KONZEPTION

- 18.12.2018

Ist das Partizipieren an den Festlichkeiten der Nichtmuslime ein Ausdruck von Respekt und Toleranz?

 

Respekt und Toleranz werden den im Westen lebenden Menschen schon im jungen Alter beigebracht. Uns wird vermittelt, dass diese Konzepte das Fundament der westlichen Gesellschaften bilden und, dass jeder Bürger diese Werte aufrechtzuerhalten und zu ehren hat. Die praktische Umsetzung dieser Konzepte zeigt sich darin, dass man unterschiedlichen Vorstellungen, Meinungen und Überzeugungen gegenüber tolerant sein sollte und die Werte und Traditionen anderer Menschen respektiert.

Auch wurde uns beigebracht, dass man nicht immer ein und derselben Meinung sein muss, solange beide Seiten einander „Respekt und Toleranz“ zeigen, da gute gemeinschaftliche Beziehungen auf diesen beiden Konzepten aufbauen würden. Vor diesem Hintergrund wird man in den verschiedenen Religionen unterrichtet und lernt dabei die unterschiedlichen Feste und Traditionen kennen, die Teil dieser Religionen sind. Respekt und Toleranz bedeutet auch, dass man von uns die Teilnahme an diversen Schulfesten erwartet, sowie, dass wir an der Organisation dieser mitwirken. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand das Leben aus einer anderen Perspektive betrachtet und einer anderen Religion angehört.

Diese Vorstellung von Respekt und Toleranz gegenüber anderen Werten und Überzeugungen entspringt dem liberalen Säkularismus. Dieser sieht vor, dass die Vorstellungen anderer innerhalb der Gesellschaft zwar toleriert werden, jedoch nicht in unbegrenztem Maße. So muss die Vorstellung der Menschen in den Rahmen der säkular-liberalen Lebensanschauung passen. An diesem Punkt wird klar, dass die Vorstellung des Westens in Hinblick auf Respekt und Toleranz brüchig ist.

Aus diesem Grund ist es uns erlaubt, unsere Festlichkeiten in einem gewissen Rahmen auszuleben, so wie es den Christen erlaubt ist ihre Festlichkeiten auszuleben. Der Säkularismus lehrt uns nämlich, dass es kein Problem ist an den Festlichkeiten Andersgläubiger teilzunehmen, solange diese nicht in die säkulare Lebensweise eingreifen. Die ʿīd-Feste zu feiern, die Hintergründe dieser Feste zu erklären und den Kindern zu erlauben, Süßigkeiten und Leckereien zur Schule mitzubringen passt perfekt in die säkulare Lebensweise. Jedoch müssen wir verstehen, dass Respekt und Toleranz klare Grenzen haben und so, wie sie als Konzepte vom Westen dargelegt und umgesetzt werden, für unkontrolliertes Verhalten sorgen.

Um sich dies anhand eines Beispiels zu veranschaulichen muss man sich lediglich vor Augen halten, dass man uns als Muslimen, wenn wir die Grenzen der Meinungsfreiheit in Frage stellen weil man unseren geliebten Propheten (s) durch Karikaturen schmäht, weder Respekt noch Toleranz entgegenbringt. Und obwohl ein solches Vorgehen ca. 1,8 Milliarden Muslimen weltweit vor den Kopf stößt, scheinen die westlichen Gesellschaften und Regierungen plötzlich keinerlei Problem mehr damit zu haben, so vielen Muslimen Trauer und Kummer zu bereiten. Ginge es darum anderen gegenüber respektvoll und tolerant aufzutreten, würde man viel eher die Redefreiheit einschränken, um zu verhindern, dass man dermaßen viele Menschen gleichzeitig kränkt. Auf diese Weise würde man Respekt und Toleranz eher ausdrücken, als wenn man den Kindern erlaubt ihre islamischen Feste in den Schulen zu feiern.

Über die Richtigkeit der „Redefreiheit“ zu debattieren wird in dieser Gesellschaft nicht toleriert. Dabei spielt es auch keine Rolle ob eine solche Debatte als Ausdruck für Respekt und Toleranz geführt werden würde. Mehr noch ist es sehr wahrscheinlich, dass man als Extremist oder Zurückgebliebener bezeichnet wird, wenn man einen „Wert“ wie die sogenannte „Redefreiheit“ in Frage stellt. Der Grund dafür ist, dass man die vom Säkularismus festgelegten Grenzen mit einer solchen Debatte überschreiten würde. Eine solche Grenzüberschreitung wird vom Westen nicht toleriert, was aufzeigt, dass Werte wie Respekt und Toleranz genau an diesem Punkt enden.

Daher sollten die Muslime nicht meinen, dass das Fernbleiben von den Weihnachtsfeierlichkeiten oder anderen Festen, die mit unseren Überzeugungen kollidieren, ein Ausdruck der Respektlosigkeit oder Intoleranz wäre. Die Muslime müssen verstehen, dass die Diversität der unterschiedlichen Religionen und die Unterschiedlichkeiten in den Werten und Glaubensfundamenten der Menschen zu Konflikten zwischen den verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft führen. Jemanden zur Teilnahme an Festlichkeiten zu drängen, die aus seiner Perspektive höchst fragwürdig erscheinen, kann niemals für mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen.

Stattdessen sollten wir unsere Zeit damit verbringen zu untersuchen, was der Islam uns über die Partizipation an den Festlichkeiten anderer Glaubensbekenntnisse lehrt. Sodann können wir mehr Zeit darin investieren, den anderen Menschen zu erläutern, weshalb wir uns für diesen einen Weg entschieden haben und unser gesamtes Leben gemäß den Ge- und Verboten unseres Schöpfers ausrichten. Imam Aḥmad berichtet in seinem Werk „al-Musnad“ von ʿUqba bin ʿāmir (r), dass der Gesandte Allahs (s) sprach:

«يَوْمُ الفِطْرِ، وَيَوْمُ النَّحْرِ، وَأَيَّامُ التَّشْرِيقِ عِيدُنَا أَهْلَ الْإِسْلَامِ»

“Der Tag des Fastenbrechens und die Tage des Taschriq sind unsere Festtage, für die Leute des Islams.”

Yasmin Malik

Mitglied des Zentralen Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir