ANALYSE

- 02.02.2015

Wirtschaftskrisen im Vergleich zwischen Islam und Kapitalismus – Teil 2

2. Das Zinssystem

Das Geldsystem und seine Instabilität in den letzten 100 Jahren sind nicht die einzigen Ursachen für die Wirtschaftskrisen. Dem Geldsystem geht in der Einflussnahme auf Wirtschaftskrisen wahrscheinlich sogar das Zinssystem voraus, auf welchem das kapitalistische Wirtschaftssystem aufbaut. Dieses kapitalistische Wirtschaftssystem ist ohne Zinsen undenkbar, weil die Idee des Zinses sich ausgezeichnet mit dem grundlegenden Maßstab des Kapitalismus im Leben vereinbaren lässt, nämlich dem Profit. Aus wirtschaftlicher Sicht wirkt der Zins zerstörerisch auf jede Wirtschaft, unabhängig davon, ob wir von hohem oder niedrigem Zins sprechen. Weil nämlich der Gewinn, den der Kreditgeber verzeichnet, das Ausnutzen menschlicher Anstrengung bedeutet und da das Geld, für welches der Zins genommen wird, zusätzlich zum Gewinn zurückerstattet wird und nicht dem Risiko des Verlustes ausgesetzt ist. Des weiterem steht diesem „Mehr" an Geld kein realer Gegenwert entgegen. Da auf der (realen) Gegenseite zu diesem „Mehr" keine natürliche Veränderung im Kapitalkreislauf stattfindet, führt dies wiederum zur Schaffung neuen Geldes, wie es Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen. Diese Schaffung des Geldes führt unweigerlich zur Abwertung der Währung und zur Inflation und somit – gegebenenfalls – zu Wirtschaftskrisen.

Der Zins führt die Menschen dazu, ihr Geld in den Banken anzulegen, um einen gesicherten Gewinn zu erreichen. Wenn sich dieses Geld in den Banken befindet, dann befindet es sich nicht mehr im Kreis des Kapitals, wodurch ein Defizit entsteht, welches sich negativ auf die Wirtschaft auswirkt. Auch wenn die Vorstellung unter den Wirtschaftsexperten dominierte, dass die Kreditvergabe der Banken diese Kluft, die durch die anfängliche Einsparung entstanden ist, wieder füllt, so mussten sie neuerdings jedoch feststellen, dass dieses Verhältnis zwischen Ersparnis und Kreditvergabe nicht so funktioniert, wie sie dachten, und dass es sich hierbei um einen unverlässlichen Mechanismus zur Verhinderung von Wirtschaftskrisen handelt. Wenn nämlich die Zinsen steigen, steigt parallel auch die Nachfrage der Menschen zum Sparen, jedoch sinkt gleichzeitig die Nachfrage nach Krediten aufgrund der hohen Zinskosten. Dadurch entsteht ein Defizit in der Wirtschaft. Das gleiche gilt auch umgekehrt, wenn also die Zinsen sinken, so steigt die Nachfrage nach Krediten, gleichzeitig sinkt aber auch das Verlangen, sein Geld anzulegen.

Viele Menschen glauben, dass vom Zinssystem kein Schaden ausgeht, solange das Geld, für welches der Zins genommen wird, auch investiert wird. Die Menschen glauben daran, weil sie den Mechanismus dieses Prozesses nicht begreifen und nicht verstehen, wie er direkt zu großen wirtschaftlichen Problemen führt, durch welche die Mittelschicht überlastet wird, während die reiche Schicht immer reicher wird. Um es anders auszudrücken: die Problematik der schlechten Umverteilung, die zu den größten Problemen des Kapitalismus zählt, wird verstärkt. Dies erfolgt folgendermaßen: Wenn eine Firma beginnt, sich einen Kredit von einer Bank zu leihen, so bezahlt sie Zinsen für diesen Kredit. Da sie aber den Kredit aufgenommen hat, um Profit zu erzielen und nicht zum Zweck des Verlustes, wird sie die gesamten neu entstandenen Mehrkosten, und dazu zählen die Mehrkosten des Zinses und des Zinses-Zins, auf ihr Produkt abwälzen. Die Frage, die sich dabei stellt: Wer zahlt diese Mehrkosten, die den Produkten zugerechnet wurden? Die Antwort ist, um es kurz zu machen: der Konsument. Das bedeutet, dass diese Mehrkosten vom einfachen Bürger getragen werden: es ist also jener, welcher selber wenig verdient vom Zins, da sein Einkommen seinen Lebenserhaltungskosten entspricht, während die Reichen von diesen Mehrkosten nicht beeinflusst werden. Schließlich bewahren sie viel Geld in den Banken auf und erhalten dafür entsprechende Zinsen. Die Mehrkosten aufgrund des Zinses, die in den Lebenserhaltungskosten, also in den Gütern und Dienstleistungen enthalten sind, sind nichts im Vergleich zu dem, was die Reichen an Zins und Zinses-Zins verdienen. Mit anderen Worten: Der Arme wird ärmer und der Reiche immer reicher.

Die genannte Problematik bezieht sich speziell auf die Kreditvergabe für Investitionen. Was aber die Kreditvergabe an „normale" Verbraucher anbelangt, so ist das Ausmaß der negativen Folgen weitaus größer, weil diese Form sehr verbreitet ist. Da viele Menschen die finanziellen Angelegenheiten ihres Lebens nicht regeln können, greifen sie auf die Kredite der Banken zurück, um sich so das Nötige besorgen zu können. Für diese Kredite werden dann Zinsen und Zinses-Zinsen genommen, wodurch die Ersparnisse der Menschen verloren gehen und sie sich immer weiter verschulden. Die gleiche Erscheinung sehen wir auch bei Staaten, die auf Kredite angewiesen sind, insbesondere die Staaten der Dritten Welt, welche durch die (Auslands-)Schulden zugrunde gerichtet wurden und nur noch produzieren, um gerade einmal die Zinsen der Zinsen zu begleichen.

Teil 3 (Das Eigentum) folgt...