KALIFAT

- 07.09.2012

Muhammad: Prophet und Staatsmann - Teil I

Muhammad (s) ist das Siegel einer sehr langen Kette von Propheten, von denen nur die wenigsten namentlich bekannt sind.

Ihnen allen gemeinsam ist die Ermahnung bzw. Erinnerung der Menschen an die Existenz Allahs (t) und die Aufforderung zu seiner Anbetung, da dieses Bewusstsein immer wieder abhanden kam oder aber verfälscht wurde und daher unter den verschiedenen Völkern erneuert werden musste. Mit Muhammad (s) kam schließlich die Sicherheit, dass das Wissen um den wahren Glauben nicht mehr verloren gehen kann, weil der Koran unter dem Schutz Allahs (t) steht und dadurch nicht das Schicksal der Schriften vor ihm teilen muss: "Wahrlich, Wir haben die Ermahnung herabgesandt, und wahrlich, Wir werden sie bewahren." (15:9)

Die einzig gesicherten Informationen über die einzelnen Propheten entstammen entweder dem Koran oder den Hadithen, nicht aber der Bibel oder der Thora, so dass es sich erübrigt, hier nach irgendwelchen Parallelen zu suchen und im Zuge eines interreligiösen Dialogs einen ständigen Vergleich zwischen Islam, Judentum und Christentum zu ziehen. Überhaupt erwähnen selbst die islamischen Quellen nur einige der vielen Propheten mit Namen und geben nicht viel über sie preis. Folglich kommt es nur darauf an, an sie zu glauben und ihnen in ihrer Ergebenheit und ihrem Gehorsam gegenüber Allah (t) nachzueifern.

Ganz anders verhält es sich mit Muhammad (s), dem letzten der Propheten. Sein Leben ist bis ins Detail bekannt. Die Hauptquelle hierfür stellt die Sunna dar, denn sie setzt sich zusammen aus den überlieferten Taten und Aussprüchen des Propheten (s) sowie aus seiner Duldung dessen, was sich in seinem Beisein zugetragen hat. Die Verbindlichkeit der Sunna geht aus dem Koran selbst hervor. So sagt der Erhabene: "Und was euch der Gesandte gibt, das nehmet an, und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch." (59:7)

Doch obwohl die Muslime den "Luxus" genießen, dass ihnen das Leben des Gesandten Allahs (s) in Form von Hadithen auf einem gesicherten Überlieferungsweg und in einem solchen Umfang bewahrt wurde, während Christen und Juden über Jesus und Moses, Friede sei mit ihnen, oft nur spekulieren können, bleibt diese Informationsfülle meist ungenutzt. Der Grund für diese Vernachlässigung liegt darin, dass der Gesandte Allahs (t) auf das Bild des "wandelnden Koran" reduziert wird. Genauer gesagt, liegt das Problem nicht in dem Vergleich selbst, sondern in seiner Interpretation. So ist damit keineswegs das bloße Auswendigkönnen des Koran gemeint oder nur die tugendhafte Moral des Propheten, die auf den moralischen Geboten des Koran gründet. Die Bedeutung liegt vielmehr in der umfassenden Anwendung der Scharia, d. h. aller Gesetze, die sich direkt und indirekt aus den Koranversen ergeben.

Aus der vollständigen Praktizierung des Islam sticht eine Seite des Propheten (s) hervor, die im Laufe der Zeit und durch den Einfluss des Westens in den Hintergrund getreten, jedoch für die islamische Praxis unverzichtbar ist: Muhammad (s) als Politiker und Staatsmann. Den Propheten (s) und den Islam mit Politik in Verbindung zu bringen und den Ausdruck "Scharia" in den Mund zu nehmen, ist für manche Muslime zu einem Tabu geworden. Die westlichen Kolonialmächte versuchen gezielt, diese Verknüpfung zwischen Islam und Politik zu tabuisieren, indem sie danach trachten, den politischen Islam mit Terrorismus und Fanatismus gleichzusetzen und dies immer wieder mit inszenierten Gewaltakten zu belegen versuchen. Hinzu kommt die von ihnen dogmatisierte und oktroyierte Überzeugung der Trennung von Politik und Religion. Viele Muslime – vor allem in westlichen Ländern - trauen sich aufgrund dieser Einschüchterungspolitik nicht mehr, sich mit Politik als Teil des Islam auseinander zu setzen oder diese Seite überhaupt wahrzunehmen.

Man muss jedoch kein Rechtsgelehrter sein, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Islam auch eine politische Seite aufweist, von der die Praktizierung des Islam existentiell abhängt. Obwohl den meisten Muslimen viele politisch relevante Ereignisse aus dem Leben des Propheten (s.) bekannt sind, geht ihre politische Relevanz oftmals unter. Beispielhaft hierfür ist die Hidschra – der Auszug des Propheten (s.) nach Medina - und alles, was damit in Zusammenhang steht. Allein die Vorbereitung der Hidschra erforderte die politische Finesse des Propheten (s), denn es war nicht damit getan, dass der Befehl zur Hidschra erging und die Muslime lediglich ihren Wohnsitz von Mekka nach Medina verlagerten. Es ging nicht darum, einen Massenumzug zu veranstalten und eine neue Bleibe für die in Mekka unterdrückten Muslime zu finden, sondern in Medina durch die Gründung des islamischen Staates, dem der Prophet (s.) persönlich vorstand, die Anwendung des Islam zu gewährleisten. Und genau dies versuchten die ungläubigen Mekkaner mit allen Mitteln zu verhindern.

