AQIDA

- 02.09.2012

Al-Kauthar – die Unnachahmlichkeit der kürzesten Sura des Qur’an - Teil I

إِنَّا أَعْطَيْنَاكَ الْكَوْثَرَ
فَصَلِّ لِرَبِّكَ وَانْحَرْ
إِنَّ شَانِئَكَ هُوَ الْأَبْتَرُ

"Inna a'taynaka-l-kawthar
Fasalli li rabbika wanhar
Inna shani-aka huwa-l-abtar "

"Wahrlich, Wir gaben dir Al-Kauthar.
So verrichte das Gebet für deinen Herrn und schächte
Wahrlich, dein Verleumder ist derjenige ohne Stammhalter"

Verse, die die Welt verändern
Sura Al-Kauthar (die Fülle, der Reichtum), die kürzeste Sure des gesamten Qur'an, besteht aus gerade mal drei einzeiligen Versen. In mannigfacher Weise ist diese Sura von größter Bedeutung; sowohl linguistisch, literarisch, theologisch, rational als auch idelogisch betrachtet. Besonders, wenn es um die Urheberschaft des Qur'an geht, wird diese kürzeste Sura herangezogen. Dies deshalb, weil der Qur'an auf provokante Art und Weise die Menschen herausfordert:

„Und solltet ihr Zweifel haben über das, was Wir Unserem Diener nach und nach hinabsandten, dann bringt (nur) eine Sura seinesgleichen her..."
(Sura Al-Baqara, Vers 23)

Muslimische wie auch nichtmuslimische Exegeten deuten diesen und ähnliche Verse als ewig währende Aufforderung an die Menschheit, dem literarischen und linguistischen Charakter des Qur'an beizukommen. So verwundert es auch nicht, dass jene, die für eine islamische Lebensordnung eintreten, auf diese Sura hinweisen.

Diese Sura wird als Beweis für das islamische Überzeugungsfundament herangezogen. Sollte jemand imstande sein, sich der Herausforderung, etwas gleiches hervorzubringen, erfolgreich stellen, so wäre der göttliche Ursprung widerlegt. Der Qur'an wurde vor etwas mehr als 1400 Jahren nach und nach hinabgesandt, und seit jeher gilt die Herausforderung – bis zum Tage der Zur-Rechenschaft-Ziehung.

Obwohl die sprachlichen Mittel jedermann zur Verfügung stehen, wird es niemand vermögen, dieser Herausforderung nachzukommen; selbst wenn Menschen und Dschinn (Feuergeschöpfe) sich zusammentäten, sie könnten nichts Gleiches hervor bringen. Und dennoch waren durch die Jahrhunderte hinweg Denker, Poeten, Theologen und Literaturkritiker bemüht, den einzigartigen qur'anischen Stil nachzuahmen. Genannt seien hier Musaylamah, Ibn Al-Mukaffa', Abu'l-'Ala Al-Marri, Yahya b. Al-Hakam al-Ghazal, Sayyid 'Ali Muhammad, Ibn al-Rawandi, Bassar bin Burd, Sahib Ibn 'Abbad, Abu'l - 'Atahiya und zeitgenössische Missionare.

Es soll im Rahmen dieser Abhandlung nicht diskutiert werden, weshalb sich sowohl muslimische als auch nicht-muslimische Gelehrte darin einig waren, dass jene, die den Versuch unternahmen, scheiterten. Nur ein Beispiel sei an dieser Stelle aufgeführt.

Obwohl den Herausforderern das nötige Werkzeug zur Verfügung stand, sprich das arabische Alphabet, eine genormte/festgelegte Grammatik und das göttliche Schriftwerk selbst, konnten sie die geforderten Kriterien nicht erfüllen. Diese Kriterien lassen sich wie folgt zusammenfassen:

