KOMMENTAR

- 30.08.2018

Von Ethnozid bis Genozid – eine Genese europäischer Integrationspolitik

Ein denkwürdiges Ereignis für die in Europa lebenden Juden spielte sich am 26. Juli 1806 in Paris ab. An jenem Tag fand eine Zusammenkunft aufgeklärter jüdischer Würdenträger statt, die ihrer in Frankreich lebenden Community ein neues Format zur Verfügung stellen sollte, um ihre gemeinsamen Interessen zu definieren, effektiver zu bündeln und nach außen hin kommunizierbar zu machen. Als Initiator dieser Versammlung galt Napoleon, der sich auf diese Weise einen kontrollierten Kulturwandel innerhalb der jüdischen Community versprach. Den Ablauf dieser Zusammenkunft bestimmten französische Regierungsbeamte, die Verdachtsmomente gegen die Integrationsfähigkeit der Juden an die anwesenden Würdenträger herantrugen. Unter anderem wurde die Frage aufgeworfen, ob ihre religiösen Vorschriften sie vom brüderlichen Umgang, und insbesondere der Ehe mit Franzosen abhalten würden. 

Zwar gaben sie die von ihnen erwarteten patriotischen Erklärungen ab, dennoch gelang es den offiziellen Vertretern der Juden – wenn auch auf diplomatische Weise – sich dem kaiserlichen Wunsch der Mischehen als Weg zur Integration, und demzufolge einem Loyalitätszwang zu widersetzen. Dieses Ereignis enthält angesichts der vielzitierten jüdisch-christlichen Tradition eine besonders makabre Note. Auch wenn es im konkreten Fall um das Judentum geht, veranschaulicht es trotz dessen, wie die Integration von Minderheiten in Europa gehandhabt wurde, die eine fremde religiöse oder weltanschauliche Überzeugung besaßen. Und das zu einem Zeitpunkt, als Europa bereits unter dem Einfluss der Aufklärung damit begann, Politik und Gesellschaft auf Grundlage von Freiheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden neu zu konstituieren. Die europäischen Juden erhofften sich durch diesen aus ihrer Sicht kulturhistorischen Quantensprung, die langersehene Befreiung aus der sozialen Randposition, die sie bis dahin unter christlicher Herrschaft hatten. Durch die Säkularisierung aller Lebensbereiche stünde einer rechtlichen Gleichstellung aller gesellschaftlichen Gruppen nichts mehr im Wege. Doch nach wie vor war die talmudische Weltanschauung den Europäern ein Dorn im Auge, wie es Napoleons Minister Jean-Étienne-Marie Portalis formulierte, nachdem Frankreich durch das Konkordat eine dem Laizismus entsprechende Kirchenpolitik einläutete. Mit dem Judentum war aus seiner Sicht ein derartiger Staatsvertrag nicht möglich, da die Juden keine Kirche seien, sondern ein Volk, das es als eines seiner größten Vorzüge erachtet, nur Gott zu seinem Gesetzgeber zu haben.

Vor diesem Hintergrund sollte es nicht verwundern, dass das Narrativ einer jüdisch-christlichen Symbiose, die Europa kulturphilosophisch geprägt hätte, allen voran in Deutschland regelmäßig unter Beschuss gerät. Die jüdisch-christliche Geschichte bestehe vor allem in der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden und in der Verketzerung des Talmuds. Und wo es gemeinsame Wurzeln gab, hat die Mehrheitsgesellschaft sie ausgerissen, so der Journalist Heribert Prantl. Trotz dieser historisch belegbaren und bekannten Einwände erschöpft sich die Kritik hauptsächlich an den Resultaten der Judenfeindschaft in Europa. Zu selten wird der Frage nachgegangen, auf welcher Grundlage das Zusammenleben zwischen der christlich bzw. hellenistisch geprägten Mehrheitsgesellschaft und der jüdischen Minderheit in den unterschiedlichen Epochen geregelt wurde und ob diese Form der Koexistenz möglicherweise die Weichen für die zahlreichen Verbrechen gegen die Juden stellte.

