KONZEPTION

- 07.11.2018

Spuren eines daʿwa-Trägers

Der daʿwa-Träger ist jener, der danach strebt, die Menschen und die Gemeinschaft, in der er oder sie lebt, zum vollständigen dīn Allahs (t) aufzurufen. Für solch eine schwere Aufgabe müssen jedoch zu allererst Schritte unternommen werden, um eine Grundlage für dieses Lebenswerk zu schaffen.

Jeder Muslim, der ernsthaft ambitioniert ist, die daʿwa auf die beste Art und Weise zu tragen, sollte aus der Herangehensweise der frühen Muslime lernen. Die Offenbarungen des Koran und der vorzüglichen Sunna Seines (t) Gesandten (s) zeigen einen eindeutigen Entwicklungsprozess auf.

Die ersten Verse, die dem Gesandten (s) nach der Sure al-ʿAlaq offenbart wurden, waren die Verse der Sure al-Muzzammil und der Sure al-Mudaṯṯir.

Bezüglich der Frage, welche der beiden zuerst offenbart wurde, herrscht zwar Meinungsverschiedenheit, doch sind die Gelehrten einstimmig der Ansicht, dass diese beiden die zweite und dritte Gruppe offenbarter Verse waren.

Man könnte sagen, dass diese Verse dem daʿwa-Träger das Laufen beibringen würden.

Dies waren die ersten Verse, welche die frühen Muslime die daʿwa lehrten:

﴿اقْرَأْ بِاسْمِ رَبِّكَ الَّذِي خَلَقَ خَلَقَ الْإِنسَانَ مِنْ عَلَقٍ

Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel. (96:1-2)

﴿يَا أَيُّهَا الْمُزَّمِّلُ قُمِ اللَّيْلَ إِلَّا قَلِيلًا

O du Eingehüllter, steh (zum Gebet) die (ganze) Nacht auf – bis auf einen kleinen Teil. (73:1-2)

﴿يَا أَيُّهَا الْمُدَّثِّرُ قُمْ فَأَنذِرْ

O du Zugedeckter, stehe auf und warne; (74:1-2)

Die Verse der Sure al-ʿAlaq befehlen das Rezitieren und Lernen. Die Verse der Sure al-Muzzammil deuten darauf hin, dass man des Nachts beten sollte. Gleichzeitig motivieren sie aufzustehen und die Menschen zu warnen.

Der erste Punkt, den es zu beachten gilt, ist, dass Allah (t) das Lernen und sich aneignen von Wissen in Bezug auf Seinen (t) dīn betont.

Der nächste Schritt bestünde darin, das zuvor Gelernte anzuwenden und mit dem Verbreiten dieser Lerninhalte zu beginnen, indem man beginnt, die daʿwa zu tragen.

Um „zu warnen“, wie Allah (t) es verlangt, muss man die Lehrinhalte an andere in der Familie, unter den Freunden oder der Gemeinschaft weitergeben.

Das Lehren und Lernen muss stets mit Gottesdiensten (ʿIbādāt) und freiwilligen Ritualen (nawāfil) wie bspw. dem freiwilligen Nachtgebet (qiyām al-lail) einhergehen. Die frühen Muslime waren tatsächlich zum Nachtgebet verpflichtet; Allah (t) verpflichtete sie einige Jahre dazu, bis dieses Gebot schließlich aufgehoben wurde. Der Gesandte Allahs (s) war jedoch dazu verpflichtet, das Nachtgebet bis zu seinem Tod stets zu verrichten.

Somit sind die ersten Jahre unserer frühen Vorfahren durch ein ganzheitliches Programm des Lehrens und Lernens, daʿwa-Tragens und ʿIbādāt Verrichtens gekennzeichnet. All diese ergänzen sich und helfen beim Herausbilden einer islamischen Persönlichkeit.

Das Verbreiten von Wissen und Unterrichten kann frustrierend und emotional auf das Herz wirken. Somit ist das Herz in Gefahr, wenn es nicht durch das Verrichten von ʿIbādāt für Allah (t) besänftigt wird. Die Nacht nicht in Andacht unseres Herrn zu verbringen und für ihn nicht des Nachts aufzustehen zieht häufig nach sich, dass sich das Herz des Muslims erhärtet und fault. Die ʿIbādāt erweichen das Herz und bereitet den Muslim auf das Tragen der daʿwa vor.

Auch das Gedenken Allahs (t) wirkt erweichend auf das Herz ein. Ibn al-Qaiyim sprach über seinen Lehrer, Ibn Taimīya, und sagte über ihn, dass er jeden Tag nach dem Frühgebet auf die Felder in den Außenbezirken von Damaskus ging, um dort zu verweilen und Allahs Namen zu gedenken. Dies tat er jeden Tag bis zum Sonnenaufgang. Da fragte Ibn al-Qaiyim ihn einmal: „Warum tust du dies täglich?“

Ibn Taimīya sagte: „Das ist mein Frühstück; wenn ich dies nicht mache, wird mein Körper versagen. Es ist Futter für meine Seele und versorgt meinen Körper für den Rest des Tages mit Energie. Wenn ich diese frühe Mahlzeit nicht zu mir nehme, bleibe ich den Rest des Tages schwach.“

Die eigene Gesellschaft zu kennen ist für den erfolgreichen daʿwa-Träger nicht minder von Bedeutung.

Der Gesandte Allahs (s) pflegte die Gedanken der Quraiš zu kennen, so, dass er stets imstande war, sich gegen sie auszusprechen. Allah (t) zeigt dies an zahlreichen Stellen im Koran auf, indem er die Widersprüchlichkeiten jener Menschen aufdeckt, die den Islam ablehnten. Heute muss sich der Muslim der vorherrschenden Ideologie, des Kapitalismus, seiner Bestandteile und Widersprüchlichkeiten bewusst sein. Dieses Bewusstsein erfordert seinerseits ein tiefgründiges Islamverständnis.

Die Welt braucht den Islam. Sie wird von politischen Systemen geplagt, die weder die Grundbedürfnisse des Menschen zu befrieden wissen, noch Frieden und Sicherheit gewährleisten können. Die islamische Welt ist übersät mit Tyrannei und Diktatoren, die ihren Herren in der westlichen Welt zu Diensten sind. Es ist unumgänglich, dass sich die Muslime weltweit als daʿwa-Träger engagieren, um so Licht in diese Finsternis zu bringen. Tun sie dies nicht, wird diese Finsternis die Welt verschlingen.

Das Tragen der daʿwa gehört zu den tugendhaftesten Handlungen, die ein Muslim heute verrichten kann. Das Herausbilden einer islamischen Persönlichkeit, die dieser schwierigen Aufgabe nachzukommen vermag, ist für die dunyā und āḫira eines Muslims von entscheidender Bedeutung.

Allah (t) sagt:

﴿قُلْ هَٰذِهِ سَبِيلِي أَدْعُو إِلَى اللَّهِ ۚ عَلَىٰ بَصِيرَةٍ أَنَا وَمَنِ اتَّبَعَنِي ۖ وَسُبْحَانَ اللَّهِ وَمَا أَنَا مِنَ الْمُشْرِكِينَ

Sag: Das ist mein Weg: Ich rufe zu Allah aufgrund eines sichtbaren Hinweises, ich und diejenigen, die mir folgen. Preis sei Allah! Und ich gehöre nicht zu den Götzendienern. (12:108)