Qur’an - Teil II

Grammatikalischer Wechsel: Iltifaat

لِرَبِّكَ "Lirabbika"
„... für deinen Herrn ..."

Iltifaat ist ein besonderes rhetorisches und stilistisches Mittel, das im Qur'an zur Geltung kommt. Kein Schriftwerk dieser Welt weist grammatikalische Wechsel mit der Häufigkeit auf wie der Qur'an. In dieser Sura erfolgt ein Wechsel von der ersten Person Plural („Wahrlich, Wir...") zur zweiten Person Singular („zu deinem Herrn..."). Dieser Wechsel hebt die vertrauliche Beziehung zwischen Allah (s.w.t.) und Seinem Gesandten (s.a.s.) hervor. Der Pluralis Majestatis „Wir" beschreibt die Erhabenheit und Souveränität Allahs (s.w.t) wohingegen „... für deinen Herrn ..." auf Nähe, Geborgenheit und Liebe hindeutet. Darüberhinaus spendet diese Sure durch ihren intimen bzw. vertrauten Charakter dem Propheten (s.a.s.) Trost. Ein sogenannter psycholinguistischer Effekt.

Begriffliche Verbundenheit

فَصَلِّ لِرَبِّكَ وَانْحَرْ
„Fa salli lirabbika wanhar"
„So verrichte das Gebet für deinen Herrn und schächte"

Der Partikel „Fa" (so) ist kausativ bzw. begründend. Das heißt, der Prophet (s.a.s.) soll Allah (s.w.t.) gegenüber Dankbarkeit zeigen, dafür dass Er ihm (s.a.s.) „Al-Kauthar" verliehen hat. Hier wird das Konzept des Tawhid, der Einheit Gottes, angesprochen. Die Einheit Allahs ist das zentrale Anliegen des Qur'an, von der jede Sura durchdrungen ist. Zur Zeit der Offenbarung nämlich waren die Araber Götzendiener und sie brachten diesen auch Opfergaben bei, obwohl sie weder sich selbst noch sonst jemandem helfen konnten. In dieser Sure wird klargestellt, dass nur Allah der Anbetung und Aufopferung würdig ist. Die Einheit und ausschließliche Anbetungswürdigkeit Allahs (s.w.t.) wird auch in weiteren Aayat behandelt:

„Sprich: "Mein Gebet und meine Opferung und mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten. Er hat niemanden neben Sich. Und so ist es mir geboten worden, und ich bin der Erste der Gottergebenen."" (6 : 162 - 163)
„Und esset nicht von dem, worüber Allahs Name nicht ausgesprochen wurde; denn wahrlich, das ist Frevel." (6 : 121)

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass Sure Al-Kauthar begriffliche und konzeptionelle bzw. thematische Verwandtschaft zu anderen Suren aufweist. Diese Eigenschaft wird in der Linguistik thematische Intertextualität genannt.

Wortwahl:

وَانْحَر
„Wanhar"

Das Wort „Wanhar" entspringt den Radikalen „na", „ha" und „ra" (nahara), was soviel wie "Opferung eines Tieres durch Durchtrennung der Halsschlagader" bedeutet. „Wanhar" kann aber auch bedeuten, sich zur Verrichtung des rituellen Gebets nach Mekka auszurichten. Und es kann das Heben der Hände beschreiben, während man den Takbir („Allahu akbar") ausspricht.

„Wanhar" kommt somit der Bedeutung einer Opfergabe am nächsten, da es verschiedene Zusammenhänge beschreibt, die allesamt in dieser Sura vermittelt werden sollen. So ist es ausschließlich Allah (s.w.t.), der dem Propheten (s.a.s.) Al-Kauthar verleihen kann; und dies soll mit Dank und Opfergaben vergolten werden, die sich im Islam im Opfern von Schlachttieren, dem Gebet und der Nennung der Namen Allahs äußern. Kein arabischer Begriff – und sei er noch so ausdruckskräftig – könnte der Bedeutung von Al-Kauthar gleich kommen.

Emphase / Nachdruck und Wahl der Partikel

إِنَّا
„Inna" – „Wahrlich"

Das Wort „Wahrlich" bekräftigt und hebt die Tatsache hervor, dass die Verleumder des Propheten (s.a.s.) ohne Stammhalter sind. Anders gesagt: „Deine Verleumder sind mit Sicherheit ohne Stammhalter."

Semantisch angeordnete Wiederholung & Rhythmus

إِنَّا أَعْطَيْنَاكَ الْكَوْثَرَ
فَصَلِّ لِرَبِّكَ وَانْحَرْ
إِنَّ شَانِئَكَ هُوَ الْأَبْتَرُ
„Inna a'tainaka l-Kauthar. Fa salli lirabbika wanhar. Inna Schani'aka huwa l-Abtar"

Die wiederholte direkte Rede in der zweiten Person Singular ("ka" – „dein", drei Mal) an den Propheten (s.a.s.) kennzeichnet ihn als exklusiven bzw. alleinigen Empfänger der Ansprache Allahs (s.w.t.). Durch dieses Mittel wird der Prophet (s.a.s.) nachdrücklich gestärkt. Ferner erzeugt der Partikel "fa" Kontinuität und Rhythmus.

