KOMMENTAR

- 01.12.2018

Antizionismus ist nicht gleichbedeutend mit Antisemitismus

 

Die Muslime müssen in Anbetracht des politischen Drucks, der auf sie und einige andere ausgeübt wird, um Kritik zu verhindern, standhaft bleiben.

 

Die Befürworter von „Israel“ versuchen bereits seit langem, die Kritik am zionistischen Gebilde und das Infragestellen seiner Legitimität zu verhindern. Dies ist seit einigen Jahren Teil von staatlichen Präventionsstrategien und Antiterrorbestrebungen.[1]

Kritiker haben mit Antisemitismus-Vorwürfen zu kämpfen, weil man versucht, den Antizionismus als eine Form des Antisemitismus zu deklarieren.

Zu den Argumenten, denen man sich stellen muss, gehören unter anderem die Folgenden:

- Die Kritik an „Israel“ wäre angeblich im direkten Vergleich zur Kritik an anderen Staaten unverhältnismäßig.

- Man würde zionistischen Juden eine gewisse Doppelloyalität unterstellen, so wie es auch in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall war.

- Die Juden wurden in Europa und Russland verfolgt, wobei Israel ein Zufluchtsort für alle Juden weltweit darstellen soll. Diesem „Staat“ seine Legitimität abzusprechen sei, als würde man den Juden ihren Zufluchtsort verweigern.

- Die Verbrechen „Israels“ mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu vergleichen wäre unangebracht.

 

Aktuelle Ereignisse in Großbritannien

Die zuvor erwähnte Vorgehensweise zeigte sich erst kürzlich im Umgang mit Jeremy Corbyn und der Arbeitspartei.

Ohne Experte in Hinblick auf interne Angelegenheiten der Arbeitspartei zu sein oder Jeremy Corbyn verteidigen zu müssen kann zweifelsfrei gesagt werden, dass die Behauptung, Jeremy Corbyn sei Antisemit, nur schwer zu verargumentieren ist. Er scheint während seiner gesamten politischen Karriere stets gegen Rassismus gewesen zu sein. Was Corbyn kritisiert ist lediglich der ungerechte Umgang „Israels“ mit dem palästinensischen Volk. Dadurch erhält er natürlich die Zustimmung all jener, die „Israels“ Existenzrecht in Frage stellen, seien sie Muslime oder Nichtmuslime.

Doch allen, die Corbyn nun wegen seiner Position in Hinblick auf das palästinensische Volk den Rücken zu stärken versuchen, sei gesagt, dass Jeremy Corbyn in Wahrheit ein Zionist ist. Dies, weil er wiederholt sagte, dass die Lösung des Nahostkonflikts in der Zweistaatenlösung besteht. Seiner Auffassung nach müsse „Israel“ mit einem palästinensischen Staat koexistieren. Seine Kritik beschränkt sich ausschließlich auf die Grenzen, sowie den Umgang mit dem palästinensischen Volk. Keineswegs behauptet er, dass das Existenzrecht der israelischen Besatzungsmacht grundsätzlich in Frage zu stellen sei. Er befürwortet also die Existenz eines israelischen Staates auf Basis der Grenzen von vor 1967.

Angesichts seiner politischen Standpunkte ist zu erkennen, dass die Angriffe auf Jeremy Corbyn auf zwei Gründe zurückzuführen sind: Zum einen versucht man, Corbyns Integrität zu untergraben, da Corbyns Ansichten den Ansichten des gewöhnlichen politischen Establishments häufig widersprechen, und sie ihm daher in vielen Angelegenheiten nicht vertrauen. Zum anderen möchte man seine Kritik an „Israel“ nicht zulassen, um jedwede weitere Kritik an „Israel“ von Seiten anderer Personen, sowie all jenen, die „Israels“ Existenzrecht gänzlich bestreiten, zu hindern.

 

Die Herausforderung

Die Muslime müssen sich nun einer zweifachen Herausforderung stellen.

Die erste Herausforderung besteht darin, am Standpunkt des Islams in Hinblick auf diese Angelegenheit und damit zusammenhängende Fragen festzuhalten. Aus Sicht des Islams wird der Besatzer eines Landes, das sich zu irgendeinem Zeitpunkt unter der Herrschaft des Islams stand, niemals das Recht besitzen zu existieren. Dies trifft nicht nur auf Palästina, sondern auf alle Länder zu.

Folglich ist die sogenannte „Zweistaatenlösung“ aus islamischer Sicht keine rechtmäßige Lösung – unabhängig davon, ob man die Grenzen von 1967 oder sogar von 1948 als Grundlage nimmt. Palästina steht seit 1917 unter der Kontrolle einer unrechtmäßigen Besatzung. Darüber hinaus ist auch die Aufteilung des Landes unrechtmäßig.

Weiterhin ist die Unterdrückung von Muslimen – bzw. im Fall von Palästina die Unterdrückung des gesamten palästinensischen Volkes – niemals zu rechtfertigen. Diese Unterdrückung muss unverzüglich beendet werden. Eine militärische Besatzung dieser Art kann nur durch eine staatliche Armee beendet werden. Weniger große Bemühungen werden erfolglos bleiben. Versteht man dies, wird man erkennen, dass es ernsthafter politischer Bestrebungen bedarf, um die öffentliche Meinung in der betroffenen Region zu ändern und dieses Ziel zu erreichen. Kurzfristiges Denken und individualistische Bemühungen werden niemals von Erfolg gekrönt sein.