- Nachbildung der literarischen Gestalt des Qur'an
- Nachbildung der einmaligen linguistischen Gattung des Qur'an
- Auswahl und Anordnung der Worte wie im Qur'an
- Auswahl und Anordnung von Partikeln wie im Qur'an
- Nachbildung der phonetischen/lautlichen Überlegenheit des Qur'an
- Angleichung an die Häufigkeit/Erscheinungsweise der rethorischen Sprachelemente
- Nachrichtengehalt/informative Fülle des Qur'an erreichen
- Nachbildung der Prägnanz und Fügsamkeit des Qur'ans

Als Beispiel sei an dieser Stelle Musaylamahs kläglicher Versuch angeführt. Musaylamah hattte sich noch zu Lebzeiten des Gesandten Muhammad (s.) zum Propheten erklärt. Er probierte es mit folgendem Reim:

„Der Elefant.
Was ist der Elefant?
Und was lehrt dich, was der Elefant ist?
Er hat einen seilartigen Schwanz und einen langen Rüssel
Dies ist eine (schiere) Kleinigkeit unseres Herren Schöpfung"

Bei Betrachtung des arabischen Originals wird ersichtlich, dass sein Sprachstil, seine Redensart der von arabischen Priestern benützten Reimprosa (Sadsch') entspricht. Es mangelt dem Text offensichtlich an Botschaftsgehalt und die benutzten Begriffe können durch solche ersetzt werden, die mehr Sinn machen würden und wortgewaltiger, beeindruckender wären. Somit erreicht dieses Konstrukt sowohl literarisch als auch stilistisch nicht sein Ziel.

Aber was genau ist es nun, dass die kürzeste Sura des Qur'an so unnachahmlich macht? Nachfolgend sind die literarischen und sprachlichen Merkmale der Sura Al-Kauthar angeführt:

1. ihre einzigartige literarische Form
2. ihre einzigartie Textgattung
3. ihre Reichhaltigkeit an rhetorischen Elementen, dazu zählt:

- Emphase, Nachdruck
- Polysemie (mannigfaltiger Sinngehalt)
- Iltifaat – grammatikalischer Wechsel
- Wortfolge und Wortstellung
- Ellipse (prägnante Auslassung von Satzgliedern, Redeteilen oder Morphemen)
- Begriffsverwandtschaft (Intertextualität)
- Verstärkung
- Wort- und Partikelwahl
- Phonetik, Lautschrift
- semantisch orientierte Wiederholung
- Vertrautheit, Innigheit
- Übertreibung
- Tadel und Geringschätzung
- Prägnanz
- Flexibilität
- Sachbezogenheit und Weissagung

Einzigartige literarische Form
Diese – wie auch jede andere Sura des Qur'an – ist in ihrer literarischen Form als einzigartig zu bezeichnen. Das soll heissen, dass diese Sura keiner der bekannten arabischen Literaturformen zuzuordnen ist.
Die arabische Sprache wird in Prosa und Dichtung unterteilt. Die Prosa wiederum unterscheidet zwischen Reimprosa (sadsch') und fortlaufender Sprechweise (mursal).
Prosa und Dichtung im Arabischen unterscheiden sich dahingehend voneinander, dass die Dichtung auf einem Reim endet und rythmische Versmuster trägt, die Bihar heißen. Es gibt 16 Arten solcher Bihar – sowohl aus vorislamischer als auch aus späterer Zeit -, auf denen die arabische Dichtkunst basiert.
Diese Sura ist auch deshalb einzigartig, weil ihr rythmisches Muster keiner der bekannten Bihars zugeordnet werden kann und auch ihr Endreim und ihre literarische Beschaffenheit von jeglicher arabischen Prosa abweichen. Somit lässt sich die literarische Form dieser Sura in keine der bekannten arabischen Literaturgattungen einordnen.

