ANALYSE

- 26.09.2013

Wer hat Schuld, wenn die Menschen verderben?

„Wenn man zu ihnen sagt: "Richtet nicht Unheil auf der Erde an!", sagen sie: "Wir sorgen ja für Ordnung. Dabei sind doch eben sie diejenigen, die Unheil anrichten. Aber sie merken es nicht." (Sura 2, Ayat 11-12)

Kriminalität, das Brechen der Gesetzlichkeit, ist allgegenwärtig. Das Rechtswesen ist essentieller Bestandteil einer jeden Gesellschaft und ihre Aufrechterhaltung ist Pflicht eines jeden Einzelnen. Wer mit ihr in Konflikt kommt, ist ein Widersacher und unterliegt Vergeltungsmaßnahmen, bis die Rechtsordnung wiederhergestellt wird.

Ob eine Handlung selbst- oder fremdbestimmt ausgeführt wird und inwieweit eine subjektive Zurechnung vorhanden ist, macht den Prüfungsgegenstand bezüglich der Schuldfrage aus. Die Bestrafung desjenigen, der selbstbestimmt bzw. absolut zurechnungsfähig handelt, ist legitim. Was ist jedoch im Falle von Tätern, die vom Einfluss und dem Willen anderer abhängig sind (sogenannte Heteronomie)? Inwiefern kann Heteronomie in einer vermeintlich freiheitlichen (autonomen) Gesellschaft vorhanden sein? Woher kommt diese Heteronomie und wie kann man sie präventiv einschränken?

Bereits Aristoteles erkannte, dass der Mensch als „zoon politikon" ein soziales und politisches Wesen ist, welches anderer Menschen bedarf und nur in der Gesellschaft seine Erfüllung findet. Schon von klein auf bewegt sich der Mensch in Gruppen und gesellt sich in der Regel zu „seinesgleichen". Diese Gruppierungen sind meist Interessenverbände, was voraussetzt, dass ein identisches Gedankengut bei den Individuen vorhanden sein muss. Das Tragen einer determinierten Geisteshaltung bestimmt demnach die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Vereinigungen. Dementsprechend muss sich der Einzelne diversen Ordnungen beugen und Kompromisse eingehen, die seinen persönlichen Interessen unter Umständen zuwiderlaufen - zum Wohle des Kollektivs. Dass das Individuum sich also von seiner Umgebung lenken lässt oder zumindest in seiner Handlungs- und Denkweise beeinflusst wird, ist eine erwiesene sozialpsychologische Erkenntnis und spiegelt vor allem den Einfluss des „Über-Ichs" wider (gemäß Sigmund Freuds Modell des psychischen Apparats). Nach Sigmund Freud werden drei Instanzen der kognitiven/intellektuellen Willensbildung unterschieden:

• das Es, welche die natürliche Triebinstanz darstellt
• das Ich, das durch den kritischen Verstand geleitet wird
• das Über-Ich, welches durch Wert- und Normvorstellungen Gebote und Verbote unterscheidet

Das „Über-ich" entsteht nach Freud aus den verinnerlichten Wertvorstellungen des kulturellen Umfeldes des Individuums. Es übernimmt demnach die Ideen als seine eigenen und denkt auf Grundlage eben dieser. Der Mensch identifiziert sich mit einer bestimmten Gesellschaft und gleicht sein Denkfundament dieser an (Introjektion).

Aus der Betrachtung der Realität geht ein weiterer Aspekt hervor, der bei der Persönlichkeitsbildung zu beachten ist: die Verhaltensweise. Die Verhaltensweise des Menschen ist unabdingbar mit seinen Konzeptionen verbunden. Seine Verhaltensweise wird durch seine Handlungen verkörpert, welche wiederum durch seine Neigungen motiviert sind. Somit bedarf der Mensch einer Lebensordnung, die die Befriedigung seiner Bedürfnisse ausnahmslos regelt. Er braucht Richtlinien und einen Maßstab, um seine Erhabenheit und Würde als Mensch unter Beweis zu stellen, statt auf das Niveau von Tieren herab zu sinken.

Folglich müssten die Konzeptionen, die der Mensch sich aneignet, mit seiner Verhaltensweise identisch sein/übereinstimmen.