Ferner müssen wir verstehen, dass „Israel“ nicht durch einen anderen säkularen Nationalstaat ersetzt werden sollte, sondern vielmehr durch einen Islamischen Staat. Dieser Islamische Staat wird Palästina wieder an den Rest der Levante (Bilād aš-Šām) und weitere Gebiete darüber hinaus angliedern, so, wie es zur Zeit des Kalifats vor 1917 der Fall war. Das Kalifat behandelte nicht nur alle Staatsbürger mit Gerechtigkeit, sondern schaffte außerdem einen beispielhaften Grad an harmonische Koexistenz. Unter der Herrschaft des Islamischen Staates kehrte der Frieden in zahllose Regionen ein, die sonst unter scheinbar endlosen Konflikten zu leiden hatten.

Die zweite Herausforderung für die Muslime besteht darin, sich vor den Gefahren politischer Fallen in Acht zu nehmen und nichts Unkluges, Dummes oder sogar Verbotenes von sich zu geben. Selbstverständlich fühlen sich die Muslime durch die unrechtmäßige Besatzung der Zionisten, sowie das Verteidigen dieser Besatzungsmacht provoziert. Diese Provokationen erzeugen bei den Muslimen berechtigterweise einen gewissen Zorn.

Die im Westen lebenden Muslime haben den Luxus, nicht inmitten der Besatzungszone oder in anderen muslimischen Ländern leben zu müssen, in denen Kritik jeglicher Art geahndet wird, oder das Regime mit den Besatzern durch Bündnisse, Handelsbeziehungen oder Verteidigungsabkommen kooperiert und untätig bleibt, obwohl es an einer Lösung des Problems arbeiten könnte. Aus diesem Luxus heraus ist es nur natürlich, dass sich die Muslime beklagen und ihre Regierungen dazu auffordern, gegen die Besatzungsmacht vorzugehen. Die Wortwahl wird dabei häufig nicht überdacht. Vielmehr basiert sie zumeist auf Emotionen oder Gefühlsausbrüchen.

Daher neigen die Muslime oft dazu, die gewaltsame Besatzung und ihre Unterstützer auf eine Art und Weise verbal anzugehen, die den politischen Zielen der Muslime faktisch nicht dienlich sind. Daher ist es für all diejenigen, die eine Diskussion über diese Angelegenheit verhindern wollen, nicht sonderlich schwierig die Kritiker abzuwürgen. So nutzen sie die Wutausbrüche der Muslime und Antizionisten im Allgemeinen als Argument für sich.

Zweifelsfrei wird das Festhalten am Standpunkt des Islams in Hinblick auf diese Thematik, sowie der Aufruf zur einzig wahren Lösung für dieses Problem – die Befreiung der islamischen Welt durch den Islamischen Staat – Reaktionen nach sich ziehen. Diese Reaktionen können nicht umgangen werden, unabhängig davon wie gezielt oder weise man seine Worte wählt. Selbst wenn man versucht, nicht in die zuvor erwähnten Fallen hineinzutappen, wird jedwede Form des Antizionismus vom politischen Establishment und den Mainstreammedien trotz dessen als Antisemitismus und eventuell sogar als extremistisch abgestempelt werden.

Der Islam fordert von uns die politische Befreiung des besetzten Gebiets an, nicht aber die Vernichtung einer Rasse. Doch wäre diese politische Befreiung ein Angriff auf das Herz des ungläubigen Kolonialisten, der seit Ewigkeiten versucht, die islamische Welt zu unterwerfen und ihre Ressourcen unter seine Kontrolle zu bringen.

Britische Politiker planten Anfang des 20. Jahrhunderts, den palästinensischen Boden zu stehlen und dort eine Besatzungsmacht zu installieren. Das Ziel dieses Plans bestand darin, in der Region ein Höchstmaß an Konflikten zu schaffen, um den Nahen Osten zu unterwerfen und langfristig als Gefahrenquelle für sie zu neutralisieren. Diese Politiker waren Antisemiten. Ihr Plan sah vor, Briten jüdischer Abstammung gegen ihren Willen in eine neue „Heimat“ zu schicken – den Nahen Osten. Es ist absolut nichts Falsches daran, eine Heimat für ein Volk schaffen zu wollen. Problematisch ist nur, dass man einem Volk Land verspricht und schenkt, was einem selbst nicht gehört.

 

Die Zukunft

Derzeit sieht sich Jeremy Corbyn immensem Druck ausgesetzt, sowohl von außerhalb, als auch von innerhalb seiner Partei. Es ist gut möglich, dass er schon bald zurückrudert und Definitionen als die seinen deklariert, die er zuvor ablehnte. Möglicherweise wird man ihn auch einfach nur daran hindern, sich in Bezug auf das Thema zu äußern – was eine Rückbesinnung auf die politische Tradition Großbritanniens wäre. Im politischen Diskursraum wäre damit erneut niemand willens, sich gegen die größte politische Ungerechtigkeit aller Zeiten zu äußern.

Unabhängig davon haben wir Muslime eigene Definitionen und unseren eigenen Standpunkt in Hinblick auf die aktuelle Lage. Unsere Herausforderung besteht darin, an diesem Standpunkt festzuhalten und andere von unserem Lösungsvorschlag für die betroffene Region zu überzeugen – statt sich den Definitionen und Lösungsvorschlägen anderer hinzugeben. Entscheidend ist, dass wir unserer Stimme immer dann Gehör verschaffen, wenn es unserer Tätigkeit für die Befreiung des gesegneten Landes (Palästina) zu Gute kommt.

 

[1] www.middleeasteye.net/news/leaked-uk-counter-extremism-documents-cite-interest-palestine-cause-concern-1601515896