Einzigartige literarische Textgattung (Genre)
Wie in allen Suren des Qur'an, verschmelzen auch in Sure Al-Kauthar rethorische und zusammenhaltende Elemente miteinander. Diese Art der Anwendung des Arabischen ist einmalig, denn arabsiche Schriften verwenden kohäsive Elemente meist in jedem Satz. Im Folgenden eine Analyse dieser Sura vor diesem Hintergrund:

Die Sura kann in zwei Sätze aufgeteilt werden:

1. Wahrlich, Wir gaben dir Al-Kauthar, so verrichte das Gebet für deinen Herrn und schächte
2. Wahrlich, dein Verleumder ist derjenige ohne Stammhalter

Im ersten Teilabschnitt treten folgende rhetorische Aspekte zum Vorschein, deren Erläuterung weiter unten erfolgen wird:

Emphase/Intensivierung
Wortwahl und Wahl der Partikel
Rhytmus und Klang
Iltifaat (grammatikalischer Wechsel)
Polysemie (Mehrfachbedeutung)
Intertextualität (begriffliche Verbundenheit)

Das kohäsive Mittel bzw. die Konjunktion in diesem Satz ist der Partikel „fa", der ein Kausalpronomen darstellt und die beiden Satzglieder „Gewiss, Wir gaben dir Al-Kauthar" sowie „verrichte das rituelle Gebet für deinen Herrn und schächte" miteinander verbindet.

Die rhetorischen Aspekte im zweiten Teilabschnitt sind:

Wort- und Partikelwahl
Rhythmus und Klang
semantisch ausgerichtete Wiederholung
Beschränkung
Tadel und Inhalt
Prophezeihung
Satzbau und Gefüge

Das Bindeglied in diesem Teil wird als Null-Kohäsion bezeichnet. Bei dieser Form von Verbindung werden Partikel wie „wa" oder „fa" nicht benutzt. Die Verbindung wird dem Leser durch sein Sprachgefühl deutlich. Die gesamte Struktur steht in Zusammenhang zum vorausgegangenen Abschnitt. Wäre der Zuzsammenhang nicht erkenntlich, so müsste man ein Bindeglied einfügen. Die Art, wie der Qur'an diese beiden Satzteile miteinander verbindet, ist als rhetorisches Element zu betrachten, da das Weglassen eines Bindeglieds Kürze und Prägnanz erzeugt. Jegliches überflüssiges Element fällt weg.

Reichhaltigkeit rhetorischer Elemente
Diese Sura sticht unter Anderem – wie auch alle anderen Suras – durch den häufigen Gebrauch rhetorischer Elemente hervor. Einige Beispiele sollen verdeutlichen, wie dies erreicht wird. Unter Rhetorik ist das zu verstehen, was im Arabischen als „Balagha" bekannt ist. Damit ist Sprach- und Formulierungskunst gemeint, das Ausdrücken auf die beste Art und Weise, Wortgewandtheit und die Wechselbeziehung zwischen Stil, Struktur und semantischem Wert bzw. Bedeutung. Die folgende Auflistung ist bei Weitem nicht vollständig, gibt aber zumindest einen Einblick in die brillante Wortwahl und den einmaligen sprachlichen Gebrauch dieser Sura.

Emphase und Pronomenwahl

إِنَّا (Wahrlich, Wir) – Dieses Wort ist ein emphatisches Glied (harf al-tawkid), also ein Partikel, das der Aussage Nachdruck verleiht und den absoluten Willen verdeutlicht. Der Pluralis majestatis (majestätische Mehrheitsform: „Wir"), der hier verwendet wird, spiegelt die Macht, die Sicherheit und die überwältigende Größe des Autors wieder. Dies ist auch die passende Wahl eines Pronomens, da das Autoritätspotential von keinem anderen Pronomen übertroffen werden kann. Die Wirkung ist in etwa wie folgt: „ Der Schöpfer, der Gewaltige, der Macht über alle Dinge hat, hat dir gewiss...verliehen."

Wortwahl
(„A'taynaka") – Dieses Verb wurde in dieser spezifischen Beugung anstatt der normalen Beugung „'Atainaka" gewählt – aufgrund eines kleinen Unterschieds. Ibn Mansoor erläutert diesen Unterschied in seinem Werk "Lisan Al-'Arab" wie folgt: "Im Qur'an besagt dieser Term (in dieser Beugung), jemandem etwas eigenhändig zu übergeben, während dies beim (normalen) nicht-qur'anischen Term nicht der Fall ist. Somit wird die Aussage, dass dem Propheten (s.a.s.) Al-Kauthar gegeben wird, nochmals verstärkt und darüber hinaus auch der Prophet selbst (s.a.s.) gestärkt und gefestigt."

