KOMMENTAR

- 30.08.2018

#MeTwo

 

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ könnte man bei dem Hashtag #MeTwo fast meinen. Der Initiator Ali Can erklärte sein Hashtag wie folgt: „Man kann wie ich zwei Identitäten haben. Meine Heimat ist Deutschland, und ich bekenne mich zu unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch mit den Menschen aus dem türkischen Dorf verbunden, in dem ich geboren wurde. Deshalb heißt das Stichwort ja auch #MeTwo, also IchZwei.“ Das suggeriert, dass ein Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland zwangsläufig zwei Identitäten trägt und hin- und hergerissen ist zwischen diesen beiden Identitäten.

Jakob Augstein hat das Problem in seiner Spiegel-Kolumne „Özil-Debatte und #MeTwo. Mimimi Muslime?“ auf den Punkt gebracht: „Denn der Fall Özil und sehr viele der #MeTwo-Fälle handeln nicht von irgendeinem Rassismus. Es geht um die Islamfeindlichkeit in Deutschland. Und es geht nicht um irgendwelche Migranten. Es geht um die Muslime.“ Das hat auch die Beteiligung im Netz deutlich gemacht, denn die Schilderungen über den erfahrenen Rassismus stammen von Muslimen. Nichtmuslime mit Migrationshintergrund fühlen sich von #MeTwo nicht angesprochen, weil sie diese Erfahrungen von Rassismus nicht machen, dem Muslime nahezu täglich begegnen. Selbst konvertierte deutsche Muslime, die keinen Migrationshintergrund haben, bekommen diesen Rassismus zu spüren, der in Wahrheit nichts anderes ist als Islamfeindlichkeit. Ganz allgemein über Rassismus zu diskutieren – und nicht einmal das wollen die meisten –, erfasst die wahre Problematik nicht.

Das Problem der „Deutschen“ ist nicht, dass „Ausländer“ zwei Identitäten tragen. Ihr Problem ist vielmehr, dass Muslime nur eine Identität haben, nämlich die islamische, und dass sie nicht bereit sind, diese Identität aufzugeben. Dass eine Frau sich aufgrund ihres Glaubens auf eine bestimmte Art kleidet, kennt der „Deutsche“ schon von den Nonnen, und zwar seit Jahrhunderten. Dass sich aber die muslimische Frau in ihrer Kleidung ebenfalls nach ihrem Glauben orientiert, wird als Angriff auf die freiheitlich-demokratische Ordnung gewertet. Man unterstellt ihr, das Kopftuch als politisches Statement zu tragen. Das lässt man die Muslima mit Kopftuch nicht nur in Politik und Medien, die gegen sie hetzen, spüren, sondern vor allem auch im Alltag in unterschiedlichen Ausprägungen.

Da ist z. B. der Feige, der Angst vor der Konfrontation hat und im Vorbeilaufen seinen Unmut gegen die verschleierte Muslima in sich hinein nuschelt. Und während man sich noch fragt, ob er gerade „Scheißkopftuch“ gesagt hat, hat er schneller die Flucht ergriffen, als dass man ihn zur Rede stellen könnte. Der vermeintlich Empathische mit seinem gespielten Mitleid ist anders und setzt rhetorische Fragen ein, etwa bei Sommertemperaturen von gefühlten 40 Grad, während er selbst in seiner luftigen Kleidung, dennoch schwitzend, vor einem steht: „Ist Ihnen nicht warm?“ Da das klimatisierte Kopftuch noch nicht erfunden wurde, liegt die Antwort auf der Hand. Die Frage ist also völlig überflüssig und soll uns nur vor Augen führen, wie blöd wir sind, uns bei solchen Temperaturen ein Kopftuch aufzusetzen. Diese Frage würde man wohl kaum dem Bankangestellten im Anzug stellen, dem es auch im Hochsommer nicht erlaubt ist, in kurzen Hosen und T-Shirt an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen. Und da ist noch der Fordernde, der den Muslimen seine Wertvorstellungen unter die Nase reibt, nach denen er selbst nicht lebt, und ihnen klipp und klar macht, dass man sich in Deutschland anpassen müsse. Er kann im gleichen Atemzug von Freiheit und von Anpassung sprechen, ohne dass ihm der Widerspruch bewusst wäre. Wenn wir unser Kopftuch tragen wollen, müssten wir schon in unsere Heimat zurück. Das Kopftuch hätte in Deutschland nichts zu suchen, ganz nach dem Motto: „Das machen wir hier nicht so.“

