KOMMENTAR

- 08.07.2018

Der Islam in den Medien (2)

Das Islambild entsteht nicht nur durch das, was die Medien über den Islam und die Muslime zeigen, sondern im Wesentlichen auch durch das, was sie nicht oder nur am Rande bringen. Das Prinzip besteht also darin, den Teil des Islam auszublenden, der ihn tatsächlich ausmacht, und stattdessen den Fokus auf all das zu richten, was in irgendeiner Form mit Gewalt und Unterdrückung in Zusammenhang steht und mit dem Islam verknüpft werden kann. Wichtig ist hierbei, dass man dieses Bild durch Wiederholung festigt. So hatte schon der Philosoph und Psychologe William James festgestellt: „Nichts ist zu absurd, dass es nicht geglaubt würde, wenn es nur oft genug wiederholt worden ist!“ So gut wie alles kann glaubhaft vermittelt werden, wenn man es nur oft genug wiederholt. In der Wiederholung liegt eine wesentliche Strategie der Medien, ein bestimmtes Bild in der öffentlichen Meinung zu prägen.

Das erklärt auch, warum bei einem Täter die Religionszugehörigkeit regelmäßig Erwähnung findet, wenn es sich um einen Muslim handelt, auch wenn die Tat keinen Bezug zum Islam hat. Bei einem Täter mit christlichem oder jüdischem Glauben würde man sich wundern, wenn der Glaube in den Medien Erwähnung fände. Der Täter XY ist Christ hört sich ungewohnt und fehl am Platz an. Man würde sich fragen, warum die Glaubenszugehörigkeit überhaupt erwähnt wird. So muss natürlich der Eindruck in der Öffentlichkeit entstehen, dass unter Muslimen die Kriminalitätsrate höher ist als unter Nichtmuslimen. Es reicht schon aus, von einem Migrationshintergrund des Täters zu sprechen, um eine Assoziation mit dem Islam hervorzurufen. Selbst die Erwähnung, dass einer Tat kein islamisches Motiv zugrunde liegt, ruft die Vorstellung hervor, dass an sich die Möglichkeit eines islamischen Tatmotivs bestand. Das heißt, man geht zunächst davon aus, dass die Tat einen islamischen Hintergrund hat, und schließt dies erst im zweiten Schritt aus. Die Medien warten bei einer Tat also nicht ab, sondern stellen sofort die Frage in den Raum, ob eine Tat einen islamischen Hintergrund hat.

Es ist ja nicht so, dass es von den Muslimen nichts Positives zu berichten gäbe, aber die Medien lassen das Positive bewusst weg. So wird die muslimische Frau immer nur im Zusammenhang mit Unterdrückung erwähnt. Verglichen mit Deutschland ist aber z. B. der Anteil an Professorinnen in Ägypten und in der Türkei höher. Ein anderes Beispiel sind die Frauen im Iran, die erst nach der Islamischen Revolution das Wahlrecht bekamen. Auch ist der Anteil an Frauen an iranischen Universitäten höher als der von Männern. Warum berichten die Medien nicht ausnahmsweise darüber? Sie erzeugen beispielsweise auch viel lieber ein Islambild über den IS, nicht aber über die Muslime, die im Arabischen Frühling friedlich gegen Diktaturen demonstriert haben, etwa auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Medien picken sich bewusst das Negative heraus und unterschlagen das Positive, so dass kein Gesamtbild vom Islam entstehen kann.

Darüber hinaus bieten die Medien keinerlei Hintergrundinformationen. Dass z. B. der IS das Ergebnis der politischen Situation ist, die der westliche Kolonialismus in der islamischen Welt geschaffen hat, wird bewusst unterschlagen. Wenn man sich nämlich mit der historischen und politischen Entwicklung in der islamischen Welt befasst, kommt man zu einer völlig anderen Bewertung des IS und seiner Verbindung zum Islam. Die Medien wollen, dass der IS mit dem Islam und den Muslimen gleichgesetzt wird, auch wenn sie in diesem Zusammenhang von Islamisten sprechen. Sie wollen keine Aufklärung und kein Islambild vermitteln, das der Realität entspricht, sondern im Islam eine Bedrohung aufrechterhalten.

