KOMMENTAR

- 09.11.2018

Saudi-Arabien, Kashoggi und der Jemen

Der saudi-arabische Journalist Jamal Kashoggi betrat das Konsulat seines Landes in Istanbul und kam nicht mehr lebend heraus. Details wurden schnell bekannt, etwa dass ein 15-köpfiges Mordkommando extra aus Saudi-Arabien angereist war, um Kashoggi zu töten und seine Leiche verschwinden zu lassen. Türkische Medien veröffentlichen die Identitäten der Beteiligten, und es stand von Anfang an fest, dass Kashoggi getötet und zerstückelt wurde, ohne dass auch nur in Erwägung gezogen wurde, dass er noch leben könnte. Immer mehr haarsträubende Details kamen zum Vorschein, bis irgendwann Saudi-Arabien eingestehen musste, dass der Journalist nicht mehr lebt. Jedes weitere Leugnen wäre auch für einen Staat wie Saudi-Arabien peinlich gewesen. Einen geplanten Mord wollte man jedoch nicht zugeben.

Man braucht kein Sherlock Holmes zu sein, um zu erkennen, dass der Mord auf eine Art begangen wurde, die Aufmerksamkeit erregen musste, als hätte man darauf spekuliert, dass die Tat politische Wellen schlägt. Warum hatten Kashoggis Mörder ihn nicht heimlich vergiftet, die Bremsen seines Autos manipuliert oder ihn von einer Klippe gestoßen und es wie einen Unfall aussehen lassen, denkt man sich. Stattdessen wurde der Mord quasi mit einer Kuhglocke um den Hals begangen. Da schickt man nicht einen oder zwei Profikiller, sondern gleich 15 Mann. Auffälliger geht es kaum, von dem Tatort kaum zu sprechen, der mit einem Leuchtpfeil direkt auf Muhammad bin Salman zeigt.

Die Ermordung Kashoggis hat Rahmenbedingungen geschaffen, in denen die politischen Karten in Saudi-Arabien neu gemischt werden und die Marionettenspieler neue Figuren auf die Bühne bringen können. Aber es wären keine hoffnungsvollen politischen Veränderungen für die Muslime. Sollte der Fall Kashoggi Muhammad bin Salman am Ende tatsächlich die Macht kosten, wird lediglich ein Vasall durch einen anderen ersetzt. Man tauscht das Schloss der kolonialistischen Tür einfach aus und hält so die Muslime weiter in Schach. Das System aber bleibt, worin das eigentliche Verbrechen des saudi-arabischen Regimes besteht, auch wenn alle gespannt den Kashoggi-Krimi verfolgen.

Es ist nicht notwendig, ein Konsulat Saudi-Arabiens aufzusuchen, um ins Visier zu geraten und von der saudi-arabischen Regierung getötet zu werden. Man muss auch kein Kritiker des Regimes in Saudi-Arabien sein, um dessen Opfer zu werden. Im Grunde reicht es aus, in einem Land zu leben, das zum Beuteschema der Kolonialmächte zählt. Das Beispiel des Jemen zeigt es mehr als deutlich. Die Verbrechen dort begeht Saudi-Arabien ganz öffentlich und mit westlichem Segen und Beistand, ohne dass die Notwendigkeit besteht, diese zu vertuschen und vor der Welt zu verbergen. Es müssen keine Leichenteile in Koffern heimlich abtransportiert werden. Seit 2015 führt Saudi-Arabien im Jemen die Militärintervention an, tötete Tausende von Menschen und löste eine der größten humanitären Katastrophen aus, die die Menschheit kennt. Saudi-Arabien veranlasste eine unbarmherzige Blockade der Flughäfen und Häfen, die nicht einmal Hilfslieferungen gestattete. Jeder kennt die Bilder ausgehungerter jemenitischer Kinder. Saudi-Arabien gab auch ungeniert den Einsatz von Streubomben zu, die die Zivilbevölkerung nicht nur zum Zeitpunkt des Abwurfs gefährden, sondern die, ähnlich wie Minen, auch Jahre und Jahrzehnte später durch nicht explodierte Blindgänger eine enorme Gefahr für die Bevölkerung darstellen. Saudi-Arabien führt den Krieg zwar nicht im Alleingang, aber es hat sich an die Spitze der Militärallianz setzen lassen und ist somit der offizielle Kopf der Bande, die einen Kampf gegen die Huthi-Bewegung vorgaukelt, in Wahrheit aber US-amerikanische Pläne im Jemen durchsetzen soll.

