KOMMENTAR

- 08.10.2018

Was hat die Aufklärung gebracht?

Wir Muslime brauchen eine Aufklärung. Unsere Entmündigung in Form des Vorwurfs, uns fehle im Vergleich zum Westen die Aufklärung, hätte so ein Ende. Dann ist endlich Schluss mit der Denunziation, wir seien Terroristen. Dann dürfen wir, was der Westen schon lange mit dem Zertifikat der Aufklärung praktiziert: die Rechte anderer mit Füßen treten, ihre Bodenschätze rauben, ihre Länder wirtschaftlich zugrunde richten und dabei zusehen, wie sie diese in Not verlassen müssen, um dann im Meer zu ertrinken, wenn sie nicht schon in den von uns angezettelten Stellvertreterkriegen ums Leben gekommen sind. Wir verweigern ihnen ihr Recht auf Selbstbestimmung und zwingen ihnen Diktatoren auf, die uns zu Diensten sind. Wir verweigern gleichzeitig den Unterdrückten den Zutritt zu unseren Ländern und den Zugang zu unserem Wohlstand, der nur auf ihre Kosten möglich ist, und verdammen sie dazu, ihr Elend für unseren Reichtum zu ertragen. Aber wir sind immerhin so anständig, sie nicht mit einer von Gott gewollten Ordnung zu vertrösten.

Wer von sich behaupten kann, einer Gesellschaft anzugehören, die im Zeichen der Aufklärung steht, hat die Lizenz dazu. Denn er kann zumindest sagen, die Idee der Menschenrechte zu vertreten, die eine „Errungenschaft“ der Aufklärung ist. Ob er sie nun in der Praxis einhält bzw. für ihre Einhaltung sorgt oder nicht, interessiert niemanden, weil die Aufklärung in der Hauptsache die Trennung von Religion und Staat bedeutet und weniger die Wahrung der Menschenrechte, auch wenn diese vor dem Hintergrund der Aufklärung formuliert wurden. Er darf nur nicht vergessen, unentwegt von der Einhaltung der Menschenrechte zu reden und mit dem Finger auf andere zu zeigen, die sie seiner Ansicht nach missachten. Die drei Finger, die auf ihn selbst zeigen, kann er getrost ignorieren.

Den Ersten und Zweiten Weltkrieg hat es trotz der Aufklärung gegeben. Auch den Holocaust konnten die Ideen der Aufklärung nicht verhindern. Das Menschenbild der Deutschen während des Nationalsozialismus war alles andere als aufgeklärt, und das trotz Immanuel Kant. Die USA als Mutterland der Menschenrechte haben trotz der Kapitulation Japans 1945 die Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Sie führten einen schmutzigen Krieg in Vietnam, zettelten 2003 aufgrund konstruierter falscher Beweise einen Krieg gegen den Irak an, legitimierten Folter, halten Menschen widerrechtlich in Guantanamo gefangen und vieles mehr, obwohl sie die Aufklärung hinter sich haben. Die Rassentrennung in den USA ist noch gar nicht so lange her genau wie die Apartheitspolitik der weißen Herrenmenschen in Südafrika, die ihre Wurzeln im aufgeklärten Europa haben. Und was hat Frankreich seit der Aufklärung für menschenverachtende Verbrechen begangen, etwa während des Algerienkriegs? Friedliche algerische Demonstranten, die für die Unabhängigkeit Algeriens demonstrierten, wurden beispielsweise 1961 bei dem Massaker von Paris von der französischen Polizei erschossen, erschlagen oder in der Seine ertränkt. Geradezu mittelalterliche Szenen spielten sich ab. Das Massaker von Srebrenica im Jahr 1995, bei welchem 8000 bosnische Muslime, überwiegend Männer und Jungen, getötet wurden, geschah trotz Anwesenheit aufgeklärter Blauhelmsoldaten aus den Niederlanden. Damals ging das Bild des niederländischen Bataillonskommandeurs Thomas Karremans um die Welt, wie er zusammen mit dem Kriegsverbrecher Ratko Mladic einen Trunk nimmt, während ganz in der Nähe der schlimmste Massenmord auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet. Von aktuellen Beispielen gar nicht zu sprechen, denkt man etwa an die Internierung von Flüchtlingen auf der Insel Nauru durch die australische Regierung, wo man die Flüchtlinge misshandelte, missbrauchte und vergewaltigte. Das sind nicht gerade Glanzleistungen derjenigen, die so stolz auf ihre Aufklärung sind und sie für absolut erklärten.

