KONZEPTION

- 11.06.2018

Die Ummah wird sich nicht ändern, bis sich ihre Mehrheit ändert

Es ist wichtig zu verstehen, dass wir uns ändern müssen, um eine Veränderung herbeizuführen. Dass sich aber die gesamte Ummah (oder die überwältigende Mehrheit) ändern muss, um eine kollektive (politische oder systematische) Veränderung herbeizuführen, ist jedoch nicht darunter zu verstehen.  Hierbei handelt es sich um ein Verständnis, das gegen die historische Realität und Beweise aus den Offenbarungstexten verstößt. Trotzdem ist dieses Verständnis heutzutage in der Ummah weit verbreitet.

Dieser Artikel ist der erste von dreien in einer Serie, die sich mit diesem Begriff befasst und aufzeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht von allumfassenden individuellen Veränderungen abhängen. Außerdem soll aufgezeigt werden, dass das Festhalten an dieser Meinung ein Missverständnis von Politik, Geschichte und den heiligen Texte bedeutet.

Die Gesellschaft zu verändern ist im Islam eine Arbeit höchster Ordnung. Es ist die Arbeit der Propheten, möge Allah (t) mit ihnen allen zufrieden sein. Es ist die Arbeit zur Befreiung der Gesellschaft von der weitverbreiteten Korruption, Unmoral, Ignoranz und Ungerechtigkeit, um eine Gesellschaft der Gerechtigkeit, der Moral, des Wissens und der Einheit auf Grundlage des Islam wiederherzustellen.

In der Geschichte kam es nie vor, dass die Mehrheit, geschweige denn die gesamte Gesellschaft, sich individuell verändert hat, bevor es zu einer kollektiven Veränderung kam. Sei es bezogen auf einen spirituellen Aufstieg, eine wirtschaftliche Entwicklung oder auch auf eine politische Veränderung. Große Veränderungen wurden immer von kleinen Gruppen bewirkt, die sich dann auf die gesamte Gesellschaft auswirkten.

Das gilt für nahezu alle politischen Revolutionen (und Konterrevolutionen), die die Welt je erlebt hat. Sie wurden meist von Intellektuellen, Denkern und dergleichen geleitet. Auch die industrielle Revolution und die Aufklärung (unabhängig von ihrem Wert für uns) wurden von einer kleinen Gruppe von Intellektuellen, Denkern und Philosophen vorangetrieben. Sie waren dazu in der Lage, genügend Menschen zu überzeugen, um ihre Vision zu verbreiten. Des Weiteren wurden genügend mächtige Personen beeinflusst, um die Änderungen auch in der wirtschaftlichen Schicht durchzusetzen, so dass daraus ein sich selbst antreibendes, weltveränderndes Phänomen wurde (obwohl die Welt dadurch viel Leid und Verlust erdulden musste). Die überwältigende Mehrheit in Europa hat sich dann allmählich den Veränderungen unterworfen.

Auch in unserer eigenen Geschichte konnten wir den gleichen Prozess beobachten. Das beste Vorbild liefern hierbei die Gesandten Allahs, die allesamt zur Anbetung und zum Gehorsam gegenüber Allah (t) aufriefen, was die größtmögliche gesellschaftliche Veränderung darstellt und ihnen meist von den Herrschern starken Widerstand einbrachte.

Kein Prophet war je dazu in der Lage, sein gesamtes Volk zu überzeugen, ganz gleich wie viele klare Beweise er erbracht hat. Sie waren stets nur dazu in der Lage, die Herzen einiger weniger zu überzeugen, mit deren Hilfe bald der Sieg Allahs (t) folgte, auf dass die Lebensordnung, mit der sie entsandt wurden, implementiert werden konnte. Diese Ereignisse wurden so zahlreich überliefert, dass uns klar werden sollte, dass es weniger auf die Beweiskraft ankommt. Es ist bekannt, dass sich auch die Propheten diesen Herausforderungen in ihrer Da‘wah stellen mussten.

