KALIFAT

- 08.09.2012

Muhammad: Prophet und Staatsmann Teil II

Muhammad (s) lässt sich nicht mit anderen Propheten vergleichen, weil der Islam an die gesamte Menschheit gerichtet ist, was den Gesandten Allahs (s) unter allen anderen Propheten einzigartig macht.

Es liegt somit im Wesen der islamischen Botschaft, dass der islamische Staat als Methode zur weltweiten Verkündung des Islam dienen muss. Aufgrund dessen bestanden die Anstrengungen des Propheten (s) während seines Aufenthalts in Mekka nicht nur darin, einzelne Individuen zum Islam aufzurufen, sondern einen politischen Block zu bilden und zusammen mit diesem die Herrschaft des Islam vorzubereiten. Die Gelegenheit hierzu ergab sich schließlich in Medina.

Die Muslime sind nicht nach Medina ausgewandert, um bloß der Unterdrückung in Mekka zu entgehen, sondern um zum einen die islamischen Gesetze ohne Einschränkung anzuwenden und zum anderen den Islam weltweit zu verkünden. Aus Letzterem ergab sich auch, weshalb die Politik des Propheten (s) nicht mit der Errichtung des Staates in Medina endete, sondern mit dessen Verwirklichung erst richtig begann.

Deutlicher als bei der Staatsgründung selbst tritt die politische Rolle Muhammads (s) während seiner zehnjährigen Regentschaft zutage. In seinem politischen Handeln widmete er sich zunächst der gespaltenen Gesellschaft Medinas, die aus verfeindeten Ansar und Muhadschirun sowie aus Muslimen und Nichtmuslimen bestand und die es zu einen galt. Es wurden Dokumente aufgesetzt, die zum einen die Beziehung der Muslime untereinander regelten, zum anderen die Beziehung zu den jüdischen Stämmen, die in und um Medina lebten. Auf diese Weise hat der Prophet (s) auf gesellschaftlicher Ebene innenpolitisch geschafft, wovon viele Politiker heute nur träumen können: Er hat auf der Basis des Islam aus völlig unterschiedlichen Menschen, bei denen bislang Stammesfanatismus dominierte, eine homogene und stabile Gesellschaft geschaffen.

Welche politische Leistung dahintersteckt, sieht man am Beispiel der deutschen Wiedervereinigung. Die deutsche Politik hat es bis heute nicht fertig gebracht, die Deutschen auch in den Köpfen zu vereinen. Noch immer spricht der "Ossi" vom "Wessi" und umgekehrt. Die Politik war nicht in der Lage, das gegenseitige Misstrauen und die bestehenden Vorurteile auszuräumen, so dass bei vielen immer noch der Wunsch existiert, den Zustand vor dem Mauerfall wiederherzustellen. Bedenkt man, dass Ost- und Westdeutsche ursprünglich ein Volk darstellten, wird das Versagen der deutschen Politik noch deutlicher.

Die Verträge, die Muhammad (s) mit anderen vereinbarte, schloss er in seiner Position als Staatsmann. Dass er überhaupt Verträge mit Nichtmuslimen einging, weist auf diesen Umstand hin. Besonders deutlich wird dies am Vertrag von al-Hudaibiyya, der das Ergebnis der Friedensverhandlungen zwischen Muhammad (s) und den Quraisch war. Nachdem sein Verhandlungspartner Suhail ibn cAmr die Formulierung "Muhammad, der Gesandte Allahs" ablehnte, wurde der Vertrag wie folgt eingeleitet: "Dies ist das, worauf sich Muhammad ibn cAbdillah mit Suhail ibn Amr im Friedensvertrag geeinigt hat." Die Hervorhebung Muhammads (s) als Prophet war nicht zwingend, denn es war ein Abkommen zwischen dem Staatsoberhaupt Muhammad (s) und Suhail, dem Vertreter der Quraisch.

