POLITISCHE F&As

- 27.09.2018

Der Verfall der türkischen Lira

بسم الله الرحمن الرحيم

Antwort auf eine Frage:

Der Verfall der türkischen Lira

 

Frage:

Die Türkische Lira verlor am 10.08.2018 14% an Wert, nachdem sie bereits Anfang dieses Jahres kontinuierlich um mehr als 21% an Wert verloren hatte. Der Verfall nahm zu, als die USA Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei verhängten. Hinzu kommt die Frage nach dem weiteren Schicksal des amerikanischen Pastors, der seit 2016 in der Türkei inhaftiert ist und dessen Freilassung die USA fordern… Was sind die Gründe für dies alles? In welche Richtung entwickelt sich diese Krise? Möge Allah (t) dich mit dem Besten belohnen.

 

Antwort:

Damit die Antwort verständlich ist, müssen die folgenden Punkte dargelegt werden:

 

Erstens: Die Krise der Lira und ihr stetiger Verfall in bestimmten Abständen:

1) Die Türkische Lira wird seit 1927 genutzt, nachdem das Kalifat und damit einhergehend der Gold- und Silberstandard der Währung abgeschafft wurde… Zum damaligen Zeitpunkt wurde die Türkische Lira für fast einen US-Dollar gehandelt. Der Verfall der Lira begann im Jahr 1933; zu diesem Zeitpunkt wurde ein US-Dollar für zwei Lira gehandelt. Der Währungsverfall nahm erhebliche Ausmaße an, bis ein US-Dollar im Jahr 2001 schließlich 1,65 Millionen Lira wert war. Der Niedergang der türkischen Wirtschaft erreichte seinen Höhepunkt durch den Druck von Seiten des Internationalen Währungsfonds (IWF); und die damalige pro-britische Regierung Bülent Ecevits begann zusammenzubrechen. Erdogan und seine Partei gewannen die Wahlen im Jahr 2002 und bildeten mit Unterstützung der Amerikaner eine neue Regierung. Erdogans Regierung beschloss sechs Nullen zu streichen, was vom Parlament genehmigt wurde. Dieser Beschluss wurde am 01.01.2005 umgesetzt. Nach der Umsetzung dieses Beschlusses wurde ein US-Dollar für 1,79 Lira gehandelt. Dieser Zustand konnte jedoch nicht lange beibehalten werden. Seit 2013 verliert die Türkische Lira erneut an Wert. So wurde sie über einen Zeitraum von neun Monaten deutlich abgewertet, bis sie Anfang 2014 insgesamt 30% an Wert verloren hatte. Bis heute hat sich an diesem kontinuierlichen Währungsverfall nichts geändert. Erdogans Regierung versuchte, diesem Verfall entgegenzuwirken und die Währung zu stabilisieren, scheiterte dabei jedoch kläglich. Seit Anfang des Jahres hat die Türkische Lira gravierend an Wert verloren; Mitte des Jahres war die Lira nur 21% weniger Wert als noch sechs Monate zuvor.

2) Dann, am 26. Juli dieses Jahres, trat die Währungskrise des Landes dramatisch in Erscheinung, als Trump und sein Vizepräsident, Mike Pence, drohten, Sanktionen gegen die Türkei zu verhängen, sofern Pastor Brunson nicht unverzüglich freigelassen werden würde. So begann die Lira weiter an Wert zu verlieren, bis ein US-Dollar Ende Juli für 4,91 Lira gehandelt wurde. Vor der Entscheidung der Türkischen Zentralbank, den Leitzins in Höhe von 17,75% beibehalten zu wollen, war ein US-Dollar 4,76 Lira wert. Die Zentralbank behielt den Leitzins am Dienstag, entgegen der Erwartungen, dass dieser aufgrund der größten Inflation seit 14 Jahren angehoben werden würde, bei (…). Die Bank hielt die Rückkaufrate für eine Woche bei 17,75% (...). Die Lira brach weiter ein und verlor rund 20% ihres Wertes im Vergleich zum Beginn des Jahres. Die Lira hat nun, nach der Entscheidung der Zentralbank, einen Wert von 4,91 gegenüber dem Dollar. Unmittelbar vor der Entscheidung hatte sie noch einen Wert von 4,7605 (…). (Sky News Arabic, 24.07.2018)

3) Es folgte die Ankündigung Trumps auf seinem Twitterprofil, dass die US-Regierung entschieden habe, Sanktionen zu verhängen. Daraufhin beschleunigte sich der Verfall der türkischen Lira im Vergleich zum US-Dollar… Um die Krise mit Washington einzudämmen, entsandte Ankara unverzüglich eine Delegation unter der Leitung des stellvertretenden türkischen Außenministers, um mit dem Außenminister der Vereinigten Staaten zu verhandeln und den Konflikt der beiden Länder in Bezug auf Pastor Brunson auszudiskutieren. Die Verhandlungen diese Angelegenheit betreffend sind jedoch noch nicht beendet. Als die türkische Delegation am 09.08.2018 die Heimreise antrat, goss Trump am Freitag, dem 10.08.2018, über seinen Twitteraccount weiter Öl ins Feuer: Er verkündete seine Entscheidung, die Einfuhrzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei zu erhöhen. Die Stahlimporte sollten von nun an zu 50%, und die Aluminiumimporte zu 20% verzollt werden. Der Wert der Lira fiel dadurch auf ein neues Rekordtief: ein US-Dollar war zu diesem Zeitpunkt 7,24 Türkische Lira wert. Damit hatte die Türkische Lira seit Beginn des Jahres insgesamt 40% an Wert verloren. Allein in der zweiten Augustwoche verlor die Lira rund 20% ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar. Trump twitterte: Ich habe gerade eine Verdopplung der Zölle für Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei genehmig (…). (https://arabi21.com, 10.08.2018; New York Times, 10.08.2018)

4) Oberflächlich betrachtet hat es den Anschein, als ob diese Finanzkrise auf den Fall von Pastor Brunson zurückzuführen wäre und ebenso auf den Wunsch des US-Präsidenten, den fundamentalistisch-christlichen Teil seiner Wählerschaft nur wenige Monate vor den Kongresswahlen zufriedenzustellen. Tatsächlich jedoch wird der Fall von Pastor Brunson nur genutzt, um die eigentlichen Ursachen des Verfalls der türkischen Lira zu vertuschen. In Wahrheit verbirgt sich hinter dem Währungsverfall eine politische Krise, die von den Vereinigten Staaten gespeist wird, um Europa einen Schlag zu verpassen. Diesen Umstand werden wir im Laufe der Antwort näher erläutern. So traten die ersten Anzeichen der aktuellen Währungskrise bereits vor Aufkommen der Unstimmigkeiten zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten auf. Der Grund dafür, dass die türkische Regierung die Wahlen statt im November 2019 schon im Juni dieses Jahres hat stattfinden lassen, ist, dass sie auf diese Weise vermeiden wollte, die Wahlen inmitten einer Wirtschaftskrise abzuhalten. Dies hätte sich zweifelsfrei negativ auf das Wahlergebnis ausgeübt. Erdogan selbst gab zu: Dank des neuen Termins für die Wahlen werden wir uns auf ein verheerendes wirtschaftliches Erdbeben vorbereiten können. Andernfalls hätten wir diese Phase nicht überstanden, ohne immense Verluste einzubüßen. (Türkische Nachrichtenseite, 20.04.2018) Der Verfall der Lira begann also bereits bevor die Diskussionen um Pastor Brunson aufkamen und Trump Strafzölle auf türkische Importe erhob… Davon mal abgesehen ist Pastor Brunson bereits seit 2016 inhaftiert. Es macht keinen Sinn, die Türkei zum gegenwärtigen Zeitpunkt Brunsons wegen zu sanktionieren, zumal die Vereinigten Staaten von Amerika nicht unbedingt für ihr Interesse an Religion und Menschenrechten bekannt sind…

5. Tatsächlich lässt sich der Verfall der türkischen Lira auf gleich mehrere Gründe zurückführen, vor allem aber die folgenden:

a) Das gewaltige Kreditvolumen, das die Türkei im Laufe des letzten Jahrzehnts aufgenommen hat… Das türkische Finanzministerium verlautbarte im September 2017, dass die Gesamthöhe der Auslandsverschuldung der Türkei 438 Milliarden USD beträgt… Auch sei geplant, rund 11 Milliarden USD an Zinsen zu bezahlen und im Jahr 2018 eine Rückzahlung von insgesamt 43 Milliarden USD zu tätigen: Das türkische Finanzministerium gab am 31.10.2017 bekannt, dass es plane, 10,92 Milliarden USD zurückzuzahlen, als Teil einer Gesamtschuldenbedienung im Jahr 2018 von rund 43,1 Milliarden USD (…). Auch stieg die Inflationsrate kürzlich auf mehr als 10% an. (Anadolu Ajansı, 31.10.2017) Und da fingen die Alarmglocken ordentlich an zu klingeln. So verkündete erst kürzlich der Finanzrat der türkischen Schatzkammer, dass die Gesamthöhe der Auslandsverschuldung der Türkei zum 31.03.2018 466,7 Milliarden US-Dollar beträgt (…) (Anadolu Ajansı, 29.06.2018) An dieser Stelle ist anzumerken, dass ein Großteil dieser Schulden auf staatliche Projekte zurückzuführen ist. Diese werden durch den privaten Sektor finanziert und umgesetzt, da die Regierung Erdogans während der letzten zehn Jahre versuchte, die Staatsverschuldung zu verringern, indem sie Staatsprojekte in den privaten Sektor verschob. Nun finanziert der Privatsektor die Umsetzung solcher Projekte durch Gelder aus dem Ausland, wodurch auch er einen Teil dieser immensen Schuldensumme trägt. Im Grunde handelt es sich dabei um ein politisches Manöver Erdogans, damit die Regierung stets mit ihrer geringen Auslandsverschuldung prahlen kann!

b) Das Handelsdefizit der Türkei (Differenz zwischen den Gesamteinfuhren und –ausfuhren) stieg nach Angaben des türkischen Zoll- und Handelsministeriums im Jahr 2017 auf ingesamt 77,06 Milliarden an. Damit erhöhte sich dieses im Vergleich zum Vorjahr um 37,5%. Dies gab das Zoll- und Handelsministerium am 01.02.2018 bekannt. Dieses Defizit muss in Hartwährung bezahlt werden. Im Jahr 2017 exportierte die Türkei Waren in Höhe von 157,1 Milliarden US-Dollar, während im selben Jahr Waren in Höhe von 234 Milliarden und 156 Millionen Dollar importiert wurden. (Türkisches Fernsehen und Radio, 02.01.2018) Darüber hinaus erreichte die Inflationsrate gemäß offizieller Zahlen des türkischen Statistikamts vom 03.08.2018 einen Wert von 15,85%. (Anadolu Ajansı, 03.08.2018) Die Inflationsrate war seit Amtsantritt der Partei Erdogans im Jahr 2003 nie dermaßen hoch. Dies, obwohl die Zentralbank der Türkei eine Inflationsrate in Höhe von 5% anstrebte, um damit europäischen Standard zu erreichen… Nicht nur, dass das angestrebte Ziel mit einer vorläufigen Inflationsrate in der Höhe von 8% nicht erreicht werden konnte, stieg die Inflationsrate im vergangenen Jahr zudem auf 10% und bis heute auf fast 16% an.

c) Internationale Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit der Türkei herabgestuft, was die Türkische Lira ebenfalls unter Druck setzte. So schwächte dieses Vorgehen das Vertrauen in die Lira und die türkische Wirtschaft. Moody's (Ratingagentur) warnte am 14.04.2018 vor der Schwäche der Türkischen Lira und der Inflation der türkischen Verschuldung: „Die chronische Schwäche der türkischen Währung wirkt sich auf die Klassifizierung von Staatsschulden negativ aus und stellt für die Wirtschaft ein Problem dar“. Moody's verwies dabei auf „die niedrigen Devisenreserven der Türkei“ (Reuters, 14.04.2018) Diese Agentur stufte die Türkei am 13.03.2018 von BA1 auf BA2 herab, was Präsident Erdogan verärgerte. Dieser sagte: Ratingagenturen sind damit beschäftigt zu versuchen, die Türkei in eine missliche Lage zu drängen. Die Finanzmärkte sollten dies nicht ernstnehmen. (Turk Press, 13.03.2018). Eine weitere Ratingagentur, Standard & Poor’s, folgte Moody's und stufte die türkische Kreditwürdigkeit in einem unerwarteten Schritt ebenfalls herab… So kündigte die Agentur ihre Entscheidung an, die Klassifikation der Türkei von BB auf BB- herabzustufen. Sie erklärte: Eine Herabstufung des Ratings unsererseits ist auf unsere Besorgnis über die Verschlechterung der Inflationsaussichten sowie den langfristigen Rückgang des Wechselkurses und der Liquidität der türkischen Währung zurückzuführen. (Reuters, 02.05.2018)

Ihnen folgte die Ratingagentur Fitch: Die Bonitätseinstufung der Türkei wurde aufgrund der steigenden Inflation, Leistungsbilanzdefiziten und Unsicherheiten in der türkischen Wirtschaftspolitik von BB+ auf BB herabgestuft.“ (Turk Press, 14.07.2018) Es ist bekannt, dass internationale Ratingagenturen Einfluss auf die wirtschaftliche Situation eines Landes haben. So können sie die wirtschaftlichen Probleme eines Landes verbergen, ohne sie in den Fokus zu setzen, wie sie es viele Jahre lang mit der Türkei taten. Oder sie stellen diese ganz bewusst in den Vordergrund und dramatisieren sie sogar, wie es eben jetzt bei der Türkei der Fall ist, um damit politischen Zwecken zu dienen. Die Gläubiger werden dadurch nämlich abgeschreckt, der Türkei neue Kredite zu gewähren und fordern ihre Kredite auch noch zurück. Das erhöht den Drang, dem Markt in größeren Mengen Hartwährung zu entziehen, um die Schulden zurückzahlen zu können, wodurch als Konsequenz die Lira an Wert verliert.

 

Zweitens: An dieser Stelle muss Folgendes hinterfragt werden: Die Krise der türkischen Lira hält nun schon seit einiger Zeit an. Wieso also wird sie gerade jetzt unter Druck gesetzt, indem man das Problem mit dem Pastor hochschaukelt und Strafzölle erhebt? Und das in einer Weise, die den schnellen Verfall der türkischen Lira ins Rampenlicht setzt, als ob es zwischen der Türkei und Amerika wegen dem Druck auf die Lira echte Spannungen gäbe? Ein solcher Schritt wäre gefährlich und im Grunde eine Kriegserklärung, die zumindest eine weitere Zusammenarbeit unmöglich machen und - bzw. oder - den Austritt aus der Nato nach sich ziehen sollte. Doch geschah nichts von all dem! Wie lässt sich all dies also erklären? Um Klarheit zu schaffen, müssen die folgenden Punkte erwähnt werden:

1) Die Trump-Regierung vertritt gegenüber anderen einflussreichen Weltwährungen, insbesondere gegenüber dem Euro, den Standpunkt des starken Dollars. So machte sie sich die niedrigen Zinssätze der Eurozone zunutze; erhöhte die eigenen Zinssätze, um durch die höheren Zinssätze zu veranlassen, dass sich Kapital aus Europa nach Amerika bewegt. Die Vereinigten Staaten erwarteten, dass der Transfer von Geldern in die USA den Wert des Euros gegenüber dem Dollar verringern würde. Entgegen ihren Erwartungen stieg jedoch der Wert des Euros dem Dollar gegenüber weiter an. Die Europäische Zentralbank begann ihre Geldpolitik zu straffen und den Ankauf von Anleihen effektiv zu verringern oder gänzlich zu stoppen. Dieser Vorgang der sogenannten „quantitativen Lockerung“ führt aktuell dazu, dass Anleger ihr Kapital aus den Vereinigten Staaten nach Europa und Asien bewegen, um dort bessere Kapitalrenditen zu erzielen. Als Trump erkannte, dass sein ursprünglicher Plan fehlschlug, setzte er sich daran, die Importe zu verringern und gleichzeitig das Exportvolumen zu erhören, um die Handelsbilanz der Vereinigten Staaten zu verbessern und so den US-Dollar aufzuwerten. Und so begann er, Zölle auf einige Importwaren zu erheben: US-Handelsminister Wilbur Ross verkündete am Donnerstag, dem 05.05.2018, dass sein Land am Freitag hohe Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Europäischen Union, China, Mexiko und Kanada verhängen werde. (dw.com, 31.05.2018)

2) Jedoch keine der angewandten Strategien führte dazu, dass Trump sein Ziel, den US-Dollar dem Euro gegenüber aufzuwerten, verwirklichen konnte… Es scheint, als ob er nun seine Chance darin witterte, die Türkische Lira stärker unter Druck zu setzen und ihren Verfall öffentlich hervorzuheben. Aufgrund der intensiven Finanzbeziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union wollte er damit an den europäischen Finanzmärkten für Panik sorgen. So werden die meisten Investitionen in der Türkei von Europa aus getätigt – im Jahr 2017 stiegen diese um 42% an. Darüberhinaus ist die Europäische Union der größte Handelspartner der Türkei. Das Handelsvolumen zwischen der EU und der Türkei betrug im Jahr 2017 insgesamt 160 Milliarden US-Dollar, wobei der Überschuss auf EU-Seite lag. Beide Parteien arbeiten an einer Aktualisierung des beidseitigen Zollunionabkommens. Damit zielen sie darauf ab, das Handelsvolumen zwischen ihnen in anderthalb Jahren auf 200 Milliarden US-Dollar und in fünf Jahren auf 500 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Dies kündigte der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi an. (Middle East, 29.09.2017) Das Handelsvolumen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten beträgt indes 18,7 Milliarden US-Dollar, wobei der Export amerikanischer Waren in die Türkei in den letzten 11 Monaten um 7,2 Prozent angestiegen ist. (Anadolu Ajansı, 21.01.2018) Aufgrund dessen würde jedwede Erschütterung der türkischen Wirtschaft und in Folge der Lira auf den europäischen Finanzmärkten eine gehörige Panik auslösen, und diese würde, wie es sich Trump erwartet, dem Euro einen fast tödlichen Schlag versetzen.

3) Der Verfall der Lira hatte tatsächlich eine Wirkung auf den europäischen Markt:

a) Die Europäische Zentralbank zeigt sich zunehmend besorgt über das Gefahrenpotential, dem sich Banken der Eurozone aufgrund ihrer finanziellen Verflechtungen mit der Türkei aussetzen. Betroffen davon sind insbesondere die französische Bank „BNP Paribas“, die spanische Bank „Banca Privada d'Andorra“ und die italienische Bank „UniCredit Banca“. Diese drei Banken tragen den Großteil der Finanzgeschäfte mit der Türkei; in der Folge sank ihr Aktienwert um rund 3%. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei wirkt sich daher auf Europa aus, und zwar aufgrund der dortigen europäischen Investitionen, der Schulden, die die Türkei bei Europa hat, und des immensen Handelsvolumens zwischen der Türkei und der Union.

b) Den jüngsten Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zufolge belaufen sich die Schulden der Türkei bei europäischen Banken auf 224 Milliarden US-Dollar (etwa 200 Milliarden Euro). Der größte Teil davon entfällt auf spanische Banken, die befürchten, durch die Krise in der Türkei ins Visier zu geraten und offengelegt zu werden. Wegen der Schulden, die die Türkei bei diesen Banken hat, begann der Aktienwert mancher dieser Banken beim Kursverfall der Lira um 10 bis 20 Prozent einzubrechen. (Sky News, 31.05.2018)