Die Militärintervention im Jemen begann nur kurz nachdem der saudi-arabische Kronprinz Muhammad bin Salman zum Verteidigungsminister ernannt wurde. Dieser gab den offiziellen Befehl. Das jemenitische Blut, das von seinen Händen tropft, störte bislang niemanden. Blickt man auf die Berichterstattung des vergangenen Jahres, kann man Schlagzeilen lesen wie „Dieser Prinz will Saudi-Arabien zu einem weltoffenen Land machen. Wer ist das?“ („Bento“, 25.10.2017). Das „Handelsblatt“ titelte am 30.10.2017, also fast ein Jahr vor der Ermordung Kashoggis: „Der Kronprinz auf Modernisierungskurs. Der saudische Thronfolger Mohammed will für das Land einen ‚moderaten Islam‘. Er setzt Zeichen durch Wirtschaftsreformen und gewährt Frauen mehr Rechte. Sie sollen bald Stadien besuchen dürfen – unter einer Bedingung.“ Das ließ das westliche Herz natürlich höher schlagen: ein moderater Islam, Frauen in Fußballstadien, denen das Autofahren erlaubt werden sollte, die Schaffung einer Zukunftsstadt mit eigenen Gesetzen und offen für Tourismus und Ähnliches. Wen interessierte es da, dass der saudi-arabische Kronprinz mit dem coolen Spitznamen MbS seine politischen Konkurrenten ausschaltete, indem er sie ins Gefängnis werfen ließ, oder dass er seit mehreren Jahren einen blutigen Krieg gegen das jemenitische Volk führt?

Aber wehe, wenn das Opfer ein Journalist ist, der zufällig für die „Washington Post“ schreibt und nicht für irgendein unbedeutendes arabisches Blatt. Da werden sogleich die Waffenlieferungen westlicher Länder an Saudi-Arabien in Frage gestellt und kritisiert – Waffen, die nicht gegen Kashoggi eingesetzt wurden, sondern gegen die Bevölkerung im Jemen. Obwohl Saudi-Arabien seit mehr als drei Jahren einen Krieg gegen den Jemen führt, wird dieser erst mit der Ermordung Kashoggis angeprangert und dessen Ende gefordert. Denn wie sieht es aus, wenn man Saudi-Arabien für den Mord an Kashoggi zur Rechenschaft zieht, nicht aber für die Verbrechen im Jemen? Plötzlich ist Muhammad bin Salman auch nicht mehr der hoffnungsvolle Reformer, sondern der „Blutprinz“ oder, wie „Bild“ ihn nennt, der „Horror-Scheich“. Im Grunde war er nie etwas anderes, stammt er doch von einer Herrscherfamilie ab, deren Tradition es ist, das Blut der Muslime zu vergießen.

Schlagartig nahm die Berichterstattung über den Jemen und die Kritik an Saudi-Arabien nach dem Mord an Kashoggi zu. „Die vergessenen Opfer des Kronprinzen“ (Süddeutsche Zeitung, 24.10.2018) werden plötzlich von den Medien wahrgenommen, ihre „Hölle“ thematisiert und ein Ende des Krieges gegen den Jemen verstärkt gefordert. Aber wie lange werden die Medien noch über die Situation im Jemen berichten? Was passiert, wenn niemand mehr über den Kashoggi-Fall spricht und Gras über den Mord gewachsen ist? Wer wird sich dann noch für den Jemen und das Elend seiner Bevölkerung interessieren?

 

(Autor: Um Ahmad)