ANALYSE

- 09.10.2013

Der Tod als drittes Geschlecht

Der Kampf der Geschlechter ist ein westliches Phänomen und wird wie der jüngste Fall eines 44-jährigen Belgiers zeigt, inzwischen nicht nur in gesellschaftlichen Debatten, sondern auch in Operationssälen ausgetragen.

Dieser gab an 42 Jahre lang ungewollt im Körper einer Frau gefangen gewesen zu sein. „Doch seine Familie habe ihn nie anerkannt. "Während meine Brüder angehimmelt wurden, musste ich in einem Verschlag über der Garage schlafen." Seine Mutter habe ihn wissen lassen, dass sie sich einen Jungen wünschte. "Ich wurde toleriert, mehr nicht."" , so der Bericht von Spiegel-Online. Nachdem er „entdeckte", dass er sich im Körper eines Mannes wohler fühle, ließ er sich durch mehrere ärztliche Eingriffe zum Mann umoperieren. Mit dem Ergebnis jedoch war er nicht zufrieden und fand sich nun im Körper eines „Monsters" wieder. Da er sich in diesem Zustand „vor sich selbst ekelte", beantragte er aktive Sterbehilfe, um seinen psychischen Leiden ein Ende zu setzen. Belgische Ärzte gewährten ihm diese und so starb der „Transsexuelle" am 02.10.2013.

Belgien gehört zu den Ländern, in denen die Euthanasie in Form aktiver Sterbehilfe bei „unheilbaren physischen und psychischen Leiden" gesetzlich erlaubt ist. Erwachsene können diese Sterbehilfe unter den beschriebenen Umständen und durch den wiederholten Wunsch nach Erlösung in Anspruch nehmen. Im Falle des 44-jährigen sah das Ärzteteam unter der Leitung Prof. Dr. Wilm Distelmans es als erwiesen an, dass dem Wunsch des Patienten aufgrund seiner „unheilbaren" seelischen Schmerzen entsprochen werden müsse. Derselbe Arzt hatte bereits einem tauben Zwillingspaar Sterbehilfe geleistet, um es vor einer drohenden Erblindung zu bewahren und ihnen so ein Leben in Dunkelheit zu ersparen. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um Einzelfälle, denn allein im Jahr 2012 wurde laut den Angaben der „Ärztezeitung" 1432 Menschen der staatlich sanktionierte Freitod gewährt.

Das absurd anmutende Schicksal des Belgiers wirft wieder einmal die Frage auf, woher das unstillbare Bedürfnis einiger nach einer Geschlechtsumwandlung herrührt. Gerade in einer Gesellschaft, in der die klassische Rollenverteilung durch die Emanzipation der Frau vermeintlich durchbrochen wurde und auch die Homosexualität als Option mehrheitlich akzeptiert wird, müssen derartigen Wünschen andere Motive zugrunde liegen. Denn abseits der rein sexuellen Neigung möchten die betroffenen Personen mitsamt allen Facetten die Rolle des anderen Geschlechts annehmen und so ein völlig neues Leben beginnen. Auch im vorliegenden Fall haderte der Belgier mit seiner gesellschaftlichen Rolle als Frau und nahm aufgrund äußerer Einflüsse an, als Mann größere Akzeptanz erfahren zu können. Als Ursache für seine Leiden identifizierte der Betroffene die Geringschätzung seines sozialen Umfelds. Es ist anzunehmen, dass sich dies in seinem weiteren Werdegang fortsetzte, schließlich befand sich der Betroffene zum Zeitpunkt der Geschlechtsumwandlung aufgrund seines fortgeschrittenen Alters längst nicht mehr in der Einflusssphäre seines Elternhauses. Die in solchen Fällen oft erwähnte Begründung, die Seele würde sich in einem falschen Körper befinden, ist nicht nur in dem betrachteten Fall völlig absurd. Das pseudowissenschaftliche Märchen einer männlichen oder weiblichen Seele, welches selbst in einigen Lehrbüchern der Psychologie zu finden ist, darf nicht über die gesellschaftlichen Missstände in Bezug auf die Geschlechter hinwegtäuschen. Der Wunsch von einer halben Million Bundesbürger nach einer Geschlechtsumwandlung offenbart, dass die Unterschiede von Mann und Frau wider der theoretischen Gleichstellung so scharf wie die Skalpelle der Chirurgen sind, die durch die westliche Version der Genitalverstümmelung ihr Geld verdienen. Die Betroffenen scheinen diese Unterschiedlichkeit im sozialen Gefüge als eben so gravierend zu empfinden, beschreiben sie doch ihren Zustand gar als Gefangenschaft im falschen Körper. Dieser Leidensdruck führte in der Vergangenheit selbst dazu, dass besonders verzweifelte Menschen in einer für sie scheinbar aussichtslosen Situation zum Messer griffen, um durch Selbstverstümmelung ihrer Rolle entfliehen zu können. Die vielzitierte Emanzipation der Frau hat zu dem gesellschaftlichen Widerspruch geführt, in dem die Frau dem Mann per Definition gleichgestellt ist und deshalb als Konkurrent wahrgenommen wird, wobei eben dieser Anspruch an der naturgegebenen Rolle der Geschlechter und den sich daraus ergebenden sozialen Implikationen scheitert. Während sich viele Frauen in diesem gesellschaftlich verordneten Kampf benachteiligt fühlen, vermuten hingegen ihre männlichen Rivalen gönnerhafte Privilegien hinter weiblichen Erfolgsgeschichten. Durch diese Spannungen sehen sich beide Geschlechter mit einem als ungerecht empfundenen Leistungsdruck konfrontiert, vor dem es für viele nur ein Entkommen zu geben scheint.