Genau gesehen ist die Bestimmung der gesellschaftlichen Wertvorstellungen mitverantwortlich für die Handlungen des Individuums. Das heißt, dass das herrschende System und die Ideen, die von der Gesellschaft als übergreifende Gruppe getragen werden, jeden Bürger in seinen Handlungen und seiner Denkweise zumindest beeinflussen. Wenn demnach festgelegt ist, dass beispielsweise Diebstahl als strafrechtlicher Tatbestand geahndet wird, wird diese Tatsache das Individuum insoweit beeinflussen, dass es diese Handlung im Idealfall unterlässt oder vielmehr sogar verabscheut und selber gedanklich verurteilt. Dies demonstriert das Wirken des „Über-Ichs" auf den Menschen.

Ist somit das Wertesystem der Gesellschaft ein fehlerhaftes, so ist es durchaus realistisch anzunehmen, dass auch der Großteil der Menschen in dieser Gesellschaft von dieser Falschheit beeinflusst wird. Problematisch ist insbesondere in einer „freiheitlichen" Gesellschaft, dass grundlegende Werte nicht eindeutig definiert werden können und ihre Auslebung demnach mit sich bringt, dass bestimmte andere Normen beschnitten werden. Folglich ist es in diesem Rahmen relativ einfach, die Grenze zur Kriminalität zu überschreiten.

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4.Juli 1776, im Wesentlichen verfasst von Thomas Jefferson aus Virginia, sind die Menschenrechte, zusammen mit dem aus ihnen abgeleiteten Prinzip der Volkssouveränität, in einem einzigen, aber inhaltsschweren Satz zusammengefasst: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind – dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind - dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück (life, liberty and the pursuit of happiness) gehören."

Gemäß Artikel 20 der Bundesdeutschen Verfassung basiert die demokratische Gesellschaft auf dem Konzept der Volkssouveränität - somit obliegt dem Volk die Gesetzgebung. Es handelt sich um eine individualistische Gesellschaftsform, was bedeutet, dass die Gesellschaft dem Individuum dient und nicht umgekehrt. Folglich proklamiert sie die allgemeinen Freiheiten, die für jedes Individuum uneingeschränkt gewährleistet sein müssen:

• Glaubensfreiheit
• Eigentumsfreiheit
• Meinungsfreiheit
• Persönliche Freiheit

Die westlich-kapitalistische Wertegemeinschaft rühmt sich vor allem mit der Hoheitsstellung, die der persönlichen Freiheit in allen Lebensbereichen eingeräumt wird. Die Normen und moralischen Werte werden durch sie definiert und in der gesetzgebenden und rechtsprechenden Gewalt des Staates geachtet. Ihr Bestand ist Maßstab für Gerechtigkeit und ihre Missachtung ist zu verurteilen.

Wenn man den Begriff der persönlichen Freiheit jedoch eingehender betrachtet, wird deutlich, dass dieses Fundament des westlichen Wertesystems nicht einmal im privaten Bereich eindeutig abgegrenzt werden kann. Linguistisch bedeutet Freiheit ein „Zustand, in dem jemand von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen frei ist und sich in seinen Entscheidungen o. Ä. nicht (mehr) eingeschränkt fühlt" (DUDEN). Der Freiheitsbegriff ist gleichzusetzen mit Ungebundenheit und Selbstbestimmung. In Artikel 2 Absatz 1 GG heißt es:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt."

Hier wird der persönlichen Freiheit eine potentielle Grenze auferlegt. Die Freiheit des Individuums ist nur so lange gewährleistet, solange sie die Rechtsgüter der anderen achtet. Darin liegt jedoch ein Widerspruch in sich; denn auch das wäre eine gesellschaftliche wie auch persönliche Einschränkung der Entfaltungsfreiheit. Demnach liegt eine Einschränkung vor und die Freiheit wird zu einem Paradoxon, einem utopischen Wert, der nicht einmal im hoch gepriesenen und vermeintlich wohl organisierten Rahmen einer Sozialstruktur wie der des Westens gewährleistet werden kann. Das demonstriert, dass diese Werte einzig durch die Idee des Relativismus (Freiheit ist demnach nicht absolut zu verstehen) umgesetzt werden können; die jedoch auch eine überaus widersprüchliche und unbeständige Theorie ist.

Abgesehen von der Unmöglichkeit der praktischen Umsetzung dieser Theorien verleitet diese Unklarheit in der Definition von Freiheit - die aus der nebulösen Definition des Freiheitsbegriffs resultiert - das Individuum dazu, stetig seine Grenzen zu erweitern. So war beispielsweise vor einigen Jahrzehnten Homosexualität noch eine unbestrittene sittliche Schranke und ist inzwischen zur Normalität geworden.