Was also hat die Aufklärung der Menschheit gebracht? Konnte sie beispielsweise die Ausbeutung anderer Völker durch den Kolonialismus unterbinden oder hat sie diesen nicht vielmehr angeheizt? Gab sie nicht denen, die aufgrund ihres spezifischen historischen und politischen Hintergrunds die Aufklärung hatten, ein Gefühl der Überlegenheit anderen gegenüber, auf die sie herabblickten? Die Europäer hatten doch niemals vor, die Aufklärung nach Afrika oder Asien zu bringen, sondern die dort vorhandenen Bodenschätze nach Europa zu schaffen. Europa sah auf die Bevölkerungen seiner Kolonien herab und wähnte sich gerade wegen der Aufklärung hierzu im Recht. Dass es den Menschen im Westen heute besser geht, hat weniger damit zu tun, dass sie eine Aufklärung hatten, als vielmehr damit, dass sie sich an anderen bereichern.

Die Aufklärung hat keine besseren Menschen hervorgebracht oder für ein friedliches Miteinander gesorgt. Sie hat vielmehr zu einer Bevormundungsmentalität des Westens geführt. „Sapere Aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Diese Kernaussage der Aufklärung haben wir im Philosophieunterricht gelernt. Wir sollen uns „ohne Leitung eines anderen“, d. h. ohne Bevormundung, unseres Verstandes bedienen. Was passiert aber, wenn unser Verstand nach rationaler Prüfung zu dem Ergebnis kommt, dass es zwingend einen Schöpfer geben muss, an den man zu glauben beginnt und nach dessen Vorschriften man leben möchte, weil der Verstand ihn nicht ignorieren kann? Einen solchen Schluss akzeptiert die Aufklärung nicht und macht den Menschen dadurch wieder unmündig, indem sie ihm die Ablehnung einer Religion aufzwingen will. In dem Fall muss der Mensch die Ideen der Aufklärung übernehmen und nicht die Überzeugung, zu der sein Verstand ihn geführt hat. Im Übrigen setzt der Islam den Verstand voraus, so dass Muslime nicht erst von außen darauf gestoßen werden müssen, sich ihres Verstandes zu bedienen. Denn der Glaube an einen Schöpfer muss aus einem Denkprozess hervorgehen und darf nicht blind übernommen werden. Der Verstand ist eine Voraussetzung für die islamische Überzeugung.

Wer nun um sein christliches Abendland fürchtet, sollte wissen: Die Aufklärung hat sich vor allem gegen das Christliche des Abendlandes gerichtet, es bekämpft und in die Bedeutungslosigkeit verbannt. Die Aufklärer haben gegen das christliche Abendland aufbegehrt und das Christentum im Leben der Menschen abgeschafft. Der Verlust der christlichen Prägung ist ihnen zuzuschreiben. Die Kirchen sind mit und ohne uns Muslime leer. Das ist die Konsequenz der Aufklärung. Denn wie gesagt, besteht die Aufklärung im Kern in der Trennung von Religion und Staat, von Religion und Leben.

Müssen wir Muslime uns tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, uns fehle eine Aufklärung? Ist die Aufklärung über jeden Zweifel erhaben, so dass man sie nicht infrage stellen darf? Ist sie am Ende nicht einfach nur das Resultat einer von König und Klerus mithilfe des Christentums unterdrückten Gesellschaft ohne Absolutheitsanspruch?

Bei uns Muslimen nahm der Rückschritt erst mit der Nachlässigkeit in der Umsetzung des Islam durch den Staat seinen Anfang – ein schleichender Prozess, der aber fatale Folgen hatte. Eine Aufklärung für den Islam und die Muslime hieße, den Rückschritt weiter voranzutreiben. Die Muslime müssten sich zwischen den islamischen Ideen und der Idee der Aufklärung entscheiden. Der Mensch kann aber nicht beide Seiten vertreten, weil sie im Widerspruch zueinander stehen. Denn die islamische Überzeugung bedeutet nicht, im stillen Kämmerlein an Gott zu glauben, sondern sein gesamtes Leben nach dieser Überzeugung auszurichten, und zwar im privaten wie im öffentlichen Leben. Alles andere wäre inkonsequent und widersprüchlich. Als Muslim sollte man also genug Selbstbewusstsein haben, die Idee der Aufklärung abzulehnen. Das bedeutet nicht, dass wir Zustände wie im europäischen Mittelalter anstreben, Zustände, die es in der islamischen Geschichte nie gab. Für westliche Ohren mag es fremd klingen, aber der Islam ist der Aufklärung überlegen. Seine Glaubensgrundlage hält jeder rationalen Prüfung stand und nur deshalb halten wir Muslime daran fest und verzichten auf eine Aufklärung.

 

(Autor: Um Ahmad)