c) Ein weiterer beunruhigender Aspekt in Bezug auf die türkischen Schulden ist die (potientielle) Unfähigkeit der Türkei, diese Schulden überhaupt zu bedienen… Türkische Investoren schulden spanischen Banken 82,3 und französischen Banken 38,4 Milliarden US-Dollar. Die Summe italienischer Kredite, die sich zu einem Teil aus inländischen, zum anderen Teil aus ausländischen Währungen zusammensetzen, beläuft sich auf insgesamt 17 Milliarden US-Dollar. Dieser Umstand ist für Europa besorgniserregend. Die Aktien der spanischen „Banco Bilbao Vizcaya Argentaria“ (BBVA), der italienischen „UniCredit Banca“ und der französischen „BNP Paribas“ brachen ein: https://www.ft.com/content/51311230-9be7-11e8-9702-5946bae86e6d

Auch der Verfall der türkischen Lira erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Türkei hinsichtlich ihrer Kredite in Zahlungsverzug gerät oder sogar gänzlich zahlungsunfähig wird. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für Europa.

d) Einigen Berichten zufolge stehen türkische Großunternehmen mit Schulden in Höhe von 220 Milliarden US-Dollar stark in der Kreide. Nach dem Verfall der Lira haben diese Gläubigerschutz bei der türkischen Regierung beantragt. Darunter die Doğuş-Gruppe, die von dem türkischen Milliardär Ferit Şahenk geleitet wird. Dieser fragte bei den Banken an, ob sie die Schulden im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar in Fremdwährungen umstrukturieren würden. Schätzungen zufolge beläuft sich der Gesamtbetrag an Schulden, für den eine Umstrukturierung notwendig wäre, auf 20 Milliarden US-Dollar.

e) Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) gab bekannt, dass rund 6500 deutsche Unternehmen von der Ungewissheit über die weitere Entwicklung des türkischen Finanzmarktes betroffen seien. (www.lebanon24.com, 13.08.2018)

 

Drittens: Dass der durch die amerikanischen Maßnahmen beschleunigte Verfall der türkischen Lira ins Rampenliecht gerückt wurde, diente also dem Zweck, eine starke Erschütterung in der europäischen Wirtschaft zu erzeugen, um den Euro zu schwächen, damit dieser dem US-Dollar gegenüber an Wert verliert. Trump schert sich nicht darum, ob seine Maßnahmen bezüglich der Lira Auswirkungen auf das Leben der Menschen in der Türkei haben. Obwohl man die Maßnahmen Trumps, mit dem US-Dollar konkurrierende Währungen zu attackieren, aufgrund seiner arroganten Hochmütigkeit und Cowboy-Mentalität nachvollziehen kann, mutet es äußerst verwunderlich an, dass Erdogan dies nicht zu begreifen scheint. So wurde er offenbar von Trumps Manöver überrascht und wundert sich nun, dass Trump wegen eines Pastors so mit einem Verbündeten umgeht. Vor einer Menschenmenge in Ünye, einer Stadt am Schwarzen Meer, sagte er: Es ist falsch die Türkei durch Drohungen eines Pastors wegen herauszufordern und bezwingen zu wollen. Er fügte hinzu: Ich richte meine Worte erneut an diese Leute in Amerika: Schämt euch! Ihr verkauft einen strategischen NATO-Verbündeten für einen Pastor! (https://www.alanba.com.kw, 08.08.2018) Später richtete er, flehend und mit Trauer erfüllt, folgende Worte an Trump: Die Türkei hat Amerika viele Dienste erwiesen und oft um ihretwillen gekämpft! Dies geschah in einem Artikel, den die „New York Times“ am 10.08.2018 unter dem Titel „Erdogan: Wie die Türkei auf die Krise mit den Vereinigten Staaten blickt“ veröffentlichte. Darin sagt Erdogan weiter: (…) Die Türkei und die Vereinigten Staaten waren die vergangenen sechs Jahrzehnte lang strategische Partner und NATO-Verbündete. Unsere beiden Länder standen bei der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen infolge des Kalten Krieges und seiner Nachwirkungen Schulter an Schulter. Im Laufe der Jahre eilte die Türkei Amerika zu Hilfe, immer dann, wenn sie Hilfe brauchten. Das Blut unserer Soldaten und Soldatinnen wurde in Korea vergossen. Im Jahr 1962 gelang es der Regierung John F. Kennedys, die Sowjets dazu zu bringen, Raketen aus Kuba abzuziehen, wobei im Gegenzug Jupiter-Raketen aus der Türkei und Italien abgezogen wurden. Infolge der Ereignisse des 11. September, als Washington auf die Unterstützung seiner Freunde und Aliierten zählte, um den Angriff des Bösen zu kontern, entsandten wir unsere Truppen nach Afghanistan, um dabei zu helfen, die dortige Mission der NATO zu erfüllen. Mit diesen Worten machte Erdogan seine Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten deutlich, dem Feind des Islam und der Muslime. Als Dank dafür erntete er von den USA nichts als Geringschätzung!