Der Auswanderung nach Medina ging die Leistung zweier Eide voraus, die die politische Voraussetzung für die Hidschra darstellten. Beim ersten Eid, der so genannten ersten Baica von Aqaba, kamen während der Pilgerzeit zwölf Männer aus Medina nach Mekka und trafen bei Aqaba mit dem Propheten (s) zusammen, wo sie ihm den Eid leisteten, Allah (t) nichts zur Seite zu stellen, nicht zu stehlen, ihre Kinder nicht zu töten, niemanden zu verleumden und sich Allah (t) nicht zu widersetzen. Daraufhin wurde Muscab Ibn Umair (r) nach Medina entsandt, wo er die Menschen mit dem Koran und den islamischen Ideen vertraut machen sollte, was ihm auch gelang, denn nach nur einem Jahr seines Wirkens dominierte der Islam die Gesellschaft in Medina.

Die Verbreitung des Islam in Medina als solche stellte noch keine Garantie für die Anwendung der islamischen Gesetze dar. Deshalb ging der Hidschra ein ganz wesentliches politisches Ereignis voraus: die zweite Baica von Aqaba. Bei diesem Eid, der von 75 Muslimen geleistet wurde, sicherte sich der Prophet (s) politisch ab, denn der Eid ging nicht mehr auf den Glauben an Allah (t) ein, sondern auf den Schutz und die Unterstützung des Propheten (s) in der Umsetzung und Verbreitung des Islam unter Aufbringung jeglicher Opfer. Muhammad (s) forderte die Muslime diesmal nicht dazu auf, an Allah (t) als Schöpfer und an ihn als Propheten zu glauben, sondern ihm bedingungslosen Gehorsam zu leisten. Denn an seine Prophetenschaft glaubten sie bereits. Dessen musste sich Muhammad (s) nicht mehr vergewissern. Vielmehr sollten sie ihn als Staatsführer anerkennen, da er nicht vorrangig in seiner Rolle als Prophet nach Medina auswanderte, sondern als Regent. Dies war die Voraussetzung für seine Auswanderung nach Medina: Ihm allein sollte die Führerschaft obliegen. Die Medinenser erwarteten nicht bloß einen neuen Einwohner Medinas, sondern ihr neues Staatsoberhaupt. Die zweite Baica von Aqaba bezog sich folglich explizit auf die Regentschaft bzw. Herrschaft.

Aus diesem Grund ist die Hidschra nach Medina ganz anders zu bewerten als beispielsweise die Hidschra der Muslime nach Abessinien. Die Muslime suchten in Abessinien den Schutz des Negus vor der Unterdrückung der Mekkaner, ohne dabei selbst die Regentschaft anzustreben. Im Gegensatz dazu war die Führerschaft des Islam eine Voraussetzung für die Auswanderung nach Medina. Medina stellte in erster Linie keine Zufluchtsstätte dar, sondern das Zentrum des neu gegründeten islamischen Staates.

Aus der Regentenrolle des Gesandten Allahs (s) ergab sich auch die Brisanz der Hidschra für die Mekkaner. Hätte es sich nur um einen Ortswechsel des Propheten (s) ohne politisches Ausmaß gehandelt, so hätten sie im Grunde nur ein Problem weniger in Mekka gehabt. Die Mekkaner fürchteten jedoch nicht den Propheten Muhammad (s), sondern den Staatsmann Muhammad (s) in Medina. Deshalb ergriffen sie – nicht anders, als es der Westen heute tut – "Präventivmaßnahmen", um es nicht zu einer Ankunft des Propheten (s) in Medina und damit zu einer Führerschaft des Islam kommen zu lassen. Daher gingen die ungläubigen Mekkaner von der bloßen Schikane zu konkreten Mordplänen gegen den Gesandten Allahs (s) über.

Die von Gott geleitete Politik Muhammads (s) setzte sich durch und brachte einen einzigartigen, riesigen Staat zustande, der bis heute noch die Menschen beschäftigt und für westliche Politiker ein Schreckgespenst darstellt, selbst nachdem er 1924 zerstört wurde. Nach seiner Gründung war es die erste Sorge nichtmuslimischer Herrscher über eine Zeitspanne von mehr als einem Jahrtausend, sich diesen Staat vom Leibe zu halten und die Eröffnung ihrer Länder durch den Islam zu verhindern. Später ging ihre Politik dazu über, Strategien zu entwickeln, das Kalifat zu zerstören und dessen Dasein zu beenden. Inzwischen ist die westliche Politik darauf ausgerichtet, seine Wiedererrichtung zu verhindern, nachdem der Islam in den islamischen Ländern eine kraftvolle, durch alle Bevölkerungsschichten gehende Renaissance erlebt und die Idee des Kalifats sich von neuem durchzusetzen beginnt. Trotz all ihrer Versuche ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das göttliche Versprechen im Koran bewahrheitet:

"Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und dem wahren Glauben entsandt hat, auf dass er über alle anderen Glaubensformen obsiegen möge, auch wenn es den Götzendienern verhasst ist." (9:33)