Auch wurde das Verb „A'taynaka" in der Vergangenheitsform benutzt, obwohl es eigentlich ein zukünftiges Ereignis beschreibt. Durch die Wahl der Vergangenheitsform wird das Ereignis als vollendete Tatsache beschrieben, d. h. sein Eintreffen ist so sicher, als ob es bereits in der Vergangenheit geschehen wäre. Dadurch wird die Gewissheit eines Versprechens seitens Allahs (s.w.t.) verdeutlicht, in diesem Fall, dass der Prophet Al-Kauthar erhalten wird.

Wortwahl
الْكَوْثَرَ (Al-Kauthar) – Die Wurzeln bzw. Radikalen dieses Wortes sind die Buchstaben kaaf?, tha? und ra?, also kathara. Al-Kauthar bedeutet soviel wie Überfluss, Reichtum, Vermehrung.

Weitere Ableitungen dieser Radikalen sind:

Katharatun: Menge, Vielzahl
Katheerun: viel, viele , zahlreich
Ak'tharu: (noch) zahlreicher (betont, verstärkt)
Kath-thara: vervielfachen
Takathur: das Vervielfachen (nominale Wendung)
Is-tak-thara: sich viel wünschen, sich Vieles aneignen,

Al-Qurtubi erwähnt in seiner Koranexegese „Al-Dschami' li Ahkami-l-Qur'an", dass die Araber ‚Kauthar' benutzten, um Sachen oder Dinge auszudrücken, die von hohem Wert oder mengenmäßig groß waren. Durch kein anderes Wort kann kauthar ersetzt werden, da kein anderes arabisches Wort adäquat den Sinn und die Bedeutung dies Wortes widerspiegelt.

Wortstellung/Satzbau
Die Anordnung des Begriffes Al-Kauthar am Ende des Satzes hat ebenfalls Auswirkung auf die Aussage, denn es folgt kein weiterer Begriff, der Al-Kauthar zusätzlich beschreiben könnte. Al-Qurtubi erklärt, dass dies darauf hinweist, dass der Prophet (s.a.s.) alles in Überfülle bekommen hat.

Mehrfache Bedeutung
Die Gelehrten haben Al-Kauthar mit mehreren Bedeutungen belegt. Diese sind unter Anderem:

- eine besondere Quelle im Paradies, aus der Flüsse entspringen
- ein Brunnen am Tage der Auferstehung, aus dem der Prophet (s.a.s.) den Durst seiner Umma stillen wird
- sein Prophetentum
- der Qur'an, kein anderes göttliches Buch ist so umfassend wie der Qur'an
- die Lebensordnung des Islam
- die Vielzahl seiner (s.a.s.) Gefährten; kein anderer Prophet hatte so viel Gefährten
- sein erhöhter Status; niemand wird öfter erwähnt und öfter gepriesen als Muhammad, der Gesandte Allahs (s.a.s.)

Trotzdem stellt Sura Al-Kauthar nur einen kleinen Teil dessen dar, was der Qur'an an sprachlicher, stilistischer und inhaltlicher Größe umfasst.

Einzigartige literarische Form
Diese – wie auch jede andere Sura des Qur’an – ist in ihrer literarischen Form als einzigartig zu bezeichnen. Das soll heissen, dass diese Sura keiner der bekannten arabischen Literaturformen zuzuordnen ist.
Die arabische Sprache wird in Prosa und Dichtung unterteilt. Die Prosa wiederum unterscheidet zwischen Reimprosa (sadsch‘) und fortlaufender Sprechweise (mursal).
Prosa und Dichtung im Arabischen unterscheiden sich dahingehend voneinander, dass die Dichtung auf einem Reim endet und rythmische Versmuster trägt, die Bihar heißen. Es gibt 16 Arten solcher Bihar – sowohl aus vorislamischer als auch aus späterer Zeit -, auf denen die arabische Dichtkunst basiert.
Diese Sura ist auch deshalb einzigartig, weil ihr rythmisches Muster keiner der bekannten Bihars zugeordnet werden kann und auch ihr Endreim und ihre literarische Beschaffenheit von jeglicher arabischen Prosa abweichen. Somit lässt sich die literarische Form dieser Sura in keine der bekannten arabischen Literaturgattungen einordnen.

