SHARIA

- 20.09.2012

Al-Ta'assi - Das Befolgen der Taten des Propheten (s.)

Mit diesem Artikel wollen wir uns nun dezidiert den Taten des Gesandten Allahs (s.) widmen und durchleuchten, ob und inwiefern wir seinem Beispiel folgen müssen.

Die vorliegende Abhandlung stellt im wesentlichen eine Zusammenfassung aus den Büchern Nizam Al-Islam (Das System des Islam) und Al-Shakhsiyya Al-Islamiyya (Die Islamische Persönlichkeit 3.Teil) vom islamischen Gelehrten und Richter Taqiyy-ud-Din An-Nabhani dar.

Gerade in den letzten Jahren ist - nicht zuletzt durch die politischen Ereignisse in Teilen der islamischen Welt - neuerlich die Diskussion aufgekommen um die Frage, inwiefern das Befolgen der Taten des Propheten (s.) für uns eine Pflicht darstellt. Vor allem in Europa gehen die Meinungen der Muslime zu diesem Thema sehr stark auseinander. Einige meinen, dass die Befolgung der Taten des Gesandten (s.) für uns nicht bindend sei, dass nur die Gebote im Qur'an verpflichtenden Charakter haben und der Vollzug seiner Handlungen in diesem Sinne auf freiwilliger Basis geschieht (Mubah). Als Antwort darauf haben andere wiederum den Vollzug jeder Handlung des Propheten zur Pflicht erklärt und meinen, dass man sich sogar in der Kleidung und in der Haarlänge an das Aussehen des Propheten halten soll. Die Ansichten klaffen also in dieser Frage stark auseinander, was eine genaue Untersuchung im Lichte der Offenbarungstexte notwendig macht.

Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass die Befolgung der Handlungen des Gesandten (s.) für jeden Muslim eine absolute Pflicht ist.

In Sura Al-Ahsab 33, Aya 21 heißt es:

Es ist euch im Gesandten Allahs ein schönes, nachahmenswertes Beispiel gegeben worden, für diejenigen, die auf Allah und den jüngsten Tag hoffen und Allahs oftmals gedenken!"

Die Handlungen des Propheten sind in dieser Aya als nachahmenswert bezeichnet worden für diejenigen, die auf Allah und den jüngsten Tag hoffen. Da es für jeden Muslim eine Pflicht ist „auf Allah und den jüngsten Tag zu hoffen" - da er sonst zum Kafir (Ungläubigen) wird - und Allah in dieser Aya das Nachahmen (Befolgen) der Taten des Propheten mit dem Hoffen auf Ihn und den Jüngsten Tag verknüpft hat , ist das Befolgen eben dieser Handlungen somit auch zur Pflicht geworden.

Einen weiteren Beleg dafür liefert Aya 31 aus Sura Ali Imran 3:

„Sprich: Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir, damit Allah euch (ebenfalls) liebt und euch eure Schuld vergibt! Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben!"

In dieser Aya ist die Erlangung der Liebe Allahs - was für jeden Muslim eine Notwendigkeit darstellt - an die Befolgung des Beispiels des Propheten geknüpft worden. Somit ist die Befolgung seines Beispiels für uns ebenfalls zur Notwendigkeit geworden.

Die Befolgung des Beispiels des Propheten bedeutet aber nicht, jede Tat, die der Prophet (s.) vollzogen hat, ebenfalls tun zu müssen. Denn nicht jede Tat, die er getan hat, hat er selbst zur Pflicht erklärt. Der Prophet hat vieles getan, was für ihn und für uns erlaubt (mubah) ist und keine Pflicht (Fard) darstellt. So hat er Frauen geehelicht, was erlaubt, aber keine Pflicht ist. Er hat Kauf- und Verkaufgeschäfte abgeschlossen, ist Schuld- und Pfandverträge eingegangen. Alles Dinge, die von Gott für uns und ihn erlaubt, aber nicht zur Pflicht erhoben worden sind. Der Gesandte hat gewisse Nahrungsmittel, wie Zwiebel, Wüstenechsen (Dabb) etc... aus persönlicher Abneigung nicht gegessen, obwohl deren Verzehr im Islam grundsätzlich erlaubt ist.

