KOMMENTAR

- 18.09.2018

Vorzeichen für den nächsten „Vogelschiss“

Der Fraktionsvorsitzende der AfD Alexander Gauland verharmloste Hitler und die Nazis mit Blick auf die gesamtdeutsche Geschichte als „Vogelschiss“. Was hackt die Welt also auf diesen unbedeutenden Teil deutscher Geschichte herum? Gaulands Einstellung zum Nationalsozialismus kann man sich angesichts dieser Äußerung denken. In seine gedanklichen Abgründe möchte man dennoch nicht zu tief blicken. Genaue Beachtung sollte man jedoch einem Aspekt schenken: Dass ein Bundestagsabgeordneter sich auf diese Weise äußern kann, ohne Konsequenzen für seine politische Karriere fürchten zu müssen, lässt nichts Gutes für Gegenwart und Zukunft ahnen.

Im Geschichtsunterricht haben wir uns als naive Schüler immer gefragt, wie die Deutschen den Holocaust zulassen, mehr noch, wie sie aktiv daran beteiligt sein konnten – ein ganzes Volk. Wir waren der festen Überzeugung, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Deutschland hätte aus seiner Geschichte gelernt, dachten wir und müssen jetzt eines Besseren belehrt werden. Die Gegenwart führt uns sogar vor, wie schnell und einfach es geht, eine Mehrheitsgesellschaft gegen Minderheiten aufzuhetzen.

Daran ist die AfD nicht allein schuld. Sie ist vielmehr selbst nur eins von vielen Symptomen eines rassistischen politischen und gesellschaftlichen Klimas, das die etablierten Parteien im Zusammenspiel mit den Medien über Jahrzehnte geschaffen haben. Journalisten sollten also nicht allzu laut jammern, dass sie ihrer journalistischen Tätigkeit nicht richtig nachgehen können, weil sie von Rechten bedroht und behindert werden, haben sie doch selbst das negative Bild von Flüchtlingen und Muslimen in der Öffentlichkeit geprägt und Rassismus und Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung geschürt. Diese Bevölkerung muss sich nun von Politikern wie Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) vorwerfen lassen, sich nicht aktiv genug gegen Rassismus einzusetzen, nachdem gerade die Politik die Bevölkerung zu einer passiven und schweigenden Masse erzogen hat. Wann haben Politik und Medien in den letzten Jahren die Menschen dazu ermutigt, ihre Stimme gegen Rassismus und Islamfeindlichkeit zu erheben? Wer z. B. politische Stimmung gegen Muslime macht, kann nicht erwarten, dass Bürger eingreifen, wenn Muslime, insbesondere Frauen mit Kopftuch, im Alltag diskriminiert werden. Es verhält sich sogar so, dass die Bürger alle Hemmungen verloren haben, ihre islamfeindlichen Ansichten zum Ausdruck zu bringen, nachdem Politiker die Islamfeindlichkeit salonfähig gemacht haben.

Symptomatisch ist das Abstreiten dessen, was real passiert. Leugnen können aber nur diejenigen, die den Rassismus gar nicht zu spüren bekommen, nämlich die „Blonden“ und „Blauäugigen“. Natürlich können Manuel Neuer, Thomas Müller oder Toni Kroos mit Nachdruck beteuern, dass es innerhalb der deutschen Nationalmannschaft und des DFB keinen Rassismus gebe. Welchen Rassismus sollten sie auch erfahren haben, fehlt ihnen doch der Makel des Migrationshintergrunds? Wer in Deutschland als Deutscher wahrgenommen wird, bietet keine Angriffsfläche für Rassismus und kann auch nicht darüber urteilen, ob es ihn gibt oder nicht.