Einzigartige literarische Textgattung (Genre)
Wie in allen Suren des Qur’an, verschmelzen auch in Sure Al-Kauthar rethorische und zusammenhaltende Elemente miteinander. Diese Art der Anwendung des Arabischen ist einmalig, denn arabsiche Schriften verwenden kohäsive Elemente meist in jedem Satz. Im Folgenden eine Analyse dieser Sura vor diesem Hintergrund:

Die Sura kann in zwei Sätze aufgeteilt werden:

1. Wahrlich, Wir gaben dir Al-Kauthar, so verrichte das Gebet für deinen Herrn und schächte
2. Wahrlich, dein Verleumder ist derjenige ohne Stammhalter

Im ersten Teilabschnitt treten folgende rhetorische Aspekte zum Vorschein, deren Erläuterung weiter unten erfolgen wird:

Emphase/Intensivierung
Wortwahl und Wahl der Partikel
Rhytmus und Klang
Iltifaat (grammatikalischer Wechsel)
Polysemie (Mehrfachbedeutung)
Intertextualität (begriffliche Verbundenheit)

Das kohäsive Mittel bzw. die Konjunktion in diesem Satz ist der Partikel „fa“, der ein Kausalpronomen darstellt und die beiden Satzglieder „Gewiss, Wir gaben dir Al-Kauthar“ sowie „verrichte das rituelle Gebet für deinen Herrn und schächte“ miteinander verbindet.

Die rhetorischen Aspekte im zweiten Teilabschnitt sind:

Wort- und Partikelwahl
Rhythmus und Klang
semantisch ausgerichtete Wiederholung
Beschränkung
Tadel und Inhalt
Prophezeihung
Satzbau und Gefüge

Das Bindeglied in diesem Teil wird als Null-Kohäsion bezeichnet. Bei dieser Form von Verbindung werden Partikel wie „wa“ oder „fa“ nicht benutzt. Die Verbindung wird dem Leser durch sein Sprachgefühl deutlich. Die gesamte Struktur steht in Zusammenhang zum vorausgegangenen Abschnitt. Wäre der Zuzsammenhang nicht erkenntlich, so müsste man ein Bindeglied einfügen. Die Art, wie der Qur’an diese beiden Satzteile miteinander verbindet, ist als rhetorisches Element zu betrachten, da das Weglassen eines Bindeglieds Kürze und Prägnanz erzeugt. Jegliches überflüssiges Element fällt weg.

Reichhaltigkeit rhetorischer Elemente
Diese Sura sticht unter Anderem – wie auch alle anderen Suras – durch den häufigen Gebrauch rhetorischer Elemente hervor. Einige Beispiele sollen verdeutlichen, wie dies erreicht wird. Unter Rhetorik ist das zu verstehen, was im Arabischen als „Balagha“ bekannt ist. Damit ist Sprach- und Formulierungskunst gemeint, das Ausdrücken auf die beste Art und Weise, Wortgewandtheit und die Wechselbeziehung zwischen Stil, Struktur und semantischem Wert bzw. Bedeutung. Die folgende Auflistung ist bei Weitem nicht vollständig, gibt aber zumindest einen Einblick in die brillante Wortwahl und den einmaligen sprachlichen Gebrauch dieser Sura.