Auch die Gesellschaft betrachtet diese „Lösung" als moralisch vertretbare und legitime Option. Denn anstatt den Ursachen solcher Identitätskrisen auf den Grund zu gehen und die dahingehend gesellschaftliche Problematik zu erkennen, geht der Westen den Weg des geringsten Widerstandes und macht aus der Not eine Tugend. Geschlechtsumwandlungen gelten mittlerweile als Ausdruck besonders fortschrittlicher und liberaler Gesellschaften, repräsentieren sie doch das Höchstmaß an persönlicher Freiheit. Selbstverständlich müssten auch Minderjährige das Recht der freien Persönlichkeitsentfaltung besitzen und dürften nicht dem Zwang unterliegen, ihre Geschlechtszugehörigkeit als unabwendbares Schicksal hinnehmen zu müssen. So berichtete Stern-TV am 27.01.2010 vom Fall des jungen Tim Petras, welcher bereits als Kind erkannt haben wollte im falschen Körper geboren worden zu sein. Getrieben vom Fortschrittsglauben sahen sich seine Eltern in der Pflicht „geschlechtsangleichende Maßnahmen einzuleiten" und mithilfe von Medikamenten zunächst eine chemische Kastration vorzunehmen. Im Alter von 16 Jahren schließlich wurde die langersehnte Operation genehmigt und so konnte der Satz „Glückwunsch, es ist ein Junge" endgültig revidiert werden. Das eigentliche Drama dieser Geschichte besteht jedoch in der Tatsache, dass selbst ein Kind öffentlich dem goldenen Kalb der persönlichen Freiheit geopfert wird. Auf diese Weise wird der Öffentlichkeit ein scheinbar wissenschaftlich fundiertes Erklärungsmodell präsentiert, nur darauf ausgerichtet unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen und einer kritischen Analyse vorzubeugen.

Auch auf die Gefahr hin, dass gerade Menschen im jungen Alter schlagartig vergangene Entscheidungen bereuen könnten, wird dieser Zeit die ultimative Form der Freiheit als Lösungsansatz diskutiert. So berichtet der Spiegel von belgischen Plänen „das Recht auf Sterbehilfe auf Minderjährige auszuweiten. Sozialisten und Liberale im Parlament streben die Ausweitung des Gesetzes für extreme Fälle an. Die Annahme der Vorschläge gilt als wahrscheinlich, da die Sozialisten von mehreren Parteien unterstützt werden." Meinungsumfragen zufolge unterstützen 75% der Befragten Belgier diesen Vorschlag und rund 38% erklärten sich „ganz und gar einverstanden".

Die Euthanasie muss demnach im freiheitlichen Europa nicht mehr von einer faschistischen Obrigkeit betrieben werden, sondern entwickelt sich im Zuge der Emanzipation zu einer freiwilligen Selbstkontrolle, in der die Bevölkerung in Eigenregie unwertes Leben vernichten kann. Jeder der seinen Platz in der westlichen Gesellschaft nicht zu finden weiß, kann sich in die Hände eines Chirurgen begeben, oder dem belgischen Vorbild folgend sein Seelenheil im Jenseits suchen.

(Abu Osama & Malik al-Qudsi)