ANALYSE

- 29.08.2013

Der Tod - Anfang vom Ende?

Ein Blick auf die Psyche des Menschen zeigt, dass er sich sehr detailliert mit vielen verschiedenen Angelegenheiten beschäftigt, die ihn interessieren oder seinem Nutzen entsprechen.

So sehen wir, dass das Interessenspektrum der Menschen ein breites Feld abdeckt. Manche von ihnen haben ihr Leben dem Sport gewidmet und verfolgen beispielsweise fanatisch die gesamte Welt des Fußballs, etwa die aktuellen Transfers oder die neuesten Nachrichten über das Privatleben einiger Spieler. Andere bevorzugen es, ihre gesamte Zeit in die Unterhaltungsbranche zu investieren und möglichst jeden aktuellen Popsänger oder Film zu kennen. Wiederum andere haben es sich zum Sinn ihres Lebens gemacht, die schulische Ausbildung oder das Studium um jeden Preis erfolgreich abzuschließen, um dann letztendlich die Karrieretreppe zu erklimmen, ein wohlhabendes, „glückerfülltes" Leben zu führen und alle Bedürfnisse, Neigungen und Wünsche auf höchstem Niveau befriedigen zu können. So geschieht es, dass essentielle Fragen für den Menschen, wie die Thematik über den Tod – vor allem im Westen – völlig verdrängt und tabuisiert werden. Doch es ist vollkommen irrational, gerade dieses Thema in den Hinterhof des Bewusstseins zu verlagern, denn gerade der Tod ist es, der definitiv eintreffen wird, und zwar ausnahmslos bei jedem Menschen, unabhängig von Rasse, Kultur oder Religion. Die meisten Menschen verdrängen den Tod aufgrund der Angst und Unsicherheit vor dem Ungewissen. Sie haben Angst, sich das „Danach" vorzustellen und Angst davor, dieses Leben zu verlassen. Die Verdrängung des Todes - mithilfe der Unterhaltungsmaschinerie - ist ein prägnantes Merkmal westlicher Gesellschaften. Der Mensch im Westen baut sich mittels Film-, Musik- und Sportindustrie eine imaginäre Welt auf, um der Realität und um letztendlich dem Gedanken des Todes zu entkommen. Fest steht aber auch, dass sich jeder in letzter Konsequenz dem Tod stellen muss. Ein Tag, an dem das Herz aufhört zu schlagen, das Gehirn aufhört zu arbeiten und das Licht, das uns umgibt, erlischt. Jetzt stellt sich die berechtigte Frage: Ist das das endgültige, das absolute Ende?

Die Antwort auf diese Frage sollte den Muslim unter keinen Umständen auch nur eine Sekunde zum Überlegen veranlassen. Allah (s.w.t.) informiert die Muslime in unzähligen Ayat, dass es ein Leben nach dem Tod geben wird. Das eigentliche, dauerhafte Leben und die damit verbundene Glückseligkeit des Paradieses oder die immensen Qualen der Hölle finden erst nach dem Tod ihren Anfang. Ebenso wird das Thema „Jenseits" ausführlich in den Ahadith des ehrwürdigen Gesandten Allahs (s.a.s.) behandelt.

Der Muslim soll aufgrund der ständigen Wiederholung dieser Thematik in Qur'an und Sunna darüber reflektieren und ein Bewusstsein entwickeln, dass ihn dazu bringt, sein Dasein im Diesseits stets mit dem Jenseits zu verknüpfen, um das eigentliche Ziel niemals aus den Augen zu verlieren.

So sagt der Prophet (s.a.s): „Scharfsinnig ist derjenige, der sich selbst unter Kontrolle hält und für das Jenseits arbeitet, und schwachsinnig ist derjenige, der Sklave seiner Begierden ist und von Allah nur die Erfüllung seiner Wünsche erbittet." (Tirmidhi)

Dieses Bewusstsein führt den Muslim dazu, unaufhörlich für sein Jenseits zu arbeiten und keine Mühe und Schwierigkeit zu scheuen, um Allahs Grenzen einzuhalten und seinem Din zum Sieg zu verhelfen. Er wird sich dessen bewusst sein, dass er nur diese eine Gelegenheit hat, die ewige Glückseligkeit zu erlangen. Dieser Gedanke wird sein gesamtes Leben dominieren und ihn zu einer einzigartigen und prägnanten islamischen Persönlichkeit reifen lassen.

Ein beeindruckendes Beispiel für die Verinnerlichung dieser tiefgründigen Konzeption liefert ein Gefährte des Gesandten Allahs (s.a.s.). Al-Rabbe' ibn Khaytham (r.a.) hatte in seinem Haus ein Grab ausgehoben. Sobald er merkte, dass sein Herz „hart" zu werden und das Diesseits ihn abzulenken drohte, legte er sich hinein mit den Worten: „Mein Herr, schicke mich zurück (ins Leben), damit ich rechtschaffene Taten in den Sachen vollbringen kann, die ich vernachlässigt habe."

Er rief sich die folgende Aya in den Sinn:

„Wenn dann der Tod zu einem von ihnen kommt, sagt er: "Mein Herr, bring mich zurück, damit ich dann rechtschaffen handele in dem, was ich hinterlassen habe." Keineswegs! Es ist nur ein Wort, das er sagt; hinter ihnen wird ein trennendes Hindernis bis zu dem Tag sein, an dem sie auferweckt werden" (Sura 23, Ayat 99-100)

Der Tod und das Jenseits dürfen keine zeitliche begrenzte Rolle im Leben eines Muslims einnehmen und nicht erst Erwähnung finden, wenn eine Person aus dem näheren Umfeld gestorben ist. Solange der Muslim lebt, ist es für ihn unerlässlich, dass er seine Fehler korrigiert, sich an die islamischen Pflichten hält und sich vom Haram fernhält.

Ein derart bewusster Muslim wird stets bereit sein, seinen Herren anzutreffen und Rechenschaft abzulegen. Der Tod wird ihn nicht überraschen, auch wenn er plötzlich eintreten sollte. Wenn einem Muslim solch ein Verständnis innewohnt, wird er sich nicht mit seinen guten Taten zufrieden geben, sondern stets danach trachten, seinen Rang bei Allah (s.w.t.) zu erhöhen und sich bemühen, den Ablenkungen des Diesseits zu entkommen. So wurde der Prophet (s.a.s.) gefragt, wer der Enthaltsamste unter den Menschen sei, und er antwortete: „Derjenige, der das Grab nicht vergisst, die Genüsslichkeiten des Diesseits meidet, der nach dem ewigen Paradies trachtet und nicht nach dem begrenzten Diesseits, der den gestrigen Tag nicht für sich anrechnet und der sich selbst unter den Leuten des Grabes sieht." Es ist leicht, den Tod zu verdrängen und zu denken, man habe noch ein langes Leben vor sich. Der Todesengel vergisst jedoch niemanden, wenn die Lebensfrist abgelaufen ist - sei er alt oder jung!

(Elias Azizi)