 

Viertens: Was den weiteren Verlauf der Krise zwischen Amerika und der Türkei sowie den Verfall der türkischen Lira anlangt, so erwarten wir Folgendes:

1) Wie erwähnt, diente der Druck seitens der USA, der zum beschleunigten Verfall der türkischen Lira führte, dem Zweck, in Europa Panik zu schüren, um die europäische Wirtschaft zu erschüttern und in der Folge den Euro zu schwächen. Ausschlaggebend dafür sind die intensiven Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zwischen Europa und der Türkei. Dies führte tatsächlich dazu, dass der Euro im Vergleich zum US-Dollar an Wert verloren hat: Der Euro wurde am Freitag stark in Mitleidenschaft gezogen, nachdem die „Financial Times“ unter Angabe von zwei Quellen berichtete, dass die Europäische Zentralbank wegen des Gefahrenpotentials, dem sich die Banken Spaniens, Italiens und Frankreichs aufgrund ihrer Finanzgeschäfte mit der Türkei aussetzen, besorgt sei. Der Euro wurde heute für 1,13655 US-Dollar gehandelt – der niedrigste Stand seit Juli. (Reuters, 13.08.2018) Sollte Trump es also schaffen, den Wert des Euro dermaßen zu drücken, dass seine Arroganz befriedigt ist, wäre es möglich, dass er die Lira wieder zu stützen trachtet. Dies, indem er die Bewertungsmaßstäbe der Ratingagenturen kippt, wie es bereits 2003 geschehen ist, als Erdogan an die Macht kam. Damals hatte die Lira ebenfalls einen niedrigen Wert, und die Wirtschaft der Türkei war unter der Regierung Ecevits in Turbulenzen geraten. Mit dem Kommen Erdogans wurde dann eine wirtschaftliche „Aufschwungblase“ erzeugt, indem – durch das Einwirken der USA und ihrer Helfer - nacheinander Kredite aufgenommen wurden. Das Rating der Türkei wurde angehoben und die wachsende Wirtschaft im Lande beworben, obwohl sie nur auf Schulden und verzinsten Krediten basiert!

2) Was die Auswirkungen der Strafzölle anlangt, so sind diese nur von geringer Bedeutung. So exportiert die Türkei Waren im Wert von etwas über einer Milliarde US-Dollar in die Vereinigten Staaten (Al-Youm As-Sabi, 02.08.2018), was für ein Land, das im Jahr 2017 Waren im Wert von mehr als 157 Milliarden US-Dollar exportierte, äußerst wenig ist. (Bawabat al-Sharq, 02.01.2018) Dies zeigt einmal mehr auf, dass die Vereinigten Staaten nicht das Ziel hatten, der Türkei nachhaltig zu schaden. Vielmehr beabsichtigten sie, im Hinblick auf die türkische Wirtschaft für Turbulenzen zu sorgen, damit der Verfall der türkischen Lira Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft und damit einhergehend auf den Euro hat. Dies wegen der zuvor erwähnten Intensität der Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Europa. Und so kam es…