Um auf die hierzu relevanten Verse aus dem Qur’an zu sprechen zu kommen, in denen Allah (t) über das Versprechen Seiner (t) Hilfe und den Sieg zu sprechen kommt, müssen wir die Hinweise verstehen, die Allah (t) uns gibt, indem Er (t) sagt, dass den Sieg (Al-Nusrah) jene erlangen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Es gibt keinen einzigen Text, der beweist, dass die Gesamtheit jene Voraussetzungen erfüllen muss.

﴿وَعَدَ اللَّهُ الَّذِينَ آمَنُوا مِنكُمْ وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ لَيَسْتَخْلِفَنَّهُمْ فِي الْأَرْضِ كَمَا اسْتَخْلَفَ الَّذِينَ مِن قَبْلِهِمْ وَلَيُمَكِّنَنَّ لَهُمْ دِينَهُمُ الَّذِي ارْتَضَىٰ لَهُمْ وَلَيُبَدِّلَنَّهُم مِّن بَعْدِ خَوْفِهِمْ أَمْنًا ۚ يَعْبُدُونَنِي لَا يُشْرِكُونَ بِي شَيْئًا ۚ وَمَن كَفَرَ بَعْدَ ذَٰلِكَ فَأُولَٰئِكَ هُمُ الْفَاسِقُونَ﴾

Allah hat denjenigen von euch, die glauben und rechtschaffene Werke tun, versprochen, dass Er sie ganz gewiss als Statthalter auf der Erde einsetzen wird, so wie Er diejenigen, die vor ihnen waren, als Statthalter einsetzte, dass Er für sie ihrer Religion, der Er für sie zugestimmt hat, ganz gewiss eine feste Stellung verleihen wird, und dass Er ihnen nach ihrer Angst (, in der sie gelebt haben,) stattdessen ganz gewiss Sicherheit gewähren wird. Sie dienen Mir und gesellen Mir nichts bei. Wer aber danach ungläubig ist, jene sind die (wahren) Frevler. (24:55)

Der große Gelehrte, Mufti Muhammad Shafii, sagt zu diesem Vers (Ayah):

„Allah gab dem Propheten (s) drei Versprechen: Dass die Ummah seinen Statthalter auf Erden einsetzen wird, der über sie herrschen wird, dass der Islam obsiegen wird und dass die Muslime so viel Macht erlangen werden, dass sie vor niemandem mehr Angst haben werden. (…) Tatsache ist, dass die Stufe des Glaubens und der rechten Taten, auf denen das Versprechen Allahs beruht, unter den Gefährten des Gesandten (s) perfekt waren.“ (Ma’ariful Quran)

Zum selben Vers sagt Imam Al-Shawkani:

„Dies ist ein Versprechen Allahs an jene, die an Allah glauben und gute Taten verrichten, das besagt, dass ihnen die Herrschaft über die ganze Welt zuteilwird, so wie Er es früheren Völkern gewährte. Dieses Versprechen gilt für die Gesamtheit der Ummah. Einige sagen, dass sich dieses Versprechen nur auf die Gefährten (Sahaba) bezog, doch gibt es für diese Annahme keine Beweise. Tiefer Glaube und rechte Taten sind nicht nur auf die Gefährten (Sahaba) beschränkt, denn jedes Individuum in der Ummah kann sich dies aneignen.“ (Fath al-Qadeer)

Ein weiterer Vers (Ayah) zu diesem Thema:

﴿وَإِن تُطِعْ أَكْثَرَ مَن فِي الْأَرْضِ يُضِلُّوكَ عَن سَبِيلِ اللَّهِ ۚ إِن يَتَّبِعُونَ إِلَّا الظَّنَّ وَإِنْ هُمْ إِلَّا يَخْرُصُونَ﴾

Wenn du den meisten von denen, die auf der Erde sind, gehorchst, werden sie dich von Allahs Weg ab in die Irre führen. Sie folgen nur Mutmaßungen, und sie stellen nur Schätzungen an. (6:116)

Mufti Muhammad Shafii sagt zu diesem Vers (Ayah):

„Allah sagt dem Propheten (s), dass die Mehrheit der Kinder Adams in Falschheit lebt. Dies schüchterte ihn nicht ein und ließ ihn auch nicht ignorieren, was sie sagten oder taten. Der Qur’an hat sich an vielen Stellen mit dieser Thematik auseinandergesetzt. In Sure al-Saffat heißt es:

﴿وَلَقَدْ ضَلَّ قَبْلَهُمْ أَكْثَرُ الْأَوَّلِينَ﴾

Vor ihnen sind bereits die meisten der Früheren abgeirrt. (37:71)

In Sure Yusuf wird weiterhin gesagt:

﴿وَمَا أَكْثَرُ النَّاسِ وَلَوْ حَرَصْتَ بِمُؤْمِنِينَ﴾

Aber die meisten Menschen werden, auch wenn du noch so sehr (danach) trachtest, nicht gläubig sein. (12:103)

Daraus ist zu verstehen, dass er sich nicht von ihrer Überzahl beeindrucken lassen solle, sondern als Vorbild agieren soll, denn ihnen fehlt es an Werten und sie sind vom rechten Weg abgekommen. Im nächsten Vers heißt es:

﴿إِنَّ رَبَّكَ هُوَ أَعْلَمُ مَن يَضِلُّ عَن سَبِيلِهِ ۖ وَهُوَ أَعْلَمُ بِالْمُهْتَدِينَ﴾

Gewiss, dein Herr kennt sehr wohl, wer von Seinem Weg abirrt, und Er kennt sehr wohl die Rechtgeleiteten. (6:117)

Und jene, die auf der Falschheit beharren, werden bestraft, während diejenigen, die auf dem rechten Weg sind, belohnt werden.“ (Maariful Qur’an)

Der Gesandte Allahs (s) hat es vermocht „nur“ mit einer kleinen Gruppe aus wenigen hundert Leuten nach 13 Jahren des Tragens der islamischen Botschaft (Da’wah) in Mekka den Sieg zu erlangen (und seine Da’wah war die bestmögliche Da’wah).

Zusätzlich dazu haben die Mekkaner ihn (s) nicht akzeptiert und verstoßen. Aber er suchte mit dieser kleinen Gruppe von Gläubigen die Nusrah (materielle Unterstützung) von den Stämmen Arabiens, während er viel Verfolgung und falsche Propaganda durchmachte. Und als Allah es wollte, sandte Er sie in Form der Führer zweier Stämme aus Medina. Nachdem er die Hidschra vollzogen hatte, erreichte er mit einer relativ kleinen Anhängerschaft eine Machtposition, von der aus er dann in der Lage war, die Lebensordnung (Din) Allahs (t) zu implementieren, woraufhin sie sich rasend schnell ausbreitete.

﴿وَلْتَكُن مِّنكُمْ أُمَّةٌ يَدْعُونَ إِلَى الْخَيْرِ وَيَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنكَرِ ۚ وَأُولَٰئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ﴾

Und es soll aus euch eine Gemeinschaft entstehen, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet. Jene sind es, denen es wohl ergeht. (3:104)

Mufti Muhammed Shafii sagt zu diesem Vers:

„Der erste Teil des Verses „Und es soll aus euch eine Gemeinschaft entstehen“ impliziert die Notwendigkeit einer Gruppe, denn die Existenz einer solchen Gruppe ist für die Ummah überlebensnotwendig. „Jene sind es, denen es wohl ergeht.“ bedeutet, dass der Sieg allein durch solch eine Gruppe erlangt wird (unabhängig von ihrer Größe).“ (Maariful Qur’an)

Es gibt also nicht nur Offenbarungstexte, die darauf hindeuten, dass die Mehrheit weit von der Wahrheit entfernt ist (somit stellt die These, dass die Mehrheitsgesellschaft zuerst mit Iman erfüllt werden muss, eine unmöglich zu erfüllende Voraussetzung dar), sondern auch explizite Texte, die besagen, dass die Veränderung durch eine Gruppe erfolgt, die das Rechte gebietet und das Unrecht anprangert. Natürlich wäre es trotzdem ideal, wenn die Mehrheitsgesellschaft auch diese Eigenschaften annimmt, doch die Existenz einiger schlechter Eigenschaften in der Gesellschaft hält keineswegs jene auf, die dem Ruf Allahs (t) folgen und auf Seine (t) Hilfe und Seinen (t) Sieg hoffen.