Dieses fundamentale Defizit zeugt von Unvollkommenheit, die jede Gesetzgebung von Menschenhand mit sich bringt. Dem Menschen fehlt es an einem klaren Rahmen und nicht zuletzt an einem Handlungsmaßstab. Er wird mit seiner Volljährigkeit in die Wildnis der Hemmungslosigkeit entlassen, die er nicht zu bewältigen vermag. Schon in der Schule wird den Schülern die Idee des Freigeistes vermittelt, die ihnen dabei helfen soll, ihre Gedanken und Begierden frei zu entfalten. Nebenher werden erfundene Pseudo-Werte wie die sogenannte „Zivilcourage" vermittelt, die das Verhalten des Menschen mit Verantwortungsbewusstsein verfeinern soll. Jedoch gelten diese Werte nur unter dem Deckmantel des „heiligen Profits" und heben sich demnach selber auf, sobald dieser gefährdet wird.

Der Islam als klar definierte Lebensordnung

Anders als von westlichen Medien propagiert, fundiert das islamische Recht auf ein stabiles Wertesystems. Es ist kein reines Strafrecht, sondern umfasst Regelungen für alle denkbaren Lebensbereiche und bietet dem Menschen so einen eindeutigen Handlungsmaßstab.

Das islamische Recht basiert auf einem unvergleichlichen Wertesystem, das aus drei Elementen besteht.

In erster Linie sind feststehende Werte ein tragender Bestandteil. Sie sind vor allem präventiver Garant zur Einhaltung der Gesetze. Sie umfassen

• die Gottesfurcht (getragen vom Bewusstsein über die Allwissenheit des Schöpfers)
• die Moral (z.B. Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich erteilter Treuhand)
• kollektive Verantwortung (die Pflicht, Unrecht in der Gesellschaft zu beseitigen)

Das zweite Element ist das islamische Regelwerk. Anders als im Westen, wo die Gesetze bzw. Gesetzeslücken teilweise sogar kriminalitätsfördernd wirken, beinhaltet das islamische Recht detaillierte Regelungen für alle Lebensbereiche des Menschen. Der Mensch kann seine Instinkte ordnungsgemäß befriedigen, ohne jegliche Leugnung seiner Natur, wodurch das Verlangen nach Kriminalität in der Regel erst gar nicht entsteht. Zum Beispiel gibt es für beide Geschlechter eine Kleiderordnung und das Gebot der Geschlechtertrennung im privaten und öffentlichen Leben, sodass der außereheliche Geschlechtsverkehr systematisch und bereits im Frühstadium bekämpft wird. Auch ohne zu bestrafen sorgen die islamischen Regelungen bzw. das Gesellschaftssystem dafür, dass Straftaten in der Regel nicht begangen werden. Sie helfen dem Bürger im islamischen Staat tatsächlich dabei, keine Straftaten zu begehen, weil die Regelungen harmonisch aufeinander abgestimmt sind.

Letztlich verfügt die Scharia auch über ein Strafrecht. Dieser beinhaltet harte und abschreckende Strafen. Jedoch bedarf jedes Urteil einer hohen Beweiskraft und eines ordnungsgemäßen Verfahrens, wodurch letztlich die Gerechtigkeit denen zuteil wird, die sie verdienen.

Angesichts der angeführten Denkansätze lässt sich zusammenfassend behaupten, dass das Wohlergehen des Menschen, der grundsätzlich – und das ist nicht von der Hand zu weisen - als schwaches Wesen erschaffen wurde, von genauen und detaillierten Richtlinien abhängig ist. Er benötigt eine Rechtleitung, die seinen beschränkten Verstand führt. Das Überbewerten der Vernunft des Menschen und die Leugnung seiner Begrenztheit ist eine fatale Fehleinschätzung, die den Menschen ins Verderben stürzt. Denn damit beansprucht der Mensch, seine Angelegenheiten selber verwalten zu können, was seiner Natur widerspricht.

Rational betrachtet ist es einzig das islamische Gedankengut, das dem Menschen die Ordnung geben kann, die er braucht. Die islamische Überzeugung und Lebensordnung nimmt sich seiner an und gewährleistet ihm ein menschenwürdiges Leben. Allah (t) alleine ist es, der durch seine unendliche Weisheit einen gesellschaftlichen Rahmen bestimmen kann, welcher der Natur des Menschen entspricht.

Die Verbannung des Islam aus dem öffentlichen Leben ist demnach der Grund für die Dekadenz der Menschheit, den Verfall grundlegender Werte und den Niedergang der Gesellschaften. Somit sollte die Rückkehr des islamischen Staates, als einzige Möglichkeit zur Wiederherstellung der menschlichen Würde, Ziel eines jeden tiefgründig und erleuchtend denkenden Menschen sein.

(Ibn Uthman)