SHARIA

- 27.09.2012

Das Leben des Propheten (s)

Das Leben des Propheten Muhammad (s) ist festgehalten in der so genannten Sira. Er ist der einzige Prophet, über den so zahlreiche und detaillierte Informationen überliefert sind. Im Vergleich dazu sind die Kenntnisse über die anderen Propheten nur spärlich – zumal nur wenige namentlich erwähnt sind – und stützen sich vor allem auf das, was Allah (t) über sie im Koran preisgibt. Informationen aus Bibel oder Thora sind nicht verwertbar, da sie aus islamischer Sicht keine authentischen Bezugsquellen darstellen, so dass beispielsweise das Wissen über Jesus oder Moses ausschließlich den islamischen Offenbarungstexten entnommen sein darf. So haben die Christen aus Jesus einen Gott gemacht und seine Lebensgeschichte verfälscht, indem sie ihn haben sterben und wieder auferstehen lassen.

Im Gegensatz zu den anderen Propheten geht die Sira Muhammads (s) zurück auf das, was in den Hadithen über ihn überliefert ist. Das heißt, die Sira erzählt die Geschichte Muhammads (s) auf der Basis dessen, was seine Gefährten (Sahaba) über ihn erzählt und tradiert haben. Folglich geht die Sira auf Offenbarungstexte zurück. Wenn beispielsweise in der Sira von Ibn Ishaq, dem bekanntesten Sira-Werk, berichtet wird, dass "zu Beginn des achtzehnten Monats nach der Ankunft des Propheten in Medina [...] die Gebetsrichtung, die Qibla, geändert" wurde, dann stammt diese Information aus einem Hadith.

So berichtete al-Bara ibn Azib (r): "Der Gesandte Allahs (s) betete in der Regel sechzehn oder siebzehn Monate lang in Richtung Bait al-Maqdis (Jerusalem), während er es sehr gern gehabt hätte, wenn er in Richtung Kaba hätte beten dürfen. Dies war der Anlass, dass Allah den Vers 'Wir sehen, wie dein Gesicht sich dem Himmel suchend zukehrt' (2; 144) offenbarte. Auf Grund dessen verrichtete er das Gebet in Richtung Kaba. Jedoch die Toren unter den Menschen – gemeint war eine Gruppe von Juden – sagten: 'Was hat sie bewogen, sich von ihrer Qibla abzuwenden, nach der sie sich bisher gerichtet hatten? Sprich: Allah gehört der Osten und der Westen; Er leitet, wen Er will, zu einem geraden Weg.' (2; 142). Nach diesem Ereignis betete ein Mann mit dem Propheten (s), und als er nach dem Gebet wegging, kam er auf seinem Weg an Leuten von den Ansar vorbei, die gerade dabei waren, das Nachmittagsgebet in Richtung Bait al-Maqdis zu verrichten; so sagte er zu ihnen, er bezeuge es, dass er mit dem Propheten (s) gebetet und dabei die Kaba-Richtung eingenommen habe. Dann fingen die Leute an, ihre Richtung so zu ändern, dass sie letzten Endes allesamt in Richtung Kaba standen." (Buchari)

Alles, was in der Sira, der Lebensgeschichte des Propheten (s) berichtet, wird, sollte in dieser Form auf richtige Hadithe (Sahih, Hasan) zurückgehen, denn nur bei diesen handelt es sich um bestätigte Berichte, die verlässlich sind. Sie stellen nicht bloß historische Quellen dar, sondern haben den Status einer Offenbarung. Wenn beispielsweise vom Wechsel der Gebetsrichtung in der Sira berichtet wird, so geht man als Muslim davon aus, dass diese Information richtig ist, denn sonst würden die Muslime heute nicht in Richtung Mekka beten, sondern noch immer in Richtung Jerusalem. Dadurch, dass die Sira ihre Informationen geprüften, richtigen Hadithen entnimmt, darf ihr Wahrheitsgehalt nicht angezweifelt werden. Ihre Inhalte sind für die Muslime verbindlich, weil sie auf Hadithe zurückgehen, die geprüft und für richtig befunden wurden und somit bindend sind. Die Sira des Propheten (s), die nur richtig überlieferte Berichte enthalten darf, hat sich aufgrund dessen im Laufe der Zeit zu einem eigenen islamischen Wissensbereich entwickelt.

An dieser Stelle wird deutlich, dass es sich bei der Sira nicht bloß um die Biographie einer historischen Person handelt. Sie ist von islamischer Relevanz für die Muslime, weil sie sich in ihren Handlungen an dem Vorbild des Propheten zu orientieren haben. Die anderen Prophetengeschichten sind zwar Teil des islamischen Wissens und können, was die Standhaftigkeit der Propheten angeht, stärkend auf die Persönlichkeit des Muslim wirken, aber sie sind für die Handlungen des Menschen irrelevant, da der Islam nicht vorschreibt, wie Noah (a) oder Abraham (a) zu handeln. Die Gebote und Verbote, mit denen die anderen Propheten kamen, haben heute keine Gültigkeit mehr, denn der Islam hat alles, was vor ihm war, aufgehoben.

Die Anlehnung der Muslime an den Propheten Muhammad (s) hingegen ist vorgeschrieben, denn im Koran sagt Allah (t): "Und was euch der Gesandte bringt, so nehmt es an; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch." (59; 7) Auch sagt Er (t): "Wahrlich, im Gesandten Allahs ist euch ein schönes Vorbild gegeben worden, für denjenigen, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs oftmals gedenkt." (33:21) Das heißt, die Inhalte der Sira sind für die Muslime verbindlich.