Es geht also im Grunde nur um eine Identität, nämlich um die islamische. Muslime werden angefeindet, weil sie an dieser Identität festhalten wollen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Mesut Özil an den Pranger gestellt wurde, weil er Muslim ist. Schließlich ist er nicht der Erste, der sich mit einem Diktator fotografieren ließ. Die ganze Fußball-WM 2018 stand im Zeichen einer Diktatur. Die gesamte französische Nationalmannschaft schüttelte dem russischen Diktator Wladimir Putin nach dem Sieg die Hand. Mehr noch, Lothar Matthäus ließ sich mit dem Diktator ablichten und sagte dazu, dass er, bezugnehmend auf seine Frau, ein „halber Russe“ sei. „Politik und Sport lassen sich nicht trennen“, erklärte er außerdem. Nicht auszumalen, welches freiheitlich-demokratische Erdbeben es in Deutschland gegeben hätte, hätte Özil sein Foto mit Erdoğan so kommentiert.

Die Debatte um den Fall Özil sollte auf eine misslungene Integration gelenkt werden. Die Schuld liegt wieder einmal nicht bei einem islamfeindlichen Deutschland, sondern bei dem Muslim, der so unverschämt ist, an seinem Islam festzuhalten. Die islamische Identität kann man nicht einfach wegintegrieren. Und mit welchem Recht überhaupt? Warum kann ein Özil nicht Teil der deutschen Nationalmannschaft sein und gleichzeitig die Umra in Mekka vollziehen und Bilder posten, die ihn vor der Kabaa zeigen, ohne dass die Medien sich darauf stürzen und seine Integration in Zweifel gezogen wird? Die Antwort ist einfach: Integration heißt Assimilation. Die Muslime lassen sich aber nicht assimilieren, ob es um das Tragen des Kopftuchs geht, das Verrichten des Gebets an Schulen und Universitäten und Ähnliches.

Das Hashtag #MeTwo differenziert nicht zwischen Rassismus und Islamfeindlichkeit bzw. es gibt Islamfeindlichkeit als Rassismus aus. Der Italiener beispielsweise mag sich vielleicht aufgrund seiner Mentalität über deutsches Spießertum ärgern, aber er begegnet mit Sicherheit nicht der feindlichen Haltung, mit der Muslime in Deutschland konfrontiert werden. Das hat damit zu tun, dass sich seine Lebensanschauung und seine Lebensweise gar nicht von denen des Deutschen unterscheiden. Unterschiede in der Mentalität fallen da gar nicht ins Gewicht. Das gilt für den Griechen, den Spanier, den Franzosen, den Polen usw. gleichermaßen, solange es sich nicht um Muslime handelt. Sobald jemand aber zum Islam konvertiert, spielen seine nationalen Wurzeln gar keine Rolle mehr. Da wird die spanische Konvertitin genauso zur Zielscheibe der Islamfeindlichkeit wie die türkische oder arabische Muslima. Angriffe gegen sie richten sich dann nicht gegen ihre spanischen Wurzeln, sondern gegen ihren islamischen Glauben, der ihre Identität prägt. Deshalb sollte man nicht von Rassismus im Allgemeinen sprechen, sondern von Islamfeindlichkeit im Besonderen, die nichts damit zu tun hat, dass jemand zwei Identitäten hat, sondern dass man, im Gegenteil, nur eine Identität trägt, nämlich die islamische. Deshalb sollte das Hashtag #MeTwo eher #MeOne heißen.

 

(Autor: Um Ahmad)