Das Hudaibiyya-Abkommen ist allein durch das politische Kalkül des Propheten (s) zustande gekommen, indem er den Quraisch nur noch Friedensverhandlungen als einzige Option ließ. Hierzu fasste er den Plan, als Pilger nach Mekka zu gehen und sogar die nichtislamischen Araberstämme zur Pilgerfahrt einzuladen. Damit wollte er seine friedlichen Absichten zum Ausdruck bringen, die dadurch unterstrichen wurden, dass die Muslime kein schweres Waffenmaterial bei sich führten. Sollten die Quraisch ihm das Betreten Mekkas erlauben, könnte er seine Friedensabsichten demonstrieren, sollten sie ihm dies verweigern, könnte er dadurch zumindest die öffentliche Meinung auf seine Seite bringen. Der Plan war gut durchdacht, denn unabhängig vom Ausgang der Konfrontation mit den Quraisch würden die Muslime einen politischen Vorteil davontragen.

Als die Quraisch von dem Vorhaben zur Umra erfuhren, mobilisierten sie eine Armee. Um die Konfrontation mit der Armee der Quraisch zu umgehen, schlug man einen anderen als den üblichen Weg ein und erreichte den Ort al-Hudaibiyya unterhalb Mekkas, womit man die Quraisch überraschte. Der Prophet (s) war den Quraisch nämlich nicht nur im Glauben überlegen, sondern auch in seinem politischen Manöver.

Da Muhammad (s) bemüht war zu demonstrieren, dass die Muslime als Pilger und nicht als Krieger gekommen waren, konnten sich mehrere Mittelsmänner, die von den Quraisch entsandt wurden, davon überzeugen, dass die Muslime tatsächlich nur mit friedlichen Absichten gekommen waren. Die Quraisch wollten hingegen die Öffentlichkeit für sich gewinnen und den Muslimen kriegerische Absichten anlasten, um dadurch einen Schlag gegen sie öffentlich zu legitimieren, was ihnen jedoch misslang. Dadurch waren sie zu Friedensverhandlungen mit Muhammad (s) geradezu genötigt.

Dass die Muslime als Voraussetzung für das Zustandekommen des Vertrags die cUmra erst im Jahr darauf verrichten und sich diesmal zurückziehen sollten, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Auszug nach Mekka dennoch ein politischer Erfolg war, da im Vordergrund das Abkommen stand, das rein politischen Inhalts war, und nicht die Pilgerfahrt. Diese stellte lediglich die politische Strategie zum Abkommen dar.

Aus politischer Sicht war das Hudaibiyya-Abkommen ein bedeutender Schachzug des Propheten (s), denn es ebnete den Weg für die weitere Ausbreitung des Islam und stellte eine Voraussetzung für den Erfolg der islamischen Ausdehnung dar. Denn nach all den kriegerischen Jahren wurden die Quraisch politisch in die Knie gezwungen und mussten nun ihre Angriffe gegen den Islam unterlassen. Zudem verhinderte der Prophet (s) dadurch ein mögliches Bündnis der Quraisch mit den Juden von Khaibar, die ein regelrechtes Verschwörungsnest gegen den Propheten (s.) bildeten. Nun hatte er beide Hände frei, um dieses Verschwörungszentrum ein für allemal zu erledigen.

Der Verkündung des Islam jenseits der Arabischen Halbinsel stand nun ebenfalls nichts mehr im Wege, nachdem die Quraisch ruhig gestellt waren. Dies war nur möglich, indem der Prophet (s) seine politische Rolle als Staatsoberhaupt wahrnahm, und nicht, indem er sich allein auf die Ibadat (gottesdienstlichen Handlungen) konzentrierte, die Nacht mit Beten verbrachte oder mehrere Tage ohne Unterbrechung fastete. Handlungen wie diese dienten zwar der persönlichen Annäherung an Gott, vermittelten spirituelle Kraft, hatten aber keinerlei Einfluss auf die politische Situation und den Grad der Umsetzung des Islam.