Andererseits hat der Prophet (s.) gewisse Handlungen vollzogen, die erwünscht (Mandub) aber nicht verpflichtend sind. Dazu gehört beispielsweise das Fasten des Montags und Donnerstags von jeder Woche, seine vielen Gebete, die über die Pflichtgebete hinausgingen, das ständige Almosengeben (Sadaqa) und vieles mehr. Dies alles sind wünschenswerte Handlungen, die er uns nahegelegt hat, ohne sie zur Pflicht zu erheben.

Das Befolgen des Beispiels unseres ehrwürdigen Gesandten bedeutet nun, seine Handlungen in der gleichen Art zu tun, wie er sie selbst vollzogen hat. Wenn der Gesandte (s.) eine Handlungen als Pflicht (Fard) vollzogen hat, so liegt das Befolgen unsererseits darin, diese Handlung ebenfalls als Pflicht zu vollziehen. Hat er aber eine Handlung als „wünschenswert" (mandub) vollzogen, so liegt unser Befolgen darin, sie ebenfalls als „wünschenswert" zu vollziehen. Würden wir nun diese Handlung vor lauter Eifer zur Pflicht erklären, so haben wir sein Beispiel in diesem Fall missachtet und nicht befolgt!. Genauso falsch wäre es eine Handlung des Propheten, die in den Bereich des Mubah (Erlaubten) fällt, zu einem Mandub oder einem Fard zu erklären. Aus diesem Verständnis heraus haben die Rechtsgelehrten Al-Taassi, das Befolgen des Beispiels des Propheten (s.), folgendermaßen definiert: „Al-Qiamu bi mithli Fi'lihi, ala wajhi fi'lihi, min ajli fi'lihi!"

„Al-Qiamu bi mithli Fi'lihi" bedeutet, die gleiche Tat zu tun, die der Prophet (s.) getan hat. Wenn er z.B. das Mittagsgebet als vier Rak'at gebetet hat, so haben wir das Mittagsgebet ebenfalls als vier Rak'at zu beten, nicht mehr und nicht weniger. Das „Handlungsbild" muss also in beiden Fällen das gleiche sein.

„Ala wajhi fi'lihi" bedeutet, die Tat „in gleicher Weise" zu vollziehen, wie es der Prophet (s.) getan hat. Wenn er sie als Pflicht vollzogen hat so müssen wir sie ebenfalls als Pflicht vollziehen, hat er sie aber als Mandub oder Mubah getan, so müssen wir sie in gleicher Weise als Mandub oder Mubah vollziehen.

„Min ajli fi'lihi" bedeutet, die Handlung allein aus dem Grund zu tun, weil der Prophet sie getan hat. Also nicht nur, weil sie uns gefällt oder wir sie persönlich für sinnvoll erachten, sondern weil sie der Gesandte Allahs (s.) getan hat und wir in ihm ein nachahmenswertes Beispiel haben.

So stellt sich für uns die Problematik um Al-Taassi dar, und in diesem Lichte müssen auch die Handlungen des Propheten (s.) verstanden werden. Wie kann man nun aus einer Tat des Propheten (s.) erkennen, ob es sich dabei um einen Fard, einen Mandub oder einen Mubah handelt? Mit der Beantwortung dieser Frage haben sich Gelehrte ein Leben lang beschäftigt. Zahlreiche Abhandlungen gibt es in der islamischen Rechtslehre darüber, die oft bis ins kleinste Detail gehen. Eine genaue Untersuchung würde sicherlich den Rahmen dieses Artikels sprengen, wir begnügen uns deshalb mit einem groben Umriss, um dem Leser eine generelle Vorstellung darüber zu vermitteln.