Emphase und Pronomenwahl

إِنَّا  (Wahrlich, Wir) – Dieses Wort ist ein emphatisches Glied (harf al-tawkid), also ein Partikel, das der Aussage Nachdruck verleiht und den absoluten Willen verdeutlicht. Der Pluralis majestatis (majestätische Mehrheitsform: „Wir“), der hier verwendet wird, spiegelt die Macht, die Sicherheit und die überwältigende Größe des Autors wieder. Dies ist auch die passende Wahl eines Pronomens, da das Autoritätspotential von keinem anderen Pronomen übertroffen werden kann. Die Wirkung ist in etwa wie folgt: „ Der Schöpfer, der Gewaltige, der Macht über alle Dinge hat, hat dir gewiss…verliehen.“

Wortwahl
(„A’taynaka“) – Dieses Verb wurde in dieser spezifischen Beugung anstatt der normalen Beugung „‘Atainaka“ gewählt – aufgrund eines kleinen Unterschieds. Ibn Mansoor erläutert diesen Unterschied in seinem Werk "Lisan Al-‘Arab" wie folgt: "Im Qur’an besagt dieser Term (in dieser Beugung), jemandem etwas eigenhändig zu übergeben, während dies beim (normalen) nicht-qur’anischen Term nicht der Fall ist. Somit wird die Aussage, dass dem Propheten (s.a.s.) Al-Kauthar gegeben wird, nochmals verstärkt und darüber hinaus auch der Prophet selbst (s.a.s.) gestärkt und gefestigt."

Auch wurde das Verb „A’taynaka“ in der Vergangenheitsform benutzt, obwohl es eigentlich ein zukünftiges Ereignis beschreibt. Durch die Wahl der Vergangenheitsform wird das Ereignis als vollendete Tatsache beschrieben, d. h. sein Eintreffen ist so sicher, als ob es bereits in der Vergangenheit geschehen wäre. Dadurch wird die Gewissheit eines Versprechens seitens Allahs (s.w.t.) verdeutlicht, in diesem Fall, dass der Prophet Al-Kauthar erhalten wird.

Wortwahl
الْكَوْثَرَ  (Al-Kauthar) – Die Wurzeln bzw. Radikalen dieses Wortes sind die Buchstaben kaaf?, tha? und ra?, also kathara. Al-Kauthar bedeutet soviel wie Überfluss, Reichtum, Vermehrung.

Weitere Ableitungen dieser Radikalen sind:

Katharatun: Menge, Vielzahl
Katheerun: viel, viele , zahlreich
Ak’tharu: (noch) zahlreicher (betont, verstärkt)
Kath-thara: vervielfachen
Takathur: das Vervielfachen (nominale Wendung)
Is-tak-thara: sich viel wünschen, sich Vieles aneignen,

Al-Qurtubi erwähnt in seiner Koranexegese „Al-Dschami‘ li Ahkami-l-Qur’an“, dass die Araber ‚Kauthar‘ benutzten, um Sachen oder Dinge auszudrücken, die von hohem Wert oder mengenmäßig groß waren. Durch kein anderes Wort kann kauthar ersetzt werden, da kein anderes arabisches Wort adäquat den Sinn und die Bedeutung dies Wortes widerspiegelt.

Wortstellung/Satzbau
Die Anordnung des Begriffes Al-Kauthar am Ende des Satzes hat ebenfalls Auswirkung auf die Aussage, denn es folgt kein weiterer Begriff, der Al-Kauthar zusätzlich beschreiben könnte. Al-Qurtubi erklärt, dass dies darauf hinweist, dass der Prophet (s.a.s.) alles in Überfülle bekommen hat.

Mehrfache Bedeutung
Die Gelehrten haben Al-Kauthar mit mehreren Bedeutungen belegt. Diese sind unter Anderem:

- eine besondere Quelle im Paradies, aus der Flüsse entspringen
- ein Brunnen am Tage der Auferstehung, aus dem der Prophet (s.a.s.) den Durst seiner Umma stillen wird
- sein Prophetentum
- der Qur’an, kein anderes göttliches Buch ist so umfassend wie der Qur’an
- die Lebensordnung des Islam
- die Vielzahl seiner (s.a.s.) Gefährten; kein anderer Prophet hatte so viel Gefährten
- sein erhöhter Status; niemand wird öfter erwähnt und öfter gepriesen als Muhammad, der Gesandte Allahs (s.a.s.)

Trotzdem stellt Sura Al-Kauthar nur einen kleinen Teil dessen dar, was der Qur'an an sprachlicher, stilistischer und inhaltlicher Größe umfasst.