Außenpolitisch nahm der Prophet (s) Kontakt zu den unterschiedlichsten Herrschern auf und lud sie zum Islam ein. Hierzu zählten etwa die Herrscher des Persischen Reichs, des Jemen oder Abessiniens, woran man ersehen kann, welche politische Dimension der Islam bereits zu Lebzeiten des Propheten (s) angenommen hatte. Manche der angesprochenen Machthaber nahmen den Islam an, manche ignorierten die Aufforderung des Propheten (s) und andere wiederum wollten seinen Tod, wie etwa der persische Chosroes. Diese Reaktionen spiegeln aber auch die politische Macht wider, zu welcher der Islam dank der Politik des Propheten (s) bereits aufgestiegen war.

Ein wesentlicher Bestandteil der Außenpolitik des Gesandten Allahs (s) war die Eröffnung von Gebieten und ihre Angliederung an den islamischen Staat. Das machte die Ernennung von Statthaltern und Gouverneuren notwendig, die Muhammad (s) in die neuen Gebiete entsandte, um auch dort die Anwendung der islamischen Gesetze sicherzustellen. Aus den islamischen Quellen geht nicht nur hervor, dass Muhammad (s) Gouverneure und Statthalter ernannte, sondern auch, welche Personen er für welche Gebiete bestimmte. Denn gerade die politischen Entscheidungen des Propheten (s) sind in großem Umfang überliefert worden und lassen keine Fragen offen.

Teil der Außenpolitik waren auch die vielen Schlachten, die in der Ära des Propheten stattfanden, etwa die Schlacht von Badr, von Mu'ta oder Tabuk, um nur einige zu nennen. Obwohl diese Schlachten zum Allgemeinwissen der Muslime gehören, werden sie kaum mit der Außenpolitik Muhammads (s) in Verbindung gebracht. Politisch waren sie von enormer Wichtigkeit. Primär dienten sie der Ausbreitung des Islam, hatten aber auch den Zweck, den Feind einzuschüchtern. Sie stellten somit keine bloße Reaktion auf äußere Angriffe dar. Ohne sie wäre der Islam kaum über die Grenzen Medinas hinausgekommen.

Anhand dieser wenigen Beispiele zeichnet sich deutlich die Stellung des Propheten (s) als Staatsmann ab. Die gesamte Zeit, die er in Medina bis zu seinem Tode verbrachte, stand im Zeichen seines politischen Wirkens als Staatsoberhaupt. Vor diesem Hintergrund bekommt das im Hadith von Aischa gezeichnete Bild des Propheten vom "wandelnden Koran" eine ganz andere Bedeutung. In Muhammad (s) kamen Prophet und Staatsoberhaupt in einer Person zusammen, wobei seine Stellung als Regent bedingt wurde durch seine Prophetenschaft, da der Islam als umfassende Lebensordnung ihm politisches Handeln vorschrieb.

Doch anders als seine Prophetenschaft, die mit seinem Tode endete, existiert die Politik im Islam weiter und muss von den Muslimen fortgesetzt werden, wie es uns der Prophet (s), der dafür den politischen Grundstein legte, vorgelebt hat. Dies ist auch der Grund, weshalb die Prophetengefährten (Sahaba) nach dem Tode Muhammads (s) die islamische Herrschaft aufrecht erhielten, indem sie Kalifen einsetzten, die dem Propheten (s.) in seiner politischen Funktion als Staatsoberhaupt folgten und die Anwendung der islamischen Gesetze sicherstellten, gemäß dem Hadith: "'Das Volk Israel ist stets von Propheten betreut worden; wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer nach. Nach mir wird es jedoch keinen Propheten mehr geben. Es werden aber Kalifen kommen und deren Zahl wird groß sein' Sie fragten: 'Was befiehlst du uns?' Er antwortete: 'Erfüllt die Bai'a (Treueeid) des jeweils Ersteren und gebt ihnen ihr Recht, denn Allah wird sie über das zur Rechenschaft ziehen, was er in ihre Obhut gelegt hat!" (Buchari)