Die Taten des Propheten können grundsätzlich in zwei Bereiche eingeteilt werden: Der erste umfasst jene Handlungen, die sich aus seiner menschlichen Natur ergeben, wie beispielsweise, das Sitzen, Gehen, Räuspern, Blinzeln usw. Es herrscht Einigkeit unter den Gelehrten, dass dieser Bereich von Handlungen für ihn und seine Ummah erlaubt (mubah) ist. Die Handlungen, welche nicht zu den genannten natürlichen gehören sind entweder für den Propheten spezifisch und dürfen nicht von anderen Personen ausgeführt werden oder sind nicht auf ihn beschränkt.

Zu den ersteren gehört z.B. die Erlaubnis des über Tag und Nacht ohne Unterbrechung fortgesetzten Fastens oder das Ehelichen von mehr als vier Frauen ohne Mitgift und Zeugen. Uns ist es nicht gestattet, dem Propheten in diesen Handlungen zu folgen, da es durch Beweise aus der Offenbarung feststeht, dass es für den Propheten spezifische Handlungen sind.

Was das Durchfasten von Tag und Nacht betrifft so hat der Prophet selbst gesagt: "Mein Zustand gleicht nicht dem euren. Ich nächtige und habe jemanden (Allah) der mich ernährt und mir zu trinken gibt!" (Buchari)

Und gesagt: „Weh euch und dem Durchfasten. Weh euch und dem Durchfasten!" (Buchari).

Was das Ehelichen von mehr als vier Frauen ohne Mitgift und Zeugen betrifft, so hat Allah der Erhabene in Sura Al-Ahzab 33, Aya 50 dies für den Propheten (s.) bestimmt:

„Dies gilt in Sonderheit für dich (o Muhammad) ohne die anderen Gläubigen!"

Um eine Handlung als für den Propheten spezifisch anzusehen, muss es einen Beweis aus der Offenbarung dafür geben, sonst gilt die Handlung grundsätzlich als beispielhaft für uns! Was die anderen Taten des Propheten angeht, so sind sie zweifelsohne für uns ein Beispiel, das es zu befolgen gilt. Entweder hat uns der Prophet (s.) in einem Ausspruch direkt aufgefordert, ihm in dieser Tat zu folgen, wenn er z.B. sagt: „Betet wie ihr mich beten gesehen habt!", oder durch Verknüpfung der Handlung mit ihren begleitenden Umständen (Qarinatu Al-Hal). So hat uns beispielsweise Allah im Qur'an befohlen:

„Und wenn ihr krank seid oder euch auf Reisen befindet oder einer von euch vom Abort kommt oder ihr mit Frauen in Berührung gekommen seid und kein Wasser findet (um die Waschung vorzunehmen), dann sucht reinen Sand und streicht euch (damit) über das Gesicht und die Hände!"
(Sura Al-Ma'ida 5, Aya 6)

In dieser Aya hat uns Allah (t.) befohlen im Falle von Wassermangel die vorgeschriebene Reinigung für das Gebet mit Sand vorzunehmen. Er hat uns befohlen damit über das Gesicht und die Hände zu streichen, ohne auf den genauen Vorgang einzugehen. Nun hat der Prophet (s.) uns durch sein Handeln verdeutlicht, wie der Tayammum, die Reinigung mit Sand, vorzunehmen ist. Es ist überliefert, dass er sich mit dem Sand bis zum Ellbogen gestrichen hat. Der Umstand, dass der Prophet (s.) diesen Tayammum für sein Gebet vorgenommen hat, weist darauf hin, dass sein Handeln eine Erläuterung dieser Aya darstellt und von uns so zu befolgen ist.