Vor allem die sogenannten „seriösen Medien“ scheinen sich auf das Feindbild Islam versteift zu haben, und zwar in solch einem Maße, dass sie inzwischen dafür sogar in die Kritik geraten sind. Insbesondere die politischen Talkshows von ARD und ZDF thematisieren unaufhörlich den Islam auf negative Weise und fokussieren auf Gewalt und Terror, Unterdrückung der Frau, Intoleranz, Integrationsprobleme und natürlich Flüchtlinge. Der Anteil der negativen Themen, die beim Themenkomplex Islam aufgegriffen werden, beträgt 80 Prozent. Auf die Spitze getrieben hat es kürzlich die ARD, als bei einem Themenabend am 6. Juni zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr der Film „Unterwerfung“ gezeigt wurde, verfilmt nach dem Roman des französischen Autors Michel Houellebecq. Darin geht es um die Islamisierung der westlichen Gesellschaft, nachdem ein Muslim Staatspräsident wird. Nachdem man zunächst mit dem Film bei den Zuschauern Panik verbreitet hat, lässt man eine Diskussion mit Sandra Maischberger folgen mit dem Thema: „Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?“ Das ist die etwas entschärfte Überschrift, denn zuvor lautete das Thema der Sendung „Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?“, was suggeriert, dass die Muslime nicht dazugehören. Auftreten durften dann die üblichen Protagonisten solcher gegen den Islam hetzenden Talkshows wie Julia Klöckner von der CDU oder aber Necla Kelek. Der Umgang mit dem Thema Islam ist bei Anne Will, Frank Plasberg und Maybrit Illner nicht anders. Mit ihren Talkshows legen sie einen negativen Blick auf den Islam fest.

Die Hetze in Talkshows, und wir reden hier vom vermeintlich seriösen Polit-Talk, hat inzwischen so extreme Formen angenommen, dass der Deutsche Kulturrat sowie einige Medienjournalisten kürzlich eine einjährige Talkshow-Pause forderten. Kritisiert wird die einseitige Themenauswahl sowie die Qualität der Talkshows. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats sagte: „Mehr als 100 Talkshows im Ersten und im ZDF haben uns seit 2015 über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen.“ Über die bereits erwähnte Sendung von Maischberger „Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?“ sagte Zimmermann: „Gestern Abend wurde in der Talkrunde im Ersten allen Ernstes schwerpunktmäßig über das Händeschütteln als einen vermeintlichen Ausdruck deutscher Kultur debattiert.“

Die Medien haben auch einen Rassisten wie Thilo Sarrazin groß gemacht, der keine öffentliche Beachtung gefunden hätte, wenn die Medien sich nicht auf ihn und seine islamfeindlichen und menschenverachtenden Herrenmenschen-Thesen gestürzt hätten. Auf sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010 wäre wohl niemand aufmerksam geworden, wenn die Medien es nicht unterstützt hätten. Schon vor der Veröffentlichung wurden im „Spiegel“ und in der „Bild“ Auszüge veröffentlicht. Sarrazins Buch wurde so zum meistverkauften gebundenen Sachbuch in der Geschichte der Bundesrepublik. Ohne die Unterstützung der Medien hätten Sarrazin und sein Buch wohl keinerlei Beachtung gefunden. Selbst wenn er nur als Talk-Gast eingeladen wurde, um seine Thesen anzuprangern, machten die Medien ihn berühmt, indem sie ihn ins Rampenlicht stellten. Sie gaben ihm eine öffentliche Plattform, um seine menschenverachtenden Ansichten in Bezug auf Muslime zu verbreiten. Sarrazin gilt als Anfangspunkt des Rechtspopulismus in Deutschland.

Die Öffentlichkeit wird überflutet mit negativen Nachrichten über den Islam und die Muslime. Razzien, die nach dem 11. September 2001 in Moscheen durchgeführt wurden, wurden von den Medien stark in den Fokus gestellt. Eine repräsentative Auswertung ergab, dass beispielsweise die „Nürnberger Nachrichten“ im Jahr 2002 Razzien immer auf die Titelseite brachten. Obwohl sich die meisten der Polizeieinsätze als gegenstandslos herausstellten, wurde darüber entweder gar nicht oder aber nur im Innenteil berichtet, so dass für die Öffentlichkeit der Eindruck entstehen musste, dass die Moscheen der Ausgangspunkt des Terrors seien. Über fremdenfeindliche Anschläge auf Moscheen, die es regelmäßig gibt, wird kaum bis gar nicht berichtet, oder aber die Medien unterschlagen das fremdenfeindliche Motiv des Anschlags, wenn dieser erwähnt wird. Bis heute ist der Ruf von Moscheen in der öffentlichen Meinung schlecht.

Die negative Berichterstattung über den Islam ist aber nicht erst ein Phänomen des 11. September. Ignatz Bubis, der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, fühlte sich 1999 bei dem Islambild an das Bild des Judentums im 19. und 20. Jahrhundert erinnert. Die Parallelen zum Antisemitismus sind augenscheinlich. Was den Antisemitismus betrifft, haben die Medien aber auch bewiesen, dass sie nicht nur ein Feindbild schaffen, sondern dieses auch wieder zurücknehmen können, wenn sie nur wollen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es unter anderem die Medien, die den Antisemitismus in der Bevölkerung entschärften bzw. hierzu genutzt wurden. Was den Islam betrifft, tun sie aber gerade genau das Gegenteil.

 

(Um Ahmad)