3) Pastor Brunson ist seit etwa zwei Jahren inhaftiert, und nie zuvor kam es deshalb zu Konflikten zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten. Jetzt hob Trump diese Angelegenheit aus wahltaktischen Gründen hervor, auch um zwischen Amerika und der Türkei Spannungen zu erzeugen, die wiederrum Einfluss auf die europäischen Finanzmärkte haben. Daher ist der ganze Wirbel um den Pastor nur ein Neben-, aber kein Hauptfaktor. Sollte sich also Trump mit dem, was dem Euro widerfahren ist, begnügen, und das wird vermutlich nicht allzu lange auf sich warten lassen, dann wird die Türkei den Pastor an die USA übergeben, sei es einhergehend mit einer Gesichtswahrung für Erdogan oder auch nicht!

4) In Bezug auf die missliche Lage, unter der die Türken infolge des Verfalls der türkischen Lira und der damit verbundenen Preiserhöhungen zu leiden haben, lässt sich sagen, dass dies für Trump, seine Agenten und für diejenigen, die sich im Fahrwasser der USA befinden, irrelevant ist. Vielleicht lässt dieser Vorfall die Gefolgsleute und Anhänger der Amerikaner erkennen, dass sie für ihre Herren keinerlei Wert haben. Wenn es um die Verwirklichung der US-Interessen geht, machen ihre Herren mit ihnen, was immer sie für nötig halten, auch wenn es für die Gefolgschaft Demütigung und Gesichtsverlust bedeutet. Denn wer sich einmal erniedrigen lässt, der wird es immer tun.

 

Zusammenfassend lässt sich Folgendes sagen:

- Die Krise, die Trump durch das Verhängen von Strafzöllen, den Streit um den Pastor, das Abstufen der Türkei durch die Ratingagenturen und das Offenlegen der Schulden der Türkei initiierte, dient, ebenso wie der daraus resultierende Verfall der Lira, lediglich dem Zweck, in Europa für Panik zu sorgen, damit die europäische Wirtschaft erschüttert wird und in der Folge der Wert des Euros einbricht. Dies, aufgrund der Intensität der Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zwischen der Türkei und Europa. In der Tat führten diese Maßnahmen zu einer Abwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar.

- Da Erdogan zum amerikanischen Einflussbereich gehört, ist nicht damit zu rechnen, dass diese Krise weiter ausufern wird. Sobald sich Trump mit der erfolgten Schwächung des Euros begnügt, wenn es auch nicht in dem verheerenden Ausmaß geschieht, das er sich gewünscht hätte, wird er der Krise – wie er sie begann - ein Ende setzen, sei es mit oder auch ohne Gesichtswahrung für Erdogan! Und es scheint, dass dies recht bald geschehen wird. Der Pastor wird sodann an die Vereinigten Staaten übergeben und die Strafzölle werden aufgehoben oder zumindest verringert. Nachdem die Schuldentilgung der Türkei durch neue Kredite aufgeschoben wird, werden die Ratingagenturen ihre Klassifizierung der Türkei anpassen. Dies wird den Wert der Lira ein wenig verbessern, auch wenn sie nicht denselben Wert erreichen wird, den sie vor der Krise hatte. Die freundschaftliche Beziehung zwischen Trump und Erdogan wird wiederhergestellt, so, als wäre nie etwas geschehen! Wenn nämlich die Ziele der Kolonialherren es erfordern, ihre Gefolgsleute und Anhänger zu demütigen, dann werden sie es tun. Und wenn ihre Ziele es erfordern, sie gänzlich zu entfernen, dann wird es geschehen. Denn dies geschah auch mit denjenigen, die vor ihnen waren. Lassen sie sich denn nicht ermahnen?

﴿إِنَّ فِي ذَلِكَ لَذِكْرَى لِمَنْ كَانَ لَهُ قَلْبٌ أَوْ أَلْقَى السَّمْعَ وَهُوَ شَهِيدٌ

Darin ist wahrlich eine Ermahnung für jemanden, der Verstand hat oder hinhört und Zeuge ist. (50:37)

 

12. Ḏū l-Ḥiǧǧa 1439 n. H.

23.08.2018 n. Chr.