Die Sira sollte daher nicht nur als reine Biographie des Propheten (s) gelesen werden, sondern auch als Handlungsvorgabe. Denn die Dinge, die der Prophet (s) getan hat und die in der Sira wiedergegeben werden, gehen in der Regel nicht auf persönliche Entscheidungen des Propheten zurück, sondern auf Offenbarungen. Aufgrund dessen schildert die Sira keine Zufallsbegebenheiten, sondern zeichnet den Weg des Propheten zur vollständigen Umsetzung des Islam, dem sein Leben seit seiner Entsendung gewidmet war.

Daher ist es geradezu fatal, bestimmte Fakten aus der Sira zu übergehen und sie bei der Umsetzung des Islam zu ignorieren. Dazu gehört nicht nur die Änderung der Gebetsrichtung, sondern beispielsweise auch die Staatsgründung in Medina, die bei vielen Muslimen untergeht, wenn es um das Leben des Propheten (s) geht. So befasst sich die Sira nicht nur mit der Phase in Mekka, sondern auch mit der besonders wichtigen Zeit in Medina, deren Hauptmerkmal die Gründung des islamischen Staates und die Anwendung der islamischen Gesetzgebung war. Diese Zeit macht bei weitem den größeren Teil der Sira aus.

Während die Muslime in Mekka von den Ungläubigen beherrscht und unterdrückt wurden, übernahmen sie in Medina selbst die Herrschaft mit dem Propheten (s) als Staatsoberhaupt, der die Staatsgründung – dies geht aus der Sira deutlich hervor – bewusst herbeiführte. Diese Information aus der Sira ist im Grunde genauso zu behandeln wie die Information, dass die Gebetsrichtung geändert wurde. Auch die Staatsgründung geht nicht auf eine Laune des Propheten (s) zurück, sondern ist die Umsetzung eines göttlichen Befehls. Warum also sollte man einen Aspekt wie die Änderung der Gebetsrichtung für verbindlich halten, die Staatsgründung hingegen nicht? Beide Fakten aus dem Leben des Propheten sind in gleicher Weise bindend, denn beide stellen von Allah (t) offenbarte Befehle dar, deren Umsetzung verpflichtend ist.

In der Sira von Ibn Ishaq heißt es: "Nachdem sich der Prophet mit seinen ausgewanderten Brüdern (Muhadschirun) in Medina eingerichtet hatte und die Lage der Helfer (Ansar) in der Stadt bereinigt war, verfestigte sich der Islam bei ihnen. Das Gebet war eingesetzt, die Armensteuer (Zakat) und das Fasten zur Pflicht gemacht, die gesetzlichen Strafen festgelegt und das Erlaubte und Verbotene vorgeschrieben." Hierbei geht es nicht darum, dass sich der Gesandte Allahs (s) mit den Auswanderern lediglich häuslich in Medina eingerichtet hatte, sondern dass der Grundstein für den islamischen Staat gelegt war. Denn es heißt, dass die Zakat, die islamrechtlich nur der Staat einsammeln und verteilen darf, zur Pflicht gemacht wurde. In Mekka, wo es noch keinen islamischen Staat gab, hatte Allah (t) die Zakat noch nicht zur Pflicht erhoben.

Auch werden an dieser Stelle die gesetzlichen Strafen erwähnt, die erst in Medina festgelegt wurden. Das Strafsystem ist die Angelegenheit eines Staates und nicht einzelner Individuen. Dies gilt überall auf der Welt. Jeder Staat hat sein eigenes Strafsystem, das er anwendet. Im Islam ist dies nicht anders. Der einzige Unterschied besteht darin, dass das islamische Strafsystem von Allah (t) offenbart wurde. Deshalb kann beispielsweise nur innerhalb eines islamischen Staates die Hand eines Diebes abgetrennt werden, wenn dieser überführt und vor Gericht gestellt wurde. Privatpersonen ist es nicht erlaubt, irgendeine von den islamisch vorgeschriebenen Strafen gegen andere anzuwenden, weil jedes Strafurteil im Islam den Gerichten vorbehalten ist. Solange es aber keinen islamischen Staat gibt, ist jeder Muslim lediglich eine Privatperson. Wären die Strafgesetze bereits in Mekka offenbart worden, hätten sie die Muslime schlichtweg nicht anwenden können.

So ergeht es den Muslimen heute, denen der islamische Staat fehlt. Die islamischen Strafgesetze liegen derzeit brach, weil kein Staat existiert, der sie anwendet. Auch andere Bereiche sind von dieser Problematik betroffen, etwa das Wirtschaftssystem. Aus der Sira weiß man aber, dass ohne Ausnahme alle islamischen Gesetze vom Propheten (s) angewendet wurden. Deshalb geht die Behauptung, die Existenz eines islamischen Staates stelle keine islamische Pflicht dar, an der Realität des Islam vorbei und steht in einem völligen Widerspruch zur Sira des Propheten (s). Der Muslim darf sich aus der Sira nicht einfach das heraussuchen, was ihm persönlich zusagt, während er das andere für unwichtig erklärt und ignoriert, nur weil es einer größeren Anstrengung bedarf.