KOMMENTAR

- 29.06.2018

Der Islam in den Medien

Die Muslime haben grundsätzlich keinen Einfluss auf das Islambild der Mehrheitsgesellschaft. Es sind hauptsächlich die Medien, die das öffentliche Meinungsbild in Bezug auf den Islam prägen. Diejenigen, die ihr Wissen über den Islam nicht aus den Medien schöpfen, sind in der Minderheit. Muslime können nicht jedermanns Nachbar, Freund oder Arbeitskollege sein, um ein anderes Islambild zu vermitteln. Und am Ende ist man doch nur der Ausnahmemuslim, damit das von den Medien geprägte Islambild nicht aufgegeben werden muss. Solange also die westlichen Medien die Informationsquelle sind, kann das Islambild in der Öffentlichkeit nur negativ sein. Man darf sich folglich über das herrschende Bild über den Islam ärgern, man darf sich darüber aber nicht wundern oder sich die Frage stellen: Was machen wir Muslime nur falsch, dass die Mehrheitsgesellschaft so ein schlechtes Bild von uns und unserem Glauben hat?

Journalisten sind nicht gerade Koryphäen auf dem Gebiet des Islam. Kai Hafez, Politik- und Medienwissenschaftler sowie Mitglied der Islamkonferenz zwischen 2006 und 2009, sagte auf der Islamkonferenz 2006: „Deutsche Massenmedien sollten sich in jedem Fall bemühen, ihre Informationsquellen zu erweitern. Der deutsche Journalismus ist, was den Islam betrifft, in weiten Teilen noch immer ein ‚Abschreibejournalismus‘. Journalisten schreiben von Nachrichtenagenturen ab oder sie schreiben voneinander ab. Von den Reportagen und Berichten einer durchaus begrenzten Anzahl von Auslandskorrespondenten abgesehen, verfügt der deutsche Journalismus über viel zu wenig authentische Quellen in der islamischen Welt, die er neben dem üblichen Material westlicher Nachrichtenagenturen in die tägliche Arbeit einbringt.“ Wenn es also um das Thema Islam geht, ist die journalistische Leistung ziemlich nachlässig und von schlechter Qualität. In Bezug auf den Islam haben Journalisten scheinbar keinen Anspruch auf guten Journalismus. Warum sollte sich ein Journalist auch die Mühe machen, sich Wissen über den Islam anzueignen, um ein objektives Islambild zu gewinnen und zu vermitteln, wo doch die Nachfrage nach einem negativen Islambild besteht?

Früher waren die Orientalistik und die Auslandsberichterstattung die Informationsquellen. Die Berichterstattung über den Islam und die Muslime in Deutschland – in der Vergangenheit wurden sie nur als Ausländer wahrgenommen – kam erst später hinzu und war im Grunde schon voreingenommen durch das Islambild, das sich aus der Auslandsberichterstattung ergab. Denn die Berichterstattung über die islamische Welt war hauptsächlich eine Krisen- und Kriegsberichterstattung, z. B. wenn über den Nahen Osten berichtet wurde. Die Verknüpfung zwischen Islam und Gewalt war damit hergestellt. Ergänzt wurde das Ganze noch durch die Thematik der Unterdrückung der Frau. Das Thema Islam in den Medien war damit determiniert. Man versteifte sich auf die Bereiche Gewalt und Unterdrückung. Alles, was in den Medien über den Islam berichtet wird, dreht sich um genau diese beiden Aspekte, deren Verknüpfung mit dem Islam wie selbstverständlich vorausgesetzt wird, ohne sie zu hinterfragen. Der Islam und seine Inhalte sind niemals Thema oder von medialem Interesse, weil sie unspektakuläre Normalität muslimischen Alltags sind. Als dann schließlich die in Deutschland lebenden Muslime von den Medien ins Visier genommen wurden, war das Islambild längst geprägt und voller Klischees und Vorurteile. Die Medien fügten das Thema Islam und Muslime in Deutschland in genau dieses schon vorgeprägte negative Islambild ein. Der Kontext ist ausschließlich Gewalt, Terror und Unterdrückung. Die Medien vermitteln nicht, was der Islam ist, sondern bedienen nur die vorhandenen Vorurteile. Wer also die Massenmedien als Informationsquelle nimmt, dessen Horizont endet bei der Assoziation des Islam mit Gewalt in Form von Terror und mit der Unterdrückung der Frau.