Mesut Özil hat genau diesen Makel des Migrationshintergrunds. Darüber hinaus ist er Muslim, was sein „Hauptdefizit“ ist. Özil klagte gar nicht seine Spielerkollegen an, sondern den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, von dem auch die Aussage stammt: „Multikulti toleriert islamisierte Räume in unseren Städten und Verhaltensweisen von Ausländern, die zu Unfreiheit führen.“ Da wundert es nicht, dass Grindel nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft aus der WM von Özil eine öffentliche Erklärung zu den Fotos mit dem türkischen Präsidenten forderte und ihn damit implizit der Öffentlichkeit als Schuldigen für das WM-Aus präsentierte. Es war der Muslim, der die Deutschen um die Weltmeisterschaft gebracht hatte. Aber ein Rassismusproblem gibt es laut Grindel nicht. Später ruderte er etwas zurück und äußerte sein Bedauern darüber, Özil „angesichts der rassistischen Angriffe an der einen oder anderen Stelle“ nicht in Schutz genommen zu haben. Da hätte sich Grindel also gegen sich selbst positionieren und sein eigenes Verhalten kritisieren müssen.

Wer sich die Zeit nimmt, Özils Stellungnahmen zu lesen, und sich nicht nur auf paraphrasierende Journalisten verlässt, weiß, dass Özil einen allgemeinen Rassismus in Deutschland anprangert. Özil hebt darin unter anderem auch den Rassismus der Medien hervor, die zweierlei Maß anlegen. Es waren die Medien, die auf die Bilder mit Erdoğan fokussierten, die für die ständige Präsenz des Themas in der Öffentlichkeit sorgten und die eine öffentliche Meinung gegen Özil erzeugten, während beispielsweise Lothar Matthäus für sein Bild mit Putin kaum kritisiert wurde, worauf Özil hinwies: „Wenn die Medien gefordert haben, dass ich aus dem WM-Kader fliegen soll, sollte er dann nicht sein Ehrenspielführeramt abgeben? Macht meine türkische Abstammung mich zu einem wertvolleren Ziel?“ Noch deutlicher wurde Özil in Bezug auf den Rassismus der Medien: „Diverse deutsche Zeitungen nutzen meinen Hintergrund und das Foto mit Präsident Erdoğan als rechte Propaganda, um ihre politische Haltung zu stärken.“ Journalisten haben im Grunde nichts anderes getan, als die Fotos dazu zu nutzen, ihrem Rassismus in ihrer Berichterstattung Ausdruck zu verleihen.

Die Medien unterschlagen, dass Özil einen allgemeinen Rassismus in Deutschland meint. Politiker und Kulturvertreter unterscheiden sich in ihrem Rassismus kaum von irgendwelchen pöbelnden Fußballfans, die Özil ausbuhen und rassistisch beleidigen. Vom inzwischen zurückgetretenen SPD-Stadtrat Bernd Holzhauer wurde er als „Ziegenficker“ – ein „poetischer Ausdruck“ des Satirikers Jan Böhmermann – beschimpft, und Werner Steer, der Chef des Deutschen Theaters, twitterte, als wäre er kein Kulturvertreter, sondern Schüler einer Problemschule mit dem Wortschatz eines Viertklässlers: „Hallo du Idiot, du hast in der deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen. Verpiss dich nach Anatolien.“ Zurecht schlussfolgerte Özil: „Diese Menschen haben mein Bild mit Präsident Erdoğan als Möglichkeit genutzt, um ihre zuvor versteckten rassistischen Tendenzen nun auszudrücken, und das ist gefährlich für die Gesellschaft.“ Ihr Rassismus hat genauso viel Niveau wie der eines gewöhnlichen Fußballfans, der nach dem Spiel mit Schweden seinen Frust mit folgenden Worten an Özil ausließ: „Özil, verpiss dich du scheiß Türkensau.“ Die Beispiele zeigen, dass der Rassismus in Deutschland nicht, wie manche vielleicht meinen, an eine bestimmte Bildungsschicht gebunden ist.

Der Fall Özil ist deshalb so erschreckend, weil er aufzeigt, wie schnell man als Muslim zum Brunnenvergifter werden kann. Özil war fünfmal Nationalspieler des Jahres, 2010 wurde er in der Kategorie „Integration“ mit dem Medienpreis Bambi ausgezeichnet, zweimal erhielt er das Silberne Lorbeerblatt, die höchste sportliche Auszeichnung in Deutschland, um nur einige Ehrungen zu nennen. Trotzdem ist er in den Augen der Öffentlichkeit kein vollwertiger Deutscher. Seine sportlichen Erfolge schützen ihn nicht vor rassistischen Anfeindungen. Er musste sich letztlich die gleiche Frage stellen, die sich die meisten Muslime in Deutschland in vielen Situationen stellen: „Ist es so, weil ich ein Muslim bin?“