Auch hat uns die Offenbarung in zahlreichen Ayat und Hadithen befohlen, nach den Gesetzen Allahs zu regieren, ohne im Detail auf die Staatsform, die einzelnen Institutionen und die Rechte und Pflichten der Regenten und Bürger einzugehen. Dies alles hat uns der Prophet nach der Hijra und der Staatsgründung in Medina durch sein Handeln als Oberhaupt des Staates erläutert und näher gebracht. So hat er Gouverneure für die Provinzen ernannt, wie Mu'adh Ibn Jabal und Abu Musa Al-Ash'ari für den Jemen, hat Richter für verschiedene Problembereiche bestellt, wie beispielsweise Ali Ibn Abi Talib, und auch selbst als Richter fungiert, er hat Heerführer aufgestellt, Personen mit dem Einholen der rechtmäßigen Staatseinnahmen betraut und Assistenten (Mu'awinun) ernannt, nämlich Abu Bakr und Omar (r.), die ihm bei der Erledigung der Staatsangelegenheiten zur Seite gestanden sind.

Er hat die Fundamente für das islamische Schatzhaus gelegt, die Ein- und Ausgaben des Staates geregelt und die Kontroll- und Meinungsbildungsmechanismen im Staate eingeführt. Diese Handlungen sind im Einzelnen nichts weiter als Erläuterungen für die zahlreichen Ayat, die uns die Regentschaft mit dem Gesetz Allahs befehlen. Gerade in diesem entscheidenden und folgenschweren Punkt, wie dem Aufbau des Islamischen Staates, ist es eine Pflicht für uns, dem Beispiel des Propheten zu folgen.

Die erläuternde Handlung folgt nämlich in der Art ihres Rechtsspruches, ob es sich um einen Fard, einen Mandub oder einen Mubah handelt dem Erläuterten. Handelt es sich beim erläuterten Text (Mubayyan) beispielsweise um eine Pflicht, so erhält die diesbezüglich erläuternde Handlung des Propheten (Bayan) den gleichen Rechtsspruch; ist also ebenfalls Pflicht. Handelt es sich beim Mubayyan um einen Mandub, so erhält der Bayan, die erläuternde Handlung, ebenfalls den Rechtsspruch eines Mandub.

Im Falle der Ayat, die das Regieren mit dem Gesetz Allahs betreffen, so sind sie als absolut gesicherte, eindeutige Pflichtgebote im Qur'an festgelegt. In Sura Al-Maida 5, Aya 44 heißt es beispielsweise:

„Und diejenigen, die nicht nach dem richten, was Allah herabgesandt hat, sind die (wahren) Ungläubigen!"

Und in Aya 49 der gleichen Sura steht:

„Und richte zwischen ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen! Und hüte dich vor ihnen, dass sie dich (nicht) von einem Teil dessen, was Allah offenbart hat, abbringen!"

Demzufolge stellen die dazu erläuternden Handlungen des Propheten (s.), die dem Islamischen Staat seine einzigartige Gestalt verliehen haben, für uns ebenso Pflichtgebote dar, deren genauer Vollzug zwingend notwendig ist. Was die Handlungen des Propheten betrifft, die weder mit einem Beweis verknüpft sind, der darauf hinweist, dass sie uns zur Erläuterung dienen, noch mit einem gegenteiligen, so gibt es diesbezüglich zwei Möglichkeiten: Entweder es lässt sich an der Tat die Absicht der Annäherung an Allah (t.) erkennen oder nicht. Lässt sich diese Absicht erkennen, so fällt die Tat in die Kategorie des Mandub (Erwünschten), für deren Ausführung der Mensch belohnt und für deren Unterlassung er nicht bestraft wird. Ein Beispiel hierfür ist das Vormittagsgebet (Salat Al-Duha), das der Gesandte (s.) verrichtete. Für uns ist die Verrichtung dieses Gebetes somit wünschenswert, jedoch nicht verpflichtend. Ist keine Absicht der Annäherung zu erkennen, so fällt die Handlung logischerweise in die Kategorie des Mubah (Erlaubten).

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