Tadel und Geringschätzung

إِنَّ شَانِئَكَ هُوَ الْأَبْتَر

„Inna Schani'aka huwa l-Abtar"
„Wahrlich, dein Verleumder ist derjenige ohne Stammhalter"

Der Gebrauch des Wortes "Abtar" (Abgeschnitten von der Stammhalterschaft) ist deshalb signifikant, weil es von den Feinden des Propheten gegen ihn (s.a.s.) verwendet wurde. Die Tatsache, dass Allah (s.w.t.) nun jenes Wort benutzt, mit dem man den Propheten (s.a.s.) verleumdet hatte (weil seine Söhne bereits im Kindesalter starben), zeigt, dass es in Wahrheit doch die Verleumder selbst sind, auf die dieser Begriff zurückfällt und die keinen Stammhalter haben bzw. großen Verlust erleiden werden. Dies wird zusätzlich dadurch hervorgehoben, dass die zwei vorhergehenden Verse mit verschiedensten sprachlichen Mitteln aufzeigen, dass alles Gute dem Propheten (s.a.s.) gegeben wurde. Durch eben diesen Kontrast zwischen den zwei ersteren Versen und dem Wort "Abtar" wird dem Begriff mehr Intensität und Ausdruckskraft verliehen.

Eine Prophezeiung erfüllt sich

Im Zusammenhang mit der Verwendung des Wortes „Abtar" und der Bezeichnung der Widersacher des Propheten (s.a.s.) als „von der Stammhalterschaft Abgeschnittene" tritt noch ein weiterer Aspekt zutage. Die Stammhalterschaft spielte bei den Arabern deshalb eine große Rolle, weil dadurch gewährleistet wurde, dass der Name eines Mannes in seinen Söhnen bzw. Enkelkindern weiterlebte. So pflegten die Araber dem Sohn den Namen seines Vaters anzuhängen wie z. B. Umar Ibn Al-Khattab (Umar der Sohn des Al-Khattab), und ebenso dem Enkelkind: Abdullah Ibn Umar Ibn Al-Khattab. Eine männliche Nachkommenschaft gewährleistete also den Fortbestand des eigenen Namens und damit auch der eigenen Erwähnung. Nach dem Tod lebte der eigene Name weiter. Als „Abtar" wurde bei den Arabern jene Person bezeichnet, die keine männliche Nachkommenschaft besitzt und dessen Name folglich nicht weiterleben wird. So eine Person ist also nicht nur von der Stammhalterschaft, sondern auch von der namentlichen Erwähnung in späterer Zeit „abgeschnitten".

Daher wollten die ungläubigen Mekkaner mit der Bezeichnung des Propheten (s.a.s.) als „Abtar" nicht nur den Umstand zum Ausdruck bringen, dass er keine Nachkommenschaft besitzt, sondern dass Muhammad (s.a.s) in zukünftiger Zeit auch unerwähnt bleiben würde. Mit anderen Worten wird seine Erwähnung irgendwann im Sand versickern und er samt seiner Botschaft in Vergessenheit geraten.

Und genau dies wird von Allah in der Sure kategorisch verneint. Der Erhabenen stellt vielmehr fest, dass die Widersacher des Propheten (s.a.s) unerwähnt bleiben und in Vergessenheit geraten werden, während der Name des Propheten und seine Botschaft weiterleben werden. Die Sure Al-Kauthar beinhaltet also eine Prophezeiung, die sich in den letzten 1400 Jahren mehr als erfüllt hat. So lebt der Name des Propheten (s.a.s.) weiter, er wird von den Muslimen weltweit in jedem Gebet fünf Mal am Tag erwähnt und bei Vorträgen, Freitagsansprachen, Gesprächen, Diskussionen und in Bittgebeten millionenfach ausgesprochen. Zusätzlich wird ihm stets die Ehrenbezeichnung „sallallahu alaihi wa sallam" (Friede und Segen Gottes über ihn) hinzugefügt.

Was hingegen seine Widersacher anlangt, so sind sie in Vergessenheit geraten. Weder lebten sie in ihren Kindern weiter noch behielt man sie sonst in ehrvoller Erinnerung. Heute nimmt man ihre Namen, wenn man sie überhaupt noch kennt, nur mit Abscheu und Verachtung in den Mund, weil sie ein Symbol für Unglauben, Frevelhaftigkeit und Irreleitung geworden sind. Im wahrsten Sinne des Wortes sind diese Leute „Abgeschnittene", ja sogar Ausgestoßene. Auch in diesem Punkt hat sich die Prophezeiung des Erhabenen, des Allwissenden, erfüllt.