Deutschland hat ein gravierendes Rassismusproblem, wenn bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden die Teilnehmer ungeniert „Absaufen! Absaufen!“ rufen, als das Rettungsschiff der Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ zur Sprache kommt, das sich zum Zeitpunkt der Kundgebung am 25. Juni mit Flüchtlingen auf dem Mittelmeer befindet und keine Genehmigung hat, in einen europäischen Hafen einzulaufen. Konkret ausgedrückt, wünschen sich die Pegida-Teilnehmer den Tod der Flüchtlinge, um ihr Abendland vor der vermeintlichen Islamisierung zu retten.

Der österreichisch-israelische Schriftsteller Doron Rabinovici warnte im Deutschlandfunk vor dem Begriff „Abendland“: „Durch Jahrhunderte hindurch zieht sich wie ein roter Faden, wie eine Blutspur, der Hass gegen die Juden. Das ist es. Und nun ist es so, dass im Namen der Aufklärung das Abendland gegen den Islam, das jüdisch-christliche Abendland, das es so gar nicht gegeben hat, gegen den Islam in Stellung gebracht werden soll.“ Weiter sagte er: „In dem Moment, wo ich sage: ‚der Islam‘, ‚die Muslime‘, spiele ich das alte Spiel, das ich gegen die Juden gespielt habe, weiter. Ich pauschalisiere. Und ich sehe die Welt aufgeteilt in ethnische und religiöse Gruppen. Das aber bedeutet, dass alle jene, die glauben: Na ja, jetzt aber sind die Juden auf der Butterseite, die irren sich. Sie irren sich deswegen, weil in einem Europa, das wieder Abendland werden möchte, werden alle Minderheiten letztlich in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.“

Nicht Chemnitz ist das Problem Deutschlands, auch wenn es so scheint, als wäre Sachsen nach den Ausschreitungen in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt die rechte Hochburg. Chemnitz ist in Wahrheit das geringste Problem, denn „die Retter des Abendlandes“ sitzen bereits im Bundestag. An den Bundestagswahlen war – zur Erinnerung – nicht nur Sachsen beteiligt. Die Öffentlichkeit muss also nicht so scheinheilig tun und alles abstreiten, wenn jemand wie Özil das Kind beim Namen nennt und von einem allgemeinen Rassismus in Deutschland spricht. Die Fokussierung auf Chemnitz verdeutlicht, dass Deutschland das wahre Rassismusproblem nicht erkannt hat oder aber erkennen will. Man muss nicht nach Chemnitz reisen, um rassistische und islamfeindliche Erfahrungen zu sammeln. Menschen mit Abendlandphantasien findet man in ganz Deutschland, und es geht auch nicht unbedingt um Rechte, die sich auf den Straßen zusammenrotten. Sorgen bereiten vielmehr der Rassismus und die Islamfeindlichkeit, die Politik und Medien schüren und die von der Bevölkerung wie selbstverständlich übernommen und im Alltag praktiziert werden.

Über die Ereignisse in Chemnitz wird Gras wachsen, das Problem des Rassismus und der Islamfeindlichkeit in Deutschland bleibt jedoch bestehen. Die AfD bekommt immer mehr Zuspruch aus der Bevölkerung, und um dem Einhalt zu gebieten, nähern sich die anderen Parteien der AfD zunehmend an, um nicht allzu viele Wähler an sie zu verlieren, ganz nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Da bietet es sich natürlich an, die Muslime als Thema aufzugreifen, um im politischen Rennen zu bleiben. Damit zeigt man den AfD-Affinen, den „Pegidaisten“ und all den besorgten Wutbürgern, dass man ebenfalls das Abendland retten will. Wir Muslime sind gegenwärtig also nicht „auf der Butterseite“; wir sind jene Minderheit, die im Fokus dieser Hetze steht. Es gibt im Grunde keine Garantie, dass die Geschichte sich nicht wiederholt, vor allem dann nicht, wenn in ganz Europa der Rechtspopulismus um sich greift.

 

(Autor: Um Ahmad)