Wie der Islam und die Muslime in Deutschland in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, bestimmen die Medien und nicht die Muslime mit ihrem aus westlicher Sicht positiven oder negativen Verhalten. Trägt die muslimische Frau beispielsweise ein Kopftuch, gilt sie zwangsläufig als unterdrückt. Die Option, dass sie das Kopftuch freiwillig trägt, schließt man von vornherein aus. Trägt sie es nicht, bleibt sie unglaubhaft, und man unterstellt ihr, sich zu verstellen. So steht in einem Artikel auf „Zeit Online“ über die SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli: „Wie nah steht die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli dem politischen Islam?“ Weiter heißt es: „Die frisch gekürte Staatssekretärin Sawsan Chebli tritt ein, 38 Jahre alt, SPD-Mitglied, Politologin und – vor allem – praktizierende Muslimin.“ Der Artikel belässt es aber nicht dabei, den islamischen Glauben Cheblis in den Vordergrund zu rücken, obwohl es um ihr Amt als Staatsekretärin geht, denn es heißt darüber hinaus: „Sie ist gemeint, wenn der Publizist Hamed Abdel Samad vom ‚Trojanischen Pferd des Islamismus in der SPD‘ spricht und die Lokalpresse von ‚Nähe zur Muslimbruderschaft‘ im Berliner Senat schreibt. Wie gefährlich also ist Sawsan Chebli?“ Fehlt im Grunde nur noch, dass man Chebli eine Verbindung zum IS oder al-Qaida zuschreibt. Die Muslime haben gar keine Chance, aus der Rolle des Bösen herauszukommen, die ihnen die Medien zugeschrieben haben.

Die muslimische Frau, die über den Grad der Putzfrau hinausgekommen ist, ist Stein des Anstoßes. Sie war überhaupt kein Thema in den Medien, solange sich ihre Arbeit auf das Putzen von Toiletten beschränkte. Da störte das Kopftuch niemanden. Erst die Karriere machende Muslimin rückte mit ihrem Kopftuch in den Fokus, d. h. die akademische bzw. die gut ausgebildete Muslimin. Plötzlich war da der Widerspruch: Die vermeintlich unterdrückte muslimische Frau mit Kopftuch studiert oder macht eine Ausbildung und ergreift schließlich einen Beruf. Lässt man das zu, zerstört dies das Bild von der unterdrückten muslimischen Frau mit Kopftuch, an dem man hartnäckig festhalten möchte.

Das Thema Kopftuch hat sich in den Medien verselbstständigt, und die Medien haben ihre Angriffe auf die muslimische Frau intensiviert. Das Kopftuch ist inzwischen zu einem Symbol für Islamismus geworden. Jetzt muss sich die muslimische Frau also nicht mehr nur für ihr Kopftuch rechtfertigen, sie muss inzwischen auch erklären, dass sie nicht automatisch mit dem IS in Verbindung steht und Anschläge plant, wenn sie ein Kopftuch trägt. Das Kopftuch ist nicht mehr nur ein Symbol für Unterdrückung, sondern auch für Gewalt und Terror in den Medien geworden. Die Medien schaffen es somit nicht nur, ein negatives Bild zu erzeugen, sondern dieses auch zu potenzieren, indem sie es noch negativer zeichnen. War die muslimische Frau früher lediglich das unterdrückte Opfer des Islam, das zwangsverschleiert wurde, haben die Medien sie nun auch zur Bedrohung werden lassen. Der muslimischen Frau mit Kopftuch bleiben folglich nur zwei Optionen: Trägt sie das Kopftuch unfreiwillig, ist sie unterdrückt, trägt sie es aus freien Stücken, gilt sie als Islamistin.

Mehr noch: Will sich die muslimische Frau für ihr Recht, das Kopftuch zu tragen, einsetzen, unterstellen ihr die Medien gleich, auf Islamisten hereingefallen zu sein, wie bei der Twitter-Aktion #NichtohnemeinKopftuch. „Bento“, ein Onlineformat des „Spiegel“, titelte am 21. April: „Muslime wollen Zeichen für das Kopftuch setzen – und fallen auf Islamisten rein“. Am 23. April veröffentlichte „Focus Online“ einen Artikel unter dem Titel: „Islamistische Organisation soll Twitter-Aktion zum Kopftuchstreit gesteuert haben“. Die „Huffington Post“ schrieb sogar in ihrer Überschrift zum Thema: „#NichtohnemeinKopftuch: Dubiose Akteure kapern die Kopftuchdebatte“. Das schmeckt den Medien natürlich gar nicht, dass ausnahmsweise andere die Kopftuchdebatte bestimmen und sie keinen Einfluss darauf haben. Da lassen sich die Medien ungern reinreden. Sie wollen die Oberhoheit über das Thema behalten.

Die Leistung der Medien besteht insgesamt nicht darin, über den Islam aufzuklären, sondern ein Feindbild zu erzeugen und zu verbreiten. Hierbei gibt es kaum einen Unterschied zwischen den sogenannten seriösen und den restlichen Medien. Bezüglich des Islam scheint es einen Konsens der Medien zu geben.

 

(Um Ahmad)