Ein bezeichnendes Merkmal dieser Koexistenz waren beispielsweise die zahlreichen Konversionen in Spanien infolge der Reconquista. Im Vergleich zu den Konversionen im Kontext der Kreuzzüge hatten jene in Spanien ganz zentrale Folgewirkungen für die Juden. Denn die Mehrheit der jüdischen Konvertiten waren zu jenem Zeitpunkt keineswegs mit Waffengewalt in das Christentum gezwungen worden. Ursache für die wachsende Zahl von Konversionen, insbesondere von wohlhabenden und ambitionierten Juden, war vielmehr eine kulturelle Assimilationspolitik der Zentralregierung. Dass in diesem Zusammenhang nicht wenige Juden bereit waren, das Christentum sogar freiwillig anzunehmen, konnte hingegen nicht verhindern, dass viele Christen ihre Distanz zu den gebürtigen Juden nach wie vor beibehielten. Diese Haltung, welche in letzter Konsequenz stets in einer gesellschaftlichen Ausgrenzung des Judentums mündete, überlebte auch den Übergang in das Zeitalter der Aufklärung. Zwar hat sich aufgrund der neuen soziopolitischen Rahmenbedingungen die Situation für die Juden zunächst positiv entwickelt, dennoch war man nicht bereit, sie gänzlich als Teil der Gesellschaft mit ihrer eigenen Weltanschauung anzuerkennen, ohne im Gegenzug von ihnen eine Loyalitätsbekundung zum Staat abzuverlangen. Nichtsdestotrotz suchte das Bürgertum unter dem Schlagwort der Judenfrage nach Möglichkeiten, eine gleichberechtige Einbeziehung der Juden in die neu entstehende Gesellschaft zu ermöglichen. Der Historiker Reinhard Rürup beschreibt die damals praktizierte Integrationspolitik folgendermaßen: „Das Ziel der Bestrebungen war die volle Integration der jüdischen Minderheit, war die Umwandlung des Judentums zur Konfession, die in einem säkularisierten Staat ohne öffentliche Relevanz sein würde. […] In Mitteleuropa vertraten nahezu alle Theoretiker und Praktiker der Judenemanzipation das Konzept einer stufenweisen, allmählichen Emanzipation, einer möglichst engen Koppelung von Emanzipation und Assimilation. Nach einer ersten Teilemanzipation, die den Juden den Weg in die bürgerliche Gesellschaft öffnete, sollte jede weitere Rechtsgewährung vom jeweils erreichten Grad der Assimilation bzw. Normalisierung der Juden abhängig sein.“ Eine etwas präzisere Vorstellung dieser Assimilationspolitik besaß Mitte des 19. Jahrhunderts das deutsche Bürger- und Beamtentum. Rürup merkt hierzu an: „Diese Integration aber war den aufgeklärten Beamten ebenso wie den liberalen Politikern nur als Assimilation vorstellbar. Man erwartete […] von der Emanzipation die Auflösung der sozialen Identität der Juden. Man verlangte von ihnen nicht gerade, dass sie Christen würden, aber man rechnete doch darauf, dass sie aufhören würden, Juden zu sein.“ Unter diesem gesellschaftlichen Druck sahen auch einige reformorientierte Bewegungen unter den Juden, wie die Haskala, genau darin die Lösung; in der Entwicklung einer säkularen Form jüdischer Identität. Sie waren der Auffassung, dass die konsequente Einhaltung religiöser Gebote und die fehlende Bereitschaft sich für das eurozentrische Weltbild zu begeistern, den Juden den Weg zu einer erfolgreichen Integration in die Mehrheitsgesellschaft und somit einer rechtlichen Gleichstellung versperren würde. Doch trotz ihrer weltanschaulichen Offenheit und ihrer zum Teil gelungenen Assimilation, insbesondere in der deutschen Gesellschaft, blieb ihnen der Holocaust am Ende dennoch nicht erspart.

Wer jedoch an dieser Stelle glaubt, dass Europa inzwischen seine Grundperspektive im Umgang mit Andersdenkenden fundamental geändert hätte, sollte angesichts der aktuellen islamfeindlichen Stimmung hierzulande eines Besseren belehrt werden. Denn die grundsätzliche Problematik, vor der die europäischen Gesellschaften in Fragen der Integration stehen, hat sich bis heute nicht nennenswert geändert. Zwar hat die Forschung mittlerweile eine Fülle von unterschiedlichen Integrationsansätzen entworfen, sie alle drehen sich jedoch um die Frage, auf welche Weise die Mehrheitsgesellschaft ein Wertebekenntnis von einer Minderheit verlangen kann. Selbst der von Bundeskanzlerin Angela Merkel für gescheitert erklärte Multikulti-Ansatz nach kanadischem Vorbild sieht auf lange Sicht nicht nur vor, dass sich Minderheiten mit dem herrschenden Wertesystem zu identifizieren haben, sondern erhebt dies sogar zur Bedingung für ein auf religiös-kulturelle Vielfalt gegründetes Zusammenleben. Für den Soziologen Martin Ohlert gewährleiste das Konzept des Multikulturalismus zunächst „gesamtgesellschaftliche Stabilität, womit die ethno-kulturelle Verschiedenheit im Sinne einer ‚Politik der Anerkennung‘ bejaht und als ‚Kraftquelle und Bereicherung‘ […] beurteilt“ wird. Ohlert zufolge sei eine zwingende Voraussetzung dafür allerdings, „dass die Identifikation mit der Gesamtgesellschaft der Identifikation mit der Herkunftsgruppe vorausgeht. […] Das Einheitliche bzw. Verbindende ist demnach die notwendige Basis der Verschiedenheit.“ Diese bestehe aus „einem Kern von gemeinsamen Grundwerten und -regeln, die den Zusammenhalt des Ganzen garantiere und zugleich der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz sowie dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen“ setzt.

Diese Grundperspektive und der daraus resultierende Drang eine kulturell homogene Gesellschaft zu etablieren, was de facto nur durch Assimilation möglich ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte europäische Geschichte bis in die heutige Zeit hindurch. Aktuell äußert sich dieser Homogenisierungsanspruch in dem Versuch seitens der Mehrheitsgesellschaft, die hierlebenden Muslime einem Integrationszwang zu unterziehen. Das Ziel, sich mit dem hiesigen Wertesystem zu identifizieren, ist keineswegs mehr als Empfehlung an die muslimische Community zu begreifen, sondern schlichtweg eine unverhandelbare Aufforderung, die inzwischen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird.

Die jüdisch-christliche Geschichte ist angesichts der historischen Faktenlage nicht nur eine Geschichte der Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden, sondern vor allen Dingen eine des Integrations- und Bekenntniszwanges. Die derzeit von der Bundesregierung verfolgte Assimilationspolitik gegenüber der muslimischen Community setzt somit die bisherige Traditionslinie nahtlos fort und birgt die Gefahr, in einem Ethnozid zu enden. Neben Kopftuch und dem Gebet wird bereits die islamische Überzeugung als unüberwindbares Integrationshindernis stigmatisiert. Doch während unter Napoleons Herrschaft die Mischehe zwischen Franzosen und Juden noch als Indikator einer gelungenen oder gescheiterten Integration angesehen wurde, kann schon der verweigerte Handschlag den Muslim heute vor die Wahl stellen: entweder Integration oder Emigration!

(Yahya